17.03.2026

Der Untergang der Islamischen Republik steht bevor

Von Tim Black

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Foto: rudolf_langer via Pixabay (CC0)

Schon vor dem jetzigen Krieg wurde das iranische Mullah-Regime von seinen eigenen Pathologien aufgezehrt. Das reaktionäre islamistische Projekt ist gescheitert.

Die Islamische Republik Iran war stets mehr als nur ein Nationalstaat. Wie ein scharfsinniger Kritiker es ausdrückt, war sie „das ehrgeizigste politisch-theologische Experiment des 20. Jahrhunderts“. Nach fast fünf Jahrzehnten ist dieses Experiment jedoch katastrophal gescheitert.

Trotz der Berufung auf Tradition sind die intellektuellen Wurzeln der Islamischen Republik durch und durch modern. Sie liegen weniger im Arabien des 7. Jahrhunderts als vielmehr in den sozialen und politischen Unruhen des Ägyptens der 1920er und 1930er Jahre. Denn dort begann eine sehr europäische Desillusionierung gegenüber der westlichen liberalen, kapitalistischen Moderne, die mit der Ablehnung der faktischen Kolonialherrschaft Großbritanniens durch vor allem in Kairo lebenden Intellektuellen einherging.

Junge ägyptische Intellektuelle aus einer aufstrebenden Klasse von Fachleuten, Lehrern und Beamten fühlten sich zunehmend von der europäischen Romantik – insbesondere ihrer deutschen Variante – und ihrem Bekenntnis zu Authentizität und kultureller Einzigartigkeit angezogen. In dieser Tradition der Gegenaufklärung, die in der radikalen Reaktion der Zwischenkriegsjahre gipfelte, sahen sie eine Antwort auf den westlichen kulturellen Einfluss auf das nationale Leben Ägyptens. Sie eigneten sich deren Sprache an und wetterten gegen den Materialismus und die Seelenlosigkeit des modernen Westens. Sie träumten von einer alternativen Gesellschaft, die es ihnen ermöglichen würde, ihre eigene kulturelle und spirituelle Essenz zum Ausdruck zu bringen – eine Essenz, die viele in nationalistischen Begriffen sahen, die einige jedoch zunehmend im Kontext des Islam verstanden.

Obwohl der Islamismus, wie diese ideologische Strömung heute bezeichnet wird, in einem antikolonialen Kontext entstand, entsprach er einer anderen bedeutenden politisch-ästhetischen Bewegung des 20. Jahrhunderts: dem Faschismus. Er verwandelte den Islam in eine Herausforderung für die vom Krieg zerrüttete westliche Moderne und in eine Lösung für die Krise des Liberalismus und Kapitalismus. Der Islam war nicht mehr nur ein Glaube, sondern eine revolutionäre Ideologie. Ein theologisch-politisches Projekt, das versprach, diese Welt neu zu gestalten und dem Leben der Menschen Sinn, Zweck und Werte zu verleihen. Hassan al-Banna, der 1928 die Muslimbruderschaft gründete, die wichtigste Bewegung des Islamismus, drückte es so aus: Der Islam sei nicht nur „eine Religion“, sondern auch „eine Zivilisation, eine Lebensweise, eine Ideologie und ein Staat“. Wie im faschistischen Staat Mussolinis sollte es außerhalb des Staates der Muslimbruderschaft nichts geben – er erfasste jeden Einzelnen.

Gegen die Aufklärung und den Westen

Der Islamismus war auch ein Kampf, ein Dschihad: ein Kampf gegen diejenigen, die in Unwissenheit, in Dschahiliya, leben und falsche Götzen anbeten. Ein Kampf gegen die westlichen Imperialmächte – vor allem Amerika – und ihren vermeintlichen Vorposten im Nahen Osten, Israel. Es war ein Dschihad gegen eine säkulare westliche Gesellschaft, die Gott seiner Autorität beraubt und sie den Menschen übertragen hat. Wie der einflussreichste aller islamistischen Ideologen, Sayyid Qutb, in seinem Werk „Meilensteine” („Milestones“,1964) schrieb, gibt es „keine Souveränität außer der Gottes, kein Gesetz außer dem Gottes und keine Autorität eines Menschen über einen anderen, da die Autorität in jeder Hinsicht Gott gehört”.

