18.01.2012

Mangel im Schlaraffenland?

Analyse von Joachim Volz

Im vierten und letzten Teil seiner Artikelserie über moderne Mythen rund um den Rohstoff Holz untersucht Joachim Volz den historischen Wandel des menschlichen Naturverständnisses. Ideologiekritisch geht er dabei dem antizivilisatorischen Kern grünen Denkens auf den Grund

Der erste Teil der Serie:  Mythos Holz (Teil 1): Der Traum vom Wald
Der zweite Teil der Serie: Mythos Holz (Teil 2): Vom Wechsel der Zeitalter
Der dritte Teil der Serie: Mythos Holz (Teil 3): Nachhaltigkeit als Illusion
 


F. Nietzsche, Ideologiekritiker, der er war, ließ in einer seiner Aphorismen den tollen Menschen auftreten. [1] Am hellichten Tag zog dieser mit einer Laterne bewaffnet, suchend über den Marktplatz. Der Markt war voll. Die Menschen, die dem Suchenden begegneten, machten sich lustig über ihn. Schließlich fragte jemand, was er denn da treibe. „Ich suche Gott“, war die Antwort. Da ging das Gelächter erst richtig los. „Ist er denn verloren gegangen, hält er sich versteckt, ist er ausgewandert“, meinte man von allen Seiten. „Versteht ihr denn nicht“, rief der tolle Mensch, „wenn ich ihn hier, unter den Menschen, nicht finden kann, gibt es nur eine Antwort: Gott ist tot! Und wir, ihr und ich, haben ihn getötet.“ Über 2.000 Jahre war Gott die Mitte zwischen Konkretem und Abstraktem, zwischen Natur und Mensch, und noch wichtiger zwischen Mensch und Mensch. Auch für den grünen „Gläubigen“ ist Gott tot, gerade darum ist er ein falscher Gläubiger. Ihm ist das Konkrete der Natur heilig, unbeschmutzt, nicht erobert. Zwischen ihm und ihr gibt es keine Mitte, keine Vermittlung, darum kann er sich ihr nur zum Untertan machen.

Brot und Fleisch – Feld und Wald

Traditionelle Wirtschaftsweisen waren solche des Mangels. Der mögliche Überschuß der Ernte ist eben nur der Möglichkeit nach einer, oft fällt er dem Mangel zum Opfer. Der unmittelbar an den Boden geheftete Arbeiter konnte nur von der Hand in den Mund leben. Über Jahrtausende blieb das Land in dem Milch und Honig fließen, ein Traum – ein Traum von Milch und Honig, nicht von Brot und Wasser. Die traditionelle vegetarische Ernährung war ein Tribut an den Mangel. Die Mönche in Asien lebten es vor. Doch deren Nahrung bestand keineswegs nur aus Vegetabilien. Hühnerbrühe war die Grundlage der meisten Gerichte, und neben Reis und Gemüse (einschließlich Algen) gab es Meeres-„Früchte“ und Eier. Der Mensch ist ein Allesesser, nur von Brot oder Fleisch kann er nicht leben. Die Gier nach Fleisch [2] war über Jahrtausende sowohl Triebfeder der Bessergestellten, ihren Wohlstand als Beleibtheit des Körpers zur Schau zu stellen, als auch das Verlangen nach Protein statt Kohlenhydraten. Die Menschen arbeiteten für das Getreide und träumten vom Fleisch.

Die Chinesen waren Meister in der Beschaffung zusätzlicher Proteine. Die Reisfelder standen nicht ständig unter Wasser, beim Ablassen nach der Ernte konnten sie Fische und Krebse en masse ernten, und beim Bewässern der Felder trieb man die Enten darauf, damit diese sich an den „flüchtenden“ Regenwürmern mästeten. Dicht bei den Häusern hielt man kleine Schweine, die nur mit Küchenabfällen gefüttert wurden. Auch Insekten wurden nicht verschmäht. Die Seidenraupen dürfen nicht schlüpfen, da sie sonst den Faden des Kokons zerstören, also tötete man sie in heißem Salzwasser. Mit Ei und Gemüse gebraten ergaben die Larven ein leckeres Fleischgericht. In der Sonne getrocknet ließen sie sich wochenlang aufbewahren. Doch die chinesische Zivilisation gründete auf einer Pflanze, dem Reis. Die eigentlichen Siedlungsgebiete Chinas liegen im Tiefland zwischen den großen Flüssen. Die Hochplateaus wurden kaum besiedelt und nur zum Holzeinschlag genutzt. Die Reiskultur verdrängte das Fleisch (in Form der Viehnutzung), beschaffte sich aber einen Teil der Proteine, etwa 15 % des Bedarfs, auf anderen Wegen zurück.

