01.02.2016

Kosten einer Futtermittelwende

Analyse von P. Michael Schmitz

NGOs kritisieren den Sojaimport aus Lateinamerika und den USA. Angeblich zerstört er den Regenwald. Obendrein fürchtet man sich vor genveränderten Futtermitteln. Die Besorgnis ist unbegründet. Eher sollte man sich vor einem Importstopp fürchten.

Die zunehmende und zum Teil massive Kritik zivilgesellschaftlicher Organisationen an Sojaimporten aus Lateinamerika und den USA wegen der befürchteten Regenwaldzerstörung und wegen vermeintlicher Gefahren durch genveränderte Futtermittel zeigt ihre Wirkung. Zwar fehlen bislang klare wissenschaftliche Belege für diese Vorwürfe im Sinne einer kausalen Umwelt- und Gesundheitsgefährdung, die allein von Importfuttermitteln ausgeht. Dennoch haben schlagkräftige Kampagnen Teile der Öffentlichkeit, der Verbraucher und letztlich auch der Wähler verunsichert. Nicht zuletzt die Medien verstärken diese Ängste und Sorgen durch häufig einseitige Berichterstattung. Es verwundert deshalb nicht, wenn inzwischen sogar die Politik, aber auch der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) als Pulsnehmer der Verbraucher sich diese gefühlten Sorgen zu Eigen machen.

Der Import von Eiweiß aus Sojafuttermitteln soll beispielsweise nach den Plänen des Landwirtschaftsministeriums von derzeit etwa 35 bis 45 Prozent des Bedarfs auf 10 Prozent reduziert werden. Die Einzelhandelsunternehmen wiederum setzen vor allem auf gentechnikfreie (GVO-freie) Futtermittel für die Herstellung ihrer Produkte. Im Vorwurf verunsicherter Kunden, Gen-Food zu vertreiben, sehen sie die größte Bedrohung für ihr Geschäft. Sie fordern daher, die gesamte deutsche Fleisch-, Milch- und Eierproduktion langfristig auf GVO-freie Futtermittel umzustellen; Deutschland verschaffe dies zukünftig einen Vorteil im globalen Wettbewerb, behaupten sie. Diesem Wunschdenken stehen allerdings massive, sofort wirksame Kostensteigerungen einer solchen „Futtermittelwende“ entgegen.

Die deutsche Fleisch-, Milch- und Eierwirtschaft könnte Marktanteile an andere EU-Mitgliedsländer oder internationale Konkurrenten verlieren; bei Schließung der sogenannten Eiweißlücke könnten zudem andere wertschöpfungsstarke Fruchtarten verdrängt werden und damit an anderer Stelle eine neue Lücke entstehen. Ein Blick in die Statistik zeigt, wie zentral die Rolle der Sojabohne für die Tierproduktion weltweit ist. In Preiswürdigkeit und Qualität ist sie allen anderen Eiweißfrüchten als Futtermittel überlegen; dies wird auch zukünftig so bleiben. 86 Prozent der Welternte an Sojabohnen fällt allerdings regional konzentriert in Lateinamerika und den USA an; viele andere Regionen sind auf Importe angewiesen. 40 Prozent der Sojabohnenproduktion werden deshalb global gehandelt. Hauptexporteure von Sojabohnen und Sojabohnenmehl sind mit zusammen 87 Prozent bzw. 84 Prozent Brasilien, USA und Argentinien. Hauptimporteure von Sojabohnen sind China mit 63 Prozent aller Importe und die EU mit 11 Prozent. Importe von Sojabohnenmehl gehen zu 33 Prozent in die EU und zu 21 Prozent nach Südostasien.

„Nicht zuletzt die Medien verstärken diese Ängste und Sorgen durch häufig einseitige Berichterstattung“

In Deutschland kann Rapsschrot als Eiweißfuttermittel Soja ersetzen; trotz steigender Rapsproduktion bleibt aber eine erhebliche Eiweißlücke bestehen. Um diese zu schließen, müssten auf über 20 Prozent der deutschen Ackerfläche Ackerbohnen, Futtererbsen, Lupinen und Soja angebaut werden – vor allem zu Lasten von Getreide. Aktuell liegt deren Anteil bei zusammen unter drei Prozent. Schwierig könnte der Bezug GVO-freier Ware werden. Inzwischen sind fast 80 Prozent der Sojabohnen gentechnisch verändert, in den Hauptlieferländern der EU sogar zwischen 88 Prozent und 98 Prozent. Schon derzeit übersteigt der Gesamtverbrauch der EU-28 an Sojaschrot die weltweit verfügbare Menge an GVO-freiem Sojaschrot um das Dreifache. Erhebliche Preisaufschläge für GVO-freie Ware sind jetzt schon üblich und auch zukünftig zu erwarten.

