22.03.2021

Kreuzzug gegen die Vergangenheit

Von Frank Furedi

Titelbild

Statue von David Hume / Foto: Bandan via Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Aktivisten, die Statuen umwerfen, sind nur der jüngste Ausdruck eines langanhaltenden Kulturkampfes gegen die Vergangenheit und das Erbe des Westens.

Die kulturellen Konflikte, die weite Teile der westlichen Welt erfasst haben, drohen uns zunehmend von unserer Vergangenheit zu entfremden. So haben sich die zahlreichen Streitigkeiten, die über Identität, Rasse, Geschlecht und Familienleben geführt werden, fast nahtlos miteinander verzahnt und gegenseitig verstärkt. Letztlich steht aber ein zentrales Ziel im Mittelpunkt, gegen das sich das Gift richtet: Die Vergangenheit der westlichen Gesellschaft. Dieser Angriff auf die Vergangenheit hat nichts mit dem ehrenvollen Auftrag zu tun, aus der Geschichte zu lernen. Es geht vielmehr darum, die Vergangenheit so zu behandeln, als wäre sie heute noch aktuell. Immer wieder werden historische Persönlichkeiten und Institutionen verurteilt, die dabei wie unsere Zeitgenossen behandelt werden. Die Kulturkämpfer versuchen mit Angriffen auf Ziele, die aus vergangenen Jahrhunderten stammen, ihre moralische Überlegenheit zu demonstrieren. Paradoxerweise versucht dieser Kreuzzug, die Gegenwart von der Vergangenheit abzukoppeln.

Es ist wichtig zu verstehen, dass sich der Kulturkampf gegen die Vergangenheit nicht auf die Zerstörung alter Denkmäler und Statuen beschränkt. Die Demonstrationen, mit denen die Untaten westlicher Imperien angeprangert oder historische Persönlichkeiten wie Thomas Jefferson (der dritte amerikanische Präsident), William E. Gladstone (britischer Premier des 19. Jahrhunderts) oder Winston Churchill angegriffen werden, sind in Wirklichkeit nur die greifbarsten und auffälligsten Symptome des kulturellen Unbehagens, das den Westen plagt.

Tradition unter Beschuss

Am auffälligsten an dieser Kriegserklärung gegen die Vergangenheit ist die aktive Unterstützung, die sie durch zahlreiche Kulturinstitutionen und deren Vertreter erfährt. Sie spielen eine wichtige Rolle bei dem Projekt der Entfremdung der Gesellschaft von ihren Traditionen und ihrer Geschichte. Das gilt in der angelsächsischen Welt auch für die Universitäten, die ein Bild der Vergangenheit fördern, das die Menschen mit Scham erfüllen soll. Die Behauptung, dass zeitgenössische kulturelle Institutionen die Last der Schuld für die von ihren Vorfahren begangenen Verbrechen tragen, ist von den kulturellen Eliten weitgehend verinnerlicht worden. Aus ihrer Sicht ist die westliche Geschichte nur durch unendliche Gewalt und Gier geprägt. Es gibt keine „gute alte Zeit“ mehr, die Trost spenden oder Nostalgie befördern könnte. Statt Nostalgie propagiert das gegenwärtige Regime die Vergangenheit als „die schlechte alte Zeit“ und versucht damit Schuld, Scham und Selbsthass zu schüren. Diese zersetzende Haltung der eigenen Geschichte gegenüber führt zu ständigen demonstrativen „Entschuldigungsriten“.

„Am auffälligsten an dieser Kriegserklärung gegen die Vergangenheit ist die aktive Unterstützung, die sie durch zahlreiche Kulturinstitutionen und deren Vertreter erfährt.“

Für das Vereinigte Königreich sei das Beispiel des Erzbischofs von Canterbury, Justin Welby, genannt. Kürzlich kündigte Welby an, dass die Kirchenstatuen an den wichtigsten Gotteshäusern „sehr sorgfältig“ überprüft werden sollen. Das Kriterium dieser Überprüfung ist die Frage, ob sie alle dort stehen sollten. Welby erklärte, dass nicht einmal die Kathedrale von Canterbury oder die Westminster Abbey von dieser Überprüfung verschont bleiben würden. 1

Welby nutzte geistliche Doppelzüngigkeit, um seine Forderung, möglicherweise Teile der Kirchengeschichte zu tilgen, zu rechtfertigen. Er erklärte, dass Vergebung nur dann gewährt werden könne, „wenn wir unser Verhalten ändern und sagen, dass dies nun vergangen ist und wir daraus für die Zukunft gelernt haben“. Die Befreiung der Kirchen von historischen Denkmälern wird so zu einem Akt der Reue und Buße.

