01.12.2015

Agrarwende: Auf in die Zukunft

Analyse von Reinhard Szibor

Die Landwirtschaft muss effektiver werden, um die Weltbevölkerung ausreichend mit Lebensmitteln zu versorgen. Eine zukunftsorientierte Agrarwende könnte die Lösung sein, meint Reinhard Szibor. Konsumenten müssen endlich die Vorteile der Gentechnik erkennen

Gegenwärtig beträgt die Weltbevölkerung 7,3 Milliarden Menschen, aber sie wächst bis 2050 auf 9,6 Milliarden an. Die heutige Zahl der Hungernden wird mit ca. 900 Millionen Menschen angegeben. Außerdem fehlt es in vielen Regionen an Mikronährstoffen wie Vitaminen, Spurenelementen usw. 250 Millionen Vorschulkinder leiden an Vitamin A-Mangel. Bis zu 500.000 Kinder erblinden deshalb jedes Jahr, ein Drittel davon stirbt bald danach. In Entwicklungsländern sind 40 bis 60 Prozent der Kinder zwischen 6 und 24 Monaten von Eisenmangel betroffen, der vor allem ihre geistige Entwicklung beeinträchtigt. Demzufolge reicht unsere Nahrung in der Welt sowohl hinsichtlich der Quantität als auch der Qualität jetzt und künftig nicht aus.

Auch wir in Europa haben Probleme mit der Landwirtschaft, aber die sind anderer Natur. Das weltweite Artensterben fällt auch bei uns heftig aus und wir tun zu wenig dagegen. Abgesehen von den ideellen Werten einer reichen Flora und Fauna sind artenreiche Lebensgemeinschaften weniger anfällig für plötzliche Massenvermehrungen von Schädlingen. Diese verursachen große Schäden. Exemplarisch sei an die Goldafter- und Eichenprozessionsspinnerplagen vergangener Jahre erinnert. Im Rückgang begriffen sind Pflanzen- und Tierarten gleichermaßen.

Inzwischen sind nicht nur seltene Spezies, sondern auch ehemals häufige Vögel wie Feldsperling und Feldlerche bedroht. Die Feldlerche, bei uns noch vor Jahren auf gut zehn Millionen Brutpaare beziffert, ist in ihrem Bestand auf weit weniger als die Hälfte gesunken 1. Ähnliches gilt für Grauammern, Goldammern, Rebhühner usw. Der Feldhamster ist fast ausgestorben und auch dem Feldhasen geht es schlecht. Die Landwirtschaft hat daran eine hohe Mitschuld.

„Inzwischen sind nicht nur seltene Spezies, sondern auch ehemals häufige Vögel bedroht“

Es gibt riesengroße Felder, die mit nur einer einzigen Kultur bestellt und nahezu unkrautfrei (also artenarm) sind. Feldvögel finden zu wenig Nahrung und kaum Nistplätze. Bodenbearbeitung und die Mahd von Grünflächen zu ungünstiger Zeit zerstören Nester und töten Jungtiere.

Ökologische Landwirtschaft ist keine Lösung

Man könnte denken, wenn nur genügend Landwirte auf die Ökologische Landwirtschaft (auch Biologische Landwirtschaft genannt) umstiegen, wären solche Probleme zu lösen. Studien zeigen aber, dass sich die Situation der Feldvögel mit dem Biologischen Landbau nicht durchschlagend verbessert. Eine vergleichende Studie der Universität Kiel 2 ließ zwar eine Verbesserung für die Feldlerche erkennen, Schafstelzen waren aber im konventionellen Feldbau im Vorteil. Eine Untersuchung der Universität Göttingen zeigt, dass unabhängig von der Landwirtschaftsweise das Einfügen langer Hecken der Biodiversität am besten dient 3.

In der Tat sind Felder im Ökologischen Anbau meist kleiner, typischerweise mit einem höheren Unkrautbesatz belastet und haben somit auch eine artenreichere Insektenfauna und deshalb eine bessere Nahrungsgrundlage für Vögel. Allerdings bedeutet mehr Unkraut meist Minderertrag. Auch hat sich der Ökolandbau allerlei kontraproduktive Restriktionen, wie den Verzicht auf mineralischen Dünger und die Ablehnung moderner Pflanzenschutzmethoden, auferlegt, sodass Ertragseinbußen von 40 Prozent und mehr zu beklagen sind 4. Findet der Biolandbau im kleinen Maßstab statt, ist dies zu tolerieren. Aber schon jetzt importiert Europa Agrarprodukte aus der Dritten Welt in einem Umfang, zu dessen Produktion ebenso viel Land gebraucht wird, wie Deutschland Ackerfläche besitzt.

