30.09.2011

Vom Wechsel der Zeitalter

Analyse von Joachim Volz

Die enorme Rolle, die Holz beim Übergang ins industrielle Zeitalter spielte oder, wie z.B. Brasilien zeigt, gerade spielt. Hierzulande ist der Wald hingegen ein Sinnbild für Wildnis; die Bedeutung von Holz als Rohstoff bleibt auf der Strecke

Der erste Teil der Serie: Mythos Holz (Teil 1): Der Traum vom Wald
Der dritte Teil der Serie: Mythos Holz (Teil 3): Nachhaltigkeit als Illusion

 

Holz und Sorgen wachsen alle Morgen: Diese alte Volksweisheit stimmt heute noch – wenn auch in eingeschränktem Maße. Denn den Förster freut’s, doch der grüne „Gläubige“ wird um den Schlaf gebracht. „Rinderzucht bedroht Amazonas-Regenwald“; „Der Tropenwald wird im Grill verheizt“ oder gleich „Kokoskohle statt Holzkohle“, nur das „Schützt den Regenwald“. Was soll er nur tun, damit der bedrohten Wildnis nicht noch mehr angetan wird. Welchen Konzern, welche Regierung kann er anklagen, was noch boykottieren? „Global denken, lokal handeln“ war wohl schon immer das, als was es hier auftritt: Ideologie. Genau wie im 18. Jahrhundert, als die alten Mischwälder hierzulande sich in Nadelholz-Anpflanzungen verwandelten und im Gegenzug „Deutschlands kulturelle Phantasie intensiv mit den Eichenhainen der fernen Vergangenheit aufgeforstet wurde“ [1] – genauso wenden sich die Deutschen heute ihrem neuen Idealbild der Natur zu, der unberührten Wildnis. Geduldet werden Menschen nur, wenn sie sich in das große Ganze einfügen, sich der gewalttätigen Natur unterwerfen und wie die Indianer, diese Geschöpfe der Wildnis, ihr Leben fristen.

Holz und Stahl – Zwei gegensätzliche Zeitalter

Der Zeitpfeil scheint geradlinig ins morgen zu weisen, frühere Zeitalter werden nach dem vorherrschenden Material benannt: Steinzeit, Kupfer-, Bronze- und Eisenzeit. In der Archäologie ist dies durchaus sinnvoll, denn die genannten Materialien überstehen den nagenden Zahn der Zeit recht gut. Horn, Knochen, das Bambus in Asien und natürlich Holz können da nicht mithalten. Betrachten wir einen Spaten um 1800 doch mal genauer: Er bestand zu 98 Prozent (!) aus Holz, nur die Schneide am Blatt war aus einem dünnen Eisenband geschmiedet; der Pflug: aus Holz, nur die Schar und das Sech waren aus Eisen; die Egge: vollständig aus Holz; die Achsen am Wagen und die Naben der Räder: aus Holz. Damit Holz auf Holz auch lief, wurden die Naben alle paar Kilometer geschmiert, daher kommt: „Wer gut schmert, der gut fährt“. Die Schmiere bestand aus Holzteer, einem wässerigen Öl, das mit aus Holzasche und Talg hergestellter Seife gemischt wurde. Die Seife band das freie Wasser des Holzteers, so blieb die Schmiere im Winter streichfähig. Selbst ein großer Teil der Schornsteine bestand um 1800 noch aus Holz, innen mit Lehm-Flechtwerk verkleidet. Und dazu kam das Brenn- und Bauholz. Man kann kaum anders, als von einem „hölzernen Zeitalter“ zu sprechen.