Vor 2.500 Jahren wurde in der griechisch-römischen Antike der Ackerbau mit der Viehzucht, d.h. mit der Schafhaltung, verbunden. Der Weizen war die Pflanze der Zivilisation, die Schafe lieferten Wolle und Käse, die Ölbäume das notwendige Fett. Der Acker war in zwei Felder geteilt, die abwechselnd bearbeitet und beweidet wurden. Neben dem Weide-Dung der Schafe kam auch der Hausbrand auf die Felder, die bodenverbessernde Wirkung der Asche war von der Brandrodung bekannt. Rinderzucht gab es in geringem Umfang, denn Ochsen wurden für die Pflüge gebraucht. Auch wenn Schafe (und Rinder) nicht des Fleisches wegen gehalten wurden, sollte man ihren Beitrag zur mediterranen Ernährung nicht gering schätzen. Käse und Fleisch machten etwa 20 % aus, dazu kam noch etwas Fisch und Meeresfrüchte von der nahen Küste – die klassische Antike entfernte sich selten mehr als 30 bis 40 km vom Meer.

Das europäische Mittelalter ging aus einer Symbiose von römischen und germanisch-slawischen Elementen hervor, beruhte aber auch auf völlig neuem: dem Arbeitspferd – dem Brustriemen und dem Kummet als Zuggeschirr – dem bodenwendenden Beetpflug – dem Roggen als Zivilisationspflanze. Doch der Einwand M. Montenaris, [3] das Schwein als „Zivilisationstier“ zu betrachten, verweist auf die ganz andere Verbindung von Ackerbau und Viehzucht. Kühe für den Käse, die Butter und die Ochsen, auch das Schaf für die Wolle sind bekannt. Das fundamental Neue ist das Schwein. Es liefert 5-6 Ferkel pro Jahr, die Kuh nur ein Kalb. Es benötigt keine Wiesenkultur, sondern sucht sich den größten Teil des Jahres sein Futter selbst – auf dem Brachfeld und im Wald. Im Winter allerdings zehren die Sauen vom Getreidevorrat der Menschen. Doch die Dreifelder-Wirtschaft – Winter-, Sommer- und Brachfeld – lieferte den nötigen Überschuss. Die größere Waldfläche Europas geht auf das Konto des Schweins, ebenso wie der hohe Eichenanteil um 1750 und ein nicht nur kleiner Teil der heutigen schönen Buchenwälder Brandenburgs. Die Dichte des Viehbestandes in Europa ist überraschend, denn gemessen an der Kopfzahl überstieg die Zahl der Tiere, die der Menschen 1773 um das 2,5fache (einschließlich Pferde). Tabelle 1 gibt eine Überblick der Entwicklung des Viehbestandes hierzulande, der Relation (Rel.) der Nutztiere zu den Menschen sowie desgleichen in China (alle Zahlen in Mio.).
 

Tabelle 1 [4] Jahr Einw. Rinder Rel. Schweine Rel. Schafe Rel. Gesamt Rel.
Kurmark 1773 0,75 0,4 1:2 0,22 1:3 1,13 1,5:1 1,75 2,3:1
D 1873 41,5 15,7 1:3 7,12 1:6 24,9 1:2 47,72 1,1:1
D 2007 82,3 12,7 1:6 27,1 1:3 2,54 1:32 42,34 0,5:1
 
China 1960 690 45,9 1:15 180 1:4 60,8 1:11 268,7 0,4:1
China 2004 1.310 112,5 1:12 492,9 1:3 157,3 1:8 763,7 0,6:1


1773 kamen 530 Rinder auf 1.000 Menschen, fast das gleiche Verhältnis, wie in Indien 1950! Auffallend ist die Relation der Schweine, eines auf drei Menschen, im 18. Jahrhundert und heute, ebenso in China. Das Schwein wurde und wird gehalten, um Fleisch zu liefern. Das Schwein als Glückssymbol hat hier seinen Grund.