Das war und ist Islamismus. Eine modernistische, gegen die Aufklärung gerichtete Bewegung, die den Islam als revolutionäre Antwort auf einen dekadenten, imperialistischen Westen postuliert. Ein avantgardistischer Kampf für die „moralische Reinigung der Gesellschaft“, wie Qutb es formulierte. Es ist der Versuch, muslimische Nationen von unechtem, korrumpierendem westlichem Einfluss zu befreien, um ihr authentisches islamisches Wesen zu erlösen. Es ist ein Projekt zum Aufbau eines Staates, über den Allah und natürlich seine irdischen, klerikalen Interpreten herrschen sollten. Und eine Mission, diesen Kampf weit über die Grenzen der Nation und sogar der muslimischen Welt hinaus fortzusetzen – in einem fast kosmischen Kampf gegen die westlichen, amerikanischen und israelischen Kräfte der Dschahiliya, also einer Gesellschaft, die das göttliche Gesetz nicht kennt.

„Der Islamismus florierte Ende der 1960er Jahre, als sein ideologischer Rivale, der arabische Nationalismus, eine Niederlage erlitt.“

Der Islamismus florierte Ende der 1960er Jahre, als sein ideologischer Rivale, der arabische Nationalismus, eine Niederlage erlitt. Seine mächtigste Verkörperung fand er in der nicht-arabischen Islamischen Republik Iran. Die iranische Revolution von 1979, die die Islamische Republik einläutete, war jedoch nicht ausschließlich oder auch nur überwiegend islamistisch geprägt. Sie wurde durch die verständliche antiimperialistische Unzufriedenheit mit dem vom Westen unterstützten autoritären Regime des Schahs angeheizt. Sie brachte neulinks orientierte und der „Verwestlichung” gegenüber kritische Kulturgegner, eine organisierte, unruhige Arbeiterklasse und eine rebellische Klerikerkaste zusammen.

Es war jedoch das islamistische Element, das stark von der Muslimbruderschaft und vor allem von Qutb beeinflusst war, welches sich nach der Revolution durchsetzte. Dazu trugen nicht zuletzt die vorherige Inhaftierung linker Führer durch den Schah sowie die Tatsache bei, dass die linken Kräfte, die sich für die Revolution einsetzten, aus derselben antiwestlichen, gegen die Aufklärung gerichteten Quelle schöpften wie der Islamismus selbst.

Verfassung der Islamischen Republik

Der Triumph des Islamismus wurde in der Verfassung der Islamischen Republik Iran von 1979 deutlich zum Ausdruck gebracht. Nach einem ersten Entwurf, den der in Frankreich ausgebildete Soziologe Hassan Habibi Anfang 1979 ausgearbeitet hatte, überarbeitete die sogenannte Expertenversammlung für die Verfassung diesen Entwurf umfassend. Das von Anhängern Ayatollah Chomeinis dominierte Gremium orientierte sich dabei an ausdrücklich islamistischen Grundsätzen. Die Präambel ist voller islamistischer Klischees. So wird die Revolution etwa als „Reinigung” von „Staub und Unreinheiten” dargestellt, die sich in der nicht-islamischen Vergangenheit angesammelt hatten, als „Säuberung” von „fremden ideologischen Einflüssen” oder als „Rückkehr” zu den „authentischen intellektuellen Standpunkten und Weltanschauungen des Islam”. Das Regierungssystem leite demnach seine Autorität und Gesetzgebungsbefugnis nicht vom Volk, sondern von Gott ab („Seine ausschließliche Souveränität und das Recht zur Gesetzgebung”) – dies ist eine direkte Übernahme aus Qutbs Werk.

Die einzige eindeutig schiitische Neuerung ist das „Welayat-e Faqih“, die Herrschaft des Rechtsgelehrten. Es wurde von und für Chomeini entwickelt und besagt, dass ein qualifizierter islamischer Rechtsgelehrter die höchste politische und religiöse Autorität innehaben sollte – mit anderen Worten die Position des „Obersten Führers“, die Chomeini schließlich einnahm.

