27.04.2026
Mit Bling-Bling gegen die Mullahs
Von Kolja Zydatiss
Der jüngste Krieg hat auch die Emirate als Gegenspieler des Iran ins Rampenlicht gerückt. Bei allen Errungenschaften bleibt das Geschäftsmodel der Glitzermetropole Dubai aber ein Zerrbild des Westens.
Dubai ist eine Zukunftsvision, wie sie sich eine Gruppe gealterter und im Laufe der Jahre transatlantisch-neokonservativ gewordener Ex-Antifa-Aktivisten in einer durchzechten Nacht mit zu viel Koks hätten ausdenken können, um es den verbleibenden Reaktionären auf der Welt mal so richtig zu zeigen. In einer Region, die ansonsten eher mit Schlagzeilen über Theokratie, Geschlechterapartheid, Hinrichtungen von Schwulen und Abtrünnigen, heiligen Krieg und Pogrome gegen Juden und anderen Minderheiten von sich reden macht, setzen die Machthaber der Glitzermetropole am Golf demonstrativ auf Verwestlichung, Toleranz, Mäßigung und eine extreme Form von Multikulturalismus.
Die Herrscher der Vereinigten Arabischen Emirate seien dabei, eine neue Art des Arabisch-Seins zu erfinden, meint die israelische Politologin und liberale Politikerin Einat Wilf. Zugespitzt könnte man sagen: Sie scheinen – wohl aus Erkenntnissen heraus, um die offen auszusprechen man entweder sehr links oder schmerzbefreit „rechts“ sein muss – der eigenen Gesellschaft eine Art kulturellen Tod verordnet zu haben, um sie zukunftstauglich zu machen.
Der liberalste Gliedstaat Dubai treibt es hierbei auf die Spitze. In den Videos aus der Golfmetropole, die mir in den letzten Wochen in die Timeline gespült wurden, sah ich unter anderem eine Influencerin mit aufgespritzten Lippen und bauchnabeltiefem Ausschnitt, die mit ihrem Muskelshirt-Freund vor dem höchsten Gebäude der Welt, dem Burj Khalifa, posiert, Frauen, die in hautengen Spaghetti-Träger-Tops in den Club gehen, und einen androgynen, ganzkörpertätowierten weißen Influencer, der in dieser nominell islamischen absoluten Monarchie offenbar standardmäßig mit knalligem Lippenstift herumläuft. Selbst mit dem vergleichsweise offenen Lebensstil in anderen als gemäßigten „CIA-Assets“ geltenden arabischen Staaten wie Jordanien hat dieses Globohomo-Festspiel nichts mehr zu tun. Übrigens: Schon bei der Eröffnung des Burj Khalifa vor 16 Jahren war jede Wohnung mit einem eleganten Weinkühlschrank ausgestattet. Die Natur ist nicht beim Naturschutzverein!
„Schon bei der Eröffnung des Burj Khalifa vor 16 Jahren war jede Wohnung mit einem eleganten Weinkühlschrank ausgestattet. Die Natur ist nicht beim Naturschutzverein!“
Demografisch gesehen hat Dubai in den letzten Jahrzehnten eine Einwanderungspolitik verfolgt, bei der Björn Höcke an einem Herzinfarkt sterben würde. Inzwischen sind nur noch 15 Prozent der Einwohner Emiratis, den Rest machen Arbeitsmigranten aus buchstäblich aller Welt aus – die qualifizierteren und privilegierteren unter ihnen nennen sich gerne „Expats“. Wohl kein anderer Ort der Welt ist ein solcher Turmbau zu Babel, an dem Ukrainer und Russen, Amis und Chinesen im selben Büro sitzen, Muslime, Hindus, Christen und Atheisten Seite an Seite leben, derweil sich israelische Touristen sicherer fühlen können als an vielen Orten in Europa – dem knüppelharten staatlichen Vorgehen gegen islamischen Extremismus sei Dank. Dubai, das ist „Völkersterben von seiner schönsten Seite“ am Persischen Golf.
