15.08.2011

Der Traum vom Wald

Analyse von Joachim Volz

Gerade die Deutschen neigen zu romantischer Verklärung des Waldes. Sie übersehen, dass Wälder vor allem der Holzproduktion dienen. In Zeiten von Klimaangst und Nachhaltigkeitsdenke untersucht Joachim Volz in einer mehrteiligen Serie Geschichte und Gegenwart der Waldnutzung

Ein englischer Historiker hat zur Zeit der deutschen „Waldsterben“-Diskussion angemerkt, dass das Holz sich vor allem durch eine Eigenschaft auszeichne, nämlich jene, immer wieder nachzuwachsen. Holz ist eine Ressource, die der Wald liefert. Wald und Holz gehören zusammen. Das ist eine Plattitüde, die hierzulande aber kaum beachtet wird. Die Zuneigung der Deutschen zum Wald, und damit die Abneigung gegen die Wald-Benutzung, reicht tief. Der britische Historiker Simon Schama hat die Besonderheiten dieser deutschen Liebe, die, je tiefer sie ging, um so weniger mit dem realen Wald zu tun hatte, eingehend beschrieben.1

Das Waldsterben ist bekanntlich ausgefallen, doch der Traum vom Wald, der Traum von der (Mutter) Natur ist geblieben. Zivilisation ist schlecht, muss es sein, da sie den Traum gefährdet. In Zeiten der Klimaangst tauchen aus dem Dunst der Tropen wieder scheinbar echte Urwälder auf. Nur, um wieder zu verschwinden? „Motorsägen führen Krieg…“, so die Schlagzeile; „Waldflächen so groß wie 35 Fußballfelder werden weltweit in jeder Minute abgeholzt“. „Wer den Urwald in Brasilien zerstört, schädigt das Klima auf der ganzen Welt“. IKEA, Adidas oder Nestlé werden an den Pranger gestellt, weil sie Holz, Leder oder Palmöl aus Ländern wie Brasilien und Indonesien beziehen und der grüne „Gläubige“ wird angehalten, sich zu informieren, wie er denn an palmölfreie oder andere „grüne“ Produkte komme. Der Traum vom Wald hat das Holz zurückgelassen.

Holz und Kohle

Schon vor 200 Jahren wurde das Aus für den deutschen Wald befürchtet. Klagen über eine bevorstehende Holznot waren allerorten zu hören. Und sie schienen nicht grundlos. Zwischen 1750 und 1850 verdoppelte sich die Bevölkerung in den deutschen Staaten von 18 auf 35,4 Millionen Einwohner. Allein Berlin wuchs von 113.000 auf 424.000 Einwohner, und die wesentlichen häuslichen Energiequellen waren das offene (!) Herdfeuer in der Küche und der Ofen in der Stube. Ab 1765 belieferten wechselnde private und staatliche Unternehmen die Berliner Holzmärkte. Die folgende Tabelle gibt die Entwicklung des Brennholzverbrauchs, sowie von Kohle und Torf, reduziert auf Steinkohleeinheiten (SKE) und pro Kopf der Einwohner wieder:

 

Jahr

1786

1800

1840

1860

Brennholz in Klafter2

132.479

169.000

179.115

170.000

in t SKE

  85.500

109.000

115.000

110.000

Kohle in t SKE

k.A.

29.000

50.000

482.000

Torf, Holzkohle in t SKE

k.A.

4.000

47.000

35.000

SKE, gesamt

88.0003

142.000

212.000

627.000

Einwohner

147.000

172.000

330.000

546.000

kg SKE pro Kopf

600

820

650

1.140

 

Ein Klafter Holz pro Kopf und Jahr bzw. 600 kg SKE entspricht dem Durchschnitt des 18. Jahrhunderts, die Hälfte wurde für das winterliche Heizen, ein Drittel für das Kochen verbraucht. Bis 1850 hatte das Holz als Brennmaterial immer noch den ersten Platz inne, seine Ablösung durch die Kohle ging nur langsam vonstatten. Doch ohne diese hätte Berlin nach 1800 schnell seine „Grenzen des Wachstums“ erreicht. Die Gewinnung von Kohle erforderte keine Innovationen. Kohle und auch Öl (letzteres oxidiert schnell zu Teer) sind durch geologische Prozesse immer wieder freigelegt worden und konnten mit einfachsten Mitteln ergraben werden. 1996 wurden z.B. in China 638 Mio. t Steinkohle in 63.975 „Gemeinde- und Dorfkohlenbergwerken“4 produziert. Kohle war oft einfacher zu gewinnen, als Holz. Immer dann haben Bauern die Rolle von Bergleuten übernommen. Erst mit dem Vordringen in größere Tiefen und den dabei auftretenden Problemen der Wasserhaltung wandelten sich die einfachen Gruben zu Kohle-Zechen.

