23.09.2014

Übergewicht ist kein schwerwiegendes Problem

Interview mit Abigail Saguy

Dicksein gilt als ungesund und Dicke stehen in dem Ruf, sich gegen ihren Körper zu versündigen. Forschungsergebnisse zeigen aber ein anderes Bild. Fragen&Antworten zu Gewicht, Gesundheit und gängigen Vorurteilen dahinter

Marco Visscher: Bekämpfen Sie als Soziologin einen wissenschaftlichen Konsens medizinischer Experten?

Abigail Saguy: Der ständige Fokus auf die gesundheitlichen Risiken von Übergewicht zeigt die selektive Wahrnehmung bei Forschern und Journalisten. Mich fasziniert, dass man immer davon ausgeht, schwerere Körper seien ungesündere Körper. Man überschätzt die gesundheitlichen Risiken eines höheren Gewichts und unterschätzt die Risiken eines niedrigeren Gewichts. Unumstößliche Tatsache ist aber, dass ein bisschen zusätzliches Gewicht sogar vor bestimmten Leiden und Krankheiten schützt.

Worauf stützen Sie das?

Wenn man sich alle Todesfälle anschaut und dabei die Kategorien berücksichtigt, in die die Menschen nach dem sogenannten Body Mass Index (BMI) eingeteilt werden [1], fällt zuallererst auf, dass die Wahrscheinlichkeit eines frühen Ablebens bei Untergewichtigen am höchsten liegt. Man erkennt zudem, dass Übergewichtige länger leben als Normalgewichtige. Etwas differenzierter: Epidemiologische Studien zeigen, dass Übergewichtige mit höherer Wahrscheinlichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben – wie Sie wahrscheinlich schon vermutet haben. Sie zeigen aber auch, dass diese Gruppe wiederum mit geringerer Wahrscheinlichkeit an Infektionskrankheiten und Asthma stirbt. Aber hört man je von den Gefahren des Normalgewichts, dem höheren Risiko, an einer Infektion zu sterben?

„Die Annahme, Schlanksein sei immer besser und gesünder, ist schlichtweg verkehrt.“

Man könnte einwenden, dass viel mehr Todesfälle auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen sind als auf Infektionskrankheiten und Asthma.

Sicher, ich will damit nur andeuten, dass die Annahme, Schlanksein sei immer besser und gesünder, schlichtweg verkehrt ist. Der Zusammenhang ist unklarer, als man zugeben will.

Weiteres Beispiel: Bei Herzpatienten liegt die Wahrscheinlichkeit, daran zu sterben, bei den Übergewichtigen, einschließlich der Fettleibigen, sogar niedriger als bei den Unter- und Normalgewichtigen. Bei einer übergewichtigen Frau ist das Risiko, an Brustkrebs erkranken, vor den Wechseljahren erhöht, danach niedriger.

Warum stößt man so selten auf dieses differenzierte Bild?

Weil es große Vorurteile gegenüber Dicken gibt. Davon kann sich niemand freisprechen. In Wohlstandsgesellschaften herrscht vor allem in der Elite die weitverbreitete Sicht vor, dass dick schlecht ist. Dick gilt allgemein als unansehnlich. Man braucht nur mal eine Frauen- oder Männerzeitschrift durchzublättern, um zu erkennen, dass Schönheit und Attraktivität durch schlanke oder auch muskulöse Models symbolisiert werden, aber gewiss nicht durch mollige Figuren. Dicksein gilt als Zeichen für Gefräßigkeit, Selbstsucht und Faulheit. Die heutigen medizinischen Sorgen orientieren sich ganz deutlich an unseren moralischen Sorgen. Wenn wir also hören, dass ein bestimmtes Gesundheitsrisiko in Verbindung mit Übergewicht steht, bestätigt sich unser Vorurteil.

Worin sehen Sie die Mängel bei der BMI-Einteilung?

Vielen halten den BMI für eine Zauberformel, aber im Grunde sagt er gar nichts aus. Er beinhaltet von vornherein keinen einzigen anderen gesundheitsrelevanten Faktor. Außerdem hat der Körperbau keinen Einfluss auf ihn, sportliche Personen mit einem athletischen Körper und viel Muskelmasse haben also alle mit Übergewicht zu tun, auch wenn sie vermutlich sehr gesund sind. Schon 1995 sah ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation im BMI eine nichtssagende und unbrauchbare Rechengröße. Viele Experten räumen übrigens ein, dass es sich beim BMI nur um ein grobes Maß handelt.

„Durch Definitionsveränderung ergab sich eine scheinbar dramatische Zunahme des Übergewichts.“

Warum hat er dann eine solche Bedeutung als Rechengröße erlangt?

Er ist sehr einfach und leicht zu ermitteln. Ende der 1990er Jahre bestand eine Lobbygruppe, die International Obesity Task Force, finanziell unterstützt durch Roche, ein pharmazeutisches Unternehmen, das damals Mittel für Gewichtsverlust entwickelte. Diese Lobbyorganisation überzeugte die Weltgesundheitsorganisation von der Wichtigkeit des BMI. Zusätzlich sorgte sie dafür, dass die Untergrenze des Index gesenkt wurde. Dadurch hatten Millionen Menschen von einem Tag auf den anderen plötzlich Übergewicht. Durch diese Definitionsveränderung ergab sich in den Diagrammen eine scheinbar dramatische Zunahme des Übergewichts, die die Gesellschaft noch zu zugrunde richten würde.

Durch die bloße Vorstellung, dass Übergewicht krank macht, wird man krank, so eine These Ihres Buches.

Zahlreiche Studien legen nahe, dass schwergewichtigere Frauen die Arztpraxis als feindliche Umgebung erleben. Sie wollen medizinischen Rat und Hilfe, fühlen sich aber wegen ihres Gewichts kritisiert und bestraft. Sie gewinnen den Eindruck, sich schämen zu müssen, an ihren Leiden selbst schuld zu sein und kommen danach nicht mehr wieder.

Wozu kann das führen?

Schwergewichtigere Frauen haben ein höheres Risiko für Gebärmutterhalskrebs als normalgewichtige Frauen. Das lässt sich teilweise dadurch erklären, dass bei ihnen seltener ein Abstrich vorgenommen wird als bei schlankeren Frauen. Woran liegt das? Vielen schwergewichtigeren Frauen wird erzählt, dass es bei ihnen technisch sehr kompliziert oder sogar unmöglich sein soll, diesen Abstrich zu machen, was überhaupt nicht stimmt. Hieran können wir die negativen Auswirkungen unserer Vorurteile gegenüber Dicken auf deren Zugang zur Gesundheitsversorgung erkennen und wie sie das krank macht.

In ‚progressiven Kreisen’ ist es inzwischen – erfreulicherweise – inakzeptabel geworden, sich offen rassistisch zu äußern. Aber in denselben Kreisen gilt es mittlerweile als ganz normal, auf Menschen, die zuviel essen, verächtlich herabzublicken. Darin sieht man einen Mangel an Selbstbeherrschung und Disziplin. Auf diese Weise bringt der Kampf gegen Fettleibigkeit tiefsitzende Vorurteile gegen Arme und Farbige ans Tageslicht.

Was soll man Ihrer Meinung nach gegen Fettleibigkeit tun?

Das ist eine beladene Frage. Sie geht davon aus, dass ein enormes Problem bestünde, gegen das vorgegangen werden müsste. Und dessen bin ich mir ehrlich gesagt keineswegs sicher.