17.08.2018

Warum es kaum noch „Naturkatastrophen“ gibt

Von Thomas R. Wells

Titelbild

The U.S. National Archives (FlickrCommons)

Der Begriff Naturkatastrophe ist irreführend. Wenn extreme Naturereignisse noch heute viele Todesopfer fordern, liegt das meist an menschlichen Fehlentscheidungen.

Eine Naturkatastrophe ist eine Katastrophe, weil sie viel menschliches Leid mit sich bringt, und nicht weil das Ereignis an sich besondere Ausmaße hat oder besonders spektakulär ist. Die Zerstörung einer unbewohnten Insel durch einen Vulkan gilt nicht als Naturkatastrophe, weil sie für den Menschen nicht wirklich von Bedeutung ist. Ein Erdrutsch, egal wie groß, ist uns egal, solange sich keine Stadt am Fuße des Berges befindet. Was bringt also der Zusatz „Natur“? Wir verwenden das Wort, um die Grenzen unserer Verantwortung abzustecken. Und das gelingt uns nicht sonderlich gut.

Bei von Menschen verursachten Katastrophen wie Tschernobyl, Deep Water Horizon, Bhopal oder wie vor kurzem beim Grenfell Tower erkennen wir an, dass sie die Folgen menschlichen Versagens sind. Diese Katastrophen hätten verhindert werden können, wenn einige Menschen andere Entscheidungen getroffen hätten. Für das Leid, das durch menschengemachte Katastrophen verursacht wird, sind also einzelne Personen und Institutionen verantwortlich. Diese können für ihre Entscheidungen zur Rechenschaft gezogen werden. Man kann von ihnen verlangen, ihre Entscheidungen zu begründen, und kann sie verurteilen und bestrafen, wenn sie das nicht können.

Bei den Untersuchungen zum Brand im Grenfell Tower etwa wird mit forensischer Genauigkeit untersucht werden, wie sich eine an sich überschaubare Gefahrenlage zu einer Katastrophe mit zahlreichen Todesopfern ausweiten konnte. Es wird u.a. um die Fragen gehen, warum eine brennbare Fassadenverkleidung angebracht wurde, warum es keine Sprinkler gab und warum die Bewohner angewiesen wurden, in ihren Wohnungen zu bleiben. Einige der Entscheidungsträger werden vielleicht wegen fahrlässiger Tötung angeklagt werden. Sie werden auf jeden Fall in der Boulevardpresse angeprangert und in den Sozialen Medien Ziel von Hasskampagnen werden. Organisationen wie der örtliche Gemeinderat und die Firma, die das Gebäude verwaltete, müssen mit offiziellen Rügen, Geldstrafen und einer Umstrukturierung oder Auflösung rechnen.

„Nur sehr wenige Katastrophen können heute noch als reine Naturkatastrophen betrachtet werden.“

Bei Naturkatastrophen nimmt man hingegen an, dass diese von Naturgewalten verursacht wurden, die sich völlig der menschlichen Kontrolle entziehen. Sie gelten unabwendbar. Niemand kann für sie zur Rechenschaft gezogen werden. Aber nur sehr wenige Katastrophen können heute noch als reine Naturkatastrophen betrachtet werden. Es reicht nicht aus, dass ein Naturereignis dafür notwendig war, dass die Katastrophe eintreten konnte, also z.B. dass die Erde beben musste, damit Menschen von einstürzenden Gebäuden getötet werden konnten. Das Naturereignis muss außerdem auch ausreichend sein, um die Katastrophe zu verursachen.

Um zu verstehen, was mit einer „ausreichenden Ursache“ gemeint ist, kann es hilfreich sein, sich fiktionale aber realistische Welten neben der unseren vorzustellen. Welten, in denen die gleichen physikalischen Gesetze gelten, aber die Geschichte teilweise anders verläuft. Zum Beispiel könnte Hillary Clinton jetzt Präsidentin der USA sein. Damit ein Ereignis für das Eintreten eines anderen Ereignisses notwendig ist, darf es keine potenziellen Welten geben, in denen Ereignis B (die Katastrophe) eintritt, ohne dass Ereignis A (ein außergewöhnliches Naturereignis) stattfindet. Damit ein Ereignis eine ausreichende Ursache eines anderen Ereignisses ist, darf es keine potenziellen Welten geben, in denen Ereignis A (das Naturereignis) stattfindet, ohne dass Ereignis B (die Katastrophe) eintritt. Von einer natürlichen Unabwendbarkeit zu sprechen, ist nur dann gerechtfertigt, wenn Ereignis A niemals ohne Ereignis B auftritt, zumindest in Welten, die der unseren ähnlich genug sind. (Wir bezeichnen diese Welten als „plausibel“, um sie von theoretisch möglichen Welten abzugrenzen, die z.B. von Dinosauriern anstatt von Menschen bevölkert sind. Solche Welten interessieren uns hier nicht.)

