03.09.2012

Die Kunst der Kontroverse

Analyse von Brendan O’Neill

Die Kontroverse ist heute gesellschaftliche Normalzustand, kontrovers sein ein Zeichen von Konformismus. Was sagt das über unsere Zeit? Und wie kann man dann eigentlich noch wirklich kontrovers sein, fragt Brendan O’Neill, Chefredakteur des britischen Novo-Partnermagazins Spiked

Der Begriff der Kontroverse enthält manche Widersprüche. Auf der einen Seite ist heutzutage alles kontrovers. Wir leben in einer Zeit der ständigen Kontroverse, der permanenten Tabu-Zerschlagung. In Popmusik, Film, Kunst, politischem Aktivismus, PR, Werbung – überall gibt es mehr als genug Kontroversen. Jeder will heute kontrovers sein. Es ist in Mode, kontrovers zu sein. Obwohl das natürlich eigentlich ein Widerspruch in sich ist, denn es ist nicht länger kontrovers, kontrovers zu sein. Auf der anderen Seite gibt es aber immer noch gewisse Dinge, die man nicht sagen oder denken darf, ohne gleich einen Sturm der Entrüstung zu provozieren. Neben dem Hintergrundrauschen der ständigen Kontroverse breitet sich bei bestimmten Themen ein sehr intolerantes Klima, eine Kultur des „Das darf man nicht sagen“, aus.

Schaut man sich etwa an, wie heutzutage Leute, die Aspekte der Öko- und Nachhaltigkeitsideologie in Frage stellen, gleich als „Klimawandel-Leugner“ abstempelt werden oder wie Zigarettenrauch aus alten Cartoons wegretuschiert wird, ist ziemlich klar, dass mancher Zeitvertreib kontrovers bleibt, dass einige Dinge auch heute noch als indiskutabel, gefährlich, unerwünscht, sprich als wirklich kontrovers angesehen werden.

Wie erklären wir dieses widersprüchliche Nebeneinander der ständigen Kontroverse auf der einen und einer Kultur der Zensur auf der anderen Seite? Und wie können Menschen im Dienst der Aufklärung und der Belebung der öffentlichen Debatte aus diesen Widersprüchen ausbrechen, um Kontroversen über Themen anzuzetteln, die es wirklich verdienen, hinterfragt, rücksichtslos angezweifelt oder auf eine ganze neue Art verhandelt zu werden?

Permanente Kontroverse als gesellschaftlicher Normalzustand

Zunächst zur heutigen Kultur der ständigen Kontroverse. Ich finde es bemerkenswert, wie einfach es heutzutage ist, sich eine „kontroverse“ Einstellung zuzulegen. Die moderne, westliche Gesellschaft kommt einem oft ein bisschen so vor wie ein überdimensioniertes Beneton-Werbeplakt. Einige werden sich noch erinnern, wie die Bekleidungsfirma Beneton in den frühen 1990er Jahren mit einer tabubrechenden Werbekampagne darüber hinwegtäuschen wollte, wie unfassbar langweilig ihre Kleidung eigentlich war.

Beneton zeigte in seinen Anzeigen ein blutüberströmtes, neugeborenes Babys in Nahaufnahme, einen Aidskranken auf dem Sterbebett oder Teufel und Engel, die sich über Religion – vor allem die katholischen Kirche – lustig machen. Diese Anzeigen lösten einen vorhersehbaren Empörungssturm aus. Insbesondere konservative Kommentatoren trieben sie zur Weißglut. Sie provozierten heftige Gegenwehr und, natürlich, eine gesellschaftliche Kontroverse.

Heute macht es jeder so wie damals Beneton. Massenhaft werden oberflächlich kontrovers anmutende Bilder und Gedanken in den öffentlichen Raum projiziert. Dinge, die noch vor 20 Jahren als ungewöhnlich und schockierend galten, lösen heute beim Publikum nur noch ein müdes Gähnen aus.