Auch wenn der Anteil von Fleisch, Käse und Butter etwa 35 % der Ernährung ausmachte, blieb diese doch einseitig, denn Getreide war die Hauptnahrung. Egal, ob als Brot, Fladen, Brei, Suppe, Nudeln oder Klöße, es blieb Getreide. Dem entsprach auch der Anbau, die Hälfte bestand aus Roggen für den Alltag, Weizen für die Vielzahl der Feiertage, dazu Erbsen und Linsen – die andere Hälfte aus Hafer für das Vieh und Gerste für das Bier. Auch in Europa hatte es mit dem, was die Menschen fallen lassen, seine Besonderheit. Neben den öffentlichen Brunnen gab es, oft nur wenige Meter entfernt, eine Vielzahl privater Latrinen. Das Wasser mußte also abgekocht werden, doch Kaffee und Tee kamen erst spät nach Europa. Bier war daher das Alltagsgetränk des Nordens, wie der Wein das des Südens, beides in verdünnter Form. Tabelle 2 macht die Ernährungssituation in Deutschland in den letzten 250 Jahren deutlich, der Verbrauch ist angegeben in kg oder Litern pro Kopf.
 

Tabelle 2 [5] Getreide Kartoffeln Milch Käse Fleisch Fett Gemüse Obst Zucker alkoholfrei [6]
1750 180 - - 20 40 20 40 [7] k.A. 2 -
1800 150 220 - 20 18 12 40 k.A. 5 -
1938 125 175 120 l 5 46 21 45 k.A. 18 < 10 l
1960 BRD 110 142 140 l 4,5 53 18 46 70 29 33 l
1960 DDR 102 174 95 l 3,5 55 25 48 57 29 25l
1985 BRD 74 72 88 l 16 100 27 72 111 35 156 l
1985 DDR 99 143 106 l 9 96 34 70 62 39 89 l
2007 86 61 67 l 22 80 25 88 119 36 292 l


Im 18. Jahrhundert entfielen zwei Drittel der Notdurft auf Getreide und Hülsenfrüchte, ein Drittel auf Fleisch, Käse und Butter. Heute machen Getreide (einschließlich Kartoffeln), Fleisch und Milchprodukte je etwa ein Drittel aus. Trinkmilch ist eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts, bis dahin wurde die Milch vollständig zu Butter, Käse oder Quark verarbeitet. In den letzten 30 Jahren haben Joghurt, Milchmixgetränke, sahnige Brotaufstriche u.ä. den Trinkmilchverbrauch deutlich gesenkt. Bohnen, Erbsen und Linsen machten um 1800 noch 30 kg des Jahresverbrauchs aus, heute weniger als 1 kg. Auch der Zuckerverbrauch trug zur Verbreiterung der Ernährungsgrundlage bei. Insgesamt steht die Ernährung in den Industrieländern heute auf einem deutlich besseren Fundament als noch vor 50 Jahren.

Die alten Staaten des Ostens gründeten auf der Konzentration der Land-Arbeit, und damit auf der intensiven Bindung an den Boden. Dies führte zur Verdrängung der organisierten Viehzucht, aber nicht zum Verschwinden des Fleischverzehrs. In Europa spielten Fleisch und Milch eine deutlich größere Rolle. Fleisch, oder allgemeiner tierische Produkte machen einen gewichtigen Teil des sichtbaren Wohlstands des Westens aus. Die moderne Verdichtung der Lebensmittel-Produktion zur Industrie, zur Fabrik (!), vor allem nach 1960, machte diese eigentlich beispiellose Entwicklung möglich.