Alle Bemühungen zur Holzersparnis vor 200 Jahren, mit denen das Menetekel der Holznot gebannt werden sollte, erwiesen sich im Nachhinein als wenig zielführend. Wilhelm Leopold Pfeil spottete „Über die Mode der Holzsparkünste… Nicht der Sarg wurde dem aus dem Leben scheidenden Menschen gegönnt, es sollten Communal-Särge geschafft und der Todte in Leinwand genähet in die Grube geworfen werden. Die Bretter der Fußböden, die Zäune, jede Lebensbequemlichkeit, die Holz kostete, wurde für verwerflich erklärt. Die Schriftsteller haben mit Erfrieren und Verhungern gedrohet, die Regierungen haben Edikte erlassen, die Künstler Sparöfen… gebauet und angepriesen… Die Mode hat gewechselt. Nicht Sparniß, Konsumtion begründet jetzt das Leben und Gedeihen der Staaten“.5 In der gesellschaftlichen Umbruchsituation um 1800 wurden die Förster als neue Vermittler zwischen den Wald und die bäuerliche Nutzung geschoben. Sie betrachteten die Wälder mit wissenschaftlichen Augen – sie vermaßen sie, um den Ertrag im Voraus berechnen zu können. Jede Störung, wie z.B. das Schneiden von Eichenruten für Peitschenstiele, wurde reguliert, wenn nicht verboten. Bei der Beschreibung dieser Umbruchsituation erliegt Hansjörg Küster6 einem bezeichnenden Irrtum. Wohl bei der Durchsicht von Forstkarten war ihm aufgefallen, dass die Forstwege als gerades, sauberes Gitternetz angelegt wurden. Dies glaubte er, nur mit der Annahme erklären zu können, die Wälder seien durch Übernutzung so aufgelichtet gewesen, dass man die Wege ohne Mühe so anlegen konnte. Die preußischen Wälder wurden erst nach 1763 vermessen, bis dahin hatte man eher vage Vorstellungen von ihrer Größe. Dabei wurden sie in gleichgroße sogenannte Gestelle aufgeteilt und schnurgerade Wege, ohne Rücksicht auf den Untergrund, auch durch den dichtesten Bestand gehauen. Alle Gestelle sollten gleichermaßen zugänglich und überschaubar sein. Schon eine Förstergeneration später erfolgte eine Neuaufteilung der Forsten, dabei wurden auch die Wege besser den Gegebenheiten angepasst. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man nach einigen Experimenten die heutige Jagen-Einteilung gefunden. Selbst hier hatte die „Mode“ gewechselt.

W. Pfeil berechnete auch, wie viel Wald gebraucht würde, um die nachhaltige Holzversorgung Berlins auf dem Stand von 1840 abzusichern. Im Ganzen benötigt wurden 415.000 Festmeter (fm) Brenn- und Kohlholz sowie 105.000 fm Bau- und Nutzholz, zusammen 520.000 fm Holz, die nach Berlin geflößt wurden. 80 Prozent des Holzes wurden zur Energieerzeugung verbrannt. Die Fläche, auf der nachhaltig das Holz gezogen werden sollte, belief sich bei einem Zuwachs von knapp 2,5 fm Stammholz pro ha und Jahr auf 2.144 km2. Das sind mehr als 80 Prozent des Saarlandes, das heute eine Großstadt wie München mit Holz versorgen müsste. Aus heutiger Sicht erscheint die Kohle als Retter des Waldes, aus Sicht der Zeitgenossen stellte sich das keineswegs so dramatisch dar. Kohle und Torf fungierten als Ersatz für das Brennholz, nicht des Holzes allgemein. Die Wälder wurden im 18. Jahrhundert von der Landwirtschaft getrennt und die Holzerzeugung ihr eigentlicher Zweck. Sie sollten Bau- und Nutzholz liefern – und das tun sie bis heute. Noch bevor die Kohle das Holz als Energieträger auf die hinteren Plätze verdrängen konnte, verstummten die Holznot-Klagen. Die Umgestaltung der Wälder im Sinne einer eigenständigen Forstwirtschaft war vollzogen.