Abgesehen davon ist die Verfassung der Islamischen Republik mit ihren wenigen, inzwischen bitter ironischen Verweisen auf Toleranz, Gleichberechtigung und Demokratie ein islamistischer Machbarkeitsnachweis. Sie stellt ein reaktionäres Experiment in moderner politischer Theologie dar. Durchdrungen von einem kreuzzugartigen, fast messianischen Eifer behauptet sie, „die notwendige Grundlage für die Fortsetzung der Revolution im In- und Ausland“ zu bieten.

Terror nach innen und außen

In den letzten fünf Jahrzehnten haben die Iraner und tatsächlich auch ein Großteil der übrigen Welt mit hohen Kosten erfahren müssen, was „die Fortsetzung der Revolution“ tatsächlich bedeutet. Im Iran bedeutet dies permanente Unterdrückung und einen unerbittlichen Kulturkampf gegen die Verwestlichung, der keine abweichenden Meinungen duldete. Sie bedeutete die Inhaftierung und Folterung unzähliger Iraner sowie die Ermordung vieler weiterer – alles im Namen des Schutzes der Revolution.

Außerhalb des Iran bedeutet dies den Aufbau und die Unterstützung eines extrem gewalttätigen, regionsweiten Netzwerks islamistischer Handlanger, das von antiwestlicher und antisemitischer Feindseligkeit geprägt ist. Es bedeutete die Fatwa gegen Salman Rushdie im Jahr 1989, die Verwüstung des Jemen Ende der 2010er und Anfang der 2020er Jahre sowie das schlimmste Massaker an Juden seit dem Holocaust am 7. Oktober 2023. Dieser Kampf, der laut Verfassung gemeinsam mit anderen „islamischen und populären Bewegungen” geführt wird, um „den Weg für die Bildung einer einzigen Weltgemeinschaft zu ebnen”, hat unermessliches Leid verursacht und den Nahen Osten auseinandergerissen.

Die islamistische Dynamik in der Islamischen Republik ist im Innern repressiv und nach außen kreuzzugartig. Sie bezieht ihre Autorität vom Vertreter Allahs in Teheran und demonstriert ihre Legitimität durch einen nie endenden Krieg gegen die „satanischen Kräfte” Amerikas, Israels und des Westens. All dies war fast von Beginn der Islamischen Republik an offensichtlich.

„Die Islamische Republik den Libanon nie verlassen, sondern die Hisbollah-Miliz aufgebaut.“

Bereits im März 1979 hatte Chomeini den Hidschab vorgeschrieben und ihn als entscheidende Waffe im Kampf gegen westliche „Unreinheiten” in der islamischen Gesellschaft dargestellt, zu denen er beispielsweise das Recht der Frauen zählte, ihre Haare zu zeigen. Außerdem ging er hart gegen Dissidenten und politische Gegner vor.

Der brutale Iran-Irak-Krieg (1980–1988), bei dem auf beiden Seiten rund eine Million Soldaten und Zivilisten ihr Leben verloren, verschärfte das repressive Klima noch weiter. Nach Kriegsende begann die Islamische Republik mit Massenhinrichtungen politischer Gefangener, die ausnahmslos als Verräter der Revolution gebrandmarkt wurden, da sie angeblich auf der Seite des Irak gestanden hatten. Sie wurden auf Lastwagen verladen und zu speziell ausgewählten Orten gebracht, wo sie massenhaft gehängt wurden. Diese Welle staatlicher Morde, die dazu diente, die linken Gegner der Geistlichen und manchmal auch ehemalige Verbündete während der Revolution auszuschalten, stellt mit einer geschätzten Zahl von 4000 bis 30.000 Todesopfern eine der größten Massenhinrichtungen in der Nachkriegsgeschichte dar.

Während die Islamische Republik die iranische Gesellschaft von „unechten“ Elementen säuberte, förderte sie gleichzeitig eifrig die islamische Authentizität im Ausland. Der jüdische Staat – die unechte, „kolonialistische“ zionistische Entität – galt dabei als das wichtigste und erste Hindernis für diese Mission. In einer symbolträchtigen Aktion unmittelbar nach der Revolution schloss die Islamische Republik die israelische Botschaft in Teheran, weigerte sich, die Existenz Israels als Staat anzuerkennen, und lud die Palästinensische Befreiungsorganisation von Jassir Arafat umgehend ein, in die nun leerstehenden Räumlichkeiten einzuziehen. Drei Jahre später entsandte Chomeini islamische Revolutionsgarden in den Libanon, um schiitische Milizen in einem lokalen Krieg mit Israel zu unterstützen. In gewisser Weise hat die Islamische Republik den Libanon nie verlassen, sondern die Hisbollah-Miliz aufgebaut und zu einer allgegenwärtigen, antisemitischen Bedrohung an der Nordgrenze Israels aufgebaut.

