25.02.2021

Auf dem islamistischen Auge blind (1/2)

Von Helmut Ortner

Titelbild

Foto: Michael de Groot via Pixabay

Die Linke scheut das Thema Islam. Gottesmänner beschwören „Respekt“ und „Toleranz“, der „Islamophobie“-Vorwurf soll Kritiker mundtot machen.

Allahu Akbar, Gott ist groß! rufen sie. Über 200 Menschen sind gekommen, um an der Beisetzung eines  jungen Mannes teilzunehmen, der wenige Tage zuvor, am 16. Oktober 2020, den französischen Lehrer Samuel Paty grausam getötet hatte. Hier in seiner Heimat im Nordkaukasus wird viel getrauert. Nicht um das Opfer und seine Angehörigen, sondern um den Mörder, der nach dem tödlichen Angriff von der Polizei erschossen worden war. Er ist ein Märtyrer für sie.

Nur wenige Tage zuvor hatte der Achtzehnjährige den 47-jährigen Lehrer nahe einer Schule im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine auf offener Straße enthauptet. Patys „Verbrechen“: in einer Unterrichtsstunde zur Meinungsfreiheit hatte er Mohammed-Karikaturen aus der Satirezeitschrift Charlie Hebdo gezeigt. Er hatte versucht, seinen Schülern zu verdeutlichen, was freies Denken in Frankreich bedeutet, einem Land, das die Freiheit des Wortes über die Glaubenssätze der Religion stellt. Paty wollte Denken lehren, nicht Glauben.

Der Anschlag hatte über Frankreichs Grenzen hinaus Entsetzen ausgelöst. Im Rahmen einer Trauerfeier an der Sorbonne-Universität verteidigte Staatspräsident Emmanuel Macron die Veröffentlichung religionskritischer Karikaturen und Texte – und erntete dafür keineswegs nur Zustimmung. Im Gegenteil: sowohl in Frankreich als auch weltweit gab es ablehnende, ja aggressive Stimmen. Aus der Türkei meldete sich umgehend Tayyip Erdogan und nannte Macrons Behauptung „respektlos und eine regelrechte Provokation“. Ein sunnitisches Azhar-Rechtsinstitut in Kairo verurteilte Macrons Aussagen als „rassistisch und dazu geeignet, die Gefühle von zwei Milliarden Muslimen in der Welt entflammen zu lassen“.1 Kurz darauf kam es zu „entflammten“ Protesten in muslimisch geprägten Ländern und zu Boykottaufrufen gegen Frankreich.

„Paty wollte Denken lehren, nicht Glauben.“

Anfang November, nur wenige Wochen später, wurde in Nizza ein Mann eingeäschert, dessen grausamer Tod die Öffentlichkeit erneut erschütterte. Dem Küster der Kirche Notre-Dame-der-l Àssomption war am 29. Oktober vor dem Altar von einem islamistischen Terroristen die Kehle durchschnitten worden. Eine barbarische Tat.  Doch auch diesmal gab es fanatische Islamisten, die diesen Meuchelmord – ebenso wie die Enthauptung von Samual Paty zuvor – aus den Quellen des Islams zu rechtfertigten versuchten. Ging nicht schon der Prophet Mohammed so mit seinen Feinden um? Im Koran heißt es über den Umgang mit Ungläubigen: „Ich werde denjenigen, die ungläubig sind, Schrecken einjagen. Haut sie und schlagt ihnen [mit dem Schwert] auf den Nacken [...]“ (Sure 8, 12).

Die Liste der sogenannten Schwertverse im Koran ist lang und oft kommen darin die Worte „kämpfen“ und „töten“ vor. Es sind Verse, die dazu aufrufen, gegen „Ungläubige“ Krieg zu führen. Das Köpfen und Durchtrennen ist keine Erfindung des Dschihad des 21. Jahrhunderts. Ähnliche Berichte zur Aufforderung von Gewalt durchziehen die Frühgeschichte des Islams. Fanatische junge Männer  sehen darin heute noch eine Handlungsanweisung. Sie wollen sich als „wahre Muslime“ stilisieren – auch wenn ihre Gewaltexzesse Menschenleben fordern. Der Einwand, hier würden die Quellen des Islams falsch interpretiert, hilft wenig. Die Anstifter der jungen Terroristen fühlen sich berechtigt, ihren Propheten „mit dem Schwert“ zu verteidigen und „Ungläubige“ zu ermorden. Wer den wahnhaften Fundamentalismus kritisiert, der setzt sich dem Vorwurf aus, den Islam generell zu kritisieren – wie auch den Propheten Mohammed. Er wird der Islamophobie bezichtigt.