Über Jahrtausende war Holz die wesentliche Energiequelle. Das Feuer ist es geblieben, aber der Brennstoff hat gewechselt. Mit dem Ausbrechen aus dem agrarischen Solarenergiesystem, um einen Terminus von Rolf Peter Sieferle7 zu benutzen, ist jede neue energetische Technologie zu einer Brückentechnologie geworden: Kohle – Kernenergie – Öl – Erdgas. Keine ist für sich perfekt, aber sie ergänzen sich. Die Begrenztheit der Ressourcen ist kein wirkliches Argument, denn bei den Vorräten geht es doch vor allem um die ökonomische Erreichbarkeit. Beim Erdgas ist in den letzten zehn Jahren noch das Coal Bed Methane (Methan aus Kohleflözen), das Shale Gas (Schiefergas) und das Tight Gas (Sandsteingas) hinzugekommen, die USA decken bereits 40 Prozent ihres Bedarfs aus diesen neuen Quellen.8 Über den idealen Energie-Mix der Zukunft lässt sich trefflich streiten, hierzulande wird er jedoch verordnet.

Der Wald auf preußisch. Oder: Wie nachhaltig waren Indiens heilige Kühe?

Wälder wachsen auf Böden, die sie selbst gebildet haben. Nadeln, Blätter, kleine und große Zweige fallen zu Boden, werden dort zersetzt und mineralisiert, die Mineralstoffe von den Wurzeln wieder aufgenommen und stehen für die Bildung neuer Blätter, Nadeln und Zweige zur Verfügung. Der Stamm dient vor allem dazu, die mit Blättern bedeckten Teile der Krone zum Sonnenlicht, dem Energielieferanten, zu bringen. Er selbst besteht aus Kohlenstoff und ist eigentlich entbehrlich. Man kann den Stamm also heraushauen und das Ast- und Reisigholz als Dünger im Wald belassen, das ist die normale forstliche Nutzung. Im Plenterwald wurde das benötigte Holz nach Maßgabe des späteren Gebrauchs stammweise gehauen – dicke Eichenstämme für Mühlenwellen, Kiefernstangen für Dachlatten, gerade Birkenstämme für Zugstangen usw. Hecken schützten nicht nur die Felder gegen das Wild, sondern lieferten auch Brenn- und kleines Nutzholz, z.B. für Hammerstiele. Das meiste Brennholz kam aus Niederwäldern. Alle Laubhölzer besitzen die Fähigkeit zum Stockausschlag. Birken, Eichen, Buchen, Erlen wurden früher im 20. bis 30. Jahr gefällt, und aus dem Wurzelstock wuchs ein dichter Busch neuer Äste hervor. In zehn bis 15 Jahren wuchsen diese zu armdicken Stangen heran, die sich unkompliziert zu Brennholz verarbeiten ließen. An Kopfweiden kann man diese Wuchsform noch erkennen. Die Weidenruten wachsen dabei auf einem kurzen Stamm, um für das Vieh nicht erreichbar zu sein. Doch die zu Holzverkäufern avancierten Förster, hatten nicht mehr die Zeit, „um nach Bäumen (...) für den jeweiligen Zweck zu suchen. Bäume gleicher Art und Wachstumsstufe“ sollten „in ordentlichen Bataillonen bereitstehen und auf ihre Marschbefehle warten“9. Der in Altersklassen eingeteilte Hochwald ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts.

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist in der preußisch-deutschen Forstwissenschaft entstanden. Mit Nachhaltigkeit war hier die dauerhafte, in sogenannten Ertragstafeln10 mathematisch gesicherte, Holzerzeugung auf einer bestimmten Fläche gemeint. Und dies wiederum war notwendig, um eine dauerhafte und gleichmäßige Ressourcenzufuhr zu erreichen. Gleichzeitig war das ein Kampfbegriff, mit dem das gewohnheitsrechtliche Beharren der Bauern auf unterschiedlicher und wechselnder Nutzung der Waldbereiche zu Viehweide und Holzentnahme mit dem Argument des „Holzfrevels“, also der fehlenden Nachhaltigkeit, bestritten wurde. Dabei war beides weder ungeregelt noch schädlich für die Wälder. Diese passten sich dem Auf und Ab der menschlichen Bevölkerung an, sie schrumpften, wenn diese wuchs und dehnten sich wieder aus, wenn diese – durch gesellschaftliche Veränderungen in deren Folge Hunger, Seuchen und Krieg gehäuft auftraten – schrumpfte.