Es lässt tief blicken, wenn sogar eine Institution wie die „Church of England“ – also die anglikanische Staatskirche, die den Auftrag hat, die Tradition Englands zu bewahren – ihre neue Rolle darin sieht, das Erbe, das sie schützen soll, infrage zu stellen. Es zeigt, dass der Kulturkampf gegen die Vergangenheit nicht nur von Demonstranten geführt wird. Es kann kaum überraschen, dass sich auch säkulare Kulturinstitutionen diesen Kreuzzug zu Eigen gemacht haben, wenn sich sogar die Church of England für die Auslöschung der Vergangenheit begeistert.

Theaterdirektoren oder Museumskuratoren huldigen einer Erzählung, die allem, was westlich ist – insbesondere Objekten aus der Vergangenheit – eine negative Konnotation zuschreibt. So hat z.B. das Victoria and Albert Museum in London im vergangenen Sommer vor einer Ausstellung über die Geschichte des britischen Humors Hinweisschilder angebracht, auf denen zu lesen war, dass die Ausstellung den Betrachter mit unbequemen Wahrheiten über die Vergangenheit konfrontiere. 2 Dies deutet darauf hin, dass es bei der Ausstellung nicht darum ging, alte Objekte auszustellen, sondern sich mit ihnen so auseinanderzusetzen, als befänden sie sich im Hier und Jetzt.

Bei einer Paul-Gauguin-Ausstellung in der Londoner National Gallery wurde eine „Triggerwarnung“ an der Wand angebracht, die besagte: „Gauguin hat zweifellos seine Position als privilegierter Weißer [in Französisch-Polynesien] ausgenutzt, um das Beste aus den ihm zur Verfügung stehenden sexuellen Freiheiten zu machen.“ Ein Audioguide warf die Frage auf: „Ist es an der Zeit, Gauguins Kunst nicht mehr anzuschauen?“ Allein, dass diese Frage gestellt wurde, zeigt, wie sehr nicht nur Denkmäler und Statuen, sondern auch Kunstobjekte potenziell durch ihre Assoziation mit der westlichen Zivilisation befleckt werden. Die Bejahung der vom Audioguide gestellten Frage könnte darauf hindeuten, dass Gauguins Gemälde zukünftig aus Ausstellungen verschwinden.

„Diese zersetzende Haltung der eigenen Geschichte gegenüber führt zu ständigen demonstrativen ‚Entschuldigungsriten‘.“

Die westliche Kunstgeschichte gerät zunehmend in den Blickpunkt derer, die ein Interesse an dem Kreuzzug gegen die Vergangenheit haben. Die Universität Yale hat in weiser Vorrausicht rasch gehandelt. Die Yale Daily News berichtete im Januar:

„Die Jahrzehnte alte und von berühmten Yale-Professoren wie Vincent Scully gelehrte ‚Einführung in die Kunstgeschichte: Renaissance bis zur Gegenwart‘ wurde einst als einer der wichtigsten Kurse des Yale College angepriesen. Aber [seine Streichung] ist die jüngste Antwort auf das Unbehagen der Studenten über einen idealisierten westlichen Kanon – ein Produkt eines überwiegend weißen, heterosexuellen, europäischen und männlichen Künstlerkaders.“ 3

Natürlich wird der westliche Kanon im gegenwärtigen Klima alles andere als idealisiert. Im Gegenteil: Er wird so pathologisiert, dass die Organisatoren der geisteswissenschaftlichen Studiengänge an den Universitäten ständig auf der Suche nach neuen Rekruten sind, um die Lücke zu füllen, die die gestrichenen westlichen Künstler und Autoren hinterlassen haben. Kulturelle Institutionen geben sich die allergrößte Mühe, um ihre Feindseligkeit gegenüber – und ihre Entfremdung von – allem zu demonstrieren, was auch nur im Entferntesten mit dem historischen Erbe Europas verbunden ist.

Es ist wichtig zu begreifen, dass der Kulturkampf gegen die Vergangenheit von einem ästhetischen Impuls inspiriert ist, der nicht nur antiwestlich, sondern im Kern auch anti-zivilisatorisch ist. In jüngster Zeit sind Mathematik, Philosophie und die klassische Musik unter Beschuss geraten, weil sie zu westlich oder zu weiß sein sollen. Es überrascht nicht, dass auch die Sprache, die schon immer ein wichtiger Schauplatz des Kulturkriegs war, zu einem Brennpunkt erneuter Konflikte geworden ist.