Dann der 2. November 2020, Allerseelen in Wien: Am Zentralfriedhof wird der Verstorbenen gedacht. Auf der Partymeile „Bermudadreieck“ in der Innenstadt aber, im wahren Leben, sterben an diesem Abend fünf Menschen binnen neun Minuten. Der Mörder, ein junger Mann mit österreichischem Pass, wird von einer Eliteeinheit der Polizei nur wenige Minuten nach seinem Amoklauf mit einem gezielten Schuss getötet. Am Finger trägt er einen Ring mit dem Siegel des Propheten Mohammed. Nur Stunden vor dem Mordschlag hatte er – bewaffnet mit Sturmgewehr, Pistole und Machete – auf Instagram der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) die Treue geschworen.

Respekt vor Religionen?

Paris, Nizza, Wien – es waren allesamt Kriegserklärungen gegen Ideen und Prinzipien, die seit der Aufklärung fester Bestandteil unserer freien Gesellschaft sind. Diese Gemetzel bilden den blutigen Begleitrahmen eines Prozesses, der seit einigen Jahren in Gange ist: die Einschüchterung des Denkens, des selbstverständlichen Rechts auf Kritik und Aufbegehren gegen jedes Verbot, ob von Gott, dem Mächtigen oder den selbsternannten religiösen Hausmeistern. Das Recht auf Meinungsfreiheit, das Recht auf Spott, einschließlich des Rechts auf schlechten Geschmack – das gehört in freien Gesellschaften zum verfassungs-garantierten Grundrecht.

Führende Politiker bekannten sich demonstrativ zur Verteidigung der Meinungsfreiheit, präsentierten sich telegen in Nachrichtensendungen und Talkshows und gaben sich gleichzeitig als Verfechter eines „Respekts vor Religionen“.

„Wer den wahnhaften Fundamentalismus kritisiert, der setzt sich dem Vorwurf aus, den Islam generell zu kritisieren. Er wird der Islamophobie bezichtigt.“

Doch das war ein beschämendes ambivalentes Spiel. Bei manchen Politikern tarne „sich die Angst als Respekt“, vermutete Salman Rushdie, dessen Werk „Satanische Verse“ schon vor mehr als drei Jahrzehnten Anlass war, ihn mittels einer Fatwa zum Tode zu verurteilen. Begründet wurde diese Fatwa damit, das Buch sei „gegen den Islam, den Propheten und den Koran“. Der iranische Religions- und Staatsführer Chomeini rief die Muslime in aller Welt zur Vollstreckung auf. Die iranische halbstaatliche Stiftung 15. Chorda setzte ein Kopfgeld von einer Million US-Dollar aus. Rushdie war gezwungen, Jahre seines Lebens auf der Flucht bzw. im Versteck zu verbringen. Der religiöse Wahn hat Kontinuität.

Im Herbst 2020 erinnerte Emanuel Macron daran. Er sprach von der Freiheit des Redens und des Denkens. Ein Plädoyer für Meinungsfreiheit. Dass er nicht  mit Zuspruch aus der islamischen Welt rechnen konnte, auch nicht aus der muslimischen Communities in Europa, war erwartbar. Ernüchternd jedoch – nein skandalös: er erhielt kaum Rückendeckung für seine Äußerungen in seinem eigenen Land.

Auch nicht aus Deutschland. Keine öffentlich-wahrnehmbare, eindeutige Unterstützung: nicht von Politikern, nicht von den Leitartiklern großer deutscher Zeitungen (bis auf wenige Ausnahmen, etwa der Süddeutschen Zeitung). Kaum eine Redaktion druckte die Karikaturen (über die Paty aufklären wollte) nach, nirgendwo gab es Solidaritäts-Demonstrationen.   Allein die Vertreter anderer Religionen bekundeten ihre Anteilnahme, selbstredend im Namen des Herrn, durch Anrufung himmlischer Mächte „gegen Terror, woher auch immer...“. Gottesmänner lieben das Ungefähre und das Allgemeine. Sie scheuen klare Worte. Von religiösem Morden wollen sie nicht reden. In ihren Beschwörungsformeln geht es viel um „Respekt und Akzeptanz“, wenig um Wahn und Barbarei. „Ihr einziger Anspruch ist Friedfertigkeit, die sie selbstverständlich auch dem Islam attestieren, der Religion, die den Unfriedfertigen das Rechtfertigungsarsenal für ihre Terrortaten liefert“, konstatierte der Kolumnist Frank A. Meyer treffend.2 Und die liberalen, linken Intellektuellen? Auch sie schwiegen.

