16.04.2018

Neues von der „Fettleibigkeitsepidemie“ bei Kindern

Von Thilo Spahl

Titelbild

Foto: TheUjulala via Pixabay / CC0

Erneut belegen aktuelle Studienergebnisse (KiGGS), dass an der Hysterie um immer mehr dicke Kinder nichts dran ist.

Seit Jahrzehnten hören wir mit großer Regelmäßigkeit Forderungen, nicht nur den Planeten für unsere Kinder zu retten, sondern ein bisschen auch unsere Kinder vor dem eigenen Verfall, sprich, der Verfettung samt daraus resultierenden multimorbiden Neigungen. Und, wenn es nach den lautesten Rufern ginge, dem Durchstarten auf der Überholspur, vorbei an den eigenen Eltern, hinein in den vorzeitigen Tod.

Der Vorsitzende des britischen nationalen Adipositas-Forums, Colin Wayne, hat es vorgesagt: „We are in danger of raising a generation of people who have a shorter life expectancy than their parents“. Und die deutsche kinderlose Übermutter Renate Künast hat es als Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz schon im Jahr 2004 aufgeblasen nachgeplappert: „Erstmals sterben fettleibige Kinder früher als ihre Eltern, weil sie noch vor dem Erreichen der Volljährigkeit ihre Körper verschlissen haben.“ 1

Aber einfach nur so an die Wand malen geht eben auch nicht. Deshalb wurde Anfang des Jahrtausends damit begonnen, zu untersuchen, wie es um die Gesundheit unserer Kinder wirklich bestellt ist. Im Maiheft des Bundesgesundheitsblattes des Jahres 2002 erschien der Artikel „Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland – was wir wissen, was wir nicht wissen und was wir wissen werden“. Viel wusste man nicht und nahm sich daher vor, einmal systematisch zu ermitteln, wie es um die Gesundheit der Kleinen bestellt ist. Fünf Jahre später lagen dann die Ergebnisse des in den Jahren 2003 bis 2006 durchgeführten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) in 43 Einzelbeiträgen vor. 2

„Alle Behauptungen, unsere Kinder würden immer dicker, fauler und kränker, waren nicht wirklich zu belegen.“

Hintergrund für diese erste repräsentative Erhebung war nicht nur reines Erkenntnisinteresse. Nein, man wollte Handlungsfähigkeit begründen. „Der zentrale Ausgangspunkt für den Kinder- und Jugendgesundheitssurvey war also die Forderung: Daten für Taten!“, schrieb Ute Thyen, Professorin für Kinder- und Jugendmedizin aus Lübeck im Editorial. Es gehe darum, „evidenzbasierte Strategien in der Gesundheitsplanung“ zu entwickeln. Allerdings zeigte sich, dass der Handlungsbedarf so groß dann doch nicht war.

Aber so manches entsprach nicht den Wunschvorstellungen. Nach wie vor verzichteten Jugendliche weder umfänglich auf Alkohol noch aufs Rauchen oder auf Drogen. Sie aßen nicht streng nach den Empfehlungen der deutschen Gesellschaft für Ernährung. Sie trieben nicht im vorgeschriebenen Maße Sport. Sie putzten sich nicht alle dreimal täglich die Zähne. Sie hatten nicht alle das Idealgewicht.

So lieferte KiGGS auch keine neuen Daten für neue Taten. Es war absehbar und ist so gekommen, dass die Politik auch nach KiGGS die Maßnahmen förderte, die dazu beitragen sollen, dass weniger Kinder dicker sind als gewünscht, weniger Drogen nehmen und trinken, mehr Sport getrieben wird, fünf Stücke Obst und Gemüse am Tag und Hamburger und Pommes nur alle Jubeljahre einmal gegessen werden, die Glotze nicht ständig läuft, die Kinder sich im Schulhof nicht prügeln, möglichst nach jeder Mahlzeit die Zähne putzen usw. Was KiGGS nicht konnte, war festzustellen, wie sich das alles in den letzten 10 oder 20 oder 30 Jahren verändert hat. Denn das war ja gerade der Hauptgrund für KiGGS, dass es bisher keine repräsentativen Daten für die meisten der erfassten Merkmale gab und alle Behauptungen, unsere Kinder würden immer dicker, fauler und kränker, nicht wirklich zu belegen waren.

„Die Realität in Deutschland sieht anders aus als von den Medien berichtet.“

Was das große Aufregerthema Übergewicht anbetrifft, zeigte sich allerdings, dass an den Künastschen Fantasien nichts dran war. KiGGS konnte sich zwar den Erwartungen nicht entziehen und vermeldete auf Basis vager Schätzungen für die Vergangenheit, der Anteil der übergewichtigen Kinder habe sich im Vergleich zum Zeitraum 1985–1998 um rund die Hälfte von 10 auf 15 Prozent erhöht, davon seien 8,7 Prozent übergewichtig und 6,3 adipös. Verglich man diese Zahlen mit der 2004 von Renate Künast verbreiteten Behauptung, sage und schreibe 42 Prozent der Zehn- bis Elfjährigen seien übergewichtig, oder den ebenfalls in 2004 im „Childhood Obesity Report“ 3 der WHO behaupteten 24 Prozent übergewichtiger Kinder, so musste man schlussfolgern, dass entweder die Zahl der dicken Kinder schnell und drastisch zurückgegangen sein musste, oder dass man nicht jeder Zahl zu trauen braucht.

