14.09.2017

Wie Fortschritt und Wohlstand vor Extremwetter schützen

Von Kolja Zydatiss

Harvey und Irma sind kein Anlass für Moralpredigten und Weltuntergangslyrik. Wir sind Hurrikanen besser gewachsen als je zuvor.

Ende letzten Monats traf der Tropensturm „Harvey“ Mittelamerika und die US-amerikanischen Bundesstaaten Texas und Louisiana. Der Hurrikan forderte gut 70 Menschenleben und richtete über 70 Milliarden US-Dollar an Schäden an, bevor er sich am 2. September auflöste. Wenig später bildete sich der noch stärkere Hurrikan „Irma“. Er zog eine Schneise der Zerstörung durch die Karibik und wütete bis vor wenigen Tagen in Florida.

Angesichts dieses Rekordsommers (es handelt sich um das erste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, in dem gleich zwei Hurrikane der höchsten Stufen 4 und 5 das Festland der USA erreicht haben) schlugen viele Kommentatoren apokalyptische Töne an. Laut der Autorin und Umweltaktivistin Terry Tempest Williams ging es beim Thema Wetter bisher um nichts. Nun gehe es aber um unser Überleben. Der Science-Fiction-Autor John Scalzi spricht auf Twitter von „Generalproben für den Weltuntergang“. Die Schauspielerin Jennifer Lawrence fügt der Endzeitrhetorik magisches Denken hinzu. Für sie drücken die Stürme den Zorn von Mutter Natur aus, die sich für die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten rächt. Auch die Berliner Boulevardzeitung B.Z. spricht von der „Rache der Erde“.

Die meisten Kommentatoren schreiben die Hurrikane dem menschengemachten Klimawandel zu. Angesichts von Irma müsse die amerikanische Politik ihre „törichte Verleugnung“ aufgeben, so der Wissenschaftsjournalist Johann Grolle im Spiegel. Die Wirbelstürme würden die Kosten der Klimawandelleugnung verdeutlichen, schreibt der britische Guardian.

„Je höher unser Wohlstand und technologisches Entwicklungsniveau, desto besser sind wir in der Lage, Extremwetter vorherzusehen und uns davor zu schützen.“

Betrachtet man die aktuellen Ereignisse in einem größeren Zusammenhang, ergibt sich jedoch weder ein Grund für Weltuntergangsstimmung, noch ein klarer Zusammenhang zum Klimawandel. Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass in Verbindung mit dem Klima stehende Todesfälle seit Jahrzehnten dramatisch abnehmen. Die Anzahl der Toten durch Stürme, Dürren, Überflutungen, Erdrutsche, Lauffeuer und extreme Temperaturen ist laut Daten der Amerikanischen Behörde für internationale Entwicklung (OFDA) und des belgischen Zentrums für die Forschung über die Epidemiologie von Naturkatastrophen (CRED) in den letzten 90 Jahren um 95 Prozent zurückgegangen, obwohl sich im gleichen Zeitraum die Weltbevölkerung mehr als verdreifacht hat.

Je höher unser Wohlstand und technologisches Entwicklungsniveau, desto besser sind wir in der Lage, Extremwetter vorherzusehen und uns davor zu schützen. Ein gutes Beispiel ist die Satellitentechnologie. Seit den 1990ern nutzen Meteorologen die satellitengestützte Erfassung von Niederschlags-, Wind- und Hochwasserdaten, um bei Tropenstürmen die Evakuierung der Zivilbevölkerung früh und präzise planen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2007 würde die Anzahl der Hurrikan-Toten in den USA ohne diese Technologie um 66 bis 90 Prozent höher liegen.

Neben Frühwarnsystemen können fortgeschrittene Gesellschaften Infrastruktur zur schnellen Entwässerung ihrer Städte errichten. Unter der japanischen Hauptstadt Tokio befindet sich etwa das G-Cans System. Im Falle eines Taifuns leiten zehn Meter dicke Rohre die Wassermassen in fünf kathedralenartige Kavernen. Sollten sich diese füllen, können bis zu 200 Tonnen Wasser pro Sekunde in den Fluss Edogawa gepumpt werden. Wohlhabende Staaten können auch in solide Deiche und Gebäude oder in eine gute Notfallversorgung investieren. Die bessere Anpassung an die Launen der Natur zeigt sich in den Statistiken. Der Hurrikan, der im Jahr 1900 die texanische Stadt Galveston traf, tötete mindestens 6000 Menschen, der Zyklon Nargis forderte 2008 im verarmten Myanmar 138.000 Tote. Sehr starke Stürme wie Harvey oder Irma führen jedoch nur zu Todesfällen in zweistelliger Höhe, wenn sie hochentwickelte Länder wie die USA treffen.

„Sehr starke Stürme wie Harvey oder Irma führen nur zu Todesfällen in zweistelliger Höhe, wenn sie hochentwickelte Länder wie die USA treffen.“

Erhöht der Klimawandel das Risiko von Extremwetter? Das ist bei vielen Arten von Wetterereignissen umstritten. Laut dem Weltklimarat IPCC ist mit einer globalen Zunahme extremer Hitze und extremer Niederschläge zu rechnen, nicht jedoch mit mehr Orkanen, Tornados, Fluten oder Dürren. „Die aktuellen Datensätze lassen, was die globale Frequenz tropischer Zyklone angeht, für die letzten hundert Jahre keinen signifikanten Trend erkennen.“, schrieb 2013 eine Arbeitsgruppe des IPCC. Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kamen kürzlich auch Forscher der amerikanischen Wetter- und Ozeanografie-Behörde NOAA. Die Frequenz der Stürme bewege sich im Rahmen der natürlichen Variabilität. Tatsächlich hat die Anzahl der Hurrikane, die das Festland der USA erreichen, seit dem späten 19. Jahrhundert leicht abgenommen.

Heißt das, dass es keinen menschengemachten Klimawandel gibt, oder dass wir nichts unternehmen sollten, um unsere Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren? Nein. Es gibt viele gute Gründe anzunehmen, dass menschliche Aktivitäten seit der industriellen Revolution das Klima verändern. Um den CO2-Gehalt in der Atmosphäre zu begrenzen, müssen wir jedoch nicht die Bevölkerung mit apokalyptischen Szenarien berieseln, sondern „saubere“ Energiequellen (zu denen auch die Atomkraft gehört) immer günstiger machen.

Harvey und Irma eignen sich nicht für Moralpredigten über den bösen Menschen und seine Hybris. Extreme Stürme sind für wohlhabende Länder eine geringere Bedrohung als jemals zuvor. Auch der Rest der Menschheit muss nun durch Fortschritt und ökonomische Entwicklung in die Lage versetzt werden, Extremwetterereignissen zu trotzen – egal ob sie durch den Klimawandel häufiger werden oder nicht. Die Daten zeigen, dass wir in dieser Hinsicht auf einem guten Weg sind.