13.02.2015

Umweltrisiko Glyphosat?

Analyse von Rainer Kluge

Das Herbizid Glyphosat steht unter Beschuss von Umweltverbänden. Eine Studie des Naturschutzbundes Deutschland sieht durch Rückstände in Gewässern Tiere gefährdet. Agrikulturchemiker Rainer Kluge hat sich der Untersuchung angenommen und gibt Entwarnung

Glyphosat, ein Totalherbizid, das vor allem im Maisanbau große Bedeutung hat, wird seit langem von Umweltverbänden heftig attackiert. Auch der Naturschutzbund Nabu hat sich des Themas angenommen und auf Basis von Wasseranalysen in Brandenburg eine eigene Kurzstudie erarbeitet. „Glyphosat, so weit das Auge reicht!“ warnt die Pressemitteilung des Nabu. Was ist dran an der Sache?

„Umweltrisiko Glyphosat“ betitelte der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) seine Studie. [1] Er schreibt: „Gift gelangt in Oberflächengewässer und gefährdet Amphibien.“ [2] Das Bild einer Knoblauchkröten-Kaulquappe mit fehlendem Vorderbein illustriert die Gefahr von Gendefekten durch Agrochemikalien eindrucksvoll.

Anlass für die Studie waren Nachweise von Rückständen in Oberflächengewässern der Uckermark gewesen. Der Nabu führte sie auf den verstärkten Maisanbau zurück und gab Analysen von zehn Wasserproben aus dem Uferbereich von Gewässern im Einzugsgebiet landwirtschaftlich stark genutzter Flächen in Auftrag. Gesucht wurde nach Glyphosat, dessen Abbauprodukt Aminomethylphosphonsäure (AMPA), nach Terbuthylazin – alle vorwiegend beim Anbau von Mais eingesetzt – sowie nach sechs weiteren Substanzen. Und das war laut Nabu das Ergebnis: „Sechs der untersuchten Proben sind mit messbaren Konzentrationen der Substanzen Glyphosat (1 Fund), AMPA (6 Funde) und Terbuthylazin (3 Funde) [...] belastet. […] Bei lediglich vier der Proben wurde für den Zeitpunkt der Probenahme keine Belastung festgestellt.“

„Eine neutrale Bewertung fördert Erstaunliches zutage“

„Für den Zeitpunkt der Probenahme“ – diese Einschränkung unterstellt, dass auch die unbelasteten Proben hätten belastet sein können, wären die Tester nur tätig geworden. Originalton Nabu: „Ein Gewässertest sollte möglichst zeitnah zum Ausbringen der Pestizide erfolgen. Denn Herbizidwirkstoffe, wie etwa Glyphosat, haben in Gewässern eine Halbwertzeit von 7 bis 14 Tagen. Das heißt, die Abbauraten der Wirkstoffe, aber ebenso deren Verdünnung im Wasser, vor allem in Fließgewässern, können die Ergebnisse verfälschen. Wenn in einigen der Analysen keine Stoffe gefunden wurden, so besagt dies folglich nicht, dass nicht zu einem anderen Zeitpunkt etwas drin gewesen sein kann.“

Das ist eine sehr merkwürdige Sichtweise; sie soll offenkundig die Landwirte unter den Generalverdacht stellen, Böden und Gewässer ständig mit Glyphosat zu belasten. Immerhin hat der Nabu den Lesern seiner Studie auch die Einzelergebnisse mitgeteilt. Eine neutrale, unabhängige Bewertung fördert Erstaunliches zutage.