Was ist seitdem geschehen? Ist es in den letzten zehn Jahren mit den Pfunden weiter bergauf und mit den Kindern weiter bergab gegangen? Ein Blick in die Medien scheint keine Zweifel aufkommen lassen zu wollen: „Warum werden unsere Kinder immer dicker?“ („Quarks & Co“, WDR), „Übergewichtige Kinder. Generation XXL. Sie werden immer mehr, und sie werden immer dicker“ (Stern), „Die Zahl extrem dicker Kinder und Jugendlicher steigt und steigt, in den vergangenen vier Jahrzehnten hat sie sich mehr als verzehnfacht“ (Spiegel online), „Deutschlands Kinder werden immer dicker: Es ist Zeit für ein Umdenken“ (Huffington Post).

Die Realität in Deutschland sieht anders aus. Vor wenigen Tagen wurden erste Ergebnisse der so genannten zweiten Welle von KiGGS veröffentlicht. Es geht wieder um die großen Gesundheitsthemen Übergewicht, Rauchen und Sport: „Zum einen sollen erneut repräsentative Aussagen über den Gesundheitszustand und das Gesundheitsverhalten der heranwachsenden Generation getroffen werden: Wie hoch ist der Anteil der übergewichtigen oder adipösen Kinder und Jugendlichen? Ist dieser in den letzten elf Jahren weiter angewachsen oder ist der Anstieg gestoppt? Haben wir heute mehr oder weniger rauchende Jugendliche zu vermelden und wie hat sich die körperliche Aktivität entwickelt? Kurz gesagt liegt über all dem die Frage: Wird es besser oder wird es schlechter?“, fragt Bärbel-Maria Kurth, Leiterin der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring des Robert Koch-Instituts.

„Bei den Eltern scheint, zumindest in Hinblick auf die eigenen Kinder, sich die Panik in Grenzen zu halten.“

Und was ist in Sachen Fettleibigkeit herausgekommen? Siehe! Alle Ziele wurden erreicht. „Die Übergewichts- und Adipositasprävalenzen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland sind im letzten Jahrzehnt nicht weiter gestiegen. Somit wurde das im Rahmen des Globalen Aktionsplans gegen nichtübertragbare Krankheiten formulierte Ziel der WHO, die weitere Zunahme der Adipositasprävalenz bis 2025 zu stoppen, erreicht. Dies gilt auch für das Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung 2016, den Anteil an Jugendlichen mit Adipositas in Deutschland bis zum Jahr 2030 nicht weiter ansteigen zu lassen.“ Vielleicht lag es ja daran, dass von der Epidemie schon vor 20 Jahren keine Rede sein konnte.

Im Übrigen sollten die „Daten für Taten“-Lieferanten sich vielleicht am besten auf die Eltern verlassen. Bei denen scheint, zumindest in Hinblick auf die eigenen Kinder, sich die Panik in Grenzen zu halten. In KiGGS Welle 2 schätzen Eltern den allgemeinen Gesundheitszustand ihrer 3- bis 17-jährigen Kinder zu 95,7 Prozent als sehr gut oder gut ein. Vielleicht liegt es ja daran, dass sie denken, gesund sei man, wenn man nicht mit Krankheiten zu kämpfen hat. Vielleicht haben sie immer noch nicht mitbekommen, dass sich Gesundheit heute nicht daran bemisst, wie gesund man ist, sondern wie „gesund“ man isst.

PS:

Der Vollständigkeit halber hier alle wesentlichen Ergebnisse von KiGGS Welle 2:

  • Stabilität bei den Pfunden: 15,4 % der 3 bis 17-Jährigen sind per Definition 4 übergewichtig, 5,9 % davon als adipös eingestuft (mit anderen Worten: 94,1 % sind nicht fettleibig). Vor 10 Jahren waren es 15 %, davon 6,3 % adipös.
  • Voller Erfolg beim Rauchen: Seit Beginn der KiGGS-Studie (2003-2006) ist der Anteil der 11- bis 17-Jährigen, die rauchen, von 21,4 % auf 12,4% (2009-2012) und schließlich auf 7,2 % (2014-2017) zurückgegangen.
  • Deutlicher Rückgang bei süßen Getränke: Insgesamt trinken 16,9 % der Mädchen und 22,2 % der Jungen ein- oder mehrmals täglich zuckerhaltige Erfrischungsgetränke. Vor 10 Jahren waren es noch 28,2 % bzw. 34 %
  • Mau sieht es weiter beim Sport aus: Lediglich 22,4 % der Mädchen und 29,4 % der Jungen im Alter von 3 bis 17 Jahren erreichen die Bewegungsempfehlung der Weltgesundheitsorganisation. Das war schon mal besser.