Um 1800 wurden in Preußen vielleicht 30.000 Tonnen Eisen, kaum 300.000 Tonnen Steinkohle und weniger als 1.000 Tonnen Braunkohle erzeugt. [2] Das Eisen wurde wie die Kohle im einfachen Tagebau gewonnen. Die Eisenmetallurgie war wenig entwickelt, der im Dauerbetrieb gefahrene Hochofen kaum 200 Jahre alt. An der Havel bei Zehdenick, nördlich Berlins, wurde 1662 ein solcher errichtetet. Kohlholz und Raseneisenerz gelangten per Floß oder Schiffskahn dorthin. Der Fluss trieb über Wasserräder auch die Blasebälge und den angeschlossenen Eisenhammer. Der „Hohe Ofen“ war gut neun Meter hoch und vier Meter breit. [3] Aus den über 2.000 Klaftern Brennholz pro Jahr wurden cirka 1.300 Tonnen Holzkohle und mit dieser vielleicht 300 Tonnen Eisen produziert. [4] Kohlenstoff ist unabdingbar zur Reduktion des Eisenoxids zu metallischem Eisen im Verhüttungsprozess. Das abgestochene Roheisen war mit Schlacke und Kohlenstoff durchsetzt, und als Schmiedeeisen nicht zu gebrauchen. In Frischherden wurde es in handlichen Portionen mehrmals aufgeglüht und durchgeschmiedet. Erst ab einem Schlackeanteil von zwei Prozent galt es als Handelsware und wurde im Eisenhammer zu Stabeisen verschweißt.

Das, was wir Industrielle Revolution nennen, war um 1800 bereits im Gange. In England waren um 1750 die ersten Baumwollspinnereien entstanden. Mit den feineren Fäden der Maschinen, der Spinning-Jenny und der Waterframe, konnte die englische Baumwollindustrie den indischen Tuchen erfolgreich Konkurrenz machen. Doch um 1780 war England noch nicht die führende Industriemacht. Die Baumwollspinnereien basierten nach wie vor auf dem traditionellen Rohstoff des Handwerks – Wasserräder, Mühlenwerke, Transmissionen und die Spinnmaschinen selbst: alles Holz. Russland und Frankreich produzierten mehr und besseres Eisen als die englischen Hochöfen. Die normale Steinkohle enthält zu viele Beimengungen, die den Verhüttungsprozess behindern. Das Verschwelen zu Koks machte sie tauglich für die Hochöfen. Obwohl diese Innovation aus dem 17. Jahrhundert stammte, dauerte es über 100 Jahre, bis der Koks die Holzkohle verdrängte. Der Koks ermöglichte die Konzentration der Eisenhütten in den Kohlerevieren – eine wichtige Bedingung kapitalistischer Produktion. 1820 war England der führende Kohle- und Eisenproduzent und daher auch der führende Exporteur. Die neuen Hochöfen arbeiteten jedoch kaum mit halber Kraft.

Auch die Entwicklung einer allgemeinen Antriebsmaschine, als Kern der Industriellen Revolution, kam nur langsam voran. 1712 baute Thomas Newcomen seine erste „atmosphärische“ Dampfmaschine, die als Wasserhebemaschine eingesetzt wurde, weitere folgten. 30 Jahre später arbeiteten in England noch eine und auf dem Kontinent zwei! [5] Es vergingen noch einmal 30 Jahre, bis sich um 1770 eine Dampfmaschinenindustrie etablierte. Hauptabnehmer war der Buntmetallbergbau. Erst 1784 konnte James Watt seine echte „Dampf“-Maschine zum allgemeinen Antriebsmotor weiterentwickeln. Mit Hilfe eines Planetengetriebes wandelte er die Auf- und Abbewegung des Kolbens in eine Drehbewegung um. Trotzdem gab es um 1800 kaum 250 Dampfmaschinen. Nach 1780 wurde die Hochdruckdampfmaschine entwickelt, diese war relativ klein und schien ideal für den pferdelosen Antrieb von Wagen und Kutschen. Um 1810 entstanden die ersten dampfgetriebenen Lokomobilen. Doch die schienengeleitete Lokomotive machte das Rennen. 1825 wurde die erste Eisenbahnlinie in England in Betrieb genommen, 1835 die erste auf dem Kontinent. Nun erst entstand ein steil ansteigender Bedarf nach Kohle und Eisen. Bis 1860 wurden weltweit über 100.000 Kilometer Eisenbahnschienen verlegt und Tausende Lokomotiven gebaut. Der Bann der zögerlichen Entwicklung war gebrochen.



