27.05.2013

Klimadebatte: Die grüne Fee

Von Monika Bittl

In der Broschüre des Umweltbundesamtes „Und sie erwärmt sich doch“ werden Wissenschaftler und Journalisten als „Klimawandelskeptiker“ angeprangert. Dies empört Monika Bittl: Keinesfalls sollten Behörden wissenschaftlichen Wahrheiten festlegen. Wir brauchen freie Debatten.

Dieser Beitrag handelt nicht, wie der Titel vielleicht vermuten lässt, von einer zauberhaften GrünIN, die uns Wünsche erfüllt und die ganzen bösen „Klimawandelleugner“ 1 in die Hölle verbannt. Nein, hier geht ganz profan um Wissenschaft, Amtsmissbrauch und braune Listen. Zwar wollte neulich mal ein Musikprofessor gerne ein lupenreines grünes Feenreich errichten und hat deshalb die Todesstrafe für Zweifler am menschengemachten Klimawandel gefordert 2, aber dann hat er doch wiederrufen. Auf die Österreicher ist einfach kein Verlass – umso mehr dafür auf deutsche Behörden. Die verstehen einfach viel besser, Glaube und Wissenschaft zu einem wunderbaren Zaubertrank zu mixen.

Was das Bundesumweltamt sich gerade leistet, liegt irgendwo zwischen Dreistigkeit, Rufmord und Propaganda vom Feinsten – und lässt mich wiederum wünschen, eine gute Fee möge denen mal erklären, dass der Staat nicht dazu befugt ist, eine ideologisch gefärbte Partei in einer öffentlich geführten Diskussion zu ergreifen. Für alle, die trotz zahlreicher Stimmen immer noch nicht wissen, worum es eigentlich geht: Ich spreche von der neuen Broschüre des Umweltbundesamtes „Und sie erwärmt sich doch“ 3. Die Behörde erklärt darin eine wissenschaftliche Debatte um den menschengemachten Anteil am Klimawandel für beendet. Doch damit nicht genug. Das Amt stellt einzelne Kritiker der vertretenen Theorie als „Klimawandelskeptiker“ öffentlich an den Pranger, aber nicht ganz allgemein, sondern in namentlicher Nennung, einzelne Namen, die bis vor ein paar Tagen auch noch extra gelb angemarkert 4 waren.

„Den Wahrheitsgehalt von Wissenschaft diskutieren in Demokratien kritische Kollegen, freie Geister und recherchierende Journalisten – keinesfalls legen Behörden die „Wahrheit“ und einen ‚Kenntnisstand der Wissenschaft‘ fest.“

Hinter diesen Namen stecken einzelne Menschen, die mit ihrer wissenschaftlichen oder journalistischen Reputation unter anderem ihr Geld verdienen. Ihnen Unredlichkeit zu unterstellen, beziehungsweise sie seien „gekauft von einer Lobby“, wie es die Broschüre tut, spielt mutwillig mit deren Existenzen. Dabei wurden sogar Biographien zurechtgebogen, um die Kritiker in einen entsprechend schlechten Ruf zu bringen. So wurde beispielsweise dem Wissenschaftler und Hamburger Umweltsenator a.D. Fritz Vahrenholt zugeschrieben, für Shell gearbeitet zu haben – aber nicht erwähnt, dass er sich vor allem für erneuerbare Energien einsetzte. Vahrenholt veröffentlichte letztes Jahr das Buch Die Kalte Sonne, in dem er verschiedene Klimatheorien untersucht und darlegt, wieso die jüngste Erderwärmung auch im Zusammenhang mit dem natürlichen Sonnenzyklus stehen könnte 5 Der Wissenschaftsjournalist und Filmemacher Günter Ederer steht ebenso auf der Liste (böse Zungen sprechen von einer „brauen Liste“) wie Dirk Maxeiner und Michael Miersch, was sich dann so liest: „Auch in Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen tauchen mitunter Beiträge auf, die nicht mit dem Kenntnisstand der Klimawissenschaft übereinstimmen. Bekannt für derartige Beiträge sind die Journalisten und Publizisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch.“ 6 Maxeiner (ehemals Chefredakteur „Natur“) und Miersch (Ressortleiter Wissenschaft bei „Focus“) stehen seit Jahren für eine kompetente, differenzierte und seriöse „Klimabeobachtung“. Sie schrieben mehr als ein Dutzend Bücher (u.a. Die Hippies haben gewonnen) und wurden vielfach ausgezeichnet.7