Das Problem der Vermittlung

Traditionellen Gesellschaften scheinen „natürlich“ besser geordnet, die Nahrungsmittel-Produktion ist das Alpha und Omega. Es gibt Herren und Knechte, das Moment der Gleichheit ist eher störend, weil es das Oben und Unten, die Trennung in festgefügte Stände, in Hand- und Kopfarbeiter verwischt. Alles ruht auf der Landwirtschaft, dem wirklich primären Sektor der Gesellschaft. Noch F.H. King [8] wusste zu berichten, dass der „Sohn des Himmels“ jedes Jahr symbolisch eine Ackerfurche pflügte. Aber es waren eben nicht vereinzelte Einzelne, wohl wissend, was sie tun, die sich vor über 10.000 Jahren zusammenfanden, um Landwirtschaft zu betreiben. Die Menschen dieser Zeit waren noch unmittelbar in den Natur-Zusammenhang eingebunden, sie mußten, nur auf sich gestellt, ein NEUES Verhalten zur Natur (er)finden und dieses als gesellschaftliches Verhältnis setzen, d.h. dem ja nur gedachten, verallgemeinerten die konkrete Form einer Vermittlung geben. Diese gesellschaftliche Macht, konnte als neue Mitte nur die Zusammenfassung des Glaubens zur Religion sein. Nur so fügte sich der Einzelne in die neue Gemeinde, nur so konnte sich die ganze Gemeinde der „Mutter Erde“ unterwerfen. Und nur vermittelt durch die kultische Unterwerfung konnten sich die Menschen den Boden aneignen und ihn bebauen. Geschehen ist dies vor fast 12.000 Jahren in Göbekli Tepe, im Südosten der heutigen Türkei. Dort gruben Archäologen die ältesten Gebäude der Menschheit aus – Tempel, keine Wohnanlagen! Auch in der weiteren Umgebung fanden sich keine Häuschen, Hütten oder Gruben. Etwa 1.500 Jahre hatte diese Tempelanlage Bestand, dann wurde sie sorgfältig „vergraben“, also mit Erde bedeckt, und verlassen. Wenig später finden sich die ersten neolithischen Bauernsiedlungen im nördlichen Syrien. Wie alle großen Erfindungen, mußte auch diese nur einmal gemacht werden, um, als gesellschaftliche Erfahrung, der Menschheit zur Verfügung zu stehen.

Die Größe dieser Abstraktionsleistung kann eigentlich nur unterschätzt werden, und wird dies bis heute. [9] F. Nietzsche sieht im „Mangel an historischem Sinn“ den „Erbfehler aller Philosophen… [10] Sie wollen nicht lernen, daß der Mensch geworden ist, auch das Erkenntnisvermögen geworden ist“. Die Religion der Mutter Erde ist die Abstraktion eines Zusammenhangs mit der Natur, eines gesellschaftlichen Naturverhältnisses, in welchem die Menschen nur einen kleinen Teil dieser Natur sich aneignen können. Nur im Zusammenspiel mit anderen gleichartigen Gemeinwesen konnte sich ein Austausch zwischen diesen entwickeln, und erst mit der Verstetigung dieses Austausches zwischen der zunehmenden Zahl solcher Gemeinden konnte dieser auch deren Inneres erfassen. Bald machte sich das Fehlen eines Bindeglieds zwischen dem ja erst einmal nur in der Abstraktion vorhandenen Tauschwert und seinem konkretem Gegenüber, dem Gebrauchswert, kenntlich, was sich in der Suche nach Vermittlungen, also Vorformen des Geldes (Vieh, Metallbarren u.ä.) äußerte. Die Erfindung des Geldes war eine weitere Abstraktionsleistung, die ein neues Naturverhältnis möglich machte, ebenso wie die Erhebung des Geldes zum Kapital. Die Arbeit muß die Form der Lohn-Arbeit annehmen. Der Kapitalist kann sich den Arbeiter nicht als Sklaven oder Fronbauern unterwerfen, denn überschüssige Arbeit, die sich das Kapital aneignen will, entsteht hier nur zufällig, eben als konkreter Überschuß dessen, was der Arbeiter zu seiner Notdurft bedarf. Lohn-Arbeit heißt nicht nur Arbeiten für Geld, es heißt auch Arbeiten aufgrund eines vor Arbeitsbeginn abgeschlossenen Vertrages, [11] setzt also weitere Vermittlungen, wie das Recht, die vergeldlichte Warenform der Produkte u.a. voraus. Es sind sachliche Abhängigkeiten (anstelle personaler, wie in den vorkapitalistischen Gesellschaften), die sich hier Geltung verschaffen, es sind solche, die uns ein Leben in relativer Unabhängigkeit, die wir Freiheit nennen, und Wohlstand ermöglichen.