Die Tabelle macht den Übergang ins stählerne Zeitalter deutlich und gibt die Produktion der Welt, Großbritanniens (UK) und Preußens beziehungsweise Deutschlands (D) wieder:

  Jahr Einwohner Roheisen pro Kopf Kohle [6] pro Kopf Stahl
Welt[7] 1800 900 Mio. < 2 Mio. t 2 kg < 9 Mio. t < 10 kg -
UK 1800 10,3 Mio. > 100.000 t 10 kg >5 Mio. t 500 kg k.A.
Preußen 1800 9,2 Mio. 30.000 t 3 kg 0,3 Mio. t 30 kg k.A.
UK 1850 20,9 Mio. 2,25 Mio. t 107 kg 49 Mio. t 2.350 kg 49.000 t
Preußen 1860 18,5 Mio. 0,5 Mio. t 27 kg 14 Mio. t 750 kg 20.000 t
D 1913 66,8 Mio. 16 Mio. t 240 kg 163 Mio. t 2.440 kg 17,6 Mio. t
D 2005 82,5 Mio. 28,9 Mio. t 350 kg 78,5 Mio. t 950 kg 44,5 Mio. t
Welt 2005 6.517 Mio. 785,5 Mio. t 120 kg 4.800 Mio. t 740 kg 1.132 Mio. t

 


Aus heutiger Perspektive scheint die Eisenbahn dem Zwang technologischer Entwicklung entsprungen, sie machte die Dampfmaschine mobil und löste so ein Transportproblem. Doch ein solches bestand eigentlich nicht. [8] Das Wasser war und blieb der billigste Transportweg, England war schließlich eine Insel. Auf dem Kontinent fungierten die Flüsse als Wasserstraßen, bereits ab 1750 entstand ein weitverzweigtes Kanalnetz. Aber durch die Eisenbahn wurde alles mobil, die Industrie, die Menschen und vor allem das Kapital. Kapital, in der allgemeinen Form des Geldes, ist immer auf der Suche nach Verwertungsmöglichkeiten. Es will nicht einfach nur angelegt, also ausgegeben werden, sondern es soll ein Mehr an Geld dabei herauskommen. Und das nicht nur einmal, als kurzfristiger Gewinn, sondern als langfristiger Profit. Mittels der maschinellen Produktion wird diese, ursprünglich kaufmännische Bewegung – kaufen, um zu verkaufen – zu einem anhaltenden Prozess verstetigt. Mitte des 19. Jahrhunderts machte die Eisenbahn gut die Hälfte des Kapitalstocks der westlichen Länder aus.

1850 wurden weltweit erst 70.000 Tonnen Stahl erzeugt, die Masse davon in England. Sechs Jahre später erfand Henry Bessemer den nach ihm benannten Konverter. In diesem wurde das Eisen aus den Hochöfen in cirka 15 Minuten zu Rohstahl veredelt und anschließend in Walzwerken zu Schienen, Blechen sowie Profileisen geformt. Letztere ermöglichten unter anderem das Überspannen von Flüssen und Tälern mit immer eleganteren Brückenkonstruktionen, und dienten damit der Eisenbahn. Das war der Beginn des „stählernen Zeitalters“, das bis heute anhält.

Die Schienenstränge bildeten die Grundlage der Globalisierung. Eisenbahn und Stahl stellten nicht nur die Industrielle Revolution, sondern den Kapitalismus als Gesellschaft auf eine eigenständige Basis. Nur gestützt auf die Baumwollindustrie blieben die Kapital-Akkumulation und damit der Entwicklungsschub gering. Mit Koks, Stahl und Dampfmaschine entstand neben dem Konsumgütersektor eine völlig neue Produktionsmittelindustrie. Die Herstellung und der Vertrieb immer besserer Antriebe sowie Maschinen zur Produktion anderer Maschinen und deren beständige Auswechselung – Kohle und Dampfmaschine, Öl und Verbrennungsmotor, Elektroenergie und E-Maschinen – waren und sind Antrieb der Kapital-Akkumulation, der Motor der kapitalistischen Weltwirtschaft. Die innige Verbindung von Kohle und Stahl gilt bis heute und scheint unauflöslich.

