02.11.2016

Mehr Schaden als Nutzen durch Amalgamverbot

Analyse von Thilo Spahl

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Foto: WikiCommons

Der Klassiker unter den Zahnfüllungen ist Amalgam. Es besteht zur Hälfte aus Quecksilber, einem giftigen Schwermetall. Ein Verbot wäre dennoch nicht sinnvoll.

Der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments hat Ende Oktober mit großer Mehrheit dafür gestimmt, Quecksilber in Zahnfüllungen ab dem Jahr 2022 generell zu verbieten und nur noch in Ausnahmefällen zuzulassen.

Martin Häusling (Grüne), Mitglied im Umweltausschuss, kommentiert:
Quecksilber ist eine hochgiftige Substanz, die Menschen und Umwelt gefährdet. Ich begrüße sehr, dass die überwältigende Mehrheit der Abgeordneten Quecksilber in der Zahnmedizin bis spätestens zum Ende des Jahres 2022 weitgehend verbieten will. In Schweden ist Quecksilber seit Jahren in der Zahnmedizin weitgehend verboten. Höchste Zeit, dass die schwedische Regelung in der ganzen Europäischen Union Gesetz wird.“

Dass sich der Umweltausschuss mit Quecksilber befasst, ist einleuchtend. Wenn wir vermeiden können, dass das giftige Schwermetall in die Umwelt gelangt, sollten wir das tun. Amalgam ist dabei durchaus relevant. Es stellt mit rund 75 Tonnen pro Jahr die mengenmäßig zweitwichtigste Verwendung von Quecksilber in der EU dar. Deshalb heißt es im Ausschussvorschlag vom Februar 2016 in Absatz 17:
„Die Verwendung von Dentalamalgam in verkapselter Form und die Verwendung von Amalgamabscheidern sollten verbindlich vorgeschrieben werden, um Zahnärzte und Patienten vor einer Quecksilberexposition zu schützen und sicherzustellen, dass die entstehenden Quecksilberabfälle nicht in die Umwelt freigesetzt, sondern gesammelt und umweltgerecht behandelt werden.“

„Alternativen zum Amalgam werden nicht generell als weniger gesundheitsbedenklich betrachtet.“

Der Ausschuss hatte also vor wenigen Monaten noch kein Verbot von Dentalamalgam gefordert, sondern nur, dass dafür Sorge getragen wird, dass kein Quecksilber in die Umwelt gelangt. Die Begründung lautete:
„Die Folgenabschätzung führt anhand der verfügbaren wissenschaftlichen Informationen zu dem Schluss, dass ein Verbot der Verwendung von Dentalamalgam nicht verhältnismäßig wäre, da die von Dentalamalgam ausgehenden Gesundheitsrisiken nicht eindeutig nachgewiesen sind und ein Verbot hohe Kosten mit sich bringen würde.“

Im Juni schien diese wissenschaftliche Einschätzung dann keine Rolle mehr zu spielen. Im einem Berichtsentwurf  wird nun gefordert, dass die Verwendung von Dentalamalgam bis Ende 2021 schrittweise verboten werden soll. Und so ist es im Oktober dann auch beschlossen worden. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht angeführt. Es gibt auch keine. Auf den Informationsseiten zu Amalgam des Generaldirektorats für Gesundheit und Verbraucherschutz der EU-Kommission wird auf Basis der Gutachten der Wissenschaftlichen Ausschüsse „Neu auftretende und neu identifizierte Gesundheitsrisiken“ (SCENIHR) und „Gesundheit und Umweltrisiken“ (SCHER)  folgendes Fazit formuliert:
„Sowohl Zahnamalgame als auch verschiedene alternative Füllungsmaterialien gelten als wirksam und sicher in der Anwendung. Man verbindet sie mit einem sehr kleinen Anteil lokaler Wirkungen im Mundbereich und es gibt keinen Nachweis dafür, dass sie Krankheiten verursachen könnten. Die relativen Risiken und Nutzen der Anwendung verschiedener Zahnfüllungsmaterialien sollten den Patienten und der breiten Öffentlichkeit erklärt werden.“

Dabei werden die Alternativen zum Amalgam nicht generell als weniger gesundheitsbedenklich betrachtet:
„Manche alternative Füllungsmaterialien sind chemisch sehr komplex und nicht notwendigerweise ohne gesundheitliche Auswirkungen. […] Ihre vollständige chemische Zusammensetzung wird allerdings nur selten offen gelegt und ist schwer fest zu stellen. Informationen über Belastungen sind selten und schwer zugänglich. Deshalb ist es möglicherweise nicht auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse nachweisbar, dass alle alternativen Zahnfüllungsmaterialien sicher sind.“

„Amalgam ist ein dankbares Opfer für Politiker, die sich als Verbraucherschützer profilieren wollen.“

Das sind vorsichtige Formulierungen und wir können wohl getrost davon ausgehen, dass sowohl Amalgam als auch andere Materialien für Zahnfüllungen insgesamt harmlos sind.  Der Nachteil von Amalgam liegt vor allem darin, dass die metallische Füllung nicht zahnfarben ist und man es dem Gähnenden daher ansieht, dass sein Gebiss schon ziemlich ausgebessert ist. Dafür ist es sehr langlebig. Wer sich nicht einreden lässt, die Füllungen müssten ausgetauscht werden, dem können sie einige Jahrzehnte gute Dienst leisten.