Karl Marx´ Wort vom doppelt freien Lohnarbeiter [12] ist oft gründlich mißverstanden worden. Insbesondere das „frei von Produktionsmitteln“ gerät meist zum Betrug, da der Arbeiter, um seinen gerechten Anteil am Produkt betrogen werde – doch dies ist nur Selbstbetrug. Denn der Lohn des Arbeiters sichert ihm keinen Anteil am Ergebnis seiner Arbeit, es sichert ihm nur seine Subsistenz (d.h. die Wiederherstellung seiner Arbeitskraft), und daß sich diese am Existenzminimum zu orientieren habe, war nicht nur Marxens Meinung, sondern die aller Ökonomen seiner Zeit. Mit dem zweiten „frei“ bezeichnete Marx die Trennung des Arbeiters von seinem uralten Subsistenz-Mittel – dem Boden. Der Kern der kapitalistischen Umgestaltung war das „Losreißen des Arbeiters von der Erde“! Er mußte dem Schoß, in dem er sich solange in Armut und Demut heimisch gefühlt hatte, entrissen werden. Und dies nur, um ihn in seiner ganzen Blöße den Blicken der Welt und der Herrschaft des Kapitals auszusetzen. Um 1800 mußte ein Arbeiterhaushalt 75 % seines Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, um 1900 fast 60 %, 1960 noch 33 %, 1990 noch 20 % und heute 14 % Diese Entwicklung wurde und wird immer wieder kritisiert, dabei trägt sie ihren Teil zur Produktivität der deutschen Industrie bei. Nur weil das Subsistenz-Niveau sinkt, können die Lohnerhöhungen moderat ausfallen, im Schnitt nur wenig über der Inflationsrate. Trotzdem wächst der Anteil des Arbeiters am gesellschaftlichen Reichtum.

Die alten Griechen taten den ersten Schritt aus der selbstgewählten Unmündigkeit der bedingungslosen Bindung an den Boden. Sie taten es mit dem Setzen des privaten Eigentums und der Erfindung des Geldes. Das Geld beruhte auf dem Eigentum an Land, Sklaven und Vieh, nicht auf einer weitgespannten Warenproduktion. Obwohl Griechen und Römer große Mengen Getreide, Wein und Öl per Schiff transportierten, war dies kein Waren-Handel, sondern nur Mittel der Bedarfsbefriedigung. [13] Doch die Münze mit ihrem Edelmetallgehalt war der „in sich realisierte Preis“, sie war Sinnbild des Auseinandertretens von Gebrauchs- und Tauschwert, von Notdurft und Reichtum. Der Reichtum trat als individueller in die Welt, doch die Münze war das Mittel der Gleichheit. Das Geld ist der große Vermittler, der die Ungleichheiten nivelliert – der Gleichmacher des Ungleichen. Daher wirkt das Geld in allen vorkapitalistischen Gesellschaften zersetzend. Am konsequentesten entwickelt war das neue Geldverhältnis in Athen. Die Polisbürger, die Politen (Mitte des 6. Jahrhunderts BC ca. 40.000 Männer bei einer Gesamtbevölkerung von 250.000) waren die Gleichen – gleich im Sinne politischer und kriegerischer Teilhabe. Ideell gegründet war diese auf privaten Grundbesitz, doch reell auf das Geld, denn ein Viertel der Politen waren grundbesitzlose Theten. Ihre Subsistenz sichern konnten sie nur mit dem Geld, das sie für die Ausübung von Ämtern (die fast alle verlost wurden), der Teilnahme an den Volksversammlungen und vor allem für den Dienst als Ruderer auf den ca. 300 attischen Trieren erhielten. Das Silbergeld kam aus Laureion, dem Silberbergwerk auf der Halbinsel Attika, bzw. als Tribut der Städte des attischen Seebundes. 338 BC endete dieses historisch bemerkenswerte Experiment mit der Eingliederung Athens in das makedonische Reich.

