23.03.2017

Marionettenvereine gegen Alkohol

Analyse von Christopher Snowdon

Titelbild

Foto: GregMontani via Pixabay / CC0

Hinter Forderungen nach Regulierung wie etwa Alkoholwerbeverboten stehen zumeist staatliche finanzierte Organisationen, deren Lobbying gezielt gesteuert wird.

Die Verein Alcohol Focus Scotland hat kürzlich von der schottischen Regierung ein Werbeverbot für Alkohol im öffentlichen Raum und im Fernsehen vor 23 Uhr gefordert. Auch in allen Tageszeitungen und Zeitschriften soll das Werbeverbot gelten – außer solchen „für Erwachsene". Außerdem soll Sport- und Kultursponsoring durch Alkoholhersteller komplett untersagt sein. Was immer nach dieser Säuberungsaktion an Alkoholwerbung verbliebe, dürfe sich, so die Organisation, ausschließlich auf reine Fakten wie etwa Zusammensetzung, Ursprung und Herstellung der Produkte beschränken.

Eine breite öffentliche Unterstützung für diese drastische Einschränkung der Werbefreiheit fehlt. Nie hat ein Sternmarsch auf das Parlament mit der Forderung nach einem Ende der Werbung für Guinness-Bier stattgefunden. Würde man die Schotten fragen, welche politischen Themen ihnen am meisten auf den Nägeln brennen, würde Alkoholwerbung wohl bei kaum jemandem höher rangieren als auf Platz 1000. Vielmehr ist dies ein klassisches Beispiel für einen Prozess, den ich in meinem Buch „Sock Puppets" vor fünf Jahren beschrieben habe.

Die Inszenierung läuft nach folgendem Muster ab: Die Regierung findet (oder gründet) eine gemeinnützige Organisation, überschüttet sie mit Steuergeldern und hält sie an, sich für neue Steuern oder Regulierungen einzusetzen. Nach einigen Jahren der Agitation durch staatlich finanzierte Aktivisten der vermeintlichen Graswurzelbewegung „beugt" sich die Regierung schließlich dem Volkswillen und verabschiedet Gesetze, die die Bevölkerung drangsalieren, stigmatisieren und ausbeuten.

„Eine ganze Schar überfürsorglicher Interessengruppen zieht auf Kosten der Steuerzahler gegen die Freiheit zu Felde“

Diese unglaubliche Theater wiederholt sich nun schon seit Jahren. In Irland beispielsweise hat sich in den vergangenen zwei Jahren die Organisation Alcohol Action Ireland für einen Gesetzentwurf stark gemacht, der, sollte er verabschiedet werden, neben Werbeverboten einen Mindestpreis (0,80 Euro) für alkoholische Getränke vorschreibt und den Alkoholverkauf generell unter den Ladentisch verbannt. Alcohol Action Ireland gibt an, sowohl staatlich als auch nicht-staatlich finanziert zu sein. Vordergründig entspricht das den Tatsachen. Schaut man sich jedoch die Jahresberichte genauer an, so erkennt man schnell das Ungleichgewicht der Geldquellen. Im letzten Jahr, für das Berichte vorliegen, erhielt die Organisation 3000 Euro private Spenden und 213.000 Euro an staatlichen Zuwendungen. Dies entspricht einem Verhältnis von 71:1 zu Gunsten des Staates.

Die gleiche Heuchelei findet auch überall in Großbritannien statt. Action on Smoking and Health schikaniert Raucher schon seit Jahrzehnten mit Hilfe von Steuergeldern, Alcohol Concern tut es mit den Alkoholkonsumenten, und es gibt eine ganze Schar überfürsorglicher Interessengruppen mit Namen wie Public Health Action und UK Health Forum, die auf Kosten der Steuerzahler für rückschrittliche Abgaben und Einschränkungen der Freiheit zu Felde ziehen.

Die Organisation Alcohol Focus Scotland macht da keinen Unterschied. Ihre jüngsten Jahresberichte zeigen, dass sie die Hälfte ihres Einkommens direkt von der schottischen Regierung bezog. Ein Großteil des übrigen Geldes stammte aus einer von ihr veranstalteten Abstinenzlerkonferenz, die wiederum von der Regierung und mit Mitteln aus dem öffentlichen Gesundheitssystem gefördert wurde. Alcohol Focus Scotland nutzte diese Konferenz für ein Loblied auf die Regierungschefin Nicola Sturgeon und deren „mutige" Forderung nach Mindestpreisen für Alkohol. Sturgeon erschien höchstselbst bei der Party, um die Lorbeeren entgegenzunehmen – von einem Verein, der ihr in jeder Hinsicht hörig ist.

