25.11.2014

Eine Krankheit namens Volksgesundheit

Analyse von Christopher Snowdon

Gesundheitspolitik wird zunehmend illiberal. Der individuelle Lebensstil gerät immer mehr in die Mühlen eines sich gesundheitsbesorgt gebenden Paternalismus. Wir sollten endlich anfangen, uns gegen die modernen Puritaner zur Wehr zu setzen.

Werfen wir einmal einen Blick auf eine unvollständige Liste von Maßnahmen, die in der jüngeren Vergangenheit im Namen der „Volksgesundheit“ vorgeschlagen worden sind: Mindestpreis für Alkohol, Einheitsverpackung für Tabakwaren, 20-prozentige Steuer auf Limonade, Fettsteuer, Zuckersteuer, Geldbuße, wenn man nicht regelmäßig ein Fitnessstudio aufsucht, bildliche Warnhinweise auf Alkoholflaschen, Besteuerung einiger Nahrungsmittel bei gleichzeitiger Subventionierung anderer, Verkaufsverbot für warme Gerichte an Kinder vor 17 Uhr, absolutes Tabakkaufverbot für alle ab dem Jahr 2000 Geborenen, Verbot von Großpackungen Kartoffelchips, Verbot von Lunchpaketen, Totalverbot jeder Alkoholwerbung, Verbot von E-Zigaretten, Verbot von Mentholzigaretten, Verbot von großen Softdrinks, Verbot, die Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen, und Verbot jeglicher Werbung, die sich an Kinder richtet.

Ohne Zweifel betrachten sich viele der Verfechter derartiger Bestimmungen als „Liberale“. Da können wir nur hoffen, dass sie nicht noch ins Autoritäre abgleiten. Seit den Tagen freundlicher ärztlicher Empfehlungen hat sich offenbar viel getan. Nehmen wir nur folgenden Kommentar des Präsidenten des britischen Ärzteverbandes Royal College of Physicians von Mitte der 1950er Jahre, als der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs deutlich zu werden begann: „Ob wir über die reinen Fakten hinausgehen sollten, bis zur Frage, ob wir der Öffentlichkeit angesichts dieser Fakten Handlungsempfehlungen erteilen sollten, scheint mir hinsichtlich der Rolle unseres Verbandes doch sehr zweifelhaft.“ [1] Dabei handelt es sich übrigens um den denselben Ärzteverband, der heutzutage alle paar Jahre ein eigenes „Manifest“ veröffentlicht, und das Rauchen im eigenen Auto zum Straftatbestand machen will, selbst wenn kein Dritter anwesend ist. [2]

Schleichende Kompetenzerweiterung

Gesundheit war einst als Abwesenheit von Krankheit definiert. Seit den 19070er bezeichnet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gesundheit allerdings als „einen Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ und fordert: „Gesundheit für Alle.“ Wie Petr Skrabanek im Jahre 1994 bemerkte, erhält die WHO dadurch eine Mission mit Ewigkeitsgarantie: „Jedermann, der krank ist oder – Gott bewahre – auf seinem Sterbebett liegt, jeder, der nicht die Euphorie positiver Gesundheit wie von der WHO definiert erfährt, steht diesem Ziel im Wege. Alte Leute, die ins Vergessen der Demenz abtreiben, versauerte Jungfern, sitzengelassene Liebende, bankrotte Spieler, Witwen ertrunkener Fischer, Gewaltopfer oder Wahnsinnige hinter Schloss und Riegel passen ebenfalls nicht in dieses Bild. Selbst die Christen waren in ihrem grenzenlosen Optimismus insofern realistischer, als sie das Versprechen vollständigen Glücks für das Jenseits aufgespart haben.“ [3]