Bemerkenswert war es auch durch die Begründung der abendländischen Philosophie, die auf der bewußten Erfahrung der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis beruhte. „Für einen Römer [14] war das Kennzeichen einer angenehmen Landschaft notwendig die Formung, der zivilisierende… Eingriff des Menschen.“ [15] Die antiken Philosophen befaßten sich nur mit dem diesseits der Grenze, mit dem Menschen und der Gesellschaft. Das jenseits der Grenze wurde zur Herausforderung der Künstler und Philosophen seit der Renaissance. E.H. Gombrich macht das Problem in einer Anekdote deutlich. Ein europäischer Kunst-Dozent in China führte „die jungen Kunststudenten…, die nur die chinesische Tradition kannten… zu einem der malerischen Stadttore Pekings und forderte sie auf, es zu zeichnen. Da saßen sie nun alle ratlos vor dieser Aufgabe, bis ihn schließlich einer der Studenten bat, ihm doch wenigstens eine Ansichtskarte zu geben, damit er etwas zum Abzeichnen hätte.“ [16] Das Malerische ist nicht per se vorhanden, es muß mit dem Kopf gesehen werden, und der Kopf ist ein Produkt des „Werdens des Erkenntnisvermögens“ und damit der schrittweisen Emanzipation von den Zumutungen der Natur. Malerei, als ästhetische Vermittlung, kann verstanden werden, als das Herausarbeiten der Erscheinung der Dinge, nur dadurch wird das Malerische als solches erkennbar. Gegründet ist diese Trennung von Erscheinung und Wesen auf der Auflösung der traditionellen Fesseln, der „Bluturenge“, wie Marx es nannte, die den Arbeiter an den Boden banden. Durch diese Auflösung wird die Arbeit als allgemeine gesetzt, als Arbeit für den Austausch, den Tauschwert, das Geld. Das Lösen des Arbeiters von der Erde gibt der „Natur“ ihren Eigen-Wert und macht sie damit erst zu der Natur, die wir sehen können.

Ida Pfeiffer beschrieb 1846 [17] indische Naturverhältnisse. Ein Menschenleben galt wenig, die Sterbenden wurden in kleinen Hütten abgelegt und Mönchen überlassen. Sie galten bereits als tot und konnten das Sterbehaus nur in einer Richtung verlassen, zur Leichenverbrennung. Ein Europäer, Herr N., hatte Jahre vorher einen Mann halberstickt im Schlamm des Ganges gefunden, zum Sterben ausgesetzt. „Er rief seine Leute herbei, ließ den Armen den Schlamm und Schmutz aus dem Gesichte waschen, ihn in eine wollene Decke schlagen und pflegen. Nach wenig Tagen war er hergestellt. Als ihn nun aber Herr N. entlassen wollte, bat der Mann flehentlich, dies nicht zu tun, da er seine Kaste verloren habe, von keinem seiner Verwandten mehr anerkannt würde, mit einem Wort, aus dem Leben gestrichen sei.“ Der Mann lebte 1846 noch, die Rückkehr ins Leben war für ihn kein Wunder, sondern ein Fluch.

Der Blick zurück auf die Geschichte, läßt den historischen Ablauf oft zu prozesshaften Notwendigkeiten zusammenschrumpfen, die für die Zeitgenossen ganz anders aussahen. Die Eisenbahn machte auch die Menschen mobil, ab etwa 1860 gab es die sonntäglichen Bahnfahrten ans Meer, aus denen eine Generation später das allgemeine Badevergnügen hervorging. Die Konservenindustrie stellte ab 1880 Gemüse und Obst auch im Winter bereit. Dies führte zu einer regelrechten Einweck-Manie der Hausfrauen, die nun alles, was sich in ein Einmachglas bringen ließ, für die kalte Jahreszeit aufbewahrten. Die Glühbirne war das stetig brennende Licht der Zivilisation – der Supermarkt eine echte Revolution! Er ermöglichte die Zusammenfassung von Produktion, Vertrieb und Verkauf der Lebensmittel. Er gewährleistete durch die generelle Verpackung ein hygienisch einwandfreies Sortiment, das heute, durch den Lufttransport, auch frisches Obst und Gemüse zu allen Jahreszeiten bereithält. Die heißgeliebte und vielgeschmähte Coca Cola trug wesentlich zum Siegeszug der alkoholfreien Fertiggetränke bei. Bis in die 1960er Jahre kannte man zwar keinen Hunger mehr [18], aber wohl noch den Mangel. Im „real existierenden Sozialismus“ wurde versucht diesen Zustand als dauerhaften zu verwalten. Th. W. Adorno hat 1958 [19] darauf aufmerksam gemacht, was die Abwesenheit des Mangels überhaupt bedeutet. Die Emigranten, die nach 1935 in die USA gingen, begegneten dort einer ungeahnten Güterfülle. „Es steckt darin etwas vom Schlaraffenland.“ In einem „amerikanischen Super-Market (...) werden Sie das Gefühl haben: es gibt keinen Mangel mehr.“ Und „die Art, in der jedes amerikanische Kind eigentlich ununterbrochen einen sog. ice-cone, einen Kegel mit Eiscreme essen, in jedem Augenblick eine Art Erfüllung des Kinderglücks finden, kann… das ist wirklich ein Stück der erfüllten Utopie.“ Ich (J.V.) bin mir durchaus bewußt, daß ich hier einen Punkt berühre, an dem sich die deutschen Geister scheiden, denn Antiamerikanismus ist Teil der schon genannten tiefen Aversion gegen das bürgerliche Lebensgefühl. Darum noch einmal Adorno: „Diese Güterfülle, diese Tatsache, daß der Mangel zurücktritt… das verleiht doch der alltäglichen Erfahrung ein Moment der Friedlichkeit und des Unaggressiven, das uns in Europa fast vollkommen verloren gegangen ist.“ Erst unter der Abwesenheit des Mangels kann der Wert des menschlichen Lebens Geltung erlangen.