Die mühsame technische Entwicklung spiegelt nur die noch mühsamere gesellschaftliche. Der Schritt von der landwirtschaftlich-gewerblichen Produktion zur industriell-kapitalistischen war ein Sieben-Meilen-Schritt, aber ohne die berühmten Stiefel. Das heutige Indien, Brasilien und China brauchen die technologische Entwicklung nicht zu wiederholen, und kommen deshalb schneller voran – doch am Vollzug der gesellschaftlichen Entwicklung führt kein Weg vorbei. Die kapitalistische Weltwirtschaft ist kein Basar [9], auf dem man Produkte nach Belieben beanspruchen kann. Man muss Waren verkaufen, um (andere) Waren kaufen zu können. Was nichts anderes heißt als sich dem unbegreiflichen Kapital mit Haut und Haar zu verschreiben – ganz oder gar nicht, Hingabe oder Verweigerung, gesellschaftlicher Wohlstand oder das Verfestigen der Armut zum allgemeinen Elend. Es gibt nur das Fortschreiten zum Stahl oder das Verbleiben beim Holz, ein „Dritter Weg“ ist Illusion.

Stahl und Holz oder Nachhaltigkeit auf brasilianisch

Brasilien verfügt über die größten Eisenerzvorkommen der Erde, aber nicht über Kohle. Geringe Vorkommen waren vor 30 Jahren bereits erschöpft. Heute werden Millionen Tonnen Steinkohle importiert, die überwiegend bei der Eisenverhüttung verwendet werden. Diese begann als dauerhafte Einrichtung erst Anfang des 19. Jahrhundert in Sorocaba, westlich Sao Paulo [10] – und natürlich mit Holzkohle. Durch die riesigen Wälder Brasiliens stand sie ausreichend zur Verfügung und daran hat sich bis heute nur eines geändert, die Masse des Kohlholzes wird in Eukalyptus-Plantagen herangezogen. Allein der Bundesstaat Mato Grosso do Sul lieferte 2007 zwei Millionen Tonnen Holzkohle aus Plantagen an die Hüttenwerke Brasiliens. [11] Bezogen auf das ganze Land sind es zur Zeit wohl sechs bis acht Milliarden Tonne, die mit Koks gemischt oder rein verwendet werden.

Der Eukalyptus ist ein schnellwachsender Hartholzbaum [12], der auch für die expandierende Papier- und Holzindustrie immer interessanter wird. Die Sämlinge werden in eine dichte Mulchschicht gepflanzt, die den Boden schützt und anderen Bewuchs dämmt. Innerhalb von nur dreieinhalb Jahren wachsen sie zu 25 Meter hohen Bäumen mit einem Brusthöhendurchmesser (BHD) von 18 Zentimetern heran. Zum Vergleich: Brandenburgische Kiefern brauchen etwa 30 Jahre, um einen BHD von 18 Zentimetern zu erreichen und 80 bis 100 Jahre, um 25 Meter hoch zu werden. Nach fünf Jahren ist der Eukalyptus reif zur Zellstoffverwertung, nach sechs Jahren für die Holzkohleherstellung und nach zwölf Jahren mit einem BHD von über 50 Zentimetern für die Holzindustrie. Ein Gesamtzuwachs von 70 Festmeter pro Hektar und Jahr macht es möglich. Etwa 5,5 Milliarden Hektar Holzplantagen liefern den größten Teil des benötigten Holzes, der Urwald nur noch einen kleinen Teil.

