01.03.2009

Willkommen in Hypochondrien!

Kommentar von Tracey Brown

Eine Kritik an der ständig wachsenden und krank machenden Gesundheitsobsession.

Unsere Gesundheit ist zu einem nationalen Zeitvertreib geworden. Dies hat allerdings wenig damit zu tun, ob wir krank sind oder nicht. Berichten vom letzten Jahr zufolge wird jeder vierte Termin beim Allgemeinmediziner von jemandem wahrgenommen, der keine Beschwerden hat. Wir wollen gescannt, durchleuchtet und auf frühe Krankheitszeichen abgetastet werden. Wir möchten die Diagnose für unbestimmte Symptome und besondere Ernährungsvorschriften, nach denen wir uns richten sollen. Unsere Liste von zu vermeidenden Stoffen wächst mit jedem Zeitungsartikel über Krebsverdächtigkeit und jedem Nahrungsmittelskandal.

Warum ist das so? Ich verbringe meinen Arbeitstag damit, darzulegen, dass es für viele Behauptungen zur Gesundheit keinerlei Beweise gibt. Eher scheinen viele Befürchtungen auf dubiosen medizinischen Aussagen zu basieren, auf überbewerteten Forschungsergebnissen oder irreführenden Vorstellungen über Körper und Krankheit. Vor ein paar Wochen erzählte mir ein Kollege, der jeden Tag zur Arbeit pendelt, dass er „auf Tabletten wäre wegen eines Nachbarschaftsproblems“ (Parkplatzstreit). Das war in jener Woche, als die BBC-Sendung „Woman‘s Hour“ über die pseudowissenschaftliche medizinische Behandlung ungezogener Kinder diskutierte und ein Artikel über Ernährungsempfehlungen für ein erfülltes Sexualleben auf meinem Tisch landete. Weil ich gerade von einer Auseinandersetzung über die pseudowissenschaftliche „Brain Gym“ (Gehirngymnastik) kam, die benutzt wird, um die geistige Leistungsfähigkeit von Grundschulkindern zu steigern, fragte ich mich unwillkürlich, warum uns so viele Dinge zuallererst als medizinische Probleme präsentiert werden.

Es gibt eine verständliche Neigung dazu, die Gesundheitsindustrie anzuklagen, die uns entweder anregt, unseren Lieben zu Weihnachten ein Ganzkörperscanning zu schenken (vermutlich um ihnen zu sagen, wie sehr wir an ihnen hängen), oder Vitamine zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit von Kindern bewirbt und generell unser Krankheitsrisiko und unseren Tablettenbedarf übertreibt. Carl Elliots unbequemer Bericht darüber, wie der Wunsch, „mehr als gesund“ zu sein, im Amerika des 21. Jahrhunderts kultiviert wird, beschreibt viele Facetten dieser Medikalisierung der Konsumkultur, von aggressiven Vermarktungskampagnen für Antidepressiva bis zur Werbung für Selbstverwirklichung durch Schönheitsoperationen. Dieser Bericht wirft zudem auch die Frage auf, ob Werbebotschaften schon der Gipfel und die Talsohle des Ganzen sind. Während die Gesundheitsvermarktung für eine hypochondrische Nation sicherlich etwas Neues war, sieht Elliot den Ursprung unseres Verantwortungsgefühls dafür in einer „radikal-individualistischen Gesellschaft“, in der man „Bedeutsamkeit in zunehmendem Maße eher im privaten als im öffentlichen Leben findet“.1 Unser Körper und unser Lebensstil sind zum Objekt des Bedürfnisses nach Erfüllung oder Befreiung geworden. Werbung und Populärliteratur über Gesundheit reagieren genauso auf unser Bedürfnis danach, wie sie es suggerieren.