Als sich vor 7.000 Jahren die ersten Bauern in Mitteleuropa niederließen, begann die „Erosion des Waldes“. Dieser Begriff des italienischen Historikers Massimo Montenari11 beschreibt die Anverwandlung der ursprünglichen Waldlandschaft an menschliche Zwecke am genauesten. Der Wald lieferte Acker, zusätzliche Nahrung für Mensch und Vieh sowie Brenn- und Bauholz. Mit anwachsender Menschenzahl „erodierte“ der Wald immer weiter. Er verschwand aber nicht, sondern wurde in unterschiedlichen Arten der Bewirtschaftung, die in unterschiedlichen Waldformen sichtbar wurden, den Bedürfnissen der agrarischen Gesellschaften angepasst. Dies kann man aber nicht anders denn als nachhaltiges Wirtschaften bezeichnen. Alle menschlichen Gesellschaften seit der Bronzezeit mussten sowohl nachhaltig mit den natürlichen Ressourcen umgehen als auch ständig über diese, durch die Verfügung über Wasser und Wind, Brennstoff, tierische und menschliche Muskelkraft, vorgegebene Stufe der Nachhaltigkeit hinauswachsen. Nur über ihre eigene Arbeit konnten sie dauerhaft verfügen. Über Jahrtausende wurde diese dem Boden dargebracht – „Ich will Dich mit Arbeit anbeten“, rief der indische Dichter Rabindranath Tagore12 seiner „Mutter Erde“ zu. Nachhaltig an dieser Nachhaltigkeit ist insbesondere die Armut, das Überleben an dem durch die Ressourcen, die man heute „erneuerbar“ nennt, vorgegebenen Existenzminimum. Ein heutiger Landwirt oder Farmer – die Personalunion von Unternehmer, Kaufmann und Ingenieur – tritt der Erde nicht mehr in der Geste der Unterwerfung gegenüber. Hinter ihm steht die kapitalistische Weltgesellschaft mit ihren vielfältigen wissenschaftlichen und technischen Organen, die ihn befähigt mit kleinstmöglichem Aufwand bei wachsender Produktivität des Bodens den größtmöglichen Ertrag zu erzielen. Es ist eben nicht mehr die unmittelbar an den Boden geheftete Arbeit, sondern die durch vielfältigen Austausch vermittelte Arbeit, die dies ermöglicht.

Indien galt lange als „Musterland“ der Armut.13 Sir John Phears „Modern Village Life in Bengal“ von 1874 wurde zustimmend von Karl Marx zitiert. Wenn der „Ryot“, der indische Landarbeiter, „seine zwei Mahlzeiten erhält und einfache Kleidung, ist er mit seinem Los zufrieden (...) Er ist der größte Feind sozialer Reformen (& wäre nicht Feind davon, die Pacht selbst zu bekommen) (...) Er wird seinen Sohn nicht zur Schule schicken aus Angst (und nur zu berechtigt!), er würde sich dessen manueller Hilfe auf dem Felde berauben.“14 Jedes verfügbare Land musste mit Arbeit „angebetet“ werden. 194715 nahm der Acker 55 Prozent der Fläche Indiens ein. 250 Millionen Menschen (von 350 Millionen) bearbeiteten 100 Millionen ha Acker – anders gesagt: 2,5 Menschen bearbeiteten 1 ha Acker und ernährten 3,5 Menschen. In Deutschland bearbeitet ein einziger Beschäftigter in der Landwirtschaft heute 8,5 ha Ackerland und ernährt 63 Menschen.

Die Rinder waren in Indien fast wichtiger als die Menschen, sie standen unter dem Schutz der Religion, was ihr Überleben in Hungerzeiten sicherte. Trotzdem waren sie jemandes Eigentum, ihre Haltung diente einem Zweck. In den Anbaugebieten für Weizen gab es doppelt so viele Ochsen wie Kühe, denn Ochsen wurden als Zugvieh zum Pflügen gebraucht. Und in den Reisanbaugebieten, wo die Handarbeit überwog, gab es dreimal soviel Kühe wie Ochsen. Hier stand die Milch im Vordergrund. Die jeweiligen Eigentümer verfolgten durchaus unterschiedliche Strategien, um die Rinderzahl zu regulieren. Die Kasten der Unberührbaren verwerteten die Häute, das Horn und die Knochen, die Religion verbot das Schlachten, nicht die Nutzung der verstorbenen Tiere.16 1947 zählte man 177,47 Millionen, einschließlich Büffel, das waren 539 Rinder auf 1.000 Inder. Die indischen Rinder waren so anspruchslos wie ausdauernd und machten den Menschen keine Nahrungskonkurrenz. Sie gaben ihre Arbeitskraft, Milch und Dung – dieser ersetzte das Holz als Brennstoff –, aber kein Fleisch. Als das (Rind-)Fleisch für die Ernährung ausschied, wurde die Milch zur unerlässlichen Proteinquelle.