„Das Recht auf Meinungsfreiheit, das Recht auf Spott, einschließlich des Rechts auf schlechten Geschmack – das gehört in freien Gesellschaften zum verfassungs-garantierten Grundrecht.“

Warum schweigt die politische Linke, präziser: das linksliberal-grüne Moralmilieu, wenn die Werte der Aufklärung durch fundamentalistische Islamisten bedroht werden? Wie ist es möglich, dass einer sich als emanzipatorisch verstehenden Linken ausgerechnet in der Auseinandersetzung mit dem Islam ihre Sprache abhandenkommt (... und sie diese notwendige Auseinandersetzung damit der Rechten überlässt)? Man sollte meinen, für Aufklärung und Freiheit zu kämpfen, gehöre zur politischen DNA der kulturell-politischen Linken. Doch weit gefehlt.

Schon nach dem Mordanschlag auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015, als zwei maskierte Täter in die Redaktionsräume der Zeitschrift eindrangen und elf Menschen bestialisch ermordeten (darunter ein zum Personenschutz abgestellter Polizist und ein weiterer Polizist auf der Flucht), gab es zahlreiche französische linke Intellektuelle, die die „Verantwortungslosigkeit“ des Satiremagazins beklagten. Sie machten Charlie Hebdo letztlich selbst für das Blutbad verantwortlich, weil Zeichnungen im Blatt immer wieder islamfeindlich gewesen seien. Beispielsweise auf einer Titelseite aus dem Jahr 2006, die Kurt Westergard gewidmet war, der wegen seiner Karikaturen in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten ebenfalls von Fundamentalisten mit dem Tod bedroht worden war. Was war auf dem Titelblatt zu sehen?

Ein bärtiger Mann mit Turban hält seinen Kopf zwischen den Händen. Er weint oder ist sehr ärgerlich. In der Sprechblase steht: „Schon hart, wenn einen Idioten lieben...“. Die Zeilen über der Zeichnung erläutern: „Mohammed beklagt sich... Er wird von Fundamentalisten überrollt!“. Der Prophet beklagt sich also über die Haltung seiner fanatischen Anhänger. In einer aufgeklärten, freien Gesellschaft nennt man das politische Karikatur. Nicht jeder muss über diese Karikatur schmunzeln, jeder darf sich beleidigt fühlen. Aber Frankreich hat den Blasphemie-Paragraphen, dieses „imaginäre Verbrechen“ (Jaques de Saint Victor) schon 1871 abgeschafft.

„Von religiösem Morden wollen Gottesmänner nicht reden. In ihren Beschwörungsformeln geht es viel um ‚Respekt‘ und ‚Akzeptanz‘, wenig um Wahn und Barbarei.“

Nun kehrte die Debatte um ein Blasphemie-Verbot zurück, die schon nach der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh 2004 begonnen hatte und durch Westergards Mohammad-Karikaturen weiter entfacht worden war. In der Beschwörung des „Respekts vor religiösen Anschauungen“ sind sich alle Religionen einig, und mittlerweile nicht nur die. Pochten früher nur ultra-religiöse und konservative Kreise auf unbedingte Einhaltung der „Gewissens- und Religionsfreiheit“ (deren Einschränkung ja nirgendwo propagiert wird, allenfalls das Recht, Religionen, ihre Dogmen und Verkünder zu kritisieren oder diese zu verspotten), machen sich mittlerweile auch vermeintlich progressive, antirassistische Bewegungen für die Einschränkung oder Abschaffung der Meinungsfreiheit stark.

Das Bündnis zwischen Religionsvertretern und progressiven Denkern sagt viel aus über die geistige dogmatische Verwandtschaft. Alle diese Bedenkenträger äußern, dass die „Laizität“ achtenswert sei, „solange sie alle religiösen Anschauungen“ akzeptiere. Dabei hat der Laizismus stets die Gläubigen, nie aber eine einzige Religion beschützt.