Man muss nicht extra Wissenschaftsphilosophen wie Paul Feyerabend 8 bemühen, um festzustellen, dass Forscher stets auch in einem gesellschaftlichen Kontext arbeiten und es eine absolute Wahrheit nicht gibt. Aber den Wahrheitsgehalt von Wissenschaft diskutieren in Demokratien kritische Kollegen, freie Geister und recherchierende Journalisten – keinesfalls legen Behörden die „Wahrheit“ und einen „Kenntnisstand der Wissenschaft“ fest. Dazu: Die „Abweichler“ von der eigenen, verkündeten Wahrheit auch noch namentlich mit Unterstellungen an den Pranger zu stellen, zeugt nicht nur von einem zweifelhaften Verständnis von Meinungsfreiheit. Es wirft einen Bumerang auf die Behörde selbst – für welche Lobbyinteressen ist eigentlich die Broschüre geschrieben? Warum muss auf Teufel komm raus eine unumstößliche Wahrheit verkündet werden? Cui bono?, fragt der Lateiner. Wem nützt das? Warum verstehen es bestimmte Kreise der Klimaforschung, sich selbst immer noch als die Gralshüter des Wahren und Reinen darzustellen und daraus inakzeptable und undemokratische Vorgehensweisen abzuleiten? „Im Namen des Guten“ wurden schon zahlreiche Verbrechen begangen – unsere Demokratie darf sich nicht in den moralischen Kategorien „gut“ und „böse“ wie im Märchen definieren, sondern muss sich an ganz anderen Maßstäben orientieren, darunter auch am fairen Umgang mit unbequemen anderen Meinungen.

Das Umweltbundesamt erinnert an die Geschichte der grünen Fee – um damit jetzt auch den Titel des Beitrags zu rechtfertigen. Diese Geschichte ist weniger bekannt als das Bezweifeln der Erde als Scheibe oder das Los von Ignaz Semmelweis, der die Hygiene in Krankenhäusern einführte und für den „spektakulären Unfug“ an Keime zu glauben im Irrenhaus büßte. 9 Die Geschichte der grünen Fee ist aber ein weiteres Beispiel für die Vehemenz und Aggressivität mit der eine „wissenschaftliche Wahrheit“ durchgesetzt wurde.

“‘Abweichler’ von der eigenen, verkündeten Wahrheit auch noch namentlich mit Unterstellungen an den Pranger zu stellen, zeugt von einem zweifelhaften Verständnis von Meinungsfreiheit.“

Die Short-Story geht so: Absinth, genannt „die grüne Fee“, war ein um 1900 äußerst beliebtes Getränk. Berühmte Absinth-Liebhaber waren unter anderen Vincent van Gogh, Ernest Hemingway und Edgar Allan Poe. Europäische Prohibitionsbewegungen (wie die Blaukreuzer) sahen in der „Grünen Fee“ jedoch ein Teufelszeug und bemühten zahlreiche Wissenschaftler zum Nachweis seiner „immensen Schädlichkeit“. Die damaligen Experten fanden schließlich „eindeutig“ heraus, dass Absinth wegen seines Thujon-Gehalts abhängig mache und schwerwiegende gesundheitliche Schäden nach sich ziehe: „Absinth macht kriminell, führt zu Wahnsinn, Epilepsie und Tuberkulose und ist verantwortlich für den Tod tausender Franzosen. Aus dem Mann macht Absinth ein wildes Biest, aus Frauen Märtyrerinnen und aus Kindern Debile, er ruiniert und zerstört Familien und bedroht die Zukunft dieses Landes“ 10, hieß es. Kritische Gegenstimmen wurden teilweise sogar mit Haft verfolgt, bis die grüne Fee in fast ganz Europa verboten wurde. Erst Anfang dieses Jahrhunderts haben neue Studien den Verdacht der Schädigung durch Absinthkonsum jedoch widerlegt. Die damals festgestellten gesundheitlichen Schäden der „überwältigenden Mehrheit der Wissenschaftler“ werden heute auf einzelne Pantscher und deren schlechte Qualität des Alkohols zurückgeführt. Der Feldzug gegen das Getränk war ideologisch geführt worden und Wissenschaftler hatten sich dem damaligen „Mainstream“ gebeugt. Nach und nach wurde Absinth jetzt wieder in Europa erlaubt, er überlebte heimlich 100 Jahre Verbot.

Den Wissenschaftlern damals kann man noch zugutehalten, nicht Qualitätsstandards wie heute entwickelt zu haben. Den Menschen damals kann man zugutehalten, dass Aufklärung und Glaube noch viel vermischter im Bewusstsein verankert waren. Auch von perfiden Methoden späterer Diktaturen konnten die „Blaukreuzer“ noch nichts wissen. Das Umweltbundesamt müsste jedoch wissen, dass unsere Demokratie kein Feen-Märchenland ist, sondern sich in der steten Bewahrung und Sicherung der grundsätzlichen Spielregeln und Werte No-Gos ergeben. Dazu gehört vor allem Kritik an der eigenen Meinung nicht in eine Eiserne Jungfrau zu packen oder auf braunen Listen anzuprangern. Oder haben die Autoren der Broschüre bloß zu viel der wieder erlaubten grünen Fee getrunken? Schön wär’s, das ist wohl bloß ein Wunschtraum aus dem Feenreich der Autorin, die aber Wunschdenken und Wahrheit zu unterscheiden weiß und sehr allergisch auf Zaubertrankmischungen reagiert.