Wo früher Beneton noch massive Probleme dafür bekam, einen sterbenden Aidskranken zu zeigen, muss man heute einfach nur die BBC einschalten, um einem Menschen in einer Schweizer Dignatas-Klinik tatsächlich beim Sterben zuzusehen. In den letzten Jahren gab es verschiedene TV-Dokumentationen in Großbritannien, die den Akt des Todes nicht einfach nur zeigten, sondern ihn sogar in einem gewissen Maß aufgewertet haben, indem Tötung auf Verlangen als vorbildlicher Akt individueller Autonomieauslebung präsentiert wurde.

Während Beneton noch wegen seiner Werbeplakate mit blutverschmierten Neugeborenen angegriffen wurde, kann man heute seinen Fernseher gar nicht mehr anschalten, ohne nicht gleich massenhaft neugeborene Babys präsentiert zu bekommen. Zur besten Sendezeit gibt es mit Sicherheit immer irgendwo ein Baby zu sehen, das gerade das Licht der Welt erblickt. Und wenn einem das langsam langweilig wird, gibt es noch die vielen TV-Shows, die kranke oder entstellte Menschenkörper zeigen. Sendungen wie „Embarrassing Bodies“ und „Embarrassing Illnesses“, die es in ähnlicher Form auch in Deutschland gibt, zeigen Menschen, die sich öffentlich ausziehen und allen ihre kranken Genitalien oder deformierten Brüste zeigen. Was mich dabei immer zum Lachen bringt, sind die ewig gleichen Aussagen der sich präsentierenden Personen: „Ich schämte mich, dieses Problem mit meinem Arzt zu besprechen“ – stattdessen zeigen sie es also zwei Millionen Menschen im Privatfernsehen. In unserer Zeit der ständigen Kontroverse existieren die alten Hemmungen nicht mehr.

Wo Beneton mit seinen spöttischen Anzeigen über Religion - und dabei vor allem über die katholische Kirche - noch echte Kontroversen auslösen konnte, ist es heute in Mode Religionen zu verspotten und sich über den Papst oder andere religiöse Führer lustig zu machen. Dank Autoren wie Richard Dawkins und der sogenannten Bewegung der Neuen Atheisten ist es heute völliger Mainstream, gegen Gott, die Kirche und die angeblich so dummen und infantilen religiösen Menschen zu sein. In der Tat erscheint es heute sogar als kluger Karriereschritt – man kann als Schriftsteller ein Vermögen machen, wenn man einfach sagt, dass Religion etwas für Arschlöcher sei. So wurde die Blasphemie ihrer moralischen Kraft zu schockieren und somit wichtige Debatte anzuregen beraubt. Sie gehört heute zum guten Ton gehobener Gesellschaftskreise und ist für manche zu einem einträglichen Geschäftsmodell geworden.

Inwieweit die Kontroverse heute zum Mainstream geworden ist, sehen wir vielleicht am deutlichsten in der Populärkultur. Sängerinnen wie Lady Gaga und Rihanna tragen Kleidung und sagen Dinge, die noch vor 20 Jahren Empörung hervorgerufen hätten, jetzt aber als ganz normal angesehen werden. Heutzutage schauen 10-jährige Mädchen Musikvideos, in denen Lady Gaga nichts als ein bisschen strategisch platziertes Gaffer-Tape trägt und Lieder über Nutten oder Schwulensex singt.

Vielleicht werde ich ja langsam alt, aber ich bin schon besorgt, wenn ich meine sieben Jahre alte Nichte Lieder von Rihanna singen höre, in denen es heißt: „Ich liebe es, wenn du auf mir kommst“. Ich bin mir nicht sicher, ob Siebenjährige so was singen sollten. Ich bin mir nicht sicher, ob die Kultur der Kontroverse von Kindern, oder eigentlich so ziemlich jedem, auf die Weise konsumiert werden sollte, wie wir es aktuell erleben.