Nach Chomeini

Der Tod Chomeinis im Jahr 1989 änderte nichts an der islamistischen Dynamik. Im Gegenteil: Sein Nachfolger Ali Chamenei verstärkte diese sogar noch. Er behielt die während des Krieges erfolgte Vergrößerung der Islamischen Revolutionsgarden bei und baute sie zusammen mit der freiwilligen Basidsch-Miliz zu einer mehrere hunderttausend Mann starken Sicherheitskraft aus. Ihre Aufgabe war es, die Islamistische Revolution im Inland zu schützen und sie im Ausland voranzutreiben.

Unter der Federführung der Revolutionsgarden begann die Islamische Republik, Milliarden in die Unterstützung eines ständig wachsenden Netzwerks islamistischer Milizen (der sogenannten „Achse des Widerstands”) im Nahen Osten und darüber hinaus zu investieren. Mit iranischer Unterstützung sprengte die Hisbollah 1992 einen Lastwagen vor der israelischen Botschaft in Buenos Aires in die Luft und tötete dabei 30 Menschen, darunter auch Kinder. 1994 schlug sie erneut in Buenos Aires zu und sprengte ein jüdisches Gemeindezentrum in die Luft, wobei 85 Menschen starben. Das war nur der Anfang. Seit Anfang der 1990er Jahre knüpfte der Iran immer engere Beziehungen zur von der Muslimbruderschaft inspirierten Hamas im Gazastreifen. In den 2000er Jahren weitete er seinen Einflussbereich auf den Irak aus und in den 2010er Jahren auf Syrien und den Jemen.

Das war noch nicht alles. Unter Chamenei begann auch die Verbindung zwischen Klerus und Revolutionsgarnden, die Früchte der wachsenden, aber immer noch merkantilistischen Wirtschaft des Iran zu genießen. Die iranischen Machthaber übernahmen große Teile der Wirtschaft, schöpften Einkünfte ab und investierten sie ausnahmslos in Immobilien und Vermögenswerte im Ausland. Wie ein Iran-Experte treffend bemerkt, wurde die Islamische Republik „zum extraktiven Staat par excellence, wobei die einzige wirkliche Variable der Ölpreis war”.

„Protestieren sei unislamisch.“

In der Tat erlebte der Iran in den 1990er und insbesondere in den 2000er Jahren einen durch Öl befeuerten Wirtschaftsboom. Während der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedschad zwischen 2005 und 2013 verdiente der Iran Schätzungen zufolge so viel mit Öl wie nie zuvor in seiner Geschichte. Aufgrund fehlender staatlicher Rechnungsprüfungen ist jedoch unklar, wohin all diese Milliarden geflossen sind.

Die islamistische Dynamik der Islamischen Republik war in diesen ersten Jahrzehnten fest und gewaltsam am Werk. Dennoch hegten viele innerhalb und außerhalb des Landes weiterhin die Hoffnung, dass Reformen möglich seien. Sie hofften, dass die dominierenden islamistischen Elemente des Regimes den republikanischeren Aspekten der Verfassung irgendwie weichen könnten. Diese Hoffnungen begannen schließlich im Jahr 2009 zu schwinden.

Niederschlagung der Aufstände

Am 23. Juni jenes Jahres brachte die Präsidentschaftswahl einen umstrittenen Sieg des islamischen Hardliners Mahmud Ahmadinedschad über den populären reformistischen Kandidaten Mir Hossein Mousawi. Zwei Tage später, nach einer vom Staat organisierten Pro- Ahmadinedschad -Kundgebung, strömten Zehntausende Iraner mit dem Slogan „Wo ist meine Stimme?” auf die Straßen Teherans. Dies markierte den Beginn der sogenannten Grünen Bewegung, einer Reihe von weitreichenden Protesten und zivilen Ungehorsams, die sich über mehrere Monate hinzogen, bis der Staat mit harter Hand durchgriff. Es kam zu unzähligen Verhaftungen und Prügelstrafen und Mousavi wurde unter Hausarrest gestellt.