„Die Entscheidungen einzelner Menschen bestimmen, ob ein Naturereignis zu einer Katastrophe führt.“

Betrachten wir diesen abstrakten Punkt mal im Kontext einer echten Katastrophe. Wenn das Erdbeben von Haiti im Jahr 2010 eine echte Naturkatastrophe gewesen wäre, hätte es dasselbe Ausmaß an Zerstörung und Todesopfern in jeder denkbaren Welt gegeben, in der ein Erdbeben von dieser Stärke zu dieser Zeit an diesem Ort aufgetreten wäre. Nur dann könnten wir mit Sicherheit sagen, dass die 200.000 Todesopfer die unvermeidliche Folge des Erdbebens waren.

Natürlich können wir keine alternativen Welten untersuchen, um diese Behauptung zu prüfen. Aber wir können sie mit dem abgleichen, was wir über unsere Welt wissen. Offenkundig sind Menschen von Erdbeben derselben Stärke unterschiedlich betroffen, je nachdem, wo auf der Erde sie leben. Einen Monat nach dem Erdbeben von Haiti forderte etwa ein noch stärkeres Erdbeben vor der Küste Chiles nur einige hundert Todesopfer. Es besteht also kein direkter Zusammenhang zwischen dem Auftreten eines aufsehenerregenden Naturereignisses und dem Resultat, das uns wirklich wichtig ist, nämlich dem menschlichen Leid, das es mit sich bringt. Um konkret zu sein: Menschen werden nicht von Erdbeben, sondern von einstürzenden Gebäuden getötet; und ob Gebäude Menschen erschlagen, hängt mehr mit der politischen Ordnung zusammen, unter der sie leben, als damit, wie nahe sie an einer aktiven Verwerfungslinie leben. Es war überhaupt nicht unvermeidlich, dass ein Erdbeben der Stärke 7,0, das am 12. Januar 2010 um fünf Uhr nachmittags in der Nähe von Port-au-Prince auftrat, eine derartige Verwüstung anrichtete.

Die beste Erklärung für die genannten Unterschiede liegt in der Tatsache, dass Menschen in verschiedenen Ländern bestimmte entscheidende Dinge anders machen. Dies bestimmt das Ausmaß, in dem sie von Naturereignissen betroffen sind. Mit anderen Worten: Es sind die Entscheidungen einzelner Menschen und die Institutionen und Vorschriften, die diese Entscheidungen hervorbringen, die bestimmen, ob ein Naturereignis zu einer Katastrophe führt. Schlechte Bauvorschriften, Gesetze zur Flächennutzung und mangelnde Rechtsdurchsetzung scheinen dabei von besonderer Bedeutung zu sein. Auch mangelhafte logistische Planung und Katastrophenvorsorge spielen eine wichtige Rolle. Die sehr unterschiedlichen Opferzahlen bei vergleichbaren Naturereignissen in verschiedenen Ländern verdeutlichen die Tragweite menschlicher Entscheidungen. Sie dienen als grobes Maß, mit dem sich einschätzen lässt, wie „künstlich“ eine Katastrophe tatsächlich war.

„Vorsätzliche Ignoranz ist nicht dasselbe wie Schuldlosigkeit.“

Natürlich gibt es auch „echte“ Naturkatastrophen. Ein Beispiel ist der Ausbruch des Vesuvs, der das antike Pompeji verschüttete. In keiner plausiblen Welt konnten die Römer wissen, dass so etwas passieren könnte. Also installierten sie auch keine Messstationen, übten Evakuierungspläne ein oder verlegten die Stadt an eine sicherere Stelle, um die Katastrophe zu verhindern. Solche echten Naturkatastrophen könnten immer noch eintreten, etwa der Einschlag eines Asteroiden oder ein Erdbeben an einem Ort, der bisher von Erdbeben verschont geblieben ist. Aber das sind eher unwahrscheinliche Szenarien. Heutzutage sind alle fast Katastrophen menschengemacht. Vorsätzliche Ignoranz ist nicht dasselbe wie Schuldlosigkeit.

Was ergibt sich aus dieser Tatsache? Die Erkenntnis, dass eine Katastrophe menschengemacht war, kann zur Untersuchung der Entscheidungen führen, die sie ermöglichten. Wir können die Verantwortlichen wegen grober Fahrlässigkeit zur Rechenschaft ziehen und Maßnahmen treffen, die solche Fahrlässigkeit in Zukunft unterbinden. Außerdem können wir sicherzustellen, dass zukünftig systematisch bessere Entscheidungen getroffen werden.

Diese Art von Untersuchung ist umfassender und tiefgehender, als wir es gewohnt sind. Die Regierung von Präsident Bush wurde für ihre Reaktion auf Hurrikan Katrina scharf verurteilt. Ähnlich erging es lokalen Behörden wie der Stadtverwaltung und der Polizei von New Orleans. Donald Trumps Reaktion auf die Folgen des Hurrikans Maria in Puerto Rico vermischte bürokratische Inkompetenz mit einer widerlichen Gefühlslosigkeit. Derartig offensichtliches Versagen offizieller Stellen zieht zu Recht Kritik auf sich, aber es sollte nicht unsere ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Sich auf Bushs Handhabung der Katrina-Katastrophe zu konzentrieren, mag kathartisch gewesen sein. Es lieferte eine einfache Geschichte mit einem eindeutigen Übeltäter, die dem Land half, ein schreckliches Ereignis zu verarbeiten.