1931 betrug die Lebenserwartung eines Inders 27 Jahre, das entspricht exakt der statistischen Lebensspanne eines deutschen Neugeborenen vor 200 Jahren. Bis 2007 war sie auf 65 Jahre gestiegen, die Säuglingssterblichkeit demzufolge stark gesunken. Die Armut ist noch nicht besiegt, der Hunger durchaus noch ein Problem, aber die Lage hat sich deutlich gebessert. 29 Prozent der Bevölkerung leben heute in Städten, nur 7 Prozent waren es 1951. Fast alle Jungen und Mädchen besuchen die Schule. „Es ist besser geworden, findet (auch) Bhagant, ein alter Landarbeiter. Das große Problem sind jetzt die Kinder. Als er jung war, gehorchten… (sie) und halfen zu Hause. Heutzutage sind sie furchtbar unabhängig und verdienen ihr eigenes Geld.“17

In der indischen Variante der Nachhaltigkeit hatten die Heiligen Kühe durchaus ihren Platz. Das modische Geplapper über Nachhaltigkeit meint das Verharren auf einem einmal erreichten Zustand. Doch dieser musste doch erst einmal erreicht werden! Wenn die Menschen immer nachhaltig verharrt wären, gäbe es kein Tadj Mahal, keine Sixtinische Kapelle, kein Kolosseum und wohl auch kein Göbekli Tepe – sie würden immer noch als Jäger und Sammler durch die Wälder ziehen. Es gibt viele Interpretationen darüber, was uns zu Menschen macht. Am besten gefällt mir die von einem französischen Anthropologen, dessen Name mir jedoch seit langem entfallen ist: „Menschen tragen Amulette, Tiere nicht.“ In diesem kurzen Satz ist alles enthalten, die geistige Reflexion der Umwelt, was wiederum eine Sprache und damit eine Gesellschaft voraussetzt. Aber auch die stoffliche Seite fehlt nicht, für das Amulett braucht man Roh-Stoffe und Zeit, um es anzufertigen. Arbeit und Gesellschaft gehören genauso zusammen wie Holz und Wald.

Wald und Holz 2010 – der neue Welt-Waldbericht

Bei der Durchsicht der Zahlen fällt erst einmal auf, dass es heute mehr Wald gibt als Ende der 1970er Jahre, als die Schreckensmeldungen begannen. 1978 ging man von einer Waldfläche der Erde von 2.563 Millionen Hektar aus, 1995 waren es schon 3.450 Millionen und 2010 sind es 4.033 Millionen Hektar.18 Dies ist aber „nur“ auf die verbesserte Auflösung der Satellitenbilder zurückzuführen. In den 1980er Jahren umfasste ein Bildpunkt 50 x 50 m oder mehr, in den 90ern noch 30 x 30 m und erst in den letzten Jahren erreicht man mit 10 x 10 m und weniger eine ausreichende Auflösung. Die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN, hat sich die Mühe gemacht alle Zahlen bis 1990 zurückzurechnen, so dass sich für die letzten 20 Jahre ein genaues Bild ergibt.

2010 waren es 4.033.060.000 Hektar Wald, das sind 31 Prozent der Landfläche der Erde, und 3,2 Prozent weniger als 1990. Zum Vergleich: 1980 ging der Global 2000 Report davon aus, dass von den damals gezählten 2.563 Millionen im Jahre 2000 noch 2.117 Millionen Hektar vorhanden sein sollten, ein Rückgang um 17,4 Prozent. Anhand der neuen Zahlen kann man zwischen 1978 und 2000 einen Rückgang von vier Prozent der Waldfläche annehmen. Die damalige Fehleinschätzung war frappant. Von 2000 bis 2010 schrumpfte die Waldfläche nur noch um 1,3 Prozent – Tendenz also fallend. Im größten Teil Asiens ist der Trend zum Stillstand gekommen oder hat sich sogar umgekehrt, in Indien ist die Waldfläche von 20 Prozent (1947) auf 23 Prozent gestiegen, in China von acht Prozent (1949) auf 22 Prozent! In Europa und Nordamerika wächst der Wald wieder, langsam aber stetig – zwischen 0,01 Prozent (Russland) und ein Prozent und mehr (Italien, Bulgarien, Serbien) in den letzten fünf Jahren – Tendenz weiter steigend. Neben Afrika muss vor allem in Indonesien und Brasilien noch viel Wald den Menschen weichen. In Brasilien nehmen die Wälder immer noch 61 Prozent des Landes ein, die Entwaldung ist in den letzten Jahren von 0,57 Prozent auf 0,14 Prozent pro Jahr gefallen.19