Dies war ein entscheidender Moment. Die Demonstranten waren keine Revolutionäre. Sie strebten nicht das Ende der Islamischen Republik an. Sie stammten größtenteils aus der iranischen Mittelschicht und vertraten moderate, reformistische Ansichten. Dennoch zeigten die iranischen Machthaber als Reaktion darauf ihr wahres islamistisches Gesicht und ihre Intoleranz gegenüber selbst milden demokratischen Meinungsverschiedenheiten. Es gibt keinen Gott außer Allah. Ein hochrangiger iranischer Geistlicher namens Ayatollah Mohamad-Taghi Mesbah Yazdi berief sich auf die Verfassung und behauptete, die Autorität des Obersten Führers komme von Gott und nicht vom Volk – und die Demonstranten müssten sich daher dem Präsidenten Chameneis, Ahmadinedschad, unterwerfen. Gehorsam gegenüber Ahmadinedschad sei gleichbedeutend mit Gehorsam gegenüber Gott. Protestieren sei demnach unislamisch.

Chamenei ging sogar noch weiter. Er stellte die Grüne Bewegung als Feind der Revolution dar und bezeichnete sie als Produkt westlicher Korruption, das ausgemerzt werden müsse. Die Unterdrückung der Demonstrationen und das Verhängen von Schweigen darüber waren für ihn ein Beweis für die Rechtschaffenheit seines Regimes und dessen revolutionärer Tugendhaftigkeit. Wie er 2011 sagte: „Eine Revolution, die sich in Zeiten des Aufruhrs nicht gegen verschiedene politische oder militärische Putschversuche und andere derartige Handlungen verteidigen kann, ist nicht lebendig. Diese Revolution ist lebendig, denn sie verteidigt sich selbst, setzt sich durch und gewinnt.“

„Die Islamische Republik war für sich selbst da, nicht für das iranische Volk.“

Mit düsterer Vorahnung ließen die Vertreter der Islamischen Republik im Jahr 2009 verlauten, dass sie bereit wären, 10.000 Menschen oder mehr zu töten, um das Regime zu retten. Damit sprachen sie den stillschweigenden Teil dieses islamistischen Projekts laut aus: Die Islamische Republik war für sich selbst da, nicht für das iranische Volk. Ihre kreuzzugartige, revolutionäre Mission war sogar wichtiger als deren Leben.

Ab diesem Zeitpunkt, als internationale Sanktionen die Krise der zutiefst dysfunktionalen iranischen Wirtschaft verschärften, spitzte sich der Antagonismus zwischen der Islamischen Republik und dem iranischen Volk langsam, aber sicher zu. Und die reformistische Anklage der Grünen Bewegung wurde durch eine Infragestellung der Islamischen Republik selbst ersetzt.

Dies kam 2017 offen zum Ausdruck. Inmitten unzähliger Arbeitskonflikte – gerade in den konservativen Städten und Gemeinden der Arbeiterklasse, die die Islamische Republik gerne als ihre Kernwählerschaft darstellte – protestierten junge, entrechtete und verarmte Iraner wütend gegen die herrschenden Theokraten und skandierten „Tod dem Diktator“ in Richtung Chameneis. Die Sicherheitskräfte griffen mit brutaler, tödlicher Effizienz ein.

Als sich 2019 eine ähnliche Situation ergab, kam es nach einer Erhöhung der Benzinpreise in rund 100 Städten und Gemeinden zu Unruhen – und wieder war das Regime selbst das Ziel. Schätzungen zufolge wurden bei den darauffolgenden Repressionen über 300 Menschen getötet.

„Lange bevor die USA und Israel versuchten, einen Regimewechsel herbeizuführen, befand sich dieses Regime bereits in seinen letzten Zügen.“

Doch die Iraner kämpften mit unglaublicher Tapferkeit weiter und die Unruhen sowie der revolutionäre Geist erstarkten – gegen die heilige islamistische Revolution. Im Jahr 2022 brachen im ganzen Iran Proteste unter dem Motto „Frauen, Leben, Freiheit“ aus, nachdem eine junge Kurdin, Mahsa Amini, durch die Sicherheitskräfte getötet worden war, weil sie keinen Hidschab getragen hatte. Die Rufe „Tod dem Diktator“ wurden von der klaren Forderung nach Grundfreiheiten begleitet. Und wieder ging das Regime mit tödlicher Gewalt vor und tötete mehr als 1500 Menschen.