Die traditionelle Grammatik selbst ist nun angeblich mit weißen Privilegien befleckt. Aus diesem Grund hat Rebecca Walkowitz, Leiterin der Englischabteilung an der Rutgers-Universität, in unendlicher Weisheit beschlossen, die „kritische Grammatik“ in die „Pädagogik“ ihrer Institution aufzunehmen. Kritische Grammatik ist eine andere Art zu sagen, dass die Regeln der Grammatik nicht ernst genommen werden müssen. Ihr Ansatz will das bekannte Dogma infrage stellen, dass der Schreibunterricht die Betonung auf Fragen der Grammatik/Satzebene setzen solle. Damit soll verhindert werden, dass Studenten mit mehrsprachigem, nicht dem Standard entsprechenden „akademischen“ englischen Hintergrund benachteiligt werden könnten. 4

Walkowitz fügte hinzu, dass ihr Ansatz die Studierenden „ermutige, ein kritisches Bewusstsein für die Vielfalt der Wahlmöglichkeiten zu entwickeln, die ihnen auf der Mikroebene zur Verfügung stehen. Damit können sie sich gegen Vorurteile auf der Grundlage ‚schriftlicher Akzente‘ wehren“. In Wahrheit aber hat sich die Englischabteilung in Rutgers mit dieser Haltung dafür entschieden, sich von der traditionellen Grammatik zugunsten der Kultivierung schlechter Lese- und Schreibkenntnisse zu distanzieren.

„Es ist wichtig zu begreifen, dass der Kulturkampf gegen die Vergangenheit von einem ästhetischen Impuls inspiriert ist, der nicht nur antiwestlich, sondern im Kern auch anti-zivilisatorisch ist.“

Der Kulturkampf gegen die Vergangenheit richtet sich zunehmend nicht nur gegen fehlerbehaftete historische Individuen, sondern auch gegen die zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit als Ganze. Wenn Kunst, Philosophie und die Regeln der Grammatik so beiläufig außer Kraft gesetzt werden können, ist klar, dass es um weit mehr geht als um das Schicksal einiger Statuen.

Um die gegenwärtige Sachlage zu verstehen, müssen die vier verschiedenen Stadien der Entfremdung der westlichen Gesellschaft von ihrem historischen Erbe und ihrer zunehmend negativen Haltung gegenüber ihrer Vergangenheit untersucht werden. Es besteht immer die Möglichkeit, dass sich eine moderne Gesellschaft von ihren historischen Traditionen entfremdet, aber erst in den letzten Jahren hat diese Tendenz eine so selbstbewusste ideologische und politische Form angenommen.

Phase 1: Die Vergangenheit ist nicht mehr relevant

Früher war der Impuls, die Vergangenheit abzulehnen, eng mit der optimistischen modernistischen Sichtweise verbunden, der zufolge die Vergangenheit nicht mehr relevant ist. Bis ins 19. Jahrhundert blieb die Autorität der Vergangenheit relativ intakt. Im 19. Jahrhundert nahmen viele Liberale jedoch eine eindimensionale Ausrichtung auf die Zukunft an. Wie Dorothy Ross in ihrer wichtigen Studie „The Origins of American Social Science“ erklärte, hatte diese Orientierung die bedauerliche Folge, dass das historische Verständnis geschwächt wurde. Sie stellte fest, dass führende liberale und utilitaristische Denker Geschichte mit der Verteidigung der Vergangenheit durch konservative Parteien oder Strömungen in Verbindung brachten:

„Sie gingen davon aus, dass eine moderne Gesellschaft nichts aus der Vergangenheit lernen könne und direkt zu den universellen Prinzipien der menschlichen Natur übergehen sollte […]. Diejenigen, die sich mit dem Verständnis des historischen Verlaufs des Fortschritts beschäftigten, konnten die gesamte Vergangenheit in ein einziges Stadium teleskopieren, das der Fortschritt hinter sich lassen sollte.“ 5

In der Anfangsphase bedeutete diese modernistische Entfremdung von der Vergangenheit nicht notwendigerweise, dass man sie nicht respektierte. Viele führende Liberale, wie z.B. J.S. Mill, schrieben ausführlich über die Errungenschaften der menschlichen Zivilisation und erkannten, dass sie die Nutznießer ihres Erbes waren.