„Heute bedeutet ‚Volksgesundheit‘, die Leute vor sich selbst zu schützen.“

Im gleichen Maße, wie man die Definition von „Gesundheit“ geändert hat, hat sich auch die Bedeutung des Begriffes „Volksgesundheit“ (engl. Public Health) verschoben. Letztere umfasste seinerzeit Impfungen, Hygienemaßnahmen und Aufklärung. „Öffentlich“ war die Volksgesundheit nur insofern, als sie Menschen vor den ansteckenden Krankheiten Dritter schützte. Heute bedeutet der Begriff, die Leute vor sich selbst zu schützen. Das Wort „Epidemie“ wurde gleichermaßen von seiner eigentlichen Bedeutung gelöst – dem Ausbruch einer Infektionskrankheit – und wird stattdessen zur Beschreibung persönlichen Verhaltens wie des Alkoholtrinkens oder nicht übertragbarer Krankheiten wie Krebs oder körperlicher Zustände wie Übergewicht herangezogen, bei denen es sich weder um Krankheiten noch um Aktivitäten handelt. Dieser Wechsel von der wörtlichen Bedeutung hin zu poetischen Metaphern, erlaubt die Täuschung, Regierungen würden die Gewohnheiten ihrer Bürger mit dem gleichen Recht und der gleichen Verantwortung überwachen wie die Reinheit des Trinkwassers. So verschleiert man das harte Faktum, dass die „Volksgesundheit“ sich in zunehmendem Maße mit der Regulierung privaten Verhaltens und privaten Eigentums beschäftigt.

Mit der Anti-Raucherkampagne hat der massive Kreuzzug für die Volksgesundheit begonnen, aber bei weitem noch nicht sein Ende erreicht. Libertäre hatten davor gewarnt, dass der Kampf gegen den Tabak sich in einen Anti-Alkohol- und einen Anti-Fett-Kampf vergleichbarer Intensität ummünzen werde. Man hat sie verhöhnt und belächelt, sie würden irrigen Dammbruchargumenten das Wort reden. Im Nachhinein betrachtet sind ihnen aber keine zu hysterischen Warnungen anzukreiden, sondern vielmehr ihr Mangel an Fantasie, sich so absurde Regelungen auszumalen (und sei es als Satire) wie die Einheitspackung oder das Verbot großer Limonadenbecher.

Diese Salamitaktik war gleichermaßen vorhersehbar, wie auch tatsächlich prognostiziert. Überrascht hat nur, in welch kurzem Zeitraum man die britische Öffentlichkeit, die noch wenige Jahre zuvor gespottet hatte, als Nächstes seien wohl die Trinker und Salatverächter an der Reihe, im Sack hatte. Und einmal benötigte man nur eine veränderte Begrifflichkeit. Ein „Komasäufer“ war traditionsgemäß jemand, der auf eine mehrtägige Sauftour zog. Heute bezeichnet der Begriff jeden, der mehr als drei Drinks pro Abend konsumiert. Auf vergleichbare Art ist das krude und willkürliche Maß des Body Mass Index (BMI) dazu missbraucht worden, aus Molligen „Fettleibige“ und aus Dicken „krankhaft Fettleibige“ zu machen. Zucker ist heute „suchterzeugend“ und „toxisch“. [4] Die Nahrungsmittelkonzerne sind die neuen Tabakkonzerne. [5] Die Antiraucher-Blaupausen der Werbeverbote, Steuererhöhungen und der ‚Entnormalisierung‘ bilden den strategischen Fahrplan für weiteres Handeln. Auch wenn es schon nichts mehr bringt, es in Erinnerung zu rufen: Wir hatten Euch gewarnt.

„Mit einem Job im ausgedehnten Netzwerk öffentlich finanzierter Gesundheitsgruppen mutiert man vom spinnerten Querulanten zum legitimen ‚Verfechter‘ mutieren“

Wenn einen heutzutage das Verlangen packt, die eine oder andere schlechte Angewohnheit auszumerzen, dann muss man nicht mehr die anderen belästigen, indem man Klinken putzt oder auf irgendeinem kläglichen Marktplatz ein Plakat schwenkt. Stattdessen kann man sich einen Job im ausgedehnten Netzwerk öffentlich finanzierter Gesundheitsgruppen suchen, und solcherart vom spinnerten Querulanten zum legitimen „Verfechter“ mutieren.