Malaysia war in den 1990ern noch als Tropenwaldvernichter verschrien, dort hat sich die Urwaldfläche in den letzten 20 Jahren nicht verändert und macht ein Fünftel der gesamten Waldfläche aus. Ende der 80er Jahre überschritt das BIP pro Kopf die magische 2.000-Dollar-Grenze und lag 2008 bei über 8.000 Dollar. Mit wachsendem Wohlstand entstand eine städtische Mittelschicht, die, durchaus umweltbewusst, zunehmend die öffentliche Meinung beeinflusst. „In Zukunft wird es sich (...) Malaysia leisten können, den Regenwald als Naturerbe und nicht nur als Rohstoff zu betrachten.“20 Ein treffenderes Beispiel des Zusammenhangs von Wohlstand und Umweltschutz lässt sich kaum finden.

Nach der Durchsetzung der Kohle bewahrte das Brennholz seine Funktion noch als Anmachholz für diese. Bis weit in die 1960er Jahre standen deswegen auf Höfen und freien Plätzen in und außerhalb der, nicht nur kleinen, Städte Holzhaufen herum. Das Holz musste trocknen, bevor es seine Funktion erfüllen konnte. Als Schuljunge habe ich diese noch gesehen, aber nicht wahrgenommen, nicht im Gedächtnis behalten. Und das, obwohl ich beim Aufsetzen des „Familien-Haufens“ durchaus mit zupacken musste. Nach der wegweisenden Erfindung (heute nennt man das Innovation) des Kohleanzünders verschwanden die Brennholz-Mieten recht schnell. Von Berufs wegen hatte ich mit alten (musealen) Sachen, Dingen zu tun. Dabei musste ich stets den Zusammenhang zwischen der Sache, seiner Benennung und dem kulturellen Hintergrund im Auge behalten, sonst hätte ich z.B. Weihnachtskugeln aus den 1930er Jahren mit germanischen Runen nur als Kuriosität abgetan, und nicht als Ausfluss eines um sich greifenden mythischen Denkens in dieser Zeit. Bei der Vorbereitung der Ausstellung zur uckermärkischen Waldgeschichte „Holz und Heide, Forst und Tanger – Der kulturelle Wald“ kamen mir auch die Brennholzmieten wieder vor Augen, wenn auch nur auf Fotos und als Postkartenmotiv, und fanden natürlich ihren Weg in die Ausstellung. Diese zeigte die Wälder als etwas von Menschen geformtes, als kulturelle (künstliche) Natur, die jedoch der Gesellschaftlichkeit des Menschen entspricht. Vielfach war die Reaktion der Besucher ein erstauntes: „So schlimm war es also gar nicht!“ Das „schlimm“ bezieht sich auf die verbreitete Darstellung einer Übernutzung, gar einer „Vernichtung“ der Wälder in der Zeit vor 1800. Das Bild der Übernutzung, des Holzfrevels war das Bild der Förster, die den Wald nicht mit den Augen des Bauern sehen konnten. Das Denken in Zusammenhängen, vor allem solche gesellschaftlicher Art, scheint immer mehr zu schwinden. Es wird ersetzt durch einfachsten Ökologismus als Spielart des Biologismus. Laut einer Umfrage zum Jahr der Wälder 201121 nehmen 41 Prozent der Befragten das Holz und seine Produkte noch im Alltag wahr. Bei den Älteren sind es immerhin 50 Prozent, bei den unter 30 Jährigen kaum 30 Prozent. Diese sehen die Wälder fast nur noch als Kohlenstoffsenke, in Bezug auf die Klima-Diskussion oder als Tummelplatz der Artenvielfalt. Und wieder hat der Traum vom Wald das Holz zurückgelassen.