Phase 2: Die Vergangenheit als Hindernis für den Fortschritt

Im späten 19. Jahrhundert vollzog sich ein wichtiger Wandel weg von der Auffassung, dass die Vergangenheit nicht mehr relevant ist, hin zur Wahrnehmung der Vergangenheit als Hindernis für weitere Fortschritte. Dieses Gefühl wurde am konsequentesten von Kommentatoren und Intellektuellen artikuliert, die mit der amerikanischen progressiven Bewegung sympathisierten. Ihre Ansicht spiegelte eine Empfindung wider, die sich von der Vergangenheit völlig entfremdet hatte. So stellte z.B. der Wirtschaftswissenschaftler E.R.A. Seligman 1903 fest: „Der Amerikaner der Zukunft wird nur wenig Ähnlichkeit mit dem Amerikaner der Vergangenheit haben“. 6

„In der Anfangsphase bedeutete diese modernistische Entfremdung von der Vergangenheit nicht notwendigerweise, dass man sie nicht respektierte.“

Die Überzeugung, dass die Vergangenheit ein Hindernis für den Fortschritt darstelle, gewann in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg an Schwung. Diese schreckliche Tragödie wurde weithin als das Resultat von Idealen und Werten wahrgenommen, die in der Vergangenheit verwurzelt waren. Fortschrittsgläubigen Denkern zufolge war es wesentlich, solche Hindernisse zu überwinden, die alte Denkweisen abbildeten. Dies sollte geschehen, indem man junge Menschen zu neuen Werten und Einstellungen erzog. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts fanden diese Empfindungen bei einem bedeutenden Teil der Gesellschaft Widerhall. Viele waren sich darin einig, dass die Werte und Bräuche ihrer Eltern und Großeltern nicht nur veraltet waren, sondern auch ein Hindernis darstellten. Sie standen, so die verbreitete Meinung, der Verwirklichung des Potenzials von Wissenschaft und Technik im Weg.

Damals schrieb der deutsche Philosoph Edmund Husserl, dass die westliche Gesellschaft im „Bann“ ihrer Zeit gefangen sei. Er befürchtete, dass die mächtige Stimmung des Präsentismus (der Gegenwartsfixierung), die die Gesellschaft eingeholt hatte, zu einem kulturellen Zusammenbruch sowie zu geistigem Überdruss und Zerfall führen würden. 7 Die Tendenz, die Lebensweisen der Vergangenheit als ein Hindernis für den Fortschritt zu betrachten, verstärkte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch dieser Krieg wurde auf die Irrtümer der Vergangenheit zurückgeführt. Diese Meinung vertrat z.B. der erste Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der kanadische Psychiater Brock Chisholm. Das Überleben der Menschheit erfordert seiner Ansicht nach, sich von den Hindernissen der Vergangenheit zu befreien:

„In vielen der wichtigsten Fragen des Lebens ist es offensichtlich, dass der Verstand einer großen Zahl, ja, fast aller Menschen, nicht frei genug ist, um zu prüfen, wie wahr oder unwahr alte Ideen sind oder welche Vorteile neue Ideen haben könnten.“ 8

Chisholm war – wie viele seiner Kollegen, die die neu gegründeten internationalen Institutionen nach dem Zweiten Weltkrieg leiteten – der Ansicht, dass globale Organisationen dazu beitragen würden, „unwahre alte Ideen“ zu überwinden.

Phase 3: Die Vergangenheit als prinzipiell bösartig

Bereits in der Zwischenkriegszeit wies der deutsche Soziologe Ferdinand Tönnies auf die Tendenz der modernistischen technokratischen Institutionen hin, auf die Sitten und Gebräuche des Gemeinschaftslebens mit „verschleiertem Hass und Verachtung“ zu reagieren. Dies bestätigte 1972 auch der amerikanische Politologe C.J. Friedrich, der in seinem faszinierenden Rückblick auf diese Entwicklung feststellte, dass im 20. Jahrhundert Tradition zu einem abwertenden Begriff wurde. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und insbesondere seit den 1960er Jahren richtet sich dieses Gefühl des intoleranten Anti-Traditionalismus zunehmend gegen diejenigen, die sich weigern, mit der Zeit zu gehen und eine posttraditionelle Identität anzunehmen. Diese Haltung distanziert sich ausdrücklich von der Vergangenheit und versucht, die Bande zu zerreißen, die die Gesellschaft an ihre historischen Traditionen binden. Seit den 1960er Jahren wird die Vergangenheit häufig nicht nur als ein Hindernis für den Fortschritt, sondern auch als ein hauptsächlich bösartiger Einfluss auf die Gegenwart dargestellt.