Es nimmt denn auch nicht Wunder, dass heute alles, von Glücksspiel und Klimawandel über Gleichstellung von Homosexuellen bis hin zum Weltfinanzwesen, als „Frage der Volksgesundheit“ behandelt wird. Es nimmt ebenfalls nicht Wunder, dass sich ein Schwarm politischer Aktivisten und streitsüchtiger Akademiker in „Volksgesundheits-Fachleute“ verwandelt hat, um Macht zu erlangen, ohne dafür um Wählerstimmen kämpfen zu müssen. Obwohl die „Volksgesundheit“ gemeinhin immer noch als Zweig des Arztberufs betrachtet wird, haben ihre enorme Finanzausstattung und ihr hohes Prestige zahlreiche Figuren angelockt, deren fehlende medizinische Qualifikation lediglich durch den Drang nach Gesellschaftsveränderung ausgeglichen wird. Die Bewegung wird dominiert von Soziologen, Ingenieuren, Psychologen, Juristen, Epidemiologen und anderen Akademikern, die mehr durch ihre Verachtung des Konsumkapitalismus auffallen als durch ihre Besorgnis um Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen. Ob es nun darum geht, multinationale Konzerne anzugreifen, oder gegen „Gesundheitsungleichheit“ zu Felde zu ziehen (womit ausnahmslos Einkommensungleichheit gemeint wird): Das endlose Feld der „Volksgesundheit“ ist ein Magnet für demokratisch ungewählte Sozialwissenschaftler und Moralunternehmer.

Langlebigkeit

Die selbsternannten Streiter des widersprüchlichen Unternehmens „Volksgesundheit“ ziehen gern Vergleiche zwischen der relativ niedrigen Anzahl der Todesfälle durch Drogenüberdosen und Verkehrsunfälle einerseits sowie den erheblich mehr Toten durch Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs andererseits. Der Vergleich mit abgestürzten Jumbojets und den Opfern des 11. September übt eine morbide Faszination auf sie aus. Doch numerische Übereinstimmung ergibt noch keine moralische Übereinstimmung. In unserer alternden Gesellschaft, in der 93 Prozent der Menschen über 60 Jahre alt werden, zwei Drittel sogar mindestens 75 Jahre, geht es weniger darum, Krankheiten zu „verhindern“, sondern vielmehr die eine chronische Alterskrankheit gegen die andere einzutauschen. Wer im Alter von 84 Jahren an Krebs stirbt, ist nicht im selben Maße das Opfer einer vermeidbaren Tragödie wie ein 20-jähriges Terroropfer; etwas anderes zu behaupten, ist schlicht unredlich. Umgekehrt wurde jemand, der im Alter von 84 Jahren den Lungenkrebstod vermeiden kann, dann aber im Alter von 85 dem Prostatakrebs zum Opfer fällt, das Leben nicht ernsthaft ‚gerettet‘.

Kurzum: Der Volksgesundheitslobby ist das Konzept des vorzeitigen Todes abhanden gekommen beziehungsweise sie hat es mit Wonne fallengelassen. Sie ist keine Gesundheitsbewegung, sondern eine Langlebigkeitsbewegung. Es stimmt, dass theoretisch fast jeder Todesfall vermeidbar ist, doch nur in Kreisen der Volksgesundheit hält man es für notwendig, auch noch den letzten Berg zu versetzen, um das Leben kranker Greise zu verlängern. Der Gedanke eines ‚erfüllten Lebens‘ und des Sterbens an ‚Altersschwäche‘ ist ihnen Teufelswerk. Wenn man alle vermeidbaren Todesursachen in den Griff bekommen hat, dann werden an der einzigen Todesursache sterben dürfen, die sie mit ihrer Politik aktiv fördern: an der Langeweile nämlich.