Vorzüge der internationalen Arbeitsteilung

Grundsätzlich betrachtet ist die „Eiweißlücke“ als solche kein volkswirtschaftliches Problem, sondern Ausdruck der internationalen Arbeitsteilung mit erheblichen Wohlfahrtsgewinnen für alle Beteiligten. Die Befürworter einer Futtermittelwende in Europa argumentieren vor allem damit, dass der verstärkte Anbau von Eiweißfrüchten die Bodengesundheit und Bodenfruchtbarkeit verbessern, die biologische Vielfalt erhöhen und die Ressourceneffizienz steigern würde. Zum andern würden ihrer Meinung nach Importbeschränkungen Europas für Sojaprodukte in Lateinamerika zum Erhalt von Regenwäldern und wertvollen Savannenlandschaften beitragen. Aber auch dabei zeigt sich, dass Handelsbeschränkungen nicht die erste Wahl bei den genannten Umweltverbesserungen sind. Eine goldene Regel für die Gestaltung der Umweltpolitik lautet nämlich, staatliche Maßnahmen möglichst nah am Umweltproblem anzusetzen, um mögliche negative Streu- und Fernwirkungen zu vermeiden.

Konkret heißt das für Deutschland und die EU, unter Berücksichtigung internationaler Abkommen durch gezielte Fördermaßnahmen im Agrarumweltbereich, durch Forschungsförderung und Unterstützung von Modell- und Demonstrationsnetzwerken die Wettbewerbsfähigkeit der lange Zeit vernachlässigten heimischen Eiweißpflanzen zu stärken. Die Förderung sollte dabei aber auf Fälle begrenzt werden, bei denen nachweislich Umweltverbesserungen notwendig sind, und nicht flächendeckend ohne Rücksicht auf die Wirtschaftlichkeit erfolgen. Eine solche Politik mit Augenmaß könnte gezielte Umweltverbesserungen realisieren, ohne auf die Vorteile des internationalen Handelsaustauschs verzichten zu müssen.

„Trotz zunehmender Sojabohnenanbauflächen ist die Regenwaldzerstörung deutlich zurückgegangen“

Für Lateinamerika wäre eine ähnliche Strategie zu empfehlen. Anzusetzen wäre nicht am Export von Sojaprodukten, der den Ländern Devisenerlöse in großem Umfang beschert und über private und öffentliche Investitionen das Wirtschaftswachstum ankurbelt, sondern an der Landnutzung. Dazu ist beispielsweise im Jahr 2004 in Brasilien mit einem Aktionsplan zur Vermeidung und Kontrolle der Regenwaldzerstörung ein Anfang gemacht worden. Seit dieser Zeit ist die Regenwaldzerstörung deutlich zurückgegangen, und das trotz nach wie vor steigender Rinderbestände und zunehmender Sojabohnenanbauflächen. Abbildung 1 zeigt den Erfolg dieser Maßnahmen 1

Abb.1: Entwicklung der Regenwaldzerstörung, des Rinderbestands und der Sojabohnenanbauflächen in Brasilien (2001 bis 2012)

Abbildung 1: Entwicklung der Regenwaldzerstörung, des Rinderbestandes und der Sojabohnenanbauflächen in Brasilien (2001 bis 2012) 2

Maßnahmen dieser Art sind demnach einer Handelsbeschränkung eindeutig vorzuziehen. Im Übrigen wäre noch einmal zu prüfen, wie groß der Beitrag der Sojabohnen- und Rinderproduktion in Lateinamerika zur Zerstörung des Regenwaldes und wertvoller Savannenlandschaften im Vergleich zu anderen Einflussfaktoren eigentlich ist. So tragen auch der Siedlungs- und Straßenausbau sowie die Nachfrage der Holzwirtschaft zur veränderten Landnutzung bei. Auch wäre dem Hinweis von Taube nachzugehen, die im folgenden Zitat zum Ausdruck kommt: „Im Sinne der globalen Dimensionen der nachhaltigen Intensivierung sollte weltweit jeweils dort das Kulturartenspektrum zum Einsatz kommen, welches eine Optimierung der Ökoeffizienz gewährleistet. Wird dieser Maßstab angelegt, sind Getreide, Raps, Mais und weitere Futterpflanzen in Europa definitiv günstig in der Ökoeffizienz für die Produktlinien Stärke bzw. Öle oder Futterenergie. Beim Zucker ist das Bild deutlich weniger klar. Bei den Eiweißpflanzen dürfte der Sojaanbau in Südamerika aufgrund der dortigen günstigen klimatischen Bedingungen und mit einer hohen Ökoeffizienz den Körnerleguminosen in Deutschland überlegen sein.“ 3

Wenn Taubes Argument richtig ist, erscheint die Diskussion um die Futtermittelwende in einem ganz anderen Licht. Eiweißfuttermittel könnten danach im Sinne einer arbeitsteiligen Weltagrarwirtschaft weiter aus Südamerika importiert werden, solange dort die Produktion ökoeffizient bzw. nach dem Prinzip der nachhaltigen Intensivierung erfolgt. Auch das legt noch einmal nahe, wie wichtig eine gezielte Umweltpolitik mit Augenmaß ist, die nicht vorschnell die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung aufgibt und damit gerade für die EU und das handelsintensive Deutschland Einkommens- und Arbeitsplatzverluste in Kauf nimmt.