Historische Kontinuität wird dieser Sichtweise zufolge als Fluch verstanden. Viele der Institutionen der westlichen Gesellschaft betrachten die Notwendigkeit, mit der Vergangenheit zu brechen, als kulturellen Imperativ. Dieses Gefühl beherrscht sogar den Geschichtsunterricht, wo oft alles, was dem Ende des Zweiten Weltkriegs vorausgeht, als „die schlechte alte Zeit“ dargestellt wird. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist 1945 das Jahr Null, und alles, was ihm vorausgeht, wird durch das Prisma der Skepsis und Böswilligkeit interpretiert.

„Seit den 1960er Jahren wird die Vergangenheit häufig nicht nur als ein Hindernis für den Fortschritt, sondern auch als ein hauptsächlich bösartiger Einfluss auf die Gegenwart dargestellt.“

Dieses tief sitzende Misstrauen gegenüber der Zeit vor dem Jahr Null ist tief verankert. Müttern und Vätern wird nahegelegt, sich vor den Erziehungspraktiken ihrer Eltern oder Großeltern zu hüten. Sogenannte Elternexperten empfehlen Müttern und Vätern, stattdessen den Rat von Erziehungsexperten zu beherzigen. Tatsächlich verwendet dieser stille Kreuzzug gegen die Vergangenheit in den westlichen Gesellschaften viel Energie darauf, die Art und Weise zu verändern, wie die Erwachsenenwelt junge Menschen sozialisiert. Kinder sollen auf keinen Fall in die Werte ihrer Großeltern sozialisiert werden und schon gar nicht in die ihrer entfernteren Vorfahren. Aus diesem Grund widmet sich der Geschichtsunterricht in den Schulen weitaus mehr dem Projekt, die Makel der Vergangenheit einer Nation hervorzuheben, als die Aufmerksamkeit auf ihre Errungenschaften zu lenken.

Phase 4: Die Vergangenheit als deutliche und unmittelbare Gefahr

In jüngster Zeit ist die Vergangenheit so gründlich pathologisiert worden, dass diese Pathologisierung zu einer selbstverständlichen Perspektive geworden ist, die das Bildungs- und Kulturleben der westlichen Gesellschaft durchdringt. Der Hass auf die Vergangenheit ist zu einer kulturellen Ressource geworden. Sie kann von Interessensgruppen und Bewegungen genutzt werden, die behaupten, historische Opfer der Vergangenheit zu sein. Infolgedessen hat die Feindseligkeit gegenüber der Vergangenheit eine quasi-ideologische Form angenommen. Die Vergangenheit wird häufig für viele der Probleme verantwortlich gemacht, mit denen die Menschen heute konfrontiert sind. Konflikte in der Gegenwart werden zunehmend durch das Prisma der Vergangenheit ausgetragen.

Geschichte ist infolge dessen zu einem politischen Thema geworden. Aus diesem Grund können Demonstranten behaupten, dass alte Statuen eine Bedrohung für ihre psychische Gesundheit darstellen. Das Faszinierende an dieser Bewegung ist, dass ihr Ziel oft nicht einfach eine bestimmte Statue ist, sondern fast jedes Denkmal, das alt ist. Deshalb haben zum Beispiel Anhänger von Black Lives Matter Statuen zerstört, die in keinem direkten Zusammenhang mit rassistischer Unterdrückung stehen. Die Sünde solcher historischer Objekte besteht darin, dass sie die Vergangenheit symbolisieren.

Dieser Rückblick auf die verschiedenen Phasen des Kriegs gegen die Vergangenheit lässt vermuten, dass seine Ursprünge in dem modernistischen Weltbild zu suchen sind, das im 19. Jahrhundert aufkam. Was als ein positives, zukunftsorientiertes Gefühl begann, wandelte sich zunehmend in sein Gegenteil um, weil sich die kulturellen Eliten immer stärker von der westlichen Welt entfremdeten und sich zunehmend von ihrer Vergangenheit abgekoppelt fühlten. Diese Gruppe ist dafür verantwortlich, dass ein Kulturkrieg gegen die Vergangenheit angezettelt wurde. Die Demonstranten und Randalierer, die Statuen stürzen, richten sich lediglich nach dem Drehbuch, das andere vor mehr als einem Jahrhundert zu schreiben begannen.

Was also sollte getan werden? Wir können und müssen die Vergangenheit verstehen. Die Vergangenheit ist nicht unser Feind, und wir dürfen sie nicht mit der Gegenwart verwechseln. Wenn wir nicht lernen, eine Grenze zwischen der Gegenwart und unserer Geschichte zu ziehen, laufen wir Gefahr in einem zeitlosen Vakuum gefangen zu sein, in dem wir auf die Vergangenheit eindreschen, anstatt die Kontrolle über unser Schicksal zu übernehmen.