Brasilien ist der fünftgrößte Staat der Erde, 24 mal so groß wie Deutschland – 61 Prozent der Landfläche sind bewaldet und das ist flächenmäßig immer noch 15 mal soviel wie die Bundesrepublik – und hat fast 200 Millionen Einwohner. Der größte Teil lebt in der Küstenregion von Fortaleza bis an die Grenze Uruguays. In der alten portugiesischen Siedlungszone von Salvador bis Sao Paulo leben fast 90 Menschen pro Quadratkilometer – in Deutschland 230. Im ganzen Küstengebiet sind es 56 pro Quadratkilometer. Landschaftsgeografisch ist der Nordosten um Natal eine Trockenwaldzone, und das trotz 1.000 Liter Regen pro Quadratmeter und Jahr – hierzulande 550. Das liegt an der hohen Verdunstungsrate der Tropen. Dort wächst die Caatinga, ein Buschwald mit vielen Kakteen. Von Salvador bis südlich von Sao Paulo schließt sich die Zone des Küstenregenwaldes an. In den Mittelgebirgslagen nördlich von Sao Paulo beginnt das wechselfeuchte Savannengebiet, das rund ein Drittel des Landes einnimmt. Es ist gut sieben mal so groß wie Deutschland und beherbergt zehn Menschen pro Quadratkilometer. Das ist das Gebiet des Cerrado [13] eines dornigen Strauchwalds mit viel Grasunterwuchs, der sich an den Flussläufen auch zu imposanten Hartlaub- und Regenwäldern erheben kann. Dort fallen im Schnitt 1.300 Liter Regen. Etwa 2.000 Kilometer nordwestlich von Rio de Janeiro geht die tropische Savanne in den Regenwald des Amazonasbeckens über. Dieses ist drei Millionen Quadratkilometer groß und zu 80 Prozent bewaldet. Der Amazonas-Regenwald ist sieben mal so groß wie Deutschland und beherbergt rund zehn Millionen Menschen, der größte Teil lebt in Städten, wie Manaus, das sich zu einer Metropole mit 1,7 Millionen Einwohnern entwickelt hat. Die Bevölkerungsdichte liegt knapp über drei Einwohnern pro Quadratkilometer. Der brasilianische Wald ist nicht mit dem Amazonas-Regenwald gleichzusetzen, dieser macht „nur“ die Hälfte der Waldfläche aus. Wenn in Brasilien 600 Quadratkilometer Wald verschwinden, wie im Frühjahr 2011 im Mato Grosso – das heißt in der Savannenzone – geschehen, entspricht das sowohl 80 Prozent der Fläche Hamburgs [14] als auch 0,012 Prozent der brasilianischen Waldfläche. Und das heißt nur: Der Wald „erodiert“ immer noch.

In den letzten 30 Jahren hat sich die Struktur der brasilianischen Landwirtschaft und ihrer Großbetriebe, der Fazendas, grundlegend gewandelt. Das Land ist immer noch der führende Kaffee- und Zucker-Exporteur – 1960 machten diese 60 Prozent des gesamten Außenhandelswertes aus, Mitte der 1970er Jahre noch 35 Prozent. Heute steht Soja an erster Stelle, gefolgt von Fahrzeugen und Maschinen, Eisenerz und Stahl, Bauxit und Aluminium, Papier und Holzprodukten. Eine Fazenda umfasst 1.000 bis weit über 10.000 Hektar – Betriebe unter 400 Hektar gelten in Brasilien als klein – und ist ein Mischbetrieb, der Mais und Soja beziehungsweise Zuckerrohr oder Kaffee anbaut sowie Fleisch, Rinderhäute, Milch und eben auch Holz produziert. Das Ackerland umfasst, einschließlich Holzplantagen, 65 Millionen Hektar. Mit einem im eigenen Land produzierten Maschinenpark [15] wird es industriell und auch nachhaltig bewirtschaftet. Der pfluglose Anbau überwiegt, das heißt der Boden wird kaum bewegt, und es bleibt eine bis zu fünf Zentimeter dicke Mulchschicht auf dem Boden liegen, die die Krume vor Sonne und Regen schützt und die Erosion verhindert. Alle fünf bis sechs Jahre wird eine Brachperiode eingeschoben, die die Rolle des Fruchtwechsels in unseren Breiten übernimmt. Die Brache wird von den in der Savanne allgegenwärtigen Rindern beweidet.

