22.11.2021

Mehr Spaltung wagen?

Von Thilo Spahl

Die Ungeimpften zu Sündenböcken zu machen und die Meinungsfreiheit auf dem Altar der Seuchenbekämpfung zu opfern, sind schwere Fehler.

Seit langem wurde sie vielfach beklagt: die Spaltung der Gesellschaft. Nun traut sich endlich einer, sie zu begrüßen und sich offen zu dem zu bekennen, was viele schon mit großem Engagement betreiben. Der junge Zeit-Redakteur Christian Vooren schreibt: „Was es jetzt braucht, ist nicht mehr Offenheit, sondern ein scharfer Keil. Einer, der die Gesellschaft spaltet.“ Aber man möge ihn bitte nicht falsch verstehen: „Wenn davon die Rede ist, entsteht schnell ein Zerrbild im Kopf, als würde das Land in zwei gleich große Teile zerfallen. Doch so ist es nicht. Richtig und tief eingeschlagen, trennt er den gefährlichen vom gefährdeten Teil der Gesellschaft.“ 

Natürlich müsse man mit Bedacht vorgehen. Man müsse genau überlegen, an welcher Stelle man den Keil in die Gesellschaft treibt. Denn die Gruppe der Abzuspaltenden darf nicht zu groß sein. Sonst geht der Schuss schnell nach hinten los. „Sicher, es ist nicht ganz leicht, den Spaltpunkt exakt zu treffen“, meint Vooren. „Liegt er zu weit außerhalb, können die Extreme weiter wachsen. Liegt er zu weit innerhalb, gehen legitime kritische Stimmen verloren. Man wird diese Grenze immer wieder neu austarieren müssen. Ein Anfang wäre ja schon, alles nicht faktenbasierte, unwissenschaftliche und staatsfeindliche auszuschließen. Falschbehauptungen sind keine Meinung, Hetze ist keine berechtigte Sorge. Wer das nicht begreift, gehört auf die andere Seite.“

Mit anderen Worten: Wenn dir die Impfpflicht nicht passt, kannst Du ja nach drüben gehen: Zu den Reichsbürgern.

Wenn der bescheidene „Anfang“(!) auf dem Weg in eine bessere Welt darin besteht, „alles nicht faktenbasierte, unwissenschaftliche und staatsfeindliche auszuschließen“, was mag dann am Ende stehen? Man möchte es sich nicht ausmalen.

Kampf dem dissidenten Impf­skep­ti­ke­r*in­nen­chor

Vooren ist nicht der erste, der sich traut, zur Spaltung aufzurufen. Ein paar Tage vor ihm hat auch schon Jan Feddersen von der taz die Sehnsucht nach einem starken Mann zum Ausdruck gebracht. Offenbar konnte er sich nicht durchringen, Markus Söder zu preisen, so musste Macron als leuchtendes Beispiel dienen: „Das Geschwätz von SdG [als Abkürzung für „Spaltung der Gesellschaft“ von Feddersen genutzt] hat verhindert, dass man Tacheles redet. Wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der sich vom dissidenten Impf­skep­ti­ke­r*in­nen­chor nicht einschüchtern lässt. SdG – das ist die Ausrede an sich, demokratische Entscheidungen zu unterlaufen, wenigstens atmosphärisch.“

Nun, Feddersen sieht uns im Kampf gegen eine Tyrannei. Und dann darf auch ein alter Linker nicht zimperlich sein: „Ein demokratischer Staat kann, ja darf sich in puncto Corona nicht auf hochempfindsame Überlegungen und zeitlästige Dauergrübeleien verlegen, wie man die aktuell explodierenden Inzidenzziffern möglichst ohne SdG moderiert. Sein Job ist nicht der einer Moderation, sondern der einer ethischen Güterabwägung – und bei dieser darf in der Tat von einer „Tyrannei der Ungeimpften“ gesprochen werden. Diese blockieren mit ihren Impfunwilligkeiten Versorgungspotenziale in Krankenhäusern. Wichtige, lebenserhaltende Operationen können nicht ausgeführt werden, weil die Bettenkapazitäten von den Impfunwilligen in Beschlag genommen werden.“

Und weil das Ausstoßen am besten funktioniert, wenn man es mit einer anderen Rasse, oder besser noch Species, zu tun hat, findet sich auch eine entsprechende Artbezeichnung für die Volksschädlinge. Es sind die „Antiimpfmenschen“. Zu denen werden bald auch eine Menge doppelt Geimpfter zählen, wenn sie sich entscheiden, auf den Booster zu verzichten. Die zählen dann zur Unterart der „Antiboostermenschen“.

Es stellt sich die Frage, ob zu den Antiimpfmenschen auch die gehören, die nicht gegen Influenza, Pneumokokken, etc. geimpft sind, denn auch sie binden ja dann, wenn es ihnen schlecht geht „Bettenkapazitäten“. Bei der Influenza liegt die Impfquote der über 65-jährigen in Deutschland seit Jahren gerade einmal bei 35 Prozent! Da sollte jeder aufrechte, nicht-staatsfeindliche Bürger noch einmal aufmerksam sein gelbes Heftlein prüfen.