„Nicht die Regierung ist der Adressat der Lobbyarbeit – wir sind es“

Die Pressemitteilung zum kürzlich erschienenen Bericht über Alkoholwerbung enthält auch ein erhellendes Zitat des Beauftragten der schottischen Regierung für Kinder und Jugendliche, Tam Baillie, in dem er seine ausdrückliche Unterstützung für den Vorstoß zum Ausdruck bringt. Die Regierungspartei hat die öffentliche Meinung offensichtlich bereits soweit für sich vereinnahmt, dass eine staatlich finanzierte gemeinnützige Vereinigung bei ihrem Lobbying die Zustimmung der Regierungsmitglieder, die sie vermeintlich umwirbt, ganz schamlos direkt in ihren Publikationen veröffentlichen kann.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass solche Anstrengungen gar nicht auf die Regierung abzielen. Nicht die Regierung ist der Adressat dieser Lobbyarbeit – wir sind es. Die Absicht hinter dem PR-Spektakel besteht darin, die Illusion einer breiten gesellschaftlichen Unterstützung für Themen zu erzeugen, denen die Bevölkerung gleichgültig, wenn nicht sogar ablehnend, gegenübersteht. Dies geschieht entweder mit Duldung der Regierung oder deren stillschweigender Zustimmung.

Für den Bericht – ein hauchdünnes sechsseitiges Dokument in Großdruck – zeichnen die „virtuellen Experten für Alkoholmarketing" von Alcohol Focus Scotland verantwortlich. Namentlich genannt werden die Autoren nicht, aber man kann davon ausgehen, dass es sich um die selben Mitglieder der "Expertengruppe für Alkoholmarketing" der Vereinigung handelt, die sich letztes Jahr fast ausnahmslos als Aktivisten der Abstinenzlerbewegung geoutet hatten. Dies ist keine Übertreibung. Drei von ihnen sind Angestellte, Kuratoren oder Berater des Institute of Alcohol Studies, das in den 1980ern von der Alliance House Foundation ins Leben gerufen wurde – als Nachfolger der strammen Prohibitionsbewegung UK Temperance Alliance aus viktorianischer Zeit. Die Alliance House Foundation, deren erklärtes Ziel die „Verbreitung des Prinzips der totalen Alkoholabstinenz" ist, finanziert das Institute of Alcohol Studies fast allein.

„Eine Truppe bibelwerfender Abstinenzler und prüder Prohibitionisten fordert, der Reklame für den Suff den Garaus zu machen“

Die meisten „Experten" der Gruppe sind entweder mit etablierten Abstinenzlerorganisationen wie etwa den Guttemplern oder der Global Alcohol Policy Alliance verbandelt oder Mitglieder eingefleischter Bevormundungsvereine wie zum Beispiel Alcohol Health Ireland, Alcohol Focus Scotland, Balance und dem UK Health Forum, die ihren Unterhalt zu einem Großteil – und manchmal ausschließlich – mit dem Geld der ahnungslosen Steuerzahler bestreiten. Die Situation in Deutschland weist Ähnlichkeiten dazu auf.

Prominentestes Mitglied der Expertengruppe ist Gerard Hastings, Berater des Institute of Alcohol Studies und Professor für „Sozialmarketing" an der Universität Stirling, der die Schotten zum „weltweiten Krieg" gegen den Alkohol aufgerufen hat. In der Pressemitteilung als „international anerkannter Experte" betitelt, ist er weithin bekannt für seinen fanatischen Hass auf die Marktwirtschaft und insbesondere auf die Werbung. Seinem Hang zur Poesie und der Neigung, bei seinen evangelikalen Reden beinahe in Tränen auszubrechen, ist es wohl geschuldet, dass er Konsumenten gern als „Sklaven" bezeichnet und Werbetreibenden „Kindesmissbrauch" vorwirft. Als jemand, der erst relativ spät im Leben den Weg in die Hängematte der Volksgesundheitsbewegung gefunden hat, scheint Hastings den Kampf gegen den Alkohol wohl als Teil eines größeren und bedeutsameren Krieges gegen den freien Austausch von Waren und Dienstleistungen zu begreifen.

Es ist wenig überraschend, dass diese Truppe bibelwerfender Abstinenzler, prüder Prohibitionisten und verbohrter Corbynisten von der Regierungspartei fordert, der Reklame für den Suff den Garaus zu machen. Hinsichtlich der Belege, die ihre Forderung nach dem Schutz der Kinder untermauern sollen, besticht ihr Report durch erstklassige Rosinenpickerei, jedoch können alle Tricks aus der sozialwissenschaftlichen Mottenkiste nicht darüber hinwegtäuschen, dass Alkoholwerbung die Nachfrage nach Alkohol erwiesenermaßen nicht erhöht. Laut einer Bewertung von Cochrane aus dem Jahr 2014 gibt es keine Hinweise auf eine Wirkung, die für Werbebeschränkungen sprechen würde, was allerdings hauptsächlich auf die schlechte Qualität der Studien zurückzuführen sei. Irgendwann hat sich vielleicht genug Pseudowissenschaft zugunsten der Prohibitionisten angehäuft, um die Politiker mit Masse statt Klasse überzeugen zu können, aber ganz soweit ist es noch nicht.