Verluste durch Importstopp für Sojafuttermittel

Sollte dennoch ein Importstopp für Sojafuttermittel politisch durchgesetzt werden, entstünden erhebliche Verluste an Wohlfahrt, Marktanteilen und sektoralen Einkommen. Die empirischen Studien hierzu kommen übereinstimmend zu ähnlichen Ergebnissen. Den aktuellsten Beitrag liefern die Simulationsrechnungen mit dem international anerkannten Welthandelsmodell GTAP (Global Trade Analysis Project), das für die vorliegende Fragestellung angepasst worden ist 4. Danach ergeben sich bei einem Soja-Importstopp der EU-28 Wohlfahrtsverluste von insgesamt knapp 30 Milliarden. Euro pro Jahr für die EU, für Deutschland allein von etwa 10 Milliarden Euro. Ein deutscher Alleingang hätte ähnlich hohe Verluste in Deutschland zur Folge, während die Rest-EU sogar volkswirtschaftliche Gewinne realisieren könnte.

Die EU-Preise für Ölsaaten und pflanzliche Öle würden sich in allen Szenarien verdreifachen bis versechsfachten. Die Produktion von Rindfleisch würde um 5,4 Prozent, von Schweine- und Geflügelfleisch um 7,2 Prozent und von Milchprodukten um 6,6 Prozent zurückgehen. Bei einem deutschen Alleingang würden diese Verluste mit 6,4, 8,3 und 7,4 Prozent noch höher ausfallen, während die Rest-EU auf Kosten der deutschen Landwirte Produktionsanteile hinzugewinnen würde. Interessant sind auch die Auswirkungen auf die Exporte. Die deutschen Weizenexporte würden um 23 bis 28 Prozent einbrechen. Die deutschen Fleischexporte sänken um 6 bis 13 Prozent. Der Export von Milchprodukten ginge um knapp 13 Prozent bei einem EU-weiten Importstopp und um knapp 15 Prozent bei einem rein deutschen Importstopp zurück.

„Man kann Umweltschutz hier und dort sehr viel kostengünstiger erreichen als mit einer Beschränkung bzw. einem Stopp von Sojaimporten“

Insgesamt kann festgehalten werden, dass ein EU-Importstopp von Sojafuttermitteln deutliche Preis-, Mengen-, Handels- und Wohlfahrtseffekte auslösen würde. Ein deutscher Alleingang würde zu Marktanteilsverlusten und Wettbewerbsnachteilen gegenüber anderen EU-Partnern und der internationalen Konkurrenz führen. Für die Politikgestaltung kann das nur heißen, erstens die internationale Arbeitsteilung und den Agrarhandel nicht grundsätzlich in Frage zu stellen, zweitens nur solche umweltpolitischen Instrumente zum Umweltschutz einzusetzen, die nicht oder nur marginal handelsverzerrend wirken, und drittens Maßnahmen nicht im deutschen Alleingang, sondern nur in Absprache mit den Partnern EU-einheitlich zu ergreifen. Das gleiche gilt auf Seiten der Exporteure, wo, wie der Aktionsplan in Brasilien zeigt, bereits Erfolge zu verzeichnen sind. Hinsichtlich möglicher Eingriffe beim Einsatz GVO-freier Futtermittel ist der Politik Zurückhaltung zu empfehlen. Vermutlich regeln der Markt und die Unternehmen diesen Anpassungsprozess effizienter. Politik sollte sich in diesem Zusammenhang auf eine ehrlichere und vollständige Kennzeichnungspraxis und auf zügigere Zulassungsverfahren für GVO-Ware beschränken.

Im Übrigen wäre auch daran zu arbeiten, Irrtümer und Fehldeutungen im Zusammenhang mit Futtermittelimporten aufzuklären. Viele Argumente der Kritiker von Sojaimporten aus Lateinamerika könnten nach der obigen Aussage von Prof. Taube schon widerlegt werden, wenn man zusätzlich zur ökonomischen Effizienz die Ökoeffizienz als Maßstab heranziehen würde. Unter der Maßgabe einer „nachhaltigen Intensivierung“ der Produktion in Lateinamerika werden Sojabohnen dort nämlich ökoeffizienter produziert als Sojabohnen oder Körnerleguminosen in Europa. Dieses Argument würde der öffentlichen Diskussion eine ganz andere Fahrtrichtung geben und deutlich machen, dass man Umweltschutz hier und dort sehr viel kostengünstiger erreichen kann als mit einer Beschränkung bzw. einem Stopp von Sojaimporten.


Dieser Artikel ist zuerst in der Novo-Printausgabe (#120 - II/2015) erschienen. Kaufen Sie ein Einzelheft oder werden Sie Abonnent, um die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts zu sichern.