„Der Beitrag des Klimawandels ist dabei vernachlässigbar.“

Allerdings lenkte der Fokus auf Bush von den wahren Ursachen der Katastrophe ab, etwa von der jahrzehntelangen Inkompetenz von Institutionen, die für Wasserbau und Stadtentwicklung zuständig sind. Solche Probleme – die weit über die konkreten Vorgänge in New Orleans hinausreichen – gilt es zu lösen, wenn wir verhindern wollen, dass Städte in den USA jedes Mal überschwemmt werden, wenn es zu einem heftigen Sturm kommt.

Solche Probleme zu beheben oder zumindest zu reduzieren, muss keine Mammutaufgabe sein, selbst wenn es sich um relativ arme Staaten handelt. Kuba behandelt Hurrikane als Angelegenheit des Zivilschutzes und hat im Vergleich zu den USA einen Bruchteil an Todesopfern zu verzeichnen. Bangladesch hat ein ausgefeiltes Warn- und Evakuierungssystem eingerichtet. Zyklone, durch die früher Hundertausende starben, fordern nun hundert Mal weniger Opfer.

Leider glauben heute viele Menschen, dass alle Katastrophen, die mit dem Wetter zusammenhängen, aufgrund des Klimawandels menschengemacht sind. Doch das ist Denkfaulheit, genau wie die verbreitete Tendenz, Trump für alles verantwortlich zu machen. Die Tatsache, dass die Berichterstattung über wetterbedingte Katastrophen zugenommen hat, hängt vor allem mit dem rasanten Bevölkerungsanstieg in den gefährdeten Gebieten zusammen. Der Beitrag des Klimawandels ist dabei vernachlässigbar. Er erhöht wahrscheinlich die statistische Häufigkeit sogenannter „Jahrhundertstürme“. Aber Houston wurde überschwemmt, weil es sich so leichtfertig ausdehnte. Die Bayous, die einst das Wasser der großen Stürme aufnahmen, wurden zugeschüttet; Häuser, die in Überschwemmungsgebieten standen, wurden nicht gegen Hochwasser gesichert. Aufgrund dieser Entscheidungen war eine Katastrophe beim nächsten großen Sturm quasi vorprogrammiert. Ähnlich ist es bei den Hungersnöten am Horn von Afrika. Sie haben weit weniger mit sich verändernden Niederschlagsmengen zu tun als mit Regierungsversagen und Kriegen in einer ohnehin überbevölkerten und unfruchtbaren Region.

„Nahezu alle Naturkatastrophen sind das Ergebnis von extremen Naturereignissen, die auf menschliche Fehlentscheidungen treffen.“

Die Tendenz, alle möglichen negativen Ereignisse dem Klimawandel zuzuschreiben, ist besorgniserregend, denn sie macht uns blind für die durchaus behebbaren Probleme, die die meisten Katastrophen tatsächlich verursachen. Den Klimawandel für jeden Hurrikan, jede Dürre oder jede Flut verantwortlich zu machen, zeugt eher von einem morbiden Fatalismus als von wissenschaftlicher Objektivität. Dieses Denken schiebt uns die Verantwortung zu, aber auf eine Weise, die uns nicht weiterbringt. Es führt uns in frühere Zeiten zurück, als Naturkatastrophen unausweichlich waren, mit dem Unterschied, dass diese heute nicht mehr als Strafe der Götter gelten, sondern als unvermeidbare Folge unseres rücksichtslosen Konsums.

Wir sollten aufhören den Begriff „Naturkatastrophe“ zu benutzen. Nahezu alle Naturkatastrophen sind in Wahrheit das Ergebnis von extremen Naturereignissen, die auf menschliche Fehlentscheidungen treffen. Wir Menschen sind in der Lage, dieses Zusammenspiel zu analysieren und die Entscheidungen zu identifizieren, die die Zerstörungskraft von Naturereignissen – etwa von Extremwetter – verstärken oder abschwächen. Wir haben sogar die moralische Pflicht, dies zu tun und in Zukunft bessere Entscheidungen zu treffen. Dabei können wir auf eine Institution zurückgreifen, die eigens geschaffen wurde, um solche, das Gemeinwohl betreffende Entscheidungsprozesse zu ermöglichen: den Staat.

Wenn ein Kühlschrank Feuer fängt und eine Katastrophe verursacht, die 80 Menschen das Leben kostet, verlangen wir nach Antworten. Wir wollen wissen, wie das passieren konnte, damit so etwas nie wieder passiert. Wir sollten das Gleiche tun, wenn die Inkompetenz offizieller Stellen dazu führt, dass unsere Städte überflutet oder von Erdbeben verwüstet werden. Wir Bürger sollten uns nicht mit oberflächlichen Maßnahmen wie Zuschüssen zur Überschwemmungsversicherung abspeisen lassen und der Politik nicht länger erlauben, nach vermeidbaren Katastrophen einfach zur Tagesordnung überzugehen.