Zunächst: Bei der Beurteilung der insgesamt zehn Messergebnisse, die der Nabu als „Funde“ einstufte, wurden die bei jeder Untersuchung auftretenden analytischen Messfehler nicht berücksichtigt. Angesichts der enormen Empfindlichkeit der angewandten Analysemethoden ist dies aber zwingend notwendig, will man Fehlbeurteilungen ausschließen. So bewegen sich allein vier der „Funde“ (vgl. Tabelle unten) in dem schmalen Fenster des – ausgesprochen geringen – Gehaltes von 0,05 Mikrogramm pro Liter, der Bestimmungsgrenze, und dem Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für Trinkwasser. [3]

Sie sind keine gesicherten analytischen Nachweise und damit auch keine „Funde“, wie vom Nabu fälschlich eingestuft. Es handelt sich vielmehr um extrem niedrige und deshalb analytisch nicht zweifelsfrei interpretierbare Wirkstoffkonzentrationen, für die eine Einstufung als „Umweltrisiko“, wie vom Nabu unterstellt, eindeutig nicht zutrifft.

Von 90 Wirkstoff-Einzelanalysen aus 10 Wasserproben verbleiben also lediglich 6 eindeutige Befunde, das entspricht 6,7 Prozent der Proben. Zwei dieser Befunde bewegen sich im äußerst niedrigen Gehaltssegment von 0,10 bis 0,20 Mikrogramm pro Liter. Sie übersteigen den Grenzwert für Trinkwasser – und Flusswasser ist kein Trinkwasser – maximal um den Faktor 2, sind also für Oberflächengewässer kaum relevant. Damit verbleiben lediglich vier Analysenergebnisse (entsprechend 4,4 Prozent aller durchgeführten Analysen), die man als eindeutige Befunde bezeichnen darf.

„Was bleibt, ist eine alarmistische, irreführende Aktion des Nabu“

Und nun kommt der eigentliche Hammer: In diesen insgesamt sechs Befunden wurden Wirkstoff-Konzentrationen zwischen 0,14 und 0,73 Mikrogramm pro Liter ermittelt. Sowohl die EU als auch die Bundesregierung halten für Glyphosat in Oberflächengewässern eine Wirkstoff-Konzentration von 64 Mikrogramm pro Liter für „regulatorisch akzeptabel“. 64 Mikrogramm pro Liter sind das 90- bis 400-fache der Konzentrationen, die laut Nabu-Studie in den brandenburgischen Gewässern gefunden worden sind.

Unterhalb des Richtwerts von 64 Mikrogramm pro Liter sind auch bei empfindlichen Organismen keine Schädigungen zu erwarten. [4] Von einer riskanten Rückstandsbelastung der untersuchten Gewässer, einer „Gefahr für Amphibien“, egal welcher Entwicklungsstufe, kann also keine Rede sein. Damit geht auch das Foto der Kaulquappe mit fehlendem Vorderbein an der Realität voll vorbei. Fruchtschädigende Effekte wurden bei der Auswertung zahlreicher Untersuchungen über die Umweltrisiken von Glyphosat nicht gefunden, übrigens ebenso wenig wie reproduktionstoxische oder krebserregende Wirkungen. Darauf hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hingewiesen. [5]

Was also bleibt, ist eine alarmistische, irreführende Aktion des Nabu, die Züge von Panikmache trägt. Panikmache ist aber das Gegenteil einer ernsthaften Auseinandersetzung mit möglichen Gefahren und Risiken eines Pflanzenschutzmittels. Eine seriöse und fundierte Studie hätte erfordert, ein fachlich nachvollziehbares Untersuchungsprogramm auszuarbeiten, mit dem die Untersuchung von Wasserproben im Uferbereich von Gewässern in zeitlichem und räumlichem Bezug zu Glyphosatbehandlungen auf den angrenzenden Ackerflächen gesetzt worden wäre. Nur so hätte geklärt werden können, ob überhaupt, und wenn ja, inwieweit es nach Glyphosatanwendung nachweisbar zu Belastungen angrenzender Gewässer kommt. Das setzt allerdings voraus, dass an der Untersuchung auch die Landwirte vertrauensvoll beteiligt werden – eine Selbstverständlichkeit, mit der der Nabu offenkundig Probleme hat.