03.12.2014

Ammenmärchen über dicke Kinder

Kommentar von Uwe Knop

Über das Essverhalten von Kindern wird derzeit wieder diskutiert. Dabei kursieren populäre Vorurteile: Fernsehen und Fast Food machen dick, Sport hingegen schlank.Diese werden widerlegt solche Vorstellungen anhand aktueller Studien

Eine aktuelle repräsentative Studie mit 2571 Kindern zwischen 7 und 9 Jahren hat ergeben: Fernsehen, Fast-Food-Restaurants und wenig Sport sind keine Risikofaktoren für Fettleibigkeit. 1 Die Autoren widerlegen mit ihrer Untersuchung den weit verbreiteten Irrglauben, dass fettleibige Kinder mehr fernsehen, öfter Hamburger, Pommes und Pizza essen und weniger Sport treiben als normalgewichtige Kinder. Eine weitere aktuelle Studie bestätigt diese Ergebnisse: Kein Zusammenhang zwischen „gesunder“ Ernährung, sitzenden Tätigkeiten und sportlicher Aktivität mit Übergewicht und Adipositas bei 686 Kindern zwischen 9 und 11 Jahren. 2

Beide Studien – die unabhängig voneinander in Polen und Portugal durchgeführt wurden – benennen einen Zusammenhang als signifikant, den auch eine dritte, norwegische Untersuchung bestätigt. Fettleibige Eltern haben häufiger fettleibige Kinder.3 Wenn gleich drei neue europäische Studien zu diesem Ergebnis kommen, dann spricht das klar für die Gene als dominierendem Einflussfaktor bei Adipositas.

Weitere interessante Erkenntnisse offenbaren detaillierte Analysen der repräsentativen polnischen Daten: Bei Kindern, die keinerlei Sport trieben, konnte keine statistische Wahrscheinlichkeit für Fettleibigkeit errechnet werden – der Grund: in den „no sports“-Gruppen gab es weder adipöse Mädchen noch Jungen. Und ob die Kinder in Fast-Food- Restaurants essen oder nicht, hatte ebenfalls keinen Einfluss auf das Körpergewicht – ein Ergebnis, das kurz zuvor bereits eine US-amerikanische Studie lieferte. Der Verzehr von Pommes, Pizza & Co. korrelierte nicht mit dem kindlichen Körpergewicht. 4 Auch die portugiesischen Forscher fanden keinen Zusammenhang zwischen „gesunder oder ungesunder“ Ernährung und dem Gewicht der Kinder.

„Forscher fanden keinen Zusammenhang zwischen ‚gesunder oder ungesunder‘ Ernährung und dem Gewicht der Kinder“

Darüber hinaus untersuchten zwei der genannten Studien 5 auch den Zusammenhang zwischen Einkommen und Bildungsstand der Eltern mit dem Gewicht der Kinder – mit dem Resultat, dass keine Korrelation erkennbar war. Auch dieses Ergebnis widerspricht bisherigen Erkenntnissen. So wurde jüngst in einer der größten pan-europäischen Studien in acht Ländern ein höheres Auftreten fettleibiger Kinder in Bevölkerungsgruppen mit geringem Einkommen und niedriger Bildung festgestellt. 6 Diese Studie unter deutscher Leitung ergab weiter, dass in allen deutschen Bildungsschichten normalgewichtige Kinder dominieren (zwischen 68 und 80 Prozent) - und es gibt überall mehr untergewichtige (circa 10 Prozent) als fettleibige Kids (zwischen 3 und 8 Prozent).

Das Kernergebnis der aktuellen Studien, dass ein hoher Eltern-BMI mit schwerem Nachwuchs einhergeht, wurde jüngst durch den Leiter einer Studie der Universitätsklinik Ulm, Professor Martin Wabitsch, untermauert: „Das Gewicht der Mütter, bevor sie schwanger wurden, bestimmt auch später das Gewicht der Kinder im Grundschulalter.“ Auch daraus resultierende Stoffwechselkrankheiten ließen sich nicht mit „gesunder“ Ernährung therapieren: „Die Kinder können nichts dafür und der Stoffwechsel lässt sich auch nicht umprogrammieren.“ 7

Umprogrammiert werden sollten hingegen die antiquierten Denkmechanismen deutscher Politiker – denn nicht nur die aktuellen Studienergebnisse entlarven die jüngsten Politik-Vorstöße einmal mehr als pure Hilflosigkeit, die in gewohnt gebetsmühlenartigem Aktionismus mündet. Wenn Landwirtschaftsminister Christian Schmidt Ernährungserziehung zu Hause, in Kitas und Schulen fordert 8 und die Vorsitzende des Verbraucherausschusses im Bundestag, die Grünen-Politikerin Renate Künast, Lebensmittelwerbung für Kinder verbieten will 9, dann muss man ernsthaft in Zweifel ziehen, dass führende deutsche Politiker den aktuellen Stand der Wissenschaft kennen und auf dieser Basis argumentieren.

„Dass regelmäßiger Sport die Kinder vor irgendetwas schützt, ist ein reines Ammenmärchen.“

Gleiches gilt für die hiesige Allianz gegen Nichtübertragbare Krankheiten (NCD), die täglich eine Stunde Sport in Schulen und Kitas sowie eine Zucker- und Fettsteuer auf „ungesunde“ Lebensmittel fordert. 10 Bis dato hat die Wissenschaft keinen einzigen Beweis erbracht, dass irgendein Lebensmittel oder eine Ernährungsform Kinder dick oder dünn, krank oder gesund macht – geschweige denn liegen Belege vor, was gesunde Kinderernährung sein soll. Und selbst die führenden deutschen Ernährungsinstitutionen DGE, DIfE und aid sind der Meinung, dass die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel keinen Sinn hat. Auch dass regelmäßiger Sport die Kinder vor irgendetwas schützt, ist ein reines Ammenmärchen

All das wird durch die jüngsten Untersuchungen erneut bestätigt, darüber hinaus hat bis heute keine einzige Maßnahme dazu geführt, Adipositas bei Kindern vorzubeugen. Geschweige denn, dass dicke Kinder dauerhaft abnehmen. Es herrscht große Ratlosigkeit bei der Frage, wie aus dicken Kindern dünne werden.

Die Frage, die sich stattdessen aufdrängt, lautet: Was bezwecken Politiker und Lobbyisten mit dieser Gießkannen-Bevormundung aller Kinder und Jugendlichen, wenn erstens keine wissenschaftlichen Beweise für deren Forderungen vorliegen und zweitens Schäden für die kindliche Entwicklung nicht ausgeschlossen werden können? Beispielweise ergab die Kinder- und Jugendstudie (KiGGS) des Robert Koch-Instituts (RKI): Mehr als 20 Prozent aller 11- bis 17-Jährigen in Deutschland zeigen Anzeichen für eine Essstörung – und viele leiden an Wahrnehmungsverzerrungen: „Das gefühlte Übergewicht wiegt schwerer als tatsächliche Kilos zu viel.“ 11 Es sei „sehr sorgsam zu überlegen, inwieweit die derzeit allgegenwärtigen Kampagnen gegen das Übergewicht den Anteil der Jugendlichen erhöht, der sich ohne Grund als zu dick erachtet. Dabei geht es um einen sehr großen Anteil normalgewichtiger Jungen und Mädchen, die sich für ‚zu dick‘ oder ‚viel zu dick‘ halten“, lautete das RKI-Fazit bereits 2008.