In den 1960er und 70er Jahren schwankte der Zuckerpreis [16] erheblich, zwischen drei Cent (1964) und 66 Cent (1974) [17] und machte eine moderne Produktion kaum möglich. Als Ende der 70er Jahre der Ölpreis stark anstieg, öffnete sich ein anderer Weg – die Kraftstoffproduktion aus Zuckerrohr. Kräftig subventioniert entstand in wenig mehr als einem Jahrzehnt eine völlig neue Industrie, die das Land revolutionierte. Der alte Großgrundbesitz musste den brasilianischen „Newcomers“, den profitorientierten Fazendas, weichen. Dieses kapitalistische Agrobusiness vereint die Ethanolindustrie vom Anbau bis zum fertigen Produkt. Die alte Produktion mit vorwiegender Handarbeit wich der kapitalintensiven Mechanisierung. Der Anteil der ländlichen Bevölkerung, sank von über 40 Prozent Mitte der 70er auf 20 Prozent Anfang der 90er Jahre. Heute produziert Brasilien 450 Millionen Tonnen Zuckerrohr, von dem mehr als die Hälfte in die Ethanolproduktion geht. Mit der dabei anfallenden Bagasse, etwa 80 Millionen Tonnen ausgepresstes Zuckerrohr, wird die Ethanolindustrie betrieben, und auch Strom produziert. Die bei der Zuckerherstellung anfallende Melasse, ein honigartiger Rückstand, dient als Tierfutter bei der Intensivierung der Fleisch- und Milchproduktion. Aus dem Zuckerrohr von einem Hektar Acker lassen sich 6.000 Liter oder 4,7 Tonnen Ethanol erzeugen – zum Vergleich: Ein Hektar Ölpalmen bringt etwa 4,5 Tonnen Palmöl, ein Hektar Raps cirka 1,1 Tonnen Rapsöl. Die anfängliche Subventionierung ist weitgehend aufgehoben, da sich Ethanol mit einem Literpreis von 23 US-Cent als Benzin-Äquivalent herstellen lässt. Das Ethanol aus Mais (USA) liegt etwa zehn Cent darüber, der „Rapsdiesel“ mehr als 50 Cent. Der hohe Ölpreis war zwar Auslöser dieser Entwicklung, der Motor jedoch war das Streben des Agrar-Kapitals nach einem dauerhaft hohen Profit – dies ist eine ganz andere Form der Nachhaltigkeit.

Bei der Ausweitung der Produktion greifen die Großbetriebe kaum auf Regenwaldboden zurück. Der Satz, Wälder wachsen auf Böden die sie selbst gebildet haben, gilt in den Tropen nur bedingt. Dauerhafte Temperaturen um 25 Grad Celsius führen zu einer beschleunigten Zersetzung der Streu, also der herabfallenden Früchte, Blätter und Zweige, und Regenmengen von mehr als 2.000 Litern pro Quadratmeter zu einer schnellen Auswaschung der Nährstoffe im Boden. Das üppige Wachstum des Regenwaldes beruht nicht auf der Produktivität der Böden, wie in den gemäßigten Breiten, sondern auf der Produktivität der Bäume, die Tropenwälder sind nicht so sehr „Holzfabriken“, es sind vielmehr „Blattfabriken“. [18] Fast 50 Prozent der jährlich produzierten Pflanzenmasse ist Streu, die zu Boden fällt. Die Bäume durchwachsen die Streuschicht mit ihren Wurzeln, um die freigesetzten Nährstoffe schnellstmöglich wiederaufzunehmen. Anders formuliert, sie leben, im Wortsinne, von der Hand in den Mund. In den Tropen existiert nur ein kurzer Umlauf der Mineralstoffe zwischen dem Kronenbereich der Bäume und der Streuschicht. Sie sind nicht die vielbeschworene „grüne Lunge“ der Erde. Jedes freigesetzte O2-Molekül wird sofort wieder „veratmet“, also in das CO2 zurückverwandelt, aus dem es durch die Fotosynthese der Pflanzen entstanden ist. 60 bis 80 Prozent ihres Nährstoffbedarfs decken Tropenwälder durch ihre Streuproduktion. 20 bis 40 Prozent kommen aus anderen Quellen, dem Regenwasser, Staub, Luftplankton (Pollen, Kleinstinsekten), aber vor allem durch die riesigen saisonalen Überschwemmungen des Amazonas-Gebietes. Kurz gesagt, zum größten Teil ist der Regenwald für die landwirtschaftliche Intensivproduktion nicht geeignet.