„Es muss klar sein, dass Werbeverbote nichts gegen trinkende Minderjährige, Komasaufen und Alkoholismus ausrichten werden“

Ehrlich gesagt gehe ich nicht einmal davon aus, dass die Leute hinter diesem Bericht an ihre eigene Propaganda glauben. Tief im Innern muss ihnen klar sein, dass Werbeverbote nichts gegen trinkende Minderjährige, Komasaufen und Alkoholismus ausrichten werden. Sie folgen lediglich weiter dem Pfad, der von ihren Glaubensvettern, den Antirauchern, ausgetreten wurde. Aber vom Kreuzzug gegen den Tabak wissen wir bereits auch, wie der aktuelle Film enden wird. Sobald sich die Werbeverbote als unwirksam erwiesen haben, werden sich die Moralunternehmer über die „Schlupflöcher" beschweren, die Werbung in Pornoheften und mitternächtlichen Werbeunterbrechungen noch ermöglichen. Sind diese gestopft, monieren sie den Alkohol im Verkaufsregal auf Kinderhöhe (was sie schon tun). Von da aus ist es nicht mehr weit bis zur Einheitsverpackung für Alkoholika, zu der es bereits erste „Untersuchungen" gibt.

Die Kosten dieses verheerenden Regulierungssturms werden nicht von den Geschäftsführern der diversen halbstaatlichen Organisationen und Pseudo-Vereine getragen. Ein weitreichendes Werbeverbot geht zu Lasten von Presse, Rundfunk und den Organisatoren von Sport-, Musik- und Kulturveranstaltungen. Letztendlich trifft es Sie und mich durch höhere Preise und eingeschränkte Vielfalt.

Die Volksgesundheitslobby wischt diese Bedenken vom Tisch und behauptet, andere Sponsoren würden die Lücke füllen, sobald die Alkoholmagnaten erst einmal aus dem Markt gedrängt worden sind. Aber es gibt nur eine begrenzte Menge Geld zu verteilen. Übernimmt beispielsweise eine Softwarefirma von einem Bierhersteller die Finanzierung eines Fußballvereins, muss sie anderswo im Gegenzug wiederum einen Sponsoringvertrag auflösen. Irgendwo stromaufwärts werden also Werbemittel verloren gehen. Die Champions League wird das vermutlich verschmerzen können, aber die kleinen Vereine und Musikfestivals sollten sich Sorgen machen. Wohl auch in Deutschland, wo ähnliche Forderungen erhoben werden.

„Solange auf der Meinungsfreiheit herumgetrampelt wird, gibt es wenig Hoffnung für den Schutz der Werbefreiheit“

Um ein Beispiel zu nennen, das mir am Herzen liegt: Das professionelle Snooker hat sich nie vom Verbot des Tabaksponsorings erholt, genauso wenig wie der Breitensport vom Rauchverbot. Der Weltklasse-Snookerspieler Ronnie O’Sullivan erinnert sich in seiner Autobiografie: „Nach dem Ende des Tabaksponsorings gab es keinen Ersatz". Der Vorsitzende des Weltverbandes, Barry Hearn, hat dem Sport inzwischen wieder auf die Beine geholfen, aber viele der neuen Sponsoren sind Fast-Food-Ketten und Anbieter von Online-Spielen - beides Branchen, die ins Visier der Moralisten der Volksgesundheitsbewegung geraten sind. Es gibt kein Entkommen.

Solange mit illiberalen Gesetzen gegen Hate Speech und anderen Absurditäten auf dem Recht zur freien Meinungsäußerung herumgetrampelt wird, gibt es wenig Hoffnung für den Schutz der Werbefreiheit in Großbritannien, insbesondere wenn diese für viele Verfechter der Redefreiheit lediglich ein Randthema darstellt. Aber auch wenn es um die Redefreiheit derzeit schlecht bestellt ist, besteht für den Einzelnen keine Verpflichtung, sich immer „angemessen, ehrlich und wahrheitsgemäß" zu äußern. Will man allerdings etwas bewerben, ist dies gemäß dem Kodex der britischen Werbewirtschaft genau das, was man zu tun hat – und falls man für Alkohol werben will, sind die Einschränkungen sogar noch größer.

Und nun fragen Sie sich selbst: Was für eine Art Staat würde etwas verbieten wollen, das per Definition angemessen, ehrlich und wahrheitsgemäß ist, und gleichzeitig die Steuerzahler zwingen, Lobbygruppen zu subventionieren, denen diese Tugenden völlig abgehen?