17.08.2026
Lass uns die Scheidung einreichen!
Von Kolja Zydatiss
Die Kluft zwischen rechten und linken Westlern wächst. In der Migrationspolitik sind die Differenzen mittlerweile so unüberbrückbar geworden, dass sich der Westen in zwei Teile spalten sollte.
Gepflegte Parkanlagen und prächtige Schlösser, charmant restaurierte Altstädte, Flaneure an der Ostsee, lächelnde Restaurantbesucher, saubere U-Bahnhöfe, die funkelnde Warschauer Skyline – unter dem Hashtag #Polandmaxxing fluten Nutzer derzeit die Sozialen Medien mit Bildern von allem, was in Polen schön ist und gut läuft. Ihre persönlichen Motive mögen unterschiedlich sein, von Fotografie-Begeisterten und beeindruckten Urlaubern bis patriotischen Bürgern oder Ultranationalisten mit einer klaren ideologischen Agenda. Der Trend ist, wie die meisten viralen Social-Media-Phänomene, nicht zentral gesteuert. Insgesamt wirken die Bilder und Filme jedoch wie eine Kampagne, die, wie Philipp Fritz – Warschau-Korrespondent der „Welt“ – bemerkt, das Land zu einer eigenständigen Marke macht, die mit seinen Worten für „Wohlstand, Wachstum, Sicherheit, Kreativität, Kultur und Zugehörigkeit“ steht.
Statistiken untermauern das neue Selbstbewusstsein der Polen und ihrer Fans: 3,5 Prozent prognostiziertes Wirtschaftswachstum 2026, derweil Deutschland wohl Mühe haben wird, die 0,6 Prozent zu erreichen. Die drittniedrigste Arbeitslosigkeit in der EU. Ein 38-Millionen-Einwohner Land, in dem vor allem dank der harten Linie gegen irreguläre und Asylmigration weniger Straftaten begangen werden als in der Bundeshauptstadt Berlin, obwohl diese nur rund ein Zehntel der Bevölkerung Polens hat. Keine erfolgreich ausgeführten islamistischen Anschläge in der gesamten Geschichte des Landes, das man, im Gegensatz zu Westeuropa, noch als eine Hochvertrauensgesellschaft beschreiben kann.
„In ganz Polen werden pro Jahr weniger Straftaten begangen als in Berlin.“
Parallel dazu ein weiterer Social-Media-Trend: Frustrierte deutsche Kleinunternehmer nehmen Videos auf, in denen sie erklären, warum sie ihre Geschäftstätigkeit nach Polen verlegt haben. Es sind nicht nur die nach wie vor etwas niedrigeren Personalkosten im Nachbarland, die sie aus dem besten Deutschland aller Zeiten treiben, sondern auch Faktoren wie niedrigere Energiepreise und weniger Bürokratie bei einer weitestgehend digitalisierten Verwaltung. Die Unternehmer haben gewissermaßen die Scheidung von ihrem eigenen Land eingereicht. Von Deutschland scheiden sich auch immer mehr polnische Auswanderer. 2025 wanderten erstmals mehr Menschen von Deutschland nach Polen aus als umgekehrt.
Eine solche freiwillige Selbstsortierung ist zu begrüßen, ja, wahrscheinlich ist sie für das langfristige Überleben dessen, was wir die westliche Zivilisation nennen, sogar unabdingbar. Denn die aktuellen politischen Debatten sind keine Auseinandersetzungen um Steuersätze, Gesamtschulen oder die Privatisierung einer Staatsbahn, wie sie reife westliche Demokratien jahrzehntelang prägten. Solche Debatten setzen voraus, dass alle Seiten dem Gemeinwohl grundsätzlich verpflichtet sind und lediglich darüber streiten, wie – um es mit den Worten des deutschen Amtseids zu sagen – das Wohl des Staatsvolks gefördert und Schaden von ihm abgewendet werden kann.
Spätestens als weite Teile der Linken damit begannen, die westliche Kultur und ihre Errungenschaften radikal abzuwerten, den gesunden Menschenverstand zu verdammen, jegliche Unterscheidung zwischen Bürgern und Nichtbürgern aufzuheben und sich rundweg zu weigern, die Folgen einer Einwanderungspolitik zu diskutieren, die Europa unter anderem Rape Gangs in England, Bandenkriege in Schweden, „verlorene Territorien“ in Frankreich, 13-jährige Auftragskiller in den Niederlanden, „Juden ins Gas“-Demos in Deutschland sowie wiederholte Terroranschläge mit Teils Hunderten von Opfern beschert hat, und seitdem einflussreiche Teile der Linken sogar tödliche Gewalt gegen Andersdenkende verharmlosen und begünstigen – wie die jüngsten Schüsse auf konservative Persönlichkeiten wie Charlie Kirk und Donald Trump und der Umgang damit zeigen –, wurde ein Rubikon überschritten, jenseits dessen politische Auseinandersetzungen nicht mehr innerhalb des herkömmlichen Rahmens einer liberalen Demokratie geführt werden können.
