29.05.2015

Nicht besser, sondern „anders“

Kommentar von Hannelore Schmid

Seit 17 Jahren wird der Ökolandbau gefördert. Das Ziel ist die Agrarwende. Dennoch kommt die Branche nicht in Schwung: Nur vier Prozent der Lebensmittel stammen von ihr. Welchen Vorteil hätte der Steuerzahler von der neuen Landwirtschaft?


Schon Renate Künast hatte sich das ehrgeizige Ziel gesetzt. Jetzt nimmt Agrarminister Christian Schmidt neuen Anlauf. Zwanzig Prozent Öko-Landbau [1] soll es auf Deutschlands Feldern geben. Das fordert auch die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung. Wann das Ziel erreicht sein soll, sagt Christian Schmidt nicht; die Erfahrungen von Künast, die sich zehn Jahre Zeit dafür nahm, haben ihn vorsichtig gemacht. Denn bis heute, 17 Jahre nach der Künastschen „Agrarwende“, konnte der Flächenanteil des Öko-Landbaus lediglich von drei auf 6,4 Prozent [2] gesteigert werden. Mit den Marktanteilen sieht es noch bescheidener aus. Trotz werblichen Dauerfeuers erreichen Bio-Produkte gerade einmal vier Prozent [3]; und dies nur deshalb, weil die großen Handelsketten mit Bio-Billig-Importen den Markt überschwemmen.

Minister Schmidt findet trotzdem: „Die Öko-Landwirtschaft leistet schon heute einen entscheidenden Beitrag zu unserer Ernährung!“ Gemeinsam mit der Ökologischen Lebensmittelwirtschaft will der CSU-Mann mit einer „Zukunftsstrategie Ökologischer Landbau“  Schwung in die Sache bringen. Dieser Tage fand dazu in Berlin die „Kick-off-Veranstaltung“ [4] statt.

Fast zeitgleich hat der Minister den Bundesagrarbericht vorgelegt. Dort kann man Erklärungen dafür finden, warum der Öko-Landbau nicht in die Gänge kommt. Man erhält auch interessante Daten zu dessen ökonomischer, ökologischer und sozialer Bedeutung, also seinem Beitrag zu dem, was heute gemeinhin als „Nachhaltigkeit“ bezeichnet wird.

„90 Prozent des Gewinns eines Ökobetriebs stammen aus staatlichen Transferleistungen“

Kapitel 2.3.4. des Agrarberichts [5] zeigt zum Beispiel, was in vergleichbaren Bio- und konventionellen Betrieben erwirtschaftet wird. Konventionelle Landwirte kommen auf knapp 40.000 Euro Einkommen im Jahr, ihre Öko-Kollegen liegen 5000 Euro, also 13 Prozent, darunter. Besonders interessant: Der Gewinn der Öko-Bauern beträgt nach der amtlichen Statistik rund 650 Euro pro Hektar. An Subventionen erhalten diese Landwirte 600 Euro pro Hektar. 90 Prozent ihres Gewinns stammen damit aus staatlichen Transferleistungen. Zwar bekommen auch die konventionellen Landwirte durchschnittlich 400 Euro pro Hektar aus öffentlichen Kassen; die Subventionen machen bei ihnen aber nur die Hälfte des Gewinns aus.

Für den Öko-Landbau berappt der Bundesbürger nicht nur als Steuerzahler, sondern auch als Verbraucher. Bio-Bauern bekamen für ihren Weizen deutlich mehr als das Doppelte des Preises für konventionellen Weizen, Bio-Kartoffeln waren dreieinhalb Mal so teuer wie normale Ware, bei Milch machte der Unterschied immerhin 20 Prozent aus. Keine Frage: Die Bio-Bauern brauchen die höheren Preise; auch das kann man im Agrarbericht nachlesen. Bei Weizen ernten sie nur halb so viel wie ihre Berufskollegen, ebenso bei Kartoffeln, und ihre Kühe geben 20 Prozent weniger Milch. [6]

Bio-Ware braucht nur zu kaufen, wer überzeugt ist, damit etwas Gutes zu tun – für seine Gesundheit, für die Umwelt, wofür auch immer, und wen das Geld dafür nicht reut. In Umfragen sind das viele; allerdings klafft eine gewaltige Lücke zwischen verbaler und realer Zahlungsbereitschaft; siehe oben. Vermutlich sind die Verbraucher klüger, als die Trommler für Agrarwenden aller Art ihnen zugestehen. Vielleicht sagt ihnen ihr Bauchgefühl, was viele Studien belegen, die es schwer haben, an die Öffentlichkeit zu gelangen, weil sie nicht dem Mainstream entsprechen: dass Bio-Lebensmittel nicht „gesünder“ als konventionelle Ware sind. Selbst die Öko-Bauern behaupten das nicht mehr.

„Nachhaltig kann nur eine intensive Nutzung sein“

Bio-Lebensmittel werden auch nicht „nachhaltiger“ produziert. Man kann sich an blühenden Unkräutern in Öko-Äckern erfreuen. Aber wenn die doppelte Fläche nötig ist, um gleich viel zu ernten wie im modernen Landbau, dann bleibt weniger Land für naturnahe Zonen. Weltweit ist Ackerland eine sehr knappe Ressource. Nachhaltig kann deshalb nur eine intensive Nutzung sein. Mit den neuesten Anbautechniken ist das ohne Umweltschäden machbar. Und wenn es eine soziale Leistung ist, preiswerte Lebensmittel zu produzieren und dabei den Beschäftigten angenehme Arbeitsbedingungen und angemessene Einkommen zu bieten, dann hat die moderne Landwirtschaft ebenfalls die Nase vorn.

Eigentlich weiß der Minister das alles. Öko bedeute nicht besser, sondern einfach „anders“, wird Christian Schmidt aus der Berliner Kick-Off-Veranstaltung zitiert. [7] Mit dieser Philosophie könnten auch Subventionen für Lastwagen mit Holzvergasermotor politisch gerechtfertigt werden.

Wenn Bio nicht besser, sondern nur anders ist – warum muss es dann auf Biegen und Brechen und vor allem mit Steuergeldern gepusht werden? Dass viele Wähler in Umfragen Bio gut finden, an der Ladenkasse aber anders abstimmen, wäre ein Anlass für Informationskampagnen. Eine Basis für zukunftsorientierte Politik ist es nicht. Der wesentliche Erfolg jahrzehntelanger Bio-Manie ist ohnehin, dass viele Bundesbürger heute in Lebensmitteln vor allem Giftcocktails und Geschmackswüsten vermuten.

Bis zur Okkupation ihres Konzepts durch die Politik haben sich die Bio-Bauern in ihrer Nische wohl und wohl auch ein bisschen besser gefühlt. Sie haben mit ihren Kunden eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet, sie hatten keinen Ärger mit Billigimporten und brauchten sich nicht an Zielen zu messen, die ahnungslose Politiker vorgeben. Dieselben Politiker übrigens, die ihnen mit Wohltaten für eine andere Agrariergruppe die Existenz schwer machen: Die völlig überhöhte Förderung von Biotreibstoffen lässt überall die Pachtpreise durch die Decke schießen. Bio-Bauern können sich das teure Land nicht mehr leisten – obwohl auch sie wachsen müssen, wenn ihr Betrieb nicht weichen soll.