Das Kontroverse ist heute also überall. Es ist die Kulisse, vor der das Leben in der modernen Gesellschaft stattfindet. Kontroverssein ist das neue Normalsein. Gleichzeitig ist es aber trotzdem immer noch möglich, im wahrsten Sinne des Wortes kontrovers zu sein, also Dinge zu tun, die nicht so leicht als normal akzeptiert werden, die tatsächlich schockieren. Und oft sind es dabei eher kleine, alltäglichen Dinge, die Menschen dazu veranlassen entsetzt nach Luft zu schnappen, jemandem an den Internetpranger zu stellen oder auf andere Art und Weise mit dem Finger auf ihn zu zeigen.

Moderne Häretiker

Auf dem Feld der Gesundheit gibt es etwa immer noch einige Dinge, die heute als wirklich kontrovers gelten. Junk-Food essen ist eins von ihnen, Kinder mit Junk-Food füttern ein anderes. In einer Zeit, in der alle Nichtraucher und nüchtern sein, Obst essen und Fahrrad fahren sollen, ist „ungesund“ leben kontrovers. Deshalb gibt es Paparazzi-Fotos von Britney Spears, wie sie Käsechips isst und daneben Kommentare wie: „Problem-Pop-Prinzessin wurde dabei gesehen, wie sie sich mit Käsechips vollstopfte…“ In unserem Zeitalter der Gesundheitsobession sind Käsechips das neue Kokain.

Oder betrachten wir den Fall der aus der Castingshow X-Factor bekannten britischen Sängerin Stacey Solomon. Vor ein paar Monaten wurde sie dabei gesehen, wie sie im siebten Monat schwanger eine Zigarette rauchte. Der Empörungssturm deswegen war riesig und hysterisch. So ziemlich die gesamte Presselandschaft stürzte sich auf sie. Schließlich musste sie in einem TV-Interview – in dem sie weinend zusammenbrach – die Nation um Vergebung bieten. Sie war eine Häretikerin des 21. Jahrhunderts.

Popstars können sich heute also ausziehen, sich um Kruzifixe winden und andere Sänger mit Ketten peitschen wie Wiedergänger des Marquis de Sades und niemand zuckt auch nur mit der Wimper. Aber wenn einer von ihnen nur eine Zigarette raucht, wird er auf das moderne Äquivalent des mittelalterlichen Prangers gezerrt – die Talk-Show-Couch – und mit metaphorischen faulen Tomaten beworfen. Das alles erinnert mich an einen alten Sketch der britischen Komikerin Victoria Wood. In dem Sketch ging es um zwei Menschen, die Sex in einem vollbesetzen Zugabteil haben. Allen anderen im Abteil war es während des Akts zu peinlich etwas dagegen zu sagen. Als sich die Beiden dann aber nach dem Sex eine Zigarette anzündeten, sagten sofort alle Anderen: „Hier ist Rauchen verboten!“ Im Grunde ist es im heutigen Großbritannien genauso. Nur dass es jetzt kein Witz mehr ist. Man kann Sex in der Öffentlichkeit haben, oder zumindest nahezu, aber man sollte niemals rauchen.

Heute sind es oft gerade traditionelle Ideen und Werte, die die meisten Kontroversen provozieren. Komischerweise sind dabei die kontroversesten Figuren diejenigen, die in der Vergangenheit noch als konservativer Mainstream galten: Priester, spießige Politiker, rechte Intellektuelle und so weiter.

Kürzlich löste der Erzbischof von York, John Sentamu, einen Sturm der Empörung aus, weil er sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe aussprach. Nun könnte man meinen, diese ablehnende Haltung sei für einen Kirchenführer nichts Ungewöhnliches. Schließlich ist die Kirche von England ein großer Fan der traditionellen Ehe und kein so ein großer Fan von Homosexualität, also wird sie wohl die Vorstellung von Homosexuellen, die heiraten, nicht besonders toll finden. Trotzdem wurde Sentamu für die Artikulation seiner traditionellen religiösen Ansichten einem Wust von Online-Beleidigungen und Beschimpfungen ausgesetzt, ganz so, als ob er sich eines Aktes unsäglicher Häresie schuldig gemacht hätte. Ein Online-Kommentator sprach für viele, indem er Sentamus Ansichten über die Homo-Ehe als „Aushängeschild eines zutiefst frauenfeindlichen, sexuell repressiven, extrem heuchlerischen, globalen Totenkults“ bezeichnete.