Vielleicht sollten wir, wie einige Kolumnisten und Kommentatoren angeregt haben, uns einfach aufraffen und diese pseudomedizinische Aufmerksamkeit stoppen. Man erzählt uns, dass uns die Erwartung einer guten Gesundheit neurotisch gemacht hat. Wir sind nicht so robust wie noch vor 60 Jahren, als es uns peinlich war, uns beim Arzt wegen der Ergebnisse unseres Tests auf Nahrungsmittelunverträglichkeit hinter jemandem mit abgerissenen Beinen anzustellen. Jetzt sind wir eine Nation, die von ihren Gedärmen und klapprigen Gebissen besessen ist, die nach einer gehaltvollen Pizza im Schuldbewusstsein schwelgt und sich dann auf der Suche nach Buße zum Cholesterintest begibt. Aber warum sollte eine gesündere Bevölkerung zwangsläufig auch gesundheitsfanatischer sein müssen? Gesundheit, so scheint es, ist die Währung, mit der wir für viele Bereiche unseres Lebens bezahlen. Und das ist nicht unsere Schuld. Vom Versprechen des Premierministers, scheinbar gesunde Männer durchleuchten zu lassen (wegen möglicher Anzeichen für Nieren- und Herzkrankheiten, Aneurismen und Schlaganfälle) bis zu von Lokalbehörden bezahlten Informationsblättern zur Verbesserung von Schülerleistungen – zahlreiche Einrichtungen mischen sich sehr gezielt in unsere Gesundheit ein. Politische Maßnahmen und Budgets müssen in „Gesundheitsfaktoren“ ausgedrückt werden. Gute Politiker sorgen sich um unsere Gesundheit. Gute Arbeitgeber sorgen sich um unsere Gesundheit. Gute Schulen sorgen sich um die Gesundheit unserer Kinder. Müssen wir uns nicht auch sorgen?

Falls nicht, gibt es in der öffentlichen Gesundheitsversorgung und beim Medizinmarketing einen wachsenden Appetit auf den sogenannten „effektiven Einsatz von Angst“. Bestimmte Geschichten werden immer wieder in Werbeaussagen und in öffentlichen Gesundheitskampagnen genutzt, die die Gefahren eines Mangels an Wachsamkeit und die Notwendigkeit von Körperüberwachung überbetonen. Wir hören von dem Mann, der seinem Gefühl folgte, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte, und den ignoranten Arzt eines Besseren belehrte; wir hören von der ehrgeizigen Großstädterin, die glaubte, normal zu leben, und dann erfährt, dass sie Leberkrebs hat – allesamt erfundene Geschichten, die uns warnen, wir sollten vielleicht mehr dafür tun, dass es uns gut geht. In manchen Fällen wird der drohende Aspekt in der Werbung für mehr Gesundheitsvorsorge sehr deutlich: Wenn wir ungesund und mit wenigen Vorsorgeuntersuchungen durchs Leben gegangen sind, werden wir gewarnt, dass wir nicht erwarten sollten, die Ressourcen unserer medizinischen Einrichtungen oder unserer Krankenkasse in Anspruch nehmen zu können, um das wieder in Ordnung zu bringen.

Deshalb überrascht es nicht, wenn so viele unserer gesellschaftlichen Handlungen inzwischen eine medizinische Komponente haben: Zwischen der Gesundheitsverantwortung des Arbeitgebers und der Beratung von Eltern, wie sie ihren Kindern bei Prüfungsstress helfen können, gibt es viel Raum für quacksalberische und armselig begründete Ratschläge (obwohl ich zugegebenermaßen verblüfft bin von der schieren Anmaßung derer, die sich berufen fühlen, uns ohne jede medizinische Ausbildung als Individuen oder als Bevölkerung zu „behandeln“!). Es ist also keineswegs überraschend, dass fragwürdige medizinische Überzeugungen aufkommen und die Leute zum Arzt laufen, den Online-Gesundheitscheck machen oder das Produkt zur Stärkung des Immunsystems kaufen. Wir haben Angst, nachlässig zu sein. Wir müssen unseren Körper arbeitsfähig erhalten wie einen empfindlichen Apparat, der uns überlassen wurde und dem wir die gebührende Sorgfalt erweisen müssen, falls etwas kaputtgehen sollte. Während sich manch Gesunder aus Furcht vor Krankheit auf eine angsterfüllte oder zerstörerische Odyssee durch Tests oder eine Selbstbehandlung mit Ernährungszusätzen schicken lässt, bleiben die meisten von uns mit einem unsicheren Gefühl zurück, dass unser Leben medizinischer Aufmerksamkeit bedürfe. Das wird als „Übernahme von Verantwortung“ beschrieben. Aber Furcht macht uns leichtgläubig, und leider sieht das für mich beängstigend stark nach dem Entstehen ungesunder Abhängigkeiten aus.