Deshalb wäre eine Erweiterung des Biolandbaus nicht zu verantworten. Eine großzügige Umstellung unserer Landwirtschaft auf „Bio“ würde das Problem verschlimmern und auch die Umweltprobleme nur in andere Gebiete exportieren. Manche Ziele des Ökolandbaus sind respektabel, aber es ist unmöglich, mit so niedrigen Erträgen die Welt zu ernähren. Dennoch gibt es Elemente des Ökolandbaus, die positive Effekte ausüben und deshalb in den konventionellen Anbau einfließen sollten.

„Eine Umstellung unserer Landwirtschaft auf ‚Bio‘ würde das Problem verschlimmern“

Wenn z.B. in bestimmten Kulturen wie Mais, Sonnenblumen, Raps und Getreide Untersaaten mitgeführt werden, kann dies Bodenerosion verhindern, natürliche Stickstoffdüngung bewirken, den Insektenbesatz erhöhen und auch mit der Bereitstellung von Blatt- und Samenfutter für Vögel und Niederwild nützlich sein. Geeignetes Saatgut wie z.B. blühende Kleearten stehen schon jetzt zur Verfügung. Für spezielle Belange müssten aber noch kleinwüchsige Untersaaten gezüchtet werden.

Essentiell ist die Einrichtung von ökologischen Nischen wie Lerchenfenstern 5, Blühstreifen, Heckenstreifen usw. Diese bieten Insekten und Wirbeltieren Nahrung, Nistplätze und Deckung. Solche ökologischen Maßnahmen kosten Geld und müssen mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, was vielerorts schon jetzt geschieht. Wenn Bauern allerdings solche Maßnahmen in hohem Umfang realisieren sollen, müssen sie dafür durch die Gesellschaft angemessen bezahlt werden.

Das kostet mehr, als man glaubt. Wenn das Geld fehlt, sollte es kein Tabu sein, dafür die Mehrwertsteuer für Lebensmittel anzuheben! Wenn es uns gelingt, dass nachfolgende Generationen mit Julias Satz: „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“ überhaupt noch etwas anfangen können, hätten wir viel erreicht.

Das Dilemma mit der Agrarwende

Der Begriff „Agrarwende“ und das, was man bisher darunter versteht, wurde 2001 durch die rot-grüne Bundesregierung geprägt. Es war eine Abkehr von einer hochproduktiven Landwirtschaft gemeint, die zwar eine Ökologisierung zum Ziel hatte, die aber mit ihrer Orientierung auf Niedrigerträge die Situation nur verschlimmbessert. Die Einbeziehung vom Okkultismus eines Rudolf Steiners, die im Demeter-Unwesen gipfelt, ist Bestandteil dieser Politik. 6

Der Chef des „Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft“ Felix Prinz zu Löwenstein wird häufig mit einer düsteren Vision zitiert: „Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr.“ Aber abgesehen davon, dass dieses „gar nicht mehr“ jeder rationalen Grundlage entbehrt, ist die Zielrichtung, dass wir uns zukünftig ökologisch ernähren müssen, richtig. Nur propagieren Herr Prinz zu Löwenstein und seine Jünger kontraproduktive Methoden.

So sind z.B. Pestizide, die Gifte natürlichen Ursprungs enthalten, keinesfalls umweltfreundlicher als synthetische Pflanzenschutzmittel. Grotesk ist es z.B., moderne synthetische Pflanzenschutzmittel zu verschmähen und Pilzkrankheiten im Wein- und Obstanbau sowie auf Kartoffelfeldern mit Kupferspritzmitteln zu bekämpfen. Letztere sind nicht nur bodenvergiftend, sondern sie entziehen auch der Wirtschaft das wertvolle Schwermetall unwiederbringlich.

Der Königsweg in der Schädlingsbekämpfung liegt klar in der Anwendung der Gentechnik. Aber solche ökologisch verträgliche Methoden werden paradoxerweise von den Vertretern des so genannten „Ökologischen Landbaus“ fanatisch bekämpft. Nähme man den Begriff „Ökologischer Landbau“ ernst, würde man krankheitsresistente Pflanzen anbauen, anstatt hohe schädlingsbedingte Verluste in Kauf zu nehmen oder „Bio-Pestizide“ zu spritzen. Eine Reihe geeigneter gentechnisch verbesserter Pflanzen gibt es schon lange, manche befinden sich noch in der Erprobungsphase und manche Konzepte existieren bisher nur als Zukunftsprojekte.