Oder betrachten wir die aktuelle Kontroverse hier in Deutschland über das Recht von Mitgliedern religiöser Glaubensgemeinschaften, ihre Söhne beschneiden zu lassen. Ein Gericht hat geurteilt, dass die Beschneidung mit Körperverletzung gleichzusetzen sei und daher nicht mehr angewendet werden sollte. Dies hat bekanntermaßen eine große öffentliche Debatte provoziert. Dabei wurden diejenigen, die sich für das Recht der jüdischen und muslimischen Gemeinden zur Durchführung der Beschneidung aussprachen, häufig als verrückt und weltfremd dargestellt. Ich selbst schrieb einen Blogbeitrag für den britischen Telegraph, in dem ich das Verbot der Beschneidung als einen Angriff auf die Religionsfreiheit ablehnte. Daraufhin wurde ich mit Kommentaren und E-Mails bombardiert, in denen man mich beschuldigte, „Genitalverstümmelung“ und „sexuelle Verstümmelung“ zu verteidigen, gerade so als ob das Beschneidungsritual so etwas wie eine verrückte Ausprägung gewalttätiger Pädophile sei. Heutzutage können sogar seit vielen tausend Jahren existierende Rituale quasi über Nacht, auf ziemlich unerklärliche Weise, plötzlich sehr kontrovers werden. Attacken auf die Religion werden mehr und mehr zum ganz normalen gesellschaftlichen Mainstream, während – sehr ironisch – das Eintreten für Religionsfreiheit als eine Art unerhörter Häresie gegen die allgemein akzeptierte, anständige und ach so liberale Art und Weise unseres Denkens und Zusammenlebens behandelt wird.

Untergegangene Werte und neuer Konformismus

Wir erleben aktuell einen Zustand, indem die Einnahme einer kontroversen Pose – das Spielen des mutigen Rebellen oder Querdenkers – fast schon von einem erwartetet und mehr und mehr ein Zeichen von Konformität wird. Auf der anderen Seite wird die Verteidigung von Traditionen oder die Durchführung uralter Rituale, aber auch einfach die Wahl eines ungesunden Lebensstils als empörend, anstößig und kontrovers angesehen. Diejenigen, die die Kontroverse zum Normalzustand gemacht haben, sind die neuen Konformisten, während Traditionalisten, religiöse Menschen oder solche, die einfach dick sind oder ungesund leben wollen, als gesellschaftliche Abweichler behandelt werden.

Hier zeigt sich etwas sehr interessantes: Die heutigen Kontroverseprofis haben sehr wenig mit den Rebellen oder Querdenkern vergangener Tage gemeinsam, weil sie eben nicht tapfer gegen den Strom schwimmen, sondern im Gegenteil mit dem Strom schwimmen. Sie reagieren ganz einfach nur – und zwar mit größter Freude – auf die schon lange zu beobachtende Orientierungslosigkeit und den Zusammenbruch traditioneller Werte in den westlichen Gesellschaften. Ihr Treibstoff ist der Relativismus und die Verwirrung der modernen Gesellschaft. Es ist deren Unfähigkeit, traditionelle Moralvorstellungen aufrecht zu erhalten, eine Sexualmoral zu definieren oder zu verteidigen, zu sagen, dass es eine gute und richtige Art und Weise gibt, mit anderen Menschen zu sprechen und interagieren, die den Aufstieg der Armee tätowierter, halbnackter, Gaga-liebender selbsternannter Rebellen begünstigt hat.