Warum soll dann Amalgam europaweit verboten werden? In gewisser Hinsicht ist es ein dankbares Opfer für Politiker, die sich als Verbraucherschützer profilieren wollen. Zumindest in Deutschland wird sich der Protest in Grenzen halten. Die Nutzung ist stark rückläufig. Die meisten Zahnärzte raten zu mit Zusatzkosten verbundenen alternativen Füllmaterialien. Die meisten Patienten bevorzugen diese aus kosmetischen Gründen und weil sie natürlich auch schon gehört haben, dass Amalgam irgendwie gesundheitsschädlich sein könnte. Dafür sorgt nicht zuletzt eine kleine „Entgiftungsindustrie“ mit Büchern wie „Amalgam - das schleichende Gift. Folgekrankheiten, Entgiftungsmethoden, Checklisten“ oder „Quecksilber richtig ausleiten – endlich gesund werden!“ oder „Amalgam – Risiko für die Menschheit“, in denen alle möglichen Krankheiten von Autismus bis Krebs auf die Zahnplomben zurückgeführt werden. Naturheilkundler bieten entsprechende „Ausleitungstherapien“ an. Und viele Zahnärzte übernehmen natürlich gerne die „Sanierung“ des Gebisses. Insgesamt ein gutes Geschäft mit dankbaren Kunden, die glauben, etwas Gutes für ihre Gesundheit zu tun.

Und es funktioniert. Wer davon überzeugt ist, dass Amalgam ihn krank macht, fühlt sich nach dem Ersetzen durch andere Füllungen in der Regel besser. In einer Studie mit 127 Teilnehmern mit selbst diagnostizierter Amalgamkrankheit  (SDA) im Rahmen des „German Amalgam Trial“ wiesen diese vor der Sanierung durchschnittlich 23 Beschwerden auf. Am meisten allgemeine Mattigkeit (59 Prozent),  rasche  Ermüdung  (44 Prozent),  Kopfschmerzen (36 Prozent)  und  Stimmungsschwankungen  (34 Prozent). Nach der Sanierung waren es nur noch 16. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass die Beschwerden dem Amalgam zuzuschreiben waren. Patienten einer Vergleichsgruppe behielten die Plomben und bekamen stattdessen eine Psychotherapie – mit dem gleichen Erfolg.

„Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Grund auf Amalgam zu verzichten.“

Die selbst diagnostizierte Amalgamkrankheit ist keine Krankheit im herkömmlichen Sinne. Zwar gibt es  eine gewisse Aufnahme von Quecksilber aus Amalgamfüllungen durch den Körper. Diese liegt jedoch weit unter den Grenzwerten und in der gleichen Größenordnung wie durch den Verzehr von Fisch, der zweiten relevanten Quecksilberquelle. Dennoch hat man noch nie von Menschen mit SDF (selbst diagnostizierter Fischkrankheit) gehört. Es fehlen alle wesentlichen Charakteristika von Krankheiten.

Die allermeisten Menschen mit Amalgamfüllungen fühlen sich nicht krank. Es gibt keine spezifischen Symptome, die nur bei Menschen mit Amalgamfüllungen vorkommen. Die Symptome sind sehr unbestimmt und vielfältig, SDA-Patienten haben in Fragebögen mehr als 300 Symptome mit ihren Amalgam-Füllungen in Verbindung gebracht. Es gibt also kein klares Krankheitsbild. Und es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Füllungen und den Beschwerden. Deshalb wurde mittlerweile vorgeschlagen, die Bezeichnung „SDA“ durch „Idiopathic Environmental Intolerance" (IEI) zu ersetzen. IEI liegt dann vor, wenn es bei niederschwelliger Exposition zu einer selektiven Aufmerksamkeitslenkung auf chemische Auslösereize und damit assoziierte körperliche Beschwerden kommt.

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Grund auf Amalgam zu verzichten und somit schon gar keinen, es zu verbieten. Ist es nicht dennoch schlau, auf Nummer sicher zu gehen und Amalgam vorsichtshalber zu verbieten? Nein. Amalgamfüllungen sind preiswert, lange haltbar, einfach einzubringen und hemmen die Vermehrung von Kariesbakterien. Auf diese Vorteile verzichten zu müssen, ist für Hunderte von Millionen Europäer, insbesondere in den ärmeren Ländern, ganz gewiss keine gute Nachricht. Es wird zu einer Verschlechterung der Zahngesundheit und erheblicher Kostenbelastung führen.

Was auch immer den Umweltausschusses des Europäischen Parlaments zum Umdenken bewogen und den grünen Europaabgeordneten Martin Häusling zum Jubeln gebracht hat, wird in der Konsequenz das Leben von unzähligen Europäern eher verschlechtern als verbessern.