Sehr weit vorangeschritten sind die Arbeiten zur Bereitstellung pilzresistenter Pflanzen. Phytophthora-resistente 7 Kartoffeln und mehltauresistenter Weizen sind bereits im Versuchsanbau. Für schorf- und feuerbrandresistente Äpfel gibt es ebenfalls bereits Lösungen. Eine gegen das Bohnenmosaikvirus resistente Bohne wird in Brasilien angebaut und der nahezu zusammengebrochene Papayaanbau in asiatischen Ländern lebte wieder auf, nachdem Sorten geschaffen worden waren, die gegen das Ringspotvirus resistent sind. Zu den großen Erfolgsgeschichten moderner Landwirtschaft gehören die Bt-Pflanzen. Sie produzieren ein Protein des Bacillus thuringiensis und schützen sich somit vor entomologischen Fressfeinden. Mais, Baumwolle, Auberginen, Erbsen und andere mehr befinden sich bereits im kommerziellen bzw. Erprobungsanbau. Der Vorteil besteht darin, dass der Wirkstoff nur Zielinsekten tötet und nützliche Insekten nicht beeinträchtigt.

„Pestizide, die Gifte natürlichen Ursprungs enthalten, sind keinesfalls umweltfreundlicher als synthetische Pflanzenschutzmittel“

Der Mais MON810, der seine Umweltverträglichkeit über mehrere Jahre auch in Deutschland beweisen konnte, gehört in diese Gruppe. Der Anbau ist allerdings einer epidemischen Paranoia zum Opfer gefallen. Fast alle europäischen Länder sind davon betroffen. Nur in Spanien gibt es einen Anbau vom MON810 in nennenswertem Umfang. Hinsichtlich des Schutzes vor Insekten gibt es viele weitere umweltfreundliche Strategien. So kann man z.B. Blattläuse dadurch in die Flucht schlagen, dass man Pflanzen Duftstoffe produzieren lässt, die die Schädlinge in Panik versetzen. Kartoffelkäfer können ganz gezielt abgetötet werden, indem man Zellorganellen von Pflanzen dazu befähigt, bestimmte RNA-Moleküle zu bilden, die lebenswichtige Gene des Käfers zerstören. Solche Techniken sind sehr spezifisch auf eine einzige Insektenspezies ausgerichtet. Das Kartoffelkäfermodell ist der Beginn einer Strategie, die wahrscheinlich breit eingesetzt werden kann.

Die Unkrautkontrolle durch eine Kombination umweltverträglicher Herbizide mit dazu passenden herbizidresistenten Kulturen ist längst ein Klassiker. Der Einsatz von Herbiziden erspart mechanische Bodenbearbeitung und schont somit bodenbrütende Vögel. Ziel muss es sein, nicht wie die Grünen fordern, das Herbizid Glyphosat zu verbieten, sondern diesem ein breites Sortiment vergleichbar guter Mittel zur Seite zu stellen, um aufkommende Resistenzprobleme zu lösen.

Spätestens nach dem Sommer 2015 sollte man auch in Deutschland einsehen, dass trockenheitsresistente Pflanzen nicht nur in den Tropen, sondern auch in Europa gebraucht werden. Beim Mais gibt es bereits erfolgreiche Sorten, aber ein breites Sortiment solcher Pflanzen muss und kann entwickelt werden.

Unsere Chancen liegen in der Gentechnik

Der Platz reicht hier nicht aus, um alle gegenwärtigen Entwicklungen aufzuführen. Wenn auch noch einige schwierige Hürden zu überwinden sind, wird es z.B. dazu kommen, dass die wichtigsten Agrokulturen wie Mais, Weizen, Reis mit der Fähigkeit ausgestattet werden, Luftstickstoff zu binden, wie dies die Leguminosen natürlicherweise können. Das führt zu der effektivsten und umweltfreundlichsten Düngung, die möglich ist.

Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung spendete unlängst zehn Millionen US-Dollar an das John Innes Centre, wo man erfolgversprechend an diesem Projekt arbeitet. Die aufregendste Entwicklung betreiben die Genetikerin Maureen Hanson und ihre Gruppe an der Cornell Universität in Ithaca, N. Y. 8 Durch die Übertragung des Rubisco-Enzyms von Cyanobakterien in Kulturpflanzen konnten sie in Modellversuchen die Effizienz der Photosynthese von Pflanzen um 60 Prozent steigern. Es gibt keinen Zweifel, dass dieses Prinzip für Pflanzen mit ursprünglich langsamer Fotosynthese anwendbar ist. Selbst wenn damit die Produktivität der wichtigsten Getreidearten um nur 20 Prozent gesteigert werden könnte, wäre dies ein riesiger Gewinn für die Welternährung. Dass glutenempfindliche Menschen darauf warten, endlich Getreidesorten konsumieren zu können, bei denen die Gene für die allergenen Komponenten des Glutenmixes abgeschaltet werden, ist zwar ein Minderheitenproblem, aber es wäre unmenschlich, diesen Bedarf zu ignorieren.

Erwähnt werden soll auch, dass es unendlich große Potentiale gibt, mit gentechnisch veränderten Pflanzen wertvolle Biowerkstoffe wie z.B. biologisch abbaubare Plastikprodukte herzustellen. Die Gruppe von Inge Broer von der Universität Rostock hat hier einen großen Vorlauf erarbeitet und unsere Bauern warten nur darauf, neue profitable Kulturen anbauen zu können.

Manchem mögen die aufgezeigten Aussichten zu optimistisch vorkommen. Aber die menschliche Erfindungskraft ist gerade auf dem Gebiet der Biotechnologie so phänomenal, dass es keinen Zweifel daran gibt, dass menschliche Kreativität diese Aufgaben ebenso meistern wird, wie sie die ehemals utopischen Visionen der Informationstechnologie und der Weltraumfahrt bedient hat. In der Gentechnik sind wir heute in einer Situation wie vor 40 Jahren in der Elektronik. Die Molekularbiologinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier haben gerade mit CRISPR/Cas ein Programmierwerkzeug entdeckt bzw. entwickelt, mit dem man die Genome aller Organismen inklusive der Kulturpflanzen neu editieren kann. Die Oligonukleotid-gesteuerte Mutagenese ist ebenfalls ein neues Werkzeug, mit dem zunehmend und gezielt neue Pflanzeneigenschaften kreiert werden. Zur gleichen Zeit laufen Versuche zu der Frage, ob man nicht in Zukunft für manche Aufgaben auf die Veränderung der Genome verzichten kann. Es zeigt sich, dass man die Lebensprozesse auf den Feldern auch dadurch steuern kann, dass man die Pflanzen mit synthetischer RNA besprüht, die bestimmte Gene der Pflanzen bzw. von Schädlingen ausschalten oder umsteuern. 9

Die Möglichkeiten sind so exorbitant, dass eine Agrarwende, die einen quantitativen und qualitativen Zuwachs von Produkten und eine tiefgreifende Verbesserung der Umweltsituation ermöglicht, gemeistert werden kann. Voraussetzung ist allerdings ein Sieg über das reaktionäre Spießertum, das es zwar schon immer gab, das aber noch nie so viel Macht hatte wie heute.

„Damit eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Agrarwende gemeistert werden kann, ist ein Sieg über das reaktionäre Spießertum nötig, das noch nie so viel Macht hatte wie heute“

Die gegenwärtig agierenden Politiker haben vor einigen Jahren auf Drängen der Grünen die klassischen Glühbirnen verboten, weil diese hinsichtlich des Wirkungsgrades bei der Nutzung der Energie weit hinter der möglichen Effizienz zurückbleiben. Es gehört keine prophetische Gabe dazu, vorauszusagen, dass die Grünen, die in ihrer Einstellung zur Mikroelektronik und auch zur Roten Gentechnik eine Wende um 180 Grad vollzogen haben, fordern werden, ineffektive Landwirtschaftsformen wie den sogenannten Biolandbau heutiger Prägung zu verbieten und dort, wo es möglich ist, den Anbau gentechnisch optimierter Pflanzen vorzuschreiben. Allerdings ist eine Agrarwende auch auf der Basis der Vernunft und ohne Verbote und Vorschriften möglich. Warum sollten unserer Landwirte weniger gescheit sein als die in den Entwicklungsländern, die gentechnisch verbesserte Pflanzen schon jetzt in erheblichem Umfang anbauen? Die schwierigste Aufgabe besteht darin, den Konsumenten die von Demagogen gesäten irrationalen Ängste zu nehmen. Immerhin macht es Mut, dass die vergleichbaren Ängste vor Hexen ja auch weitgehend überwunden werden konnten.