31.08.2012

Keine Risiken für Umwelt und Gesundheit

Analyse von Rudolf Kipp

Ein über mehrere Jahre laufendes unabhängiges Forschungsprogramm zur grünen Gentechnik in der Schweiz kam zu dem Ergebnis, dass von dieser keine Gefährdung für Umwelt und Gesundheit ausgeht. Der Autor stellt die Ergebnisse vor und wünscht sich auch hierzulande eine nüchterne Debatte

Der Schweizer an sich gilt als ein äußerst besonnener Zeitgenosse. Überstürzte Reaktionen sowie unnötige Hektik sind ihm fremd. Dass an diesem stereotypen Bild so einiges stimmig ist, davon konnte man sich überzeugen, als im letzten Jahr nach Fukushima auch in der Schweiz die Kernenergie in die Kritik geriet und ein Ausstieg aus dieser Technologie beschlossen wurde. Nur, ganz anders als in Deutschland, erfolgte dieser nicht kopflos und überhastet, sondern wesentlich besonnener. Nicht quasi über Nacht, sondern in einem langen Prozess bis 2034 soll dieser Ausstieg erfolgen. Genug Zeit also, um Alternativen zu entwickeln und diesen Schritt in einigen Jahren gegebenenfalls noch einmal zu überdenken.

Grüne Gentechnik polarisiert auch in der Schweiz

Ganz ähnlich verhält sich die Schweiz bei einem anderen Thema, das analog zur Kernenergie in der Öffentlichkeit eher emotional als rational diskutiert wird. Gemeint ist die Grüne Gentechnik. Diese Technologie ist auch in der Schweiz alles andere als unumstritten. Deshalb haben die Schweizer 2005 sogar eine Volksabstimmung zu dem Thema abgehalten, in der sich knapp 56 Prozent der Schweizer für ein fünfjähriges Moratorium der Grünen Gentechnik entschieden. Dieser Zeitraum sollte genutzt werden, um in einem eigens dafür eingerichteten Forschungsprogramm den Nutzen und die Risiken von genveränderten Pflanzen zu untersuchen.

Nationales Forschungsprogramm zu Risiken und Nutzen der Gentechnik

Das Nationale Forschungsprogramm „Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen“ (NFP 59) [1] nahm im Dezember 2005 seine Arbeit auf und untersuchte in 30 Freilandversuchen die Auswirkung von verschiedenen transgenen Pflanzen auf Tiere, Pflanzen und die Bodenfruchtbarkeit. Ende 2009 legte das NFP 59 dem Schweizer Parlament einen Zwischenbericht vor und kündigte an, dass die Arbeiten an dem Projekt im Jahr 2011 abgeschlossen sein würden. Daraufhin entschied das Parlament, das bestehende Moratorium noch bis 2013 zu verlängern, um vor weiteren Entscheidungen die Schlussresultate des NFP 59 abzuwarten.

Gentechnik weder gesundheits- noch umweltschädlich

So wie es aussieht, hat das Warten sich gelohnt; wenngleich sich auch herausgestellt hat, dass das Aussetzen der Gentechnik in der Landwirtschaft gar nicht erforderlich gewesen ist. Die jetzt vorgestellten Ergebnisse im Abschlussbericht des Forschungsprogramms sind nämlich eindeutig. Professor Dirk Dobbelaere, Leiter des Programms, sagte am 28. August in einem Interview der Schweizer Tagesschau: „Alle Pflanzen, die zurzeit auf dem Markt zur Verfügung stehen, da können wir sagen, dass man die ohne Gefährdung der Umwelt oder Gesundheit einsetzen kann.“ [2] Besonders die Auswirkungen von genmodifizierten Pflanzen auf die Umwelt, also auf symbiotisch lebende Wurzelpilze, Wildgräser, Insekten, Bodenmikroorganismen und Nachbarpflanzen, wurden von den Schweizer Forschern in zahlreichen Versuchen untersucht. Ein weiterer Schwerpunkt der Versuche im Labor, in Gewächshäusern und im Freiland war der Einfluss der untersuchten Pflanzen auf die Bodenfruchtbarkeit.

