17.01.2018

Klimaziele Hurra!

Von Thilo Spahl

Titelbild

Foto: SD-Pictures via Pixabay / CC0

Auch die neue, alte GroKo will den Klimaschutzzielen treu verbunden bleiben. Da ist der Planet ja schon halb gerettet. Oder nicht?

Letzte Woche war mal kurz davon die Rede, in den Sondierungsgesprächen für die neue, alte GroKo habe man sich von den Klimaschutzzielen verabschiedet. Gemeint waren die für 2020 (welche das sind, ist ohne Belang). Das Geschrei war groß.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt zwitscherte:
„Das 40-Prozent-Klimaziel für 2020 wird zum ersten Opfer der neuen & alten #GroKo. Unfassbar verantwortungslos!“

Die Linken-Vorsitzende Katja Kipping stimmte ein:
„Der erste Verlierer ist der #Klimaschutz.“

Hans-Josef Fell, Vater des Erneuerbare Energien Gesetzes, Sprecher für Energiepolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen von 2005 bis 2013 und Träger des „Nuclear-Free Future Award“ zürnte auf der Sonnenseite etwas ausführlicher:
„Die jahrelange Taktik von Kanzlerin Merkel, Vizekanzler Gabriel, CSU-Chef Seehofer und FDP-Chef Lindner geht nun völlig auf. […] Das abgekartete Spiel zwischen Union, SPD und FDP auf der einen Seite und den Wirtschaftsinteressen von Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran auf der anderen Seite muss endlich einer breiten Öffentlichkeit bewusst werden.“

„Das hehre Ziel bleibt intakt, der schöne Schein gewahrt.“

Tatsächlich wäre es leicht nachvollziehbar gewesen, wenn das Ziel offiziell aufgegeben worden wäre. Schließlich kommt 2020 nach dem Jahr 2019 und das nach 2018 und in eben jenem sind wir ja schon. Wir haben es also mit einem Zeitraum zu tun, für den man schon mal einigermaßen genaue Prognosen machen kann. Da wird es immer schwerer, Wunder zu verkaufen. Es könnte ja jemand die Zahlen nachschlagen und ein bisschen nachrechnen.

Inzwischen hat man den Anfall von Realitätssinn aber offenbar in gemeinsamer Kraftanstrengung überwunden und am Ende der erfolgreichen Sondierungen ins gemeinsame, geduldige Papier geschrieben:
„Wir bekennen uns zu den Klimazielen 2020, 2030 und 2050. Die Handlungslücke zur Erreichung des Klimaziels 2020 wollen wir so schnell wie möglich schließen.“

Dann können ja alle wieder aufatmen. Das hehre Ziel bleibt intakt, der schöne Schein gewahrt.

Zur selben Zeit an einem anderen Ort: Im Fachblatt Nature Sustainability erscheint die Studie „Targeted emission reductions from global super-polluting power plant units“. Darin hilft uns folgende Abbildung, die deutsche Klimaschutzpolitik im größeren Zusammenhang zu betrachten:

Altersstruktur der globalen Energieerzeugungskapazitäten und Emissionen

Abbildung 1: Altersstruktur der globalen Energieerzeugungskapazitäten und Emissionen (Quelle: Nature Sustainability, 2018)

Die Grafik zeigt, warum am deutschen Klimaschutz die Welt nicht genesen wird. Nicht im Jahr 2020, nicht im Jahr 2030 und auch nicht in 2050. Wir kennen diese Art der Abbildung von den Bevölkerungspyramiden, die zeigen, in welchem Alter die geburtenstarken und in welchem die geburtenschwachen Jahrgänge sind. Bei der globalen fossilen Energieerzeugung sieht die Verteilung leider ganz anders aus als bei der deutschen Bevölkerung.

„Die chinesischen Kohlekraftwerke sind sehr jung und werden noch Jahrzehnte lang in Betrieb stehen.“

Insbesondere die chinesischen Kohlekraftwerke, aber durchaus auch Gas und Öl im Rest der Welt, sind sehr jung und werden daher noch Jahrzehnte lang in Betrieb stehen. Die Studie bezieht sich auf das Jahr 2010 und die zu der Zeit laufenden 30.655 Kraftwerke. Da könnte man natürlich hoffen, dass sich in den letzten sieben Jahren alles geändert hat. So wie man eben auch hoffen kann, dass sich bis 2020 plötzlich alles ändert. Dass dem nicht so ist, zeigt folgende Tabelle:

Neu in Betrieb genommene Kohlekraftwerke

Abbildung 2: Neu in Betrieb genommene Kohlekraftwerke, jährliche Entwicklung (Quelle: endcoal.org)

Wie man sieht, steht Deutschland als gefühlter Klimaschutzweltmeister dank Atomausstieg in der letzten Dekade immerhin auf Platz sieben in der Weltrangliste der Kohlechampions. Deshalb braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn man betrachtet, wo wir mit unseren Emissionen nach 25 Jahren Klimaschutzpolitik stehen: auf Platz 19 von 22 europäischen Staaten. Mehr CO2-Ausstoß pro Kopf haben nur die Belgier, die Tschechen und die Holländer:

CO2 Emissionen in Europa

Abbildung 3: Europäische CO2-Emissionen pro Kopf (Quelle: Euan Mearns, vorbereitet mit Hilfe von Daten des BP Statistical Review, 2015)

Egal. Solange man fest zu seinen Zielen steht, wird schon alles werden.

„Dank Atomausstieg steht Deutschland immerhin auf Platz sieben in der Weltrangliste der Kohlechampions.“

Oder doch nicht? Die folgende Abbildung zeigt die deutschen Klimaschutzziele und den Trend (beim Trend muss man bedenken, dass die Reduktion seit 1990 hauptsächlich aus der Abwicklung der DDR-Industrie resultierte):

Deutsche CO2-Emissionen und Ziele

Abbildung 4: Deutsche CO2-Emissionen und Ziele (Quelle: Stefan Rahmsdorf, 2017)

Stefan Rahmsdorf hat anlässlich der letzten Koalitionsverhandlungen (wir erinnern uns: Jamaika) projiziert, wie sich die Ziele ändern müssten, wenn das passiert, was passieren wird, nämlich wenn die Reduktion bis 2018 (da sind wir ja schon) und dann bis 2022 eher dem Trend folgt als den Zielen. Dann werden die Ziele sehr schnell noch viel unrealistischer. Und die Wahrheit drängt sich immer deutlicher ins Bild.

Die Wahrheit ist: Global werden die Emissionen noch lange weiter steigen und in Deutschland werden sie noch lange nur langsam sinken. Mit dem Abschalten von Kernkraftwerken und dem Subventionieren von Solarpaneelen verhindert kein noch so ziel- und verantwortungsbeschwörungswilliger Politiker den Lauf der Dinge bei der Erderwärmung. Da muss man sich schon etwas anderes einfallen lassen. Und damit meine ich nicht eine von Hans-Josef Fell per Notverordnung eingesetzte Weltregierung, die bis 2033 alle Kohle-, Öl- und Gaskraftwerke und -heizungen abschafft und Autos und Flugzeuge gleich mit. Und Hund und Katze auch.