Die Fronten sind derart verhärtet, die Positionen und Prioritäten von Linksgrün-Progressiven auf der einen und des bürgerlichen, liberal-konservativen und rechtspopulistischen Lagers auf der anderen Seite derart unvereinbar, dass als einzig praktikable Lösung inzwischen die räumliche Separierung erscheint. Wer in einer funktionierenden, aufstrebenden Version des Westens leben will, so wie ihn etwa Polen verkörpert, muss dahin ziehen, wo die meisten Menschen dies auch so sehen, und die Progressiven mit ihrer selbstverschuldeten Dysfunktion alleine lassen.
„Die Fronten sind derart verhärtet, die Positionen und Prioritäten derart unvereinbar, dass als einzig praktikable Lösung inzwischen die räumliche Separierung erscheint.“
Ansonsten stehen wir vor Jahrzehnten gegenseitiger Blockade und Zermürbung, Verbitterung und Radikalisierung auf beiden Seiten und letztlich dem Zusammenbruch der Demokratie – ein Zusammenbruch, der sich in der Zunahme politisch-motivierter Gewalt, dem Ausschluss zumeist rechtskonservativer Kandidaten von Wahlen und, speziell in Deutschland, der Diskussion über ein AfD-Verbot, bereits abzeichnet.
Wie Mark Feldon und ich in unserem Buch „Interregnum: Was kommt nach der liberalen Demokratie?“ darlegen, gibt es in Europa einige Gebiete, in denen sich aus verschiedenen Gründen traditionelle, konservative Einflüsse erhalten haben, die die Tendenz liberaler Gesellschaften eindämmen, in einen utopischen Liberalismus ohne Grenzen abzugleiten, der unweigerlich das zersetzt, was Patrick Deneen die präliberalen Quellen „moralischer Substanz“ nennt, und schließlich an sich selbst scheitert. Zu diesen Gebieten, die sich als recht resilient gegenüber woker Dekonstruktion, Relativismus und Entgrenzung erweisen haben, zählen wir Osteuropa (aus historischen Gründen wohl der Teil des Westens mit dem ausgeprägtesten Bewusstsein für die Bedingungen von Freiheit), Italien, den Alpenraum einschließlich Bayerns sowie (mit Abstrichen) Skandinavien.
Durch die Förderung von Föderalismus, Regionalismus, direkter Demokratie (auch auf kommunaler Ebene, wie in der Schweiz), der Einstellung von Mechanismen wie dem Länderfinanzausgleich und seinen Pendants in anderen Ländern, die gescheiterte linke Politikansätze künstlich am Leben erhalten, und – im Extremfall –durch regionale Unabhängigkeitsreferenden (wie für diesen Herbst in der konservativen kanadischen Provinz Alberta geplant), ließe sich die Spaltung des Westens in einen „Realo-Westen“, wie er in diesen Gebieten existiert, und einen „Linkswesten“ noch beschleunigen. Mögen beide nach ihrer Fasson glücklich werden!
Allerdings dürfte es sich – besonders im EU-Kontext – als schwierig erweisen, den links dominierten supranationalen Institutionen, vor allem den Gerichten, ihre Macht zu entziehen. Diese zwängen Realo-Europa unter Berufung vor allem auf ein ständig wachsendes Menschenrechtsgefüge in ein enges Korsett, aus dem sich die demokratisch gewählten konservativen Regierungen bislang kaum befreien konnten – siehe etwa das Ringen Georgia Melonis mit dem Europäischen Gerichtshof im vergangenen Jahr um ihre Pläne, Asylverfahren und die Unterbringung von irregulären Migranten in Drittstaaten wie Albanien auszulagern. Der jüngste öffentlichkeitswirksame Schulterschluss zwischen Italiens rechtspopulistischer und Dänemarks sozialdemokratischer Regierung, die in einer gemeinsamen Erklärung zur Migrationspolitik die harte Linie ihrer jeweiligen Länder verteidigten, zeigt jedoch, dass Realo-Europa zunehmend selbstbewusster auftritt und sich über politische Lagergrenzen hinweg vernetzt.