Keine Umweltrisiken unter realistischen Bedingungen

Keines dieser Forschungsprojekte konnte Umweltrisiken finden, die von der Grünen Gentechnik als solcher ausgehen. Dies ist ein Ergebnis, das mit über 1000 Studien in Einklang steht, die weltweit durchgeführt und im Rahmen des NFP 59 ebenfalls ausgewertet wurden. Die Forscher gingen dabei ebenfalls Hinweisen aus Laborversuchen nach, die auf schädliche Effekte von gentechnisch veränderten Pflanzen (GVP) auf Nichtzielorganismen hindeuten (zum Beispiel auf Marienkäfer). Solche Effekte ließen sich aber in Freilandversuchen unter realistischen Bedingungen nicht nachweisen. Die Auswirkungen von GVP auf die menschliche und tierische Gesundheit wurden im Rahmen der NFP–59-Studie nicht mit eigenen Arbeiten untersucht. Das lag zum einen daran, dass in dem relativ kurzen Zeitraum von 5 Jahren keine aussagekräftigen Langzeitstudien möglich waren, und zum anderen daran, dass weltweit bereits sehr viele Studien zu eben diesem Thema durchgeführt wurden. Und es besteht nach Ansicht der Schweizer Forscher kein Grund zur Annahme, dass der menschliche oder der tierische Organismus in der Schweiz anders auf GVP reagiert als im Ausland. Deshalb hat das NFP 59 eine breit angelegte Analyse der weltweit verfügbaren Fachliteratur vorgenommen. Diese Analyse widerlegt die immer wieder geäußerte Befürchtung, dass GVP ein Gesundheitsrisiko für Mensch und Tier darstellen könnten.

Unerwünschte Effekte waren Resultat mangelhafter landwirtschaftlicher Praktiken

Es konnten also nach äußerst umfangreichen Untersuchungen keine Gefahren für Mensch und Umwelt ausgemacht werden, die speziell auf den Einsatz von genveränderten Pflanzen zurückzuführen wären. Wo im Anbau von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen unerwünschte Effekte auftreten, seien diese nicht eine Folge der Gentechnik selbst. Vielmehr wären sie auf mangelhafte landwirtschaftliche Praktiken (wie etwa Monokulturen) zurückzuführen. Auf der anderen Seite ist nach Ansicht der Forscher der Nutzen von GVP in der Schweiz bislang relativ gering. Dies könne sich jedoch ändern, „wenn der Schädlingsdruck steigt – zum Beispiel aufgrund klimatischer Veränderungen – oder wenn gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, die mehrere neue Merkmale aufweisen und denen zum Beispiel weder Herbizide oder Pflanzenschutzmittel noch gewisse Krankheitserreger etwas anhaben können.“

Schweizer Vorgehen wäre auch für Deutschland wünschenswert

Man würde sich wünschen, dass das hier gezeigte Schweizer Beispiel auch in Deutschland Schule machen würde und dass politische Entscheidungen von so großer Tragweite, wie das Verbot von genveränderten Pflanzen, nicht aufgrund der momentanen Stimmungslage in der Bevölkerung oder durch eine mit fachfremden Entscheidern besetzte „Expertenkommission“ oder diverse Ethikräte getroffen würden. Was die Gefährdung von Mensch und Umwelt angeht, würde eine vergleichbare Studie aller Voraussicht nach auch in Deutschland zu dem Ergebnis kommen, dass die Ängste vor dem „bösen Gen“ bei objektiver Betrachtung nicht die geringste Grundlage haben. Schließlich werden auch in Deutschland seit langem genveränderte Pflanzen angebaut. Nur sind die bisherigen Genmodifikationen nicht durch gezielte Eingriffe vorgenommen worden, sondern wahllos und zufällig durch radioaktive Bestrahlung und durch erbgutverändernde Chemikalien. Das Verfahren nennt man Mutationszüchtung, es stellt die Grundlage beinahe sämtlicher in Deutschland angebauter Kulturpflanzen dar. Was hingegen in Deutschland anders ausfallen könnte als in der Schweiz ist die Nutzenanalyse von GVP. Denn anders als in der Schweiz haben wir in Deutschland riesige Monokulturen. Diese Entwicklung wurde maßgeblich von der Subventionierung des Anbaus von Energiepflanzen zur Erzeugung von Biogas und Biosprit getrieben. Die hierdurch entstandenen Mais-Monokulturen könnten etwa durch den Anbau von sogenanntem BT-Mais, der durch gezielte genetische Veränderungen einen „eingebauten“ Schutz vor Fraßfeinden besitzt, mit einem extrem verminderten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auskommen.

Politik in Deutschland orientiert sich mehr an Ängsten als an Fakten

Aber solange wir in Deutschland eine Politik betreiben, die sich mehr an den Ängsten einer – durch die zahlreichen, jede potenzielle Gefahr bis zum Maximum aufblähenden Medien – aufgeschreckten Bevölkerung orientiert, als an wissenschaftlichen Erkenntnissen, wird der Wunsch nach einer auf Fakten und Evidenz basierten Entscheidungsfindung wohl ein ebensolcher bleiben. Schließlich findet selbst das Bundesinstitut für Risikobewertung, dass auch gefühlte Ängste staatliches Handeln erfordern. Wenn ein Kind Angst vor Geistern unter dem Bett hat, sollte man diese Ängste ernst nehmen. Und als genau das werden wir Bürger wohl von den von uns gewählten Vertretern angesehen. Als kleine Kinder, die es an die Hand zu nehmen gilt, damit sie den rechten Weg in dieser ach so gefährlichen Welt finden mögen.