Es ist nicht zwangsläufig falsch, Langlebigkeit als das ultimative Lebensziel aufzufassen, es ist allerdings nur eine Meinung. Und wie bei allen Meinungen, gibt es Menschen, die sich herausnehmen, anderer Auffassung zu sein ­– und die gar nicht verlangen, dass umgekehrt andere dazu gezwungen werden sollen, ein ausschweifendes Leben zu führen. Die Frage ist allerdings, warum sich die Meinung der Langlebigkeitsanhänger nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Politik durchgesetzt hat. Dinge, die gemeinhin als „Fragen der Volksgesundheit“ behandelt werden, allen voran: Trinken, Rauchen und Essen, sind Angelegenheiten des privaten, nicht des öffentlichen Verhaltens. Von Fällen des exzessiven Alkoholkonsums, der die öffentliche Ordnung stört, einmal abgesehen, sollten solche persönlichen Angewohnheiten praktisch nicht auf dem Schirm eines demokratischen Rechtsstaats auftauchen.

„Oh Mediziner, kehr‘ vor Deiner eigenen Haustür!“

Manchmal wird behauptet, „ungesunde Lebensweisen“, vor allem das Rauchen, würden das Gesundheitswesen unzumutbar belasten, doch zeigen die Daten, dass es die Langlebigsten sind, die den öffentlichen Kassen am stärksten zur ‚Last‘ fallen. [6] Zur unbequemen Wahrheit gehört, dass ‚vermeidbare Todesfälle‘ dem Steuerzahler ein Vermögen an Renten, Gesundheits- und Arztkosten sowie Altenpflegeaufwand erspart. Dies haben dermaßen viele Studien bestätigt, dass es Protagonisten der „Volksgesundheit“ kaum verborgen geblieben sein kann, und doch appellieren sie weiterhin an die wirtschaftliche Vernunft, weil sie auf den ersten Blick plausibel wirkt, und sie ansonsten Gefahr liefen, sich nur um ihren eigenen Mist kümmern zu dürfen. Bei den seltenen Gelegenheiten, wo sie mit den Fakten konfrontiert werden, geben die Gauner dann kleinlaut ihre Behauptungen auf, und werfen ihren Gegnern vor, alles nur in Euro und Cent berechnen zu wollen. Oh Mediziner, kehr‘ vor deiner eigenen Haustür!

Der hartnäckige Glaube an das Argument von den „Kosten für den Steuerzahler“ reicht sicher nicht als Erklärung aus, warum die Ideologie der „Gesundheit um jeden Preis“ zur unangreifbaren Doktrin innerhalb der politischen Klasse geworden ist, ohne sich jemals einer öffentlichen Debatte unterziehen zu müssen, geschweige denn zur Wahl zu stehen. Eine Anzahl von Erklärungen wäre möglich. Vielleicht ist eine alternde Bevölkerung ja anfälliger für Krankheitsdenken und Hypochondrie. Vielleicht benötigt auch das bröckelnde Schneeballsystem des Sozialstaates einfach Sündenböcke für seine Kostenexplosion. Vielleicht liefern diese Sündenböcke dann ja auch eine einfache Erklärung dafür, dass die Lebenserwartung in Großbritannien nicht dem fantastischen Hirngespinst, um den NHS [staatl. Gesundheitsdienst] „beneide uns die Welt“, entspricht. Vielleicht sind ideologisch verarmte Politiker ja auch empfänglich für Fantasien der „Lebensrettung“ und der Verbesserung der „Gesundheit der Nation“.

