31.05.2019

Muslimischen Antisemitismus angehen

Von Frank Furedi

Die Warnung des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, nicht überall in Deutschland die Kippa zu tragen, hat damit zu tun, dass man die Augen vor dem islamischen Judenhass verschließt.

Trotz aller „Nie wieder"-Rhetorik von sind zu viele einflussreiche Kräfte bereit, Antisemitismus zu ignorieren oder sogar zu akzeptieren. Dieses feige Verhalten wurde kürzlich von Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, eindrucksvoll veranschaulicht. „Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen. Das muss ich leider so sagen", erklärte er letzte Woche. Das ist nichts anderes als zu sagen, dass Deutschland zu einer gefährlichen No-Go-Area für Menschen geworden ist, die jüdisch aussehen.

Glücklicherweise führte Kleins Aufruf zur Kapitulation vor antisemitischem Abschaum zu einem Sturm der Empörung im In- und Ausland. Vielen Deutschen ging der Aufruf, Juden unsichtbar zu machen, eindeutig zu weit. Als Reaktion auf die Proteste ruderte Klein zurück. Und am Montag rief er alle Bürger auf, die Kippa am kommenden Samstag, anlässlich des jährlichen Al-Quds-Tages in Berlin, zu tragen. Der Al-Quds-Tag ist eine jährliche, weltweite Veranstaltung, um Widerstand gegen Israels Kontrolle über Jerusalem zum Ausdruck zu bringen. Einige Teilnehmer richten ihre Feindseligkeit nicht nur gegen Israel, sondern gegen Juden im Allgemeinen.

Die deutsche Politik tut sich unter anderem deshalb schwer, mit Antisemitismus umzugehen, weil sie sich scheut, darüber zu sprechen, woher er kommt. Nach offiziellen Angaben ist der Anstieg des Antisemitismus in Deutschland eine Folge des zunehmenden Rechtsextremismus. Die Mainstream-Version lautet, dass deutsche Nationalisten hergebrachter Prägung und die Alternative für Deutschland (AfD) für die jüngsten Zunahmen von Angriffen auf Juden verantwortlich seien.

„Die Täter eines antisemitischen Vorfalls werden, wenn sie unbekannt sind, automatisch als rechtsextrem eingestuft.“

Laut Innenministerium sind antisemitische Hassverbrechen zwischen 2017 und 2018 um fast 20 Prozent gestiegen, während die Zahl der physischen Angriffe auf Juden von 37 im Jahr 2017 auf 69 im Jahr 2018 angewachsen ist. Bundesinnenminister Horst Seehofer erklärte, dass 90 Prozent der gemeldeten antisemitischen Vorfälle von Anhängern rechtsextremer Gruppen verübt würden. Dieses Narrativ, das den Populismus mit dem Aufkommen des Antisemitismus in Deutschland verknüpft, wird von den Medien im Westen ständig reproduziert. Aber wie die meisten offiziellen Narrativ über Populismus verzerrt auch dieses einige der zugrundeliegenden Themen, über die zu sprechen wäre.

Führende Vertreter der jüdischen Gemeinden und viele deutsche Juden bestreiten die Behauptung, dass fast alle antisemitischen Angriffe von der extremen Rechten begangen werden. Mehr als die Hälfte der deutsch-jüdischen Befragten einer EU-Umfrage von 2018 gaben an, dass sie in den vergangenen fünf Jahren antisemitische Belästigungen erlebt hatten. Von diesen Befragten sagte die Mehrheit, 41 Prozent aus, dass der Täter des schwersten Vorfalls, den sie erlebten, „jemand mit einer muslimisch-extremistischen Sichtweise" gewesen sei.

Warum also zeichnen die offiziellen deutschen Statistiken ein so anderes Bild? Die Antwort ist sehr einfach. Wie James Angelos kürzlich im New York Times Magazine enthüllte, verfahren deutsche Behörden so, dass die Täter eines antisemitischen Vorfalls, wenn sie unbekannt sind, automatisch als rechtsextrem eingestuft werden. Dieser Punkt wurde von Klein bestätigt, als Angelos ihn nach der Zuverlässigkeit der offiziellen Statistiken fragte. Klein räumte ein, dass die Methodik fehlerhaft sei und sagte, er habe bereits die Diskussion innerhalb der Regierung angestoßen, um das zu ändern.“

„Die deutsche Politik ist weder bereit noch willens, sich mit Erscheinungsformen des antijüdischen Hasses in muslimischen Kreisen auseinanderzusetzen.“

Aber das Problem ist nicht nur ein methodisches. Die deutsche Politik ist weder bereit noch willens, sich mit Erscheinungsformen des antijüdischen Hasses in muslimischen Kreisen auseinanderzusetzen. Dass Klein sich beeilt hat, die Juden anzuweisen, keine Kippa zu tragen, ist symptomatisch für eine breite Unehrlichkeit und Feigheit in offiziellen Kreisen.

Zweifellos existiert ein rechtsextremer Antisemitismus, der ein echtes Problem darstellt. Aber es ist ein Problem, das sich durch die offizielle Duldung des islamischen Antisemitismus noch verschärft hat. Vermutlich haben die feindlichen Einstellungen, die Teile der hier lebenden Moslems gegenüber Juden an den Tag legen, deutsche Antisemiten der alten Schule ermutigt, ihre Meinung offener zu äußern.

Die Botschaft des „Tragt keine Kippa“-Skandals lautet, dass die eigentliche Bedrohung für Juden in Deutschland nicht in den Ansichten und dem Verhalten altmodischer, nativistischer Antisemiten liegt, sondern in der Duldung der neuen Formen des antijüdischen Hasses durch den deutschen Mainstream.