„Es stellt sich die Frage, ob zu den Antiimpfmenschen auch die gehören, die nicht gegen Influenza, Pneumokokken, etc. geimpft sind.“

Während es bei Vooren noch vorwiegend um ideologische Reinheit durch Abspaltung der Spinner, Skeptiker und Zweifler geht und das Mittel der Wahl wohl die Diskreditierung und Sperrung derselben ist, damit die „auf Verständnis konditionierte Mehrheit“ ihnen nicht auf den Leim gehen kann, stehen bei Feddersen offenbar materielle Verteilungskämpfe im Vordergrund. Ihm geht es um knappe Ressourcen und die Verdammung derer, die sie ihm streitig machen. Er spricht von „Versorgungspotenzialen“ und „Bettenkapazitäten.“

Was Feddersen nicht erwähnt, ist, wer eigentlich die Tyrannen sind, die uns Geimpften die Plätze auf den Intensivstationen wegschnappen und für „explodierende Inzidenzziffern“ sorgen -- und die es daher abzuspalten gilt. Es sind natürlich nicht die vorbildlichen Maskenträger, die seit anderthalb Jahren unter großen Entbehrungen in den Home Offices der Villenvororte ausharren, sondern eben besonders häufig Menschen aus migrantischen Milieus in den armen Teilen der Stadt.

Auch Julius Betschka vom Berliner Tagesspiegel ist daher ganz begeistert vom Krankenhaus Havelhöhe, idyllisch am Wannsee gelegen. Hurra! Dort kann man schon vier Monate nach der Erstimpfung einen Booster bekommen, teilt er der treuen Leserschaft mit, die indes längst dafür gesorgt hat, dass alle Termine ausgebucht sind. Noch nicht einmal Erstimpfungen sind dort bis auf weiteres zu haben. Das Irritierende dabei: Es ist eine Klinik für Anthroposophische Medizin. Und wir dachten immer, das sind die schlimmsten Impfgegner. Wer blickt da noch durch?

Wer sind die Ungeimpften?

Schaut man etwas genauer hin und betrachtet die gesundheitliche Situation derer, die „Versorgungspotenziale in Krankenhäusern“ blockieren, wird es traurig. Ein Kardiologe hat auf Twitter eine Momentaufnahme aus seiner Klinik mit über 1000 Betten veröffentlicht. Stand 20. November waren dort von 36 ITS-Betten sieben mit Covid-Patienten belegt, davon zwei ungeimpft: eine 59-jährige mit Übergewicht und Bluthochdruck und ein 58-jähriger mit Asthma. Bei beiden wurde zudem Vitamin-D-Mangel diagnostiziert.

„Da ein stetig wachsender Teil der Bevölkerung durch Impfung oder überstandene Infektion recht gut vor schweren Verläufen geschützt ist, sollte die Zeit der Hysterie allmählich vorbei sein.“

Verstorben waren in den letzten vier Wochen 15 Covid-Patienten, davon 6 ungeimpft: ein 82-jähriger Dialyse-Patient mit Koronarer Herzkrankheit, ein 66-jähriger mit metastasierendem Tumorleiden, ein 88-jähriger mit Demenz und Prostatakarzinom, ein schwerst adipöser 62-Jähriger mit Diabetes und Bluthochdruck, ein 46-Jähriger mit Koronarer Herzkrankheit nach Herzinfarkt, ein schwerst adipöser multimorbider 64-jähriger mit seltenem Erbleiden (Morbus Still) und Herzinsuffizienz. Wollen wir uns diese bedauernswerten Menschen wirklich als die feindlichen Truppen vorstellen, die wir aus der Gesellschaft abspalten müssen?

Ausgrenzung und Spaltung sind eine schlechte Strategie. Es ist in den letzten Wochen sehr deutlich geworden, dass die Impfung nicht, wie erhofft, die Ausbreitung der Infektion verhindern kann. Es ist falsch, jetzt Sündenböcke zu suchen und Meinungsfreiheit und das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper als die großen Hindernisse im finalen Kampf gegen das Virus zu stilisieren, die endlich über Bord geworfen werden müssten. Stattdessen sollten wir der Realität ins Auge sehen und uns darauf einstellen, mit dem endemisch werdenden Virus zu leben. Da ein stetig wachsender Teil der Bevölkerung durch Impfung oder überstandene Infektion recht gut vor schweren Verläufen geschützt ist, sollte die Zeit der Hysterie allmählich vorbei sein. Wenn Kranke -- geimpfte wie ungeimpfte -- zu behandeln sind, dann müssen wir dafür sorgen, dass dafür ausreichend Kapazitäten vorhanden sind. Statt die einen gegen die anderen aufzuhetzen, um von den schweren Mängeln der bisherigen Coronapolitik abzulenken.

 

PS: Es ist auch zu fragen, welche Variablen wir vernachlässigen, wenn wir umstandslos die Impfung als den entscheidenden Faktor für das „Volllaufen der Intensivstationen“ betrachten. Bei etwa gleicher Impfquote (Deutschland 67,3% und Schweden 68,8% vollständig geimpft) liegen in Schweden derzeit fast 10 mal weniger Covid-Patienten auf den Intensivstationen. In Deutschland waren, Stand 14.11.21, 36 coronapositive Patienten pro Million Einwohner in intensivmedizinischer Behandlung, in Schweden waren es 3,7.