„Die Gesundheit hat in der modernen Gesellschaft den Platz der Religion eingenommen.“

Da könnten aber auch tiefer verankerte Glaubensgrundsätze am Werke sein. Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Gesundheit in der modernen Gesellschaft den Platz der Religion eingenommen hat. Es kann unmöglich Zufall sein, dass die Hauptangriffsziele der Volksgesundheitsbewegung die gleichen Laster der Trägheit, der Völlerei, des Rauchens und Trinkens sind, welche Moralisten, Evangelisten und Puritaner schon seit Menschengedenken beschäftigt haben. H.L. Mencken hat die Volksgesundheit vor langer Zeit einmal als „die Korrumpierung der Medizin durch die Moral“ beschrieben. Den Drang, Tod und Krankheit als Strafe für Sünden anzusehen, gibt es seit Jahrtausenden. Heute manifestiert er sich im Streben, mit „Lifestyle-Faktoren“ unerklärliche Krankheiten erklären zu können, und in der impliziten Versicherung, dass der Sensenmann in Schach gehalten werden kann, wenn man nur auf dem Pfad der Reinheit wandelt. Dieser Glaube wird nur gelegentlich durch Verwunderung angekratzt, wenn eine vermeintlich „gesunde“ Person einfach so umkippt und stirbt.

Risiko und Lebensstil

In ihren freimütigeren Momenten nennt sich die „Volksgesundheit“ beim wahren Namen – „Lifestyle-Regulierung“ [7]. Man hält es nicht für notwendig, uns zu fragen, ob wir unsere Lebensstile denn reguliert haben möchten; es reicht schon aus, wenn Zahlen auf einem Laptop zeigen, dass durch die eine oder andere Intervention x Leben „gerettet“ werden, und dass Politiker demnach „Leben retten“ können, indem sie eingreifen. Abgesehen davon, dass ihre eigene Epidemiologie nahelegt, dass man gesündesten lebt, wenn man ihre lachhaften Alkohol-Richtwerte überschreitet und wenigstens leicht übergewichtig ist, so können die Apparatschiks der Volksgesundheit einfach nicht erklären, warum es wünschenswerter sein soll, in frommer Selbstverleugnung ein Alter von 85 zu erreichen, als mit hedonistischer Leichtigkeit 75 zu werden, geschweige denn, warum das Sterben im hochbetagten Alter so erstrebenswert sein soll, dass der Arm des Gesetzes dafür bemüht werden muss.

Derartige Fragen erfordern eine Abwägung von Risiko und Genuss, einen Abgleich, den die Menschheit Tag für Tag vornimmt, der im Diskurs der Volksgesundheit jedoch völlig fehlt. Moralische Kreuzritter handeln, anders als der Rest von uns, nicht mit Kosten und Nutzen, sondern lediglich mit „Lösungen“.

Nehmen wir beispielsweise den Fall Alkohol und Brustkrebs. Im letzten Jahr hieß es in einer epidemiologischen Studie, geringer Alkoholkonsum erhöhe das Risiko, daran zu erkranken, um fünf Prozent, d.h. geringer Alkoholkonsum töte 5.000 Frauen pro Jahr. [8] Die Autoren konnten sich gerade noch verkneifen, hochzurechnen, wie vielen abgestürzten Jumbojets dies entsprechen würde, behaupteten allerdings dennoch einen Befund von „großer Bedeutung für die Volksgesundheit“. [9] Dem mag so sein, es bleibt allerdings ohne jegliche Relevanz für die persönliche Gesundheit. Eine fünfprozentige Zunahme des relativen Risikos, an Brustkrebs zu erkranken, hat eine dermaßen geringe Auswirkung auf das absolute Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, dass kaum eine rationale Frau sich auf dieser Grundlage eine Quelle der Freude versagen würde.