 



Den Gegensatz zur Natur bildet nicht das Künstliche, wie der grüne „Gläubige“ meint, sondern das Über-Natürliche, das Transzendente, das Vergeistigte, mit anderen Worten: eine Abstraktion, wie Gott. Heute nimmt das Kapital seine Stelle ein. Dessen Herrschaft ist nicht nur eine gedachte, sondern eine sehr reale. Individuelle Freiheit beruht auf der Herrschaft dieser Abstraktion und den daraus hervorgehenden Vermittlungen. Anders formuliert, das Gegenstück zur Natur ist die Zivilisation, der alleinige Ort des Menschlichen. Der Wald als Bild, als Vorstellung repräsentiert in besonderer Weise die Natur als gesellschaftliches Verhältnis. Bei den Briten [20] ist er der Ort der Freiheit, des Widerstandes gegen Unterdrückung, wie der Sherwood Forest Robin Hoods – bei den Amerikanern, vom Pioniergeist bezwungen, ist er Teil der Zivilisation und damit schützenswert geworden (der Erfolg der Naturparks wird in Besuchern gemessen, d.h. in der Anwesenheit der Menschen, hierzulande in totalen Schutzzonen, also in der Abwesenheit der Menschen) – bei den Deutschen hat er es nur zum Zufluchtsort, besser Schutzraum, gegen die Zumutungen der Zivilisation gebracht. Es ist erstaunlich, wie zielsicher deutsche Denker, „Deutsche Ideologie“, um mit dem Ideologiekritiker Marx zu sprechen, im letzten halben Jahrtausend Position gegen die Zivilisation bezogen haben – im 16. Jahrhundert gegen das Italien der Stadtrepubliken, mit seinem Maßstab Florenz, im 18. Jahrhundert gegen das klassizistische Frankreich der Aufklärung und heute gegen die USA, die einzig wirkliche Republik der Erde. Deutsche Ideologie ist dasjenige Denken, welches das Konkrete, den Gebrauchswert immer gegen den Tauschwert, das Abstrakte in Stellung bringt, wie z.B. Windräder. Hier wird der Strom, als Gebrauchsgut, tröpfchenweise gesammelt, um ihn dann literweise zu verteilen. Das Problem ist nicht nur, daß die Preise, bedingt durch den sich verästelnden Netzausbau, steigen. Verteilung, als das Gegenteil von Austausch, treibt unweigerlich zur Gebrauchswertproduktion und bringt damit den Tauschwert und das Kapital zum Verschwinden. Deutsche Ideologie ist nicht nur tendenziell, sondern per se antikapitalistisch, sogar antizivilisatorisch. Der deutsche Traum vom Wald hat das Holz zurückgelassen, gleiches passiert dem Traum vom Schlaraffenland und droht der „Tatsache, daß der Mangel zurücktritt“.