Und das alles, bevor wir zu den Massenprotesten kommen, die Ende Dezember des vergangenen Jahres und bis in den Januar dieses Jahres hinein im ganzen Iran ausgebrochen sind. Der Auslöser war vermutlich wirtschaftlicher Natur, da die Basarhändler in Teheran nach dem Zusammenbruch der Währung ihre Geschäfte geschlossen hatten. Die darauf folgende Bewegung war jedoch in ihren Zielen durch und durch politisch und lief auf die Forderung nach dem Ende der Islamischen Republik und nach bürgerlichen Freiheiten hinaus. Die Islamische Republik reagierte darauf auf die einzige Art, die sie kennt – mit der Ermordung von etwa 30.000 Iranern.

Regime am Ende

Lange bevor die USA und Israel versuchten, einen Regimewechsel herbeizuführen, befand sich dieses Regime bereits in seinen letzten Zügen. Sein islamistisches Bekenntnis zur Fortsetzung der Revolution im eigenen Land hatte sich längst in einen Dschihad gegen die iranische Bevölkerung verwandelt – jede Geste des Widerstands wurde als Ergebnis ausländischer Einmischung verdammt. Und sein Bekenntnis, alle „benachteiligten und unterdrückten Völker der Welt” vom westlichen, amerikanischen und zionistischen Einfluss zu „befreien”, wie es in seiner Verfassung heißt, hat letztendlich den antisemitischen Krieg, den seine Stellvertreter führen, direkt ins Herz des Iran zurück gebracht.

In den Augen der Iraner hat die Islamische Republik jegliche Tugend verloren, die sie einst für sich beanspruchen konnte. Sie mussten unter grundlegenden Engpässen bei der Strom- und Wasserversorgung leiden, während das Regime Milliarden in die Förderung eines Völkermordkrieges mit Israel investierte. Wo sie versuchen, sich ein gewisses Maß an Freiheit zurückzuholen – sich so zu kleiden, wie sie wollten, und demokratische Ansichten zu äußern –, werden sie gewaltsam und tödlich unterdrückt. Alles im Namen islamischer Werte.

„Wie das faschistische Italien oder das nationalsozialistische Deutschland entstand auch die Islamische Republik aus einer sehr modernen, gegen die Aufklärung gerichteten Ideologie.“

Dies erklärt ein aufschlussreiches Paradoxon. Das ehrgeizigste theologische Experiment des 20. Jahrhunderts, ein Zeugnis des Islamismus, beherbergt heute die säkularste Bevölkerung im Nahen Osten. Im Herzen der Islamischen Republik blüht der Unglaube wie nirgendwo sonst. So sehr, dass der hochrangige iranische Geistliche Mohammad Abolghassem Doulabi im Jahr 2023 bekannt gab, dass aufgrund rückläufiger Besucherzahlen zwei Drittel der iranischen Moscheen – 50.000 von 75.000 – geschlossen wurden.

Was auch immer nach dem Ende dieses schrecklichen Krieges geschieht, die Islamische Republik wird fallen. Nicht, wie Islamisten weltweit behaupten, aufgrund westlicher Gewalt, sei es wirtschaftlicher oder militärischer Art, sondern aufgrund der inneren Widersprüche und Pathologien dieses reaktionären Projekts. Es spricht von Befreiung, verlangt aber gleichzeitig die Unterwerfung unter „keinen anderen Gott als Allah“. Es setzt die Ressourcen einer Nation für den Kampf gegen die vermeintlichen Übel der Verwestlichung und des Zionismus ein, ist aber nicht einmal in der Lage, die Iraner mit den grundlegendsten Lebensnotwendigkeiten zu versorgen. Im Namen des revolutionären Islam ermordet es zudem sein eigenes Volk.

Wie das faschistische Italien oder das nationalsozialistische Deutschland entstand auch die Islamische Republik aus einer sehr modernen, gegen die Aufklärung gerichteten Ideologie. Hoffen wir, dass auch sie bald auf dem Müllhaufen der Geschichte landet.

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