Die „grüne Lunge“ ergibt sowieso ein schiefes Bild, denn gemeint ist ja eine Kohlenstoffsenke. Die Wälder befinden sich nicht in einem statischen Gleichgewicht, es sind offene Systeme. In den nördlichen Breiten überwiegt die Bodenbildung die Erosion, so dass die Waldböden 100 Tonnen und mehr Kohlenstoff speichern können. In den äquatorialen Tropen übertrifft die Erosion die Bodenbildung, dadurch ist eine Kohlenstoff-Speicherung im Boden kaum möglich. Im oberirdischen Holz enthält der deutsche Wald 127 Tonnen Kohlenstoff pro ha, [19] plus 100 Tonnen im Boden macht 227, der brasilianische Wald oberirdisch 121 Tonnen, plus vielleicht 50 Tonnen im Boden [20] macht 171 Tonnen. Wenn überhaupt dann verdienen die Wälder des Nordens, neben oder besser nach den Weltmeeren, das Prädikat „grüne Lunge“.

Die Eisenbahn hat es in Brasilien nie zu europäischer Größe gebracht. Das Landesinnere wird mit Straßen und Automobilen erschlossen. Die Transamazonica war das erste Großprojekt zur Erschließung des Amazonasbeckens. 1970 begonnen, wurde sie nie fertiggestellt. Teile der Straße hat sich der Urwald wieder zurückgeholt. [21] In den 1980er Jahren wurde das Savannengebiet mit einem relativ dichten Straßennetz überzogen. Von hier aus ist die Transoceanica im Bau, die über Porto Velho und Rio Branco [22] bis nach Peru führen und den Soja-Export in Richtung Asien erleichtern soll. Der Kraftfahrzeugbestand, 1970 unter drei Millionen, liegt bei über 25 Millionen PKW und 5,5 Millionen Nutzfahrzeugen. 2008 wurden im Land 3,2 Millionen Fahrzeuge gebaut. Straßenbau sowie Auto- und Ethanolindustrie haben die Rolle der Eisenbahn übernommen. Holz, Stahl, Soja und Zuckerrohr bestimmen das Gesicht des Landes. Die Ethanolindustrie ist eine neue energetische Technologie. Wichtig ist dabei nicht der scheinbare Sinn oder Unsinn, auch die ersten Eisenbahnen galten anfangs als Kuriosum, sondern die dauerhafte Verwertung des angewandten Kapitals.

Brasilien lässt sich nur schwer vom heimischen Kirchturm, mit seinem eingeschränkten Horizont, beurteilen. Ebenso wie in Indien und China erzwingt die schiere Größe einen anderen, eine globalen Blickwinkel, der aber mit der Lokalität, dem konkreten Ort, im Zusammenhang steht. Beim Zuckerrohr erfordert die aufwendige Handarbeit das Abbrennen der trockenen und harten Außenblätter vor der Ernte. Beim Einsatz von Erntemaschinen entfällt dies und sie hinterlassen die Blätter als den Boden bedeckende, schützende Streuschicht. Durch die Klima-Brille besehen, müsste das den grünen „Gläubigen“ eigentlich erfreuen. Stattdessen wird dem (bösen) Agro-Business die Verdrängung der Kleinbauern vorgeworfen. Der Anteil der ländlichen Bevölkerung ist von über 50 Prozent 1960 auf 15 Prozent 2007 gesunken und sinkt weiter. Die an den Boden geheftete Arbeit verschwindet und macht der allgemeinen Form der gesellschaftlichen Arbeit, der Lohnarbeit, Platz. 89 Prozent der Beschäftigten in Deutschland sind lohnabhängige Arbeitnehmer. Wo liegt das Problem? Es ist das Naturbild im Kopf. Der Traum vom Wald gilt nicht einfach der unberührten Wildnis, sondern der von keines zivilisierten Menschen Fuß berührten Wildnis. Zivilisation, insbesondere die „modern-bürgerliche“ (Karl Marx), ist in diesem Bild Verderbtheit, Zerstörung, Mord. Eine tiefsitzende Aversion gegen das auf Wohlstand und Unabhängigkeit gegründete bürgerliche Lebensgefühl ist das Problem.