„Belange, die für Individuen von geringer Bedeutung sind, können nicht durch Multiplikation dringende Angelegenheiten für die Gesellschaft werden.“

Triviale Risiken wie dieses kann man nur dann als von „großer Bedeutung für die Volksgesundheit“ einstufen, wenn man sie auf die Bevölkerung eines ganzen Staates oder – wie es die Forscher hier getan haben – auf die gesamte Weltbevölkerung hochrechnet. Dies ist allerdings ein Taschenspielertrick. Belange, die für Individuen von geringer Bedeutung sind, können nicht durch Multiplikation – wie durch Zauberei – dringende Angelegenheiten für die Gesellschaft werden. Diese Logik zu Ende gedacht, müssten wir die Vorteile, die einem Einzelnen aus einer Aktivität erwachsen (Vorteile, die die Risiken überwiegen müssen, denn sonst würde man diese Aktivität ja nicht ausüben), ebenfalls mit der Millionenzahl von Menschen multiplizieren könnten, um so einen enormen nationalen „allgemeinen Nutzen“ zu erzielen. Das setzt voraus, dass die Moralstatistiker Vorteile eines „ungesunden“ Lebensstils einräumen müssten. Dies wiederum erfordert das Zugeständnis, dass Genuss und Vergnügen einen Wert darstellen. Und das könnten sie niemals zugeben, da ihr Modell dann gänzlich zusammenbrechen würde.

Das breite Publikum hat nur wenig Vertrauen in epidemiologische Pseudowissenschaft. Man weiß, dass Schokolade heute als krebserregend verteufelt, morgen aber als Heilmittel für Krebs propagiert wird. Und die Lebensstil-Epidemiologie ist ein Zweig der Unterhaltungsindustrie, der hauptsächlich Zeitungsredakteuren als Füllmaterial dient, auf unseren Lebensstil aber praktisch keinen dauerhaften Einfluss hat. Auf Basis solcher Erkenntnisse konnten uns die Verfechter der Volksgesundheit allerdings weismachen, es gebe „kein ungefährliches Maß“ [10] an Alkoholkonsum – eine Botschaft, die quasi als Echo des lachhaften Mantras, es gebe keine ungefährliche Dosis an Passivrauch, daherkommt. Und die Neo-Mäßigungs-Lobby ruft sogleich nach strengerer Regulierung von Regierungsseite. [11] Das deutlich substanziellere Beweismaterial dafür, dass Alkoholkonsum das Risiko von Herzkrankheiten senkt [12] (einer erheblich häufigeren Todesursache als Brustkrebs), spielen die Volksgesundheitsaktivisten jedoch herunter. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass die Volksgesundheitslobby Frauen empfehlen würde, in jungen Jahren häufig Kinder zu bekommen – obwohl dies das Brustkrebsrisiko stärker senken würde als Alkoholverzicht – und dass der Staat Gesetze zur Ermunterung dieser Idee auf den Weg bringen würde. Wie so oft im Bereich der Volksgesundheit gilt auch hier: Was sich nicht ums Trinken, Rauchen oder Essen dreht, ist keiner Erwähnung wert.

Selbst nach den minderwertigen Standards der Minimalrisiko-Epidemiologie ist eine fünfprozentige Risikoerhöhung gering, und die meisten Frauen würden selbige als einen geringen Preis für ein wenig Alkoholgenuss ansehen. Wenn jedoch der Preis einer fünfprozentige Risikoerhöhung in Kauf genommen wird, was tun wir dann bei wirklich nennenswerten Risiken? Ist der Genuss eines Übermaßes hochkalorischer Nahrung ein größeres Diabetesrisiko wert? Ist ein größeres Risiko für Leberkrankheiten ein Preis, den man für jahrelanges Bierkippen zu entrichten bereit ist? Ist ein höheres Sterblichkeitsrisiko das lebenslange Rauchen wert? Wer soll die Grenze ziehen? Die Apparatschiks der „Volksgesundheit“ würden sie so nahe bei null ziehen, wie politisch durchsetzbar, doch in einer aufgeklärten Gesellschaft kann dieses Urteil nur derjenige fällen, der das ganze Risiko trägt, und der alle Vorteile genießt: Der Einzelne selbst.