Kampfbegriff Islamophobie

Viele halten politische Karikaturen, in denen Propheten und Götter nach Gusto des Zeichners „sichtbar“ gemacht werden – wie verzerrt, lächerlich, peinlich, hämisch und geschmacklos auch immer – für strafwürdige Blasphemie und Charlie Hebdo für eine islamophobe, rassistische Zeitung. Ein heuchlerischer Vorwurf.

In einer Streitschrift, die Chefredakteur Charb (Stephane Charbonnier) erst zwei Tage vor seiner Ermordung beendet hatte, wandte er sich gegen den Vorwurf, sein Magazin würde Angst und Aggression „gegen den Islam“ entfesseln.3 Die Tonalität des Textes wie immer provokant, polemisch, sarkastisch. Ein unerschrockenes, beeindruckendes Plädoyer für Meinungsfreiheit und gegen jegliche Zensur.

Charb sollte recht behalten, denn nur wenige Monate später, nach den Massakern vom November 2015 im Club Bataclan und in den Straßencafes des 11. Bezirks, meldeten sich alle großen linksliberalen Geister der Republik zu Wort, so, wie er vorausgesagt hatte. Für Alain Badiou erklärten sich die Morde aus „der Leere und Verzweiflung, bedingt durch die aggressive Dominanz des westlichen Kapitalismus und der ihm dienenden Staaten“.4 Ein anderer Philosoph, der viel gelesene und populäre Michel Onfray, ließ wissen, für die Toten sei ausschließlich der französische Staat verantwortlich, da er eine „islamophobe Politik“ betreibe und nun ernte, was er gesät habe.5

„Die Linke hat den Begriff Islamophobie zum Verteidigungs-Kampfbegriff gegen jede Kritik am Islam gemacht.“

Nach dem Anschlag von Nizza am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli 2016, als ein Attentäter mit einem LKW in eine Menschenmenge raste, äußerte sich auch Jean-Luc Nancy, der zu den bekanntesten Philosophen der Gegenwart nicht nur in Frankreich zählt: „Wir müssen uns selbst anklagen, wir müssen endlich unser unstillbares und universelles Streben nach Macht stoppen. Wir müssen die verrückten LKWs unseres angenommenen Fortschritts stoppen und demolieren, unsere Dominanz-Phantasien und die kommerzielle Gewinnsucht […].“ Die Opfer sollen für ihr Schicksal selbst verantwortlich sein. Ist das grenzenloser Zynismus, grobe Dummheit oder tiefsitzender Selbsthass? In jedem Fall eine Ermutigung für weitere mörderische Gotteskrieger.

Wer den gegenwärtigen Islam als eine frauenfeindliche, doktrinäre und rassistische Ideologie beschriebt, wird gern des Rassismus verdächtigt und als „islamophob“ gebrandmarkt, auch hierzulande. Die Linke hat den Begriff Islamophobie zum Verteidigungs-Kampfbegriff gegen jede Kritik am Islam gemacht. Cinzia Sciuto, in Deutschland lebende Korrespondentin der italienischen kultur-politischen Zeitschrift MicroMega, beschreibt ein simples Experiment, um den instrumentellen Charakter des Wortes Islamophobie zu verdeutlichen:

„Ersetzen wir das Wort ‚Islam‘ durch ‚Christentum‘ und warten mal ab, was passiert. […] Auf Demonstrationen sieht man seit jeher aggressiv anti-religiöse und blasphemische Schilder und Slogans, was die [christliche] Kirche gewiss nicht erfreut. Man kann diese Slogans unangebracht, unangemessen, geschmacklos und noch vieles mehr finden, aber bisher wurde noch niemand, der sie präsentiert hat, der ‚Christophobie‘ bezichtigt […].“6

Während die Kritik an den Kirchen und am Christentum – inklusive derber Witze über Papst und Klerus – als legitim betrachtet wird, wird Kritik am Islam mit dem Vorwurf der Islamophobie zum Schweigen gebracht, gerne mit dem Hinweis, dass es sich dabei um die Religion einer Minderheit handelt, die häufig rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sei.

Und die Linke? Sie schweigt. Ihr kritisches Welt-Bewusstsein – ansonsten jederzeit und allerorten abrufbar – kommt zum Erliegen.