29.10.2021

Klima und Flut: Deutschlands falsche Prioritäten

Von Sabine Beppler-Spahl

Titelbild

Foto: EvokePhotos via Pixabay / CC0

Die Flutkatastrophe im Sommer hat Versäumnisse der deutschen Politik offengelegt. Man verfolgt Öko-Projekte, vernachlässigt aber die Anpassung an den Klimawandel und die Infrastrukturentwicklung.

Im Juli dieses Jahres wurden Gebiete in Westeuropa von einem tödlichen Hochwasser heimgesucht, bei dem über 200 Menschen ums Leben kamen, 184 davon allein in Deutschland. Nach ungewöhnlich starken Regenfällen (über 200 Liter/Quadratmeter innerhalb von 24 Stunden) traten mehrere Flüsse – darunter die Ahr – über die Ufer. Innerhalb weniger Stunden hatte sich der normalerweise hübsche, kleine Fluss in eine riesige Monsterflut verwandelt. Kein Anwohner hatte je so etwas erlebt.

Nun lassen sich Katastrophen wie diese stets unterschiedlich interpretieren. Einige sahen in ihr eine schreckliche Folge der globalen Erwärmung. Die Überschwemmungen, so ihre Argumentation, seien ein Vorbote dessen, was uns erwartet, wenn wir den Temperaturanstieg nicht in den Griff bekommen. Andere sahen die Katastrophe eher als symptomatisch für eine Klimadebatte, die in die falsche Richtung führt.

Tatsächlich sind in den letzten Monaten neue Informationen aufgetaucht, die immer mehr Menschen dazu gebracht haben, die ursprüngliche Darstellung der globalen Erwärmung als einzige Erklärung für diese Katastrophe zu hinterfragen. Zunächst wiesen einige Meteorologen darauf hin, dass starke Regenfälle in Mitteleuropa kein neues Phänomen sind. Dann legten Klimahistoriker und Geologen Studien vor, aus denen hervorging, dass das Ahrgebiet schon früher von extremen Überschwemmungen heimgesucht worden war: 1910 hatte es starke Überschwemmungen in der Region gegeben – und im Juli 1804 stieg die Ahr ähnlich stark über die Ufer wie in diesem Sommer.

„Es scheint, dass sowohl Deutschland als auch Bangladesch mehr infrastrukturelle Entwicklung brauchen.“

Der eigentliche Wendepunkt in der Debatte war jedoch, als bekannt wurde, dass das Frühwarnsystem in der Region völlig versagt hatte. Die schockierte Öffentlichkeit musste erfahren, dass die meisten Todesfälle durchaus hätten verhindert werden können. Es stellte sich heraus, dass die Menschen im unteren Teil des Tals am Abend des 14. Juli noch nichts von der Gefahr wussten, als sich das Hochwasser in den höheren Lagen der Berge bereits aufbaute. Hier, im Tal waren die meisten Todesopfer (insgesamt 140) zu beklagen. Es gibt viele tragische Geschichten von alten und behinderten Menschen, die im Schlaf von den Wassermassen überrascht wurden und keine Zeit hatten, sich in die oberen Stockwerke ihrer Häuser zu retten. Die Wetterwarnungen wurden bereits Tage im Voraus herausgegeben. Warum wurden sie nicht weitergegeben? Viele andere Probleme traten in den Vordergrund: Alarmsirenen wurden abgebaut, Dammverstärkungen verschoben (Erfstadt, Wassenberg, Steinbachtalsperre), Rückhaltebecken noch nicht gebaut. Viele dieser Defizite sind nun erfreulicherweise wieder stärker in den Vordergrund der Debatten gerückt.

Die fehlenden Warnungen erinnern an die schrecklichen Überschwemmungen vom Jahr 1953 an den europäischen Küsten, als über 1850 Menschen in den Niederlanden in den die Flutwellen ertranken. Es war eine Zeit, in der Radiosender kein Nachtprogramm hatten und die Infrastruktur der Rettungsdienste insgesamt noch unzureichend war – auch Handys gab es natürlich nicht. Damals wurde sofort der Bau von besseren Hochwasserschutzanlagen gefordert.

In unserer heutigen Zeit werden erst einmal strafrechtliche Untersuchungen gefordert. Tatsächlich hat die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen mehrere Mitglieder der örtlichen Behörden eingeleitet – u.a.wegen fahrlässiger Tötung. Viele aber haben sich jedoch die folgende Frage gestellt: Wie konnte in einem modernen, entwickelten Land wie Deutschland so viel schief gehen? Selbst Bangladesch, ein viel ärmeres Land, konnte durch die Entwicklung eines zuverlässigen Frühwarnsystems die Zahl der Todesopfer durch Überschwemmungen erheblich reduzieren. (Obwohl auch jetzt noch viel zu viele Menschen in Bangladesch wegen mangelnder Infrastruktur sterben: Im Jahr 2020 ertranken laut Berichten über 212 Menschen und 78.000 wurden mit durch Wasser übertragene Krankheiten infiziert.). Es scheint, dass sowohl Deutschland als auch Bangladesch mehr infrastrukturelle Entwicklung brauchen.

„Diese Öko-Ausgaben gehen auf Kosten wichtiger Infrastrukturmaßnahmen."

Eine Erklärung für die Situation in Deutschland ist, dass es die falschen politischen Prioritäten gesetzt hat. Die deutsche Politik hat sich als besonders klimabewusst präsentiert. Das Land hat groteske Summen – über 30 Milliarden Euro pro Jahr – für den Umstieg von konventioneller auf alternative Energie ausgegeben. Diese Öko-Ausgaben gehen auf Kosten wichtiger Infrastrukturmaßnahmen, und die Frage, wie sich das Land an einen möglichen Klimawandel anpassen kann, wird gefährlich vernachlässigt.

Selbst was die eigenen Prioritäten der Regierung bei der Kohlendioxidreduzierung angeht, ist vieles von dem, was getan wird, widersprüchlich – wie der Ausstieg aus der Kernenergie (Deutschlands letzte sechs Atomkraftwerke sollen nächstes Jahr abgeschaltet werden). Die Politiker appellieren auch unablässig an die Bürger, ihr Verhalten zu ändern (gerade wurden Plastikbesteck, Strohhalme, Essensbehälter, Luftballonhalter und Wattestäbchen verboten). Doch dort, wo es am wichtigsten ist, hat sich der Staat als unfähig erwiesen, das zu tun, was er tun sollte: das Leben der Bürger zu verbessern und zu schützen.

Es ist ja nicht so, dass wir Deutschen nicht gemerkt hätten, dass hier etwas gewaltig schief läuft. Ein Indiz dafür ist, dass die Grünen bei der Wahl im September viel schlechter abgeschnitten haben, als viele erwartet hatten. Trotz der Überschwemmungen und der flächendeckenden Berichterstattung über die globale Erwärmung haben die Grünen weniger als 15 Prozent der Stimmen erhalten. Doch wie die neuen Koalitionsverhandlungen zeigen, werden sich die Deutschen, die eine andere Energie- oder Klimapolitik wollen, sehr anstrengen müssen. Im Moment werden die Wähler, egal wohin sie sich wenden, mehr Klimapolitik der gleichen Art bekommen. Eine Öffnung der Debatte darüber, was eine angemessene Antwort auf das alltägliche Problem der Niederschläge sein sollte, ist dringend erforderlich.