Offenlegung: Vor rund zwei Jahren habe ich mit Mark Feldon ein Buch über mögliche Gesellschaftsmodelle der Zukunft veröffentlicht, in dem Dubai nicht besonders gut wegkommt. Seitdem das iranische Mullah-Regime sämtliche irgendwie mit den USA oder Israel verbundene Staaten der Region mit Angriffen überzieht, habe ich jedoch eine Veränderung meiner Einstellung gegenüber der Welthauptstadt des Bling-Bling bemerkt (die Vereinigten Arabischen Emirate als „wurzelloser Kosmopolit“ des Nahen Ostens haben sogar noch mehr Raketen- und Drohnentreffer abbekommen als Israel). Ich hänge am Smartphone und fiebere mit Dubai und seiner mir liebenswert dekadent erscheinenden Bevölkerung, so wie ich es als Kind bei den Buddha-Statuen von Bamiyan tat, die schließlich von den Taliban vollständig gesprengt wurden – eines der ersten globalen Medienereignisse, an das ich mich bewusst erinnere.
Ich bin weder Buddhist noch war ich jemals in den Emiraten, aber in beiden Fällen erscheint es mir schwer, nicht zu dem Schluss zu kommen, dass hier Licht gegen Finsternis steht. Es fällt mir schwer, in diesem Moment keine Sympathie für dieses Land zu empfinden, mit seinem „Ministerium für Toleranz“, seinem interreligiösen Komplex „Abrahamic Family House“, der eine Moschee, eine Kirche und eine Synagoge vereint, und seinen staatsnahen Influencern, die posten, dass es nicht „die einzig wahre Religion“ gebe, und die Annäherung an Israel verteidigen – insbesondere, wenn der Gegner die vernichtungsantisemitischen Klerikalfaschisten im Iran sind. Nur weil etwas Propaganda ist, heißt das noch lange nicht, dass das, was propagiert wird, wertlos ist.
„Dubai, das ist ‚Völkersterben von seiner schönsten Seite‘ am Persischen Golf.“
In unserem Buch beschrieben Feldon und ich Dubai als eine „fade, kastrierte Pseudomoderne“ – angesichts des Mangels an Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit sowie des fast vollständigen Fehlens von Demokratie dürfte dieses Modell wohl nur sogenannte „neoreaktionäre“ Fans aufgeklärter absoluter Monarchien und einige Libertär-Geprägte aus der Bewegung für „freie Privatstädte“ stark ansprechen. Wir schrieben aber auch: „Aber es ist ja nicht so, dass es im Westen derzeit besonders gut um diese Werte bestellt ist.“ Wenn die Herrscher der Emirate ihr Land zu einer Art „aufgetakeltem Zerrbild des Westens“ geformt haben, wie mein Co-Autor und ich feststellten, dann befindet sich auch der Westen aktuell auf einem zunehmend autoritären, postdemokratischen Kurs, der ihn seinerseits in ein trauriges Zerrbild seiner selbst verwandelt (mit dem Gesetz im „Mutterland des Liberalismus“ Großbritannien, das es Jahrgängen ab 2009 verbietet, jemals in ihrem Leben Tabak zu kaufen, hat die paternalistische Gesellschaftssteuerung jüngst einen neuen Tiefpunkt erreicht).
„What's left?“ hieß 2015 eine Artikelreihe der F.A.Z. über „neue Haltungen und alte Weltanschauungen“ in einer Zeit, in der traditionelle politische Koordinatensysteme und Kategorien kaum noch Orientierung zu bieten scheinen. Verschiedene Autoren, darunter auch der langjährige damalige Novo-Chefredakteur Johannes Richardt, setzten sich in ihren Beiträgen mit der Frage auseinander, ob jemand, der für eine bessere Welt kämpft, heute zwangsläufig links stehen muss. Während die Serie, kuratiert von dem liberalen Publizisten Rainer Hank, noch viel Optimismus versprühte, freut man sich als aufgeklärter Mensch mittlerweile eher über jede Entwicklung, die für die Welt keinen völligen Rückschritt bedeutet. Wenn ich jetzt einen Text zu der Reihe beisteuern müsste, würde er also vielleicht von Dubai handeln – einem skurrilen Ort, der zu einem unerwarteten Bollwerk gegen Schlimmeres geworden ist.