18.07.2021

Flutkatastrophe: Grüne Klimapolitik ist nicht die Lösung

Von Sabine Beppler-Spahl

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Foto: dlohner via Pixabay / CC0

Nach der Sturmflut in Hamburg kam keiner auf die Idee, den Bürgern moralische Vorwürfe zu machen und Einschränkungen im Lebensstandard zu fordern. Stattdessen baute man den Hochwasserschutz aus.

Über 130 Tote, hunderte Verletzte und zahlreiche zerstörte Häuser, Straßen und Brücken - das ist die schreckliche Bilanz des Hochwassers der vergangenen Woche in Teilen Westdeutschlands. Doch noch bevor alle Toten geborgen und die Schäden vollständig erfasst sind, sind viele Aktivisten, Journalisten und Politiker damit beschäftigt, ihre eigene Klimawandel-Agenda voranzutreiben. „Die Themen, um die es geht, könnten kaum größer sein: Die Klimakrise – und die Frage, wie die Menschheit den Planeten bewohnbar halten kann – verlangt nach Antworten", schreibt eine Gruppe von Journalisten bei Spiegel International. Der Tag der Katastrophe, so hoffen sie, könnte sich als Wendepunkt im laufenden Wahlkampf erweisen - ein Tag, an dem „die Natur jede Art von Wahlkampfplanung wertlos gemacht hat". Doch ihre Hoffnungen werden sich nicht unbedingt erfüllen, denn es gibt viele Gründe, zu ganz anderen Schlüssen zu kommen.

Der Versuch, diese Katastrophe nur als Folge des Klimawandels zu sehen macht uns anfällig für Fehler. Es fängt damit an, dass sie als „Jahrhundertflut" bezeichnet wird, wobei einige (wie der britische Guardian) sogar fälschlicherweise behaupten, es sei „Deutschlands schlimmstes Hochwasser seit 200 Jahren". Dabei hat es in Deutschland immer wieder schwere Überschwemmungen gegeben. Das letzte Mal, dass wir von einer „Jahrhundertflut" sprachen, war 2002, als die Elbe über die Ufer trat. Obwohl weniger dicht besiedelte Gebiete betroffen waren, starben mindestens 45 Menschen, als Häuser und Straßen unter der Last des Wassers zusammenbrachen. Auch in der Gegend um Köln sind Hochwasser ein regelmäßiges Phänomen. Im Jahr 1995 erreichte der Rhein einen Pegel von 10,69 Metern (über zwei Meter höher als diesmal), 33.000 Menschen waren betroffen (zuletzt hatte der Fluss 1926 diesen Pegel erreicht). Die größte Hochwasserkatastrophe der letzten Jahrzehnte war jedoch die Sturmflut von 1962 in Hamburg, bei der 315 Menschen starben und über 50.000 auf Hilfe angewiesen waren. 

Es ist ein allzu menschlicher Impuls, nach Gründen – und Schuldigen – für Naturkatastrophen zu suchen. Wie der Soziologe Frank Furedi erklärt, hängt die Art und Weise, wie wir versuchen, Katastrophen einen Sinn zu geben, von den vorherrschenden Glaubensvorstellungen unserer Zeit ab. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Sichtweise von Taten Gottes und Taten der Natur zu Taten des Menschen gewandelt. Wahr ist, wie der Meteorologe Sven Titz in der NZZ erklärt, dass in der vergangenen Woche ungewöhnlich viel Regen in kürzester Zeit gefallen ist (zeitweise mehr als 200 Liter pro Quadratmeter innerhalb von 24 Stunden). Aber eine Wettersituation wie in der vergangenen Woche habe es in Mitteleuropa schon einmal gegeben, und die globale Erwärmung allein könne das ganze Ausmaß der Katastrophe nicht erklären, so Titz. Die topografische Lage des Ahrtals im Rheinischen Schiefergebirge, das einer tiefen Schlucht gleicht und in dem sich die meisten Schäden ereigneten, habe sicherlich zur Katastrophe beigetragen. Wenn überhaupt, dann kann man im Moment nur sagen, dass es ein ungünstiges Zusammenspiel von Wetterbedingungen, einem wärmeren Klima und geografischen Gegebenheiten gab.

„Es mag für einige Politiker bequem sein, weiterhin über den Klimawandel zu reden, anstatt über Infrastrukturprobleme."

Das Schlimmste ist, dass der Verweis auf die globale Erwärmung eine sehr begrenzte und regressive Antwort auf die Katastrophe nahelegt. Diejenigen, die hoffen, dass die Grünen von den Ereignissen profitieren werden, glauben, dass Verbote von Kurzstreckenflügen oder Benzinautos die Lösung sind. Das sind Maßnahmen, die von fast allen Parteien befürwortet, jedoch am deutlichsten mit den Grünen assoziiert werden. Das haben Klimaaktivisten jedoch auch schon vor der Katastrophe geglaubt, und ihr Gerede von einer Wende und einem Umdenken kann daher nur für andere gelten – und nicht für sie selbst. In Wahrheit verlangt die grüne Klimapolitik – die Stilllegung von Atomkraftwerken, der Bau von Windparks und die Subventionierung von Elektroautos – einen sehr hohen Preis. Die Erzeugung von Strom durch alternative Energiequellen kostet den Steuerzahler ca. 25 Milliarden Euro pro Jahr. Und die Ergebnisse dieser Politik für das Klima sind mehr als fragwürdig (die Abkehr von der Atomkraft hat den C02-Ausstoß erhöht). Wenn überhaupt, dann hat dieses Desaster gezeigt, dass die Deutschen gut beraten wären, diese Politik zu beenden und stattdessen in dringend notwendige Infrastrukturprojekte zu investieren.

Eines der größten Probleme der vergangenen Woche war, dass sich mehrere Talsperren und Dämme als zu schwach erwiesen hatten: In Erftstadt und Wassenberg forderten Dammbrüche mehrere Menschenleben. Und über 4.000 Menschen mussten evakuiert werden, nachdem es zu Problemen mit der Steinbachtalsperre in Nordrhein-Westfalen kam – einer Talsperre aus den 1930er Jahren, die zuletzt 1989 saniert wurde. Es mag für einige Politiker bequem sein, weiterhin über den Klimawandel zu reden, anstatt über diese Infrastrukturprobleme. Aber für die deutschen Wähler wäre es ein Fehler, sie damit davonkommen zu lassen.

Nach der Sturmflut in Hamburg kam niemand auf die Idee, den Bürgern moralische Vorwürfe zu machen und weitere Einschränkungen im Lebensstandard zu fordern. Stattdessen entschied man sich, den Hochwasserschutz massiv auszubauen. Im Laufe der nächsten Jahre und Monate wurden die Deiche erhöht und verstärkt. Der damalige Polizeisenator Helmut Schmidt (SPD), der entschlossen die Rettungsarbeiten übernahm, ging aus dem Drama als einer der Helden hervor. Sein Ruf als Krisenmanager führte dazu, dass er später sogar zum Bundeskanzler gewählt wurde. Ob Politiker mit salbungsvollen Reden über die globale Erwärmung bei der Bevölkerung ebenso viel Eindruck hinterlassen, darf bezweifelt werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Wähler dieses Desaster nicht als Blaupause für einen weiteren Schwenk in Richtung grüner Umweltpolitik sehen.