Entnormalisierung

Die Fixierung auf Langlebigkeit hat etwas Krankhaftes. Ihre Kehrseite ist eine morbide Obsession mit Bildern von Tod und Krankheit, die einen an die grinsenden Skelette der mittelalterlichen Todeskultur erinnert. Mit schockierenden Fernsehspots fing es an, wandte sich sodann den Tabakverpackungen zu, und – sofern die British Medical Association ihren Willen bekommt – auch den Alkoholverpackungen. [13] Die Bauern des Mittelalters waren wenigstens Opfer echter Epidemien, und wussten, dass der kalte Hauch des Todes hinter der nächsten Ecke auf sie lauern konnte. Das Paradoxe der modernen Volksgesundheitsbewegung ist die Tatsache, dass sie den Höhepunkt ihrer Macht zu einem Zeitpunkt erreicht, an dem das Leben von langer Dauer ist.

Dieses Spiel heißt „Entnormalisierung“ [14]. Unvermeidlich fing es mit dem Rauchen und den Rauchern an, doch auch die Entnormalisierung des Trinkens und des Trinkenden [15] steht jetzt auf der politischen Agenda. Mit Blick auf die erheblichen Auswirkungen derartiger Politik, wenn sie Wehrlose stigmatisiert, Arme beraubt, und auf hergebrachten Freiheiten herum trampelt, ist die Frage angebracht, ob die Ansammlung von Neurotikern und Autoritären, die die moderne Volksgesundheitsbewegung bilden, wirklich darüber entscheiden dürfen sollte, was normal ist.

John Stuart Mills Meinung über die eigenartigen Langlebigkeitsanhänger ist es wert, hier zitiert zu werden: „Es sind, von Natur aus und im Allgemeinen, nicht die Glücklichen, die am meisten eine Verlängerung ihres jetzigen Lebens oder ein Leben nach dem Tode anstreben; es sind diejenigen, die niemals glücklich gewesen sind. Diejenigen, die ihr Glück erlebt haben, können es ertragen, von ihrer Existenz Abschied zu nehmen; hart ist es jedoch, zu sterben, ohne jemals gelebt zu haben.“ [16]

Was moderne Puritaner „Gesundheitspolitik“ nennen, umfasst häufig tiefgreifende Fragen von Wirtschaft, Recht, Ethik, Grundrechten und Philosophie, von denen sie wenig bis gar nichts verstehen. Diese Belange sind viel zu wichtig, um von Monomanen, die die Kunst des Lebens nicht erlernt haben, zertrampelt zu werden.

„Prohibitionisten sollten sie mit derselben Herablassung und Entnormalisierung gestraft werden, die sie so gerne austeilen“

Die Gesellschaft ist schnell dabei, sich über die oberschlauen Puritaner und sauertöpfischen Prohibitionisten früherer Zeiten lustig zu machen, doch wir sind eigentümlich kurzsichtig, wenn es darum geht, dieselben Zankdrachen auszumachen, die heutzutage unter uns weilen. Einmal identifiziert, sollten sie mit derselben Herablassung und Entnormalisierung gestraft werden, die sie so gerne austeilen. Die aktuellen Versuche, z.B. die „Nahrungsmittelkonzerne“ als die natürlichen Nachfolger der „Tabakkonzerne“ zu präsentieren, wären nur eine Lachnummer, hielten diejenigen, die diesen Vergleich anstellen, sich nicht für die Erben großer Medizinpioniere, mit Geldmitteln und Einfluss in der Größe ihrer Egos.

Jeder, der derartige Begriffe ironiefrei verwendet, sollte mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung behandelt werden; Einfaltspinsel, denen man nicht nachgeben sollte. Diejenigen, die über kindische Rhetorik hinaus die Macht des Gesetzes gegen die Menschen „zu deren eigenem Besten“ einzusetzen fordern, sollten als asoziale Bedrohung angesehen und aus zivilisierter Gesellschaft verbannt werden. Die „Sündensteuern“, die sie so oft verfechten, sollten als das erkannt werden, was sie sind: Erpressung auf der Basis von Vorurteilen, Geldbußen dafür, so zu leben, wie es einer schmallippigen Elite missfällt.