Diese Kontroverseprofis begreifen die sichtbaren Anzeichen von gesellschaftlichem Verfall als Einladung, sich gegenüber jeglichen Autoritäten ablehnend, anti-traditionalistisch und auf eine sehr flache Weise hasserfüllt zu zeigen. Dabei merken diese „Rebellen“ nicht, dass sie geradezu unterwürfig konformistisch gegenüber dem Zeitgeist der modernen Gesellschaft sind, wonach es keinerlei allgemeingültige Standards mehr gibt und daher alles erlaubt sei, wenigstens auf den Gebieten der Kultur, Identität und Sprache – trag, was du willst, sei, wer du sein willst, sprich wie du willst, niemand wird dich beurteilen.

Man konnte diese Transformation der Kontroverse in den neuen Konformismus gut beobachten, als der Papst vor ein paar Jahren Großbritannien besuchte. Die Gegendemonstranten behandelten ihn als Abweichler, weil er es wagte, ihre neuen ach so rebellische Lehre herauszufordern. Ein Kommentator meinte, das Problem mit Leuten wie dem Papst sei, dass sie nicht merkten nur „in den Wind spuckten“, wenn sie sich gegen den „Tsunami der modernen Toleranz stellen, der die morschen Strukturen von Familie, Patriarchat, Aberglauben und sexueller Prüderie hinfort spült“.

In anderen Worten, jeder, der sich für die Familie oder traditionelle Werte einsetzt, ist ein Häretiker im Angesicht der willkommenen Korrosion und des Zerfalls dieser Institutionen. Die heutigen Kontroverseprofis reißen nicht kühn die Fundamente einer alten Gesellschaft nieder, während sie sich gleichzeitig überlegen, wie sie eine neue, bessere, Art von Gesellschaft bauen können. Sie beobachten lediglich, wie eine Gesellschaft ihre Orientierung verliert und lachen sich darüber kaputt.

Echte Kontroversen

Wie kann man also diesen Zustand durchbrechen? Wie spricht man die wirklich interessanten und wegweisende Ideen an, ohne gleich in den Strudel scheinheiliger Pseudo-Kontroversen gesaugt zu werden und ohne gleichzeitige Parteinahme für die andere Seite, den verwirrten traditionalistischen Flügel der Gesellschaft? Ich würde sagen: indem man immer wieder rücksichtslos und aufrichtig alles in Frage stellt. Indem man Ideen ernstnimmt. Durch eine tiefe und nachdenkliche Kritik der heutigen Welt und nicht indem man ihr den Stinkefinger oder den Vogel zeigt.

Die Kontroverse sollte nicht als Ziel der eigenen Auseinandersetzung mit der Welt gesehen werden, sondern als ein mögliches Nebenprodukt der Auseinandersetzung mit ihr und der eigenen fragenden und kritischen Haltung. Es gibt kaum etwas, das irritierender ist als Menschen, die nur des Kontroversseins wegen kontrovers sind. Das ist der Lady-Gaga-Ansatz. Man kann sich sie und ihr Team von Beratern vorstellen, wie sie gemeinsam in einem Raum sitzen und fragen: „Was ist der beste Weg, um Kontroversen zu provozieren? Ich habs – ein ausschließlich aus Fleisch bestehendes Kleid zu tragen!“

Es gibt zwei Probleme mit solch einer Haltung. Erstens werden die eigenen Ideen wahrscheinlich durch das Hintergrundrauschen der permanenten Kontroversen immer mehr verwässert. Sie werden im Geschrei all derjenigen Schriftsteller, Künstler und Aktivisten verloren gehen, die versuchen, sich im Noch-kontroverser-sein-Müssen gegenseitig ausstechen wollen. Der Wettbewerb im Spiel, Kontroversen zu verursachen, ist hart, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass man verliert. Und zweitens gibt es das Problem des abnehmenden Ertrags. Wenn man tausend Artikel liest, die die katholische Kirche als einen Pädophilen-Zirkel beschreiben, verliert es seine Schlagkraft. Dann ist es tatsächlich sogar schockierend, einen Artikel zu lesen, der sagt, in der katholischen Kirche sei nicht alles schlecht. Wenn jede Person, die an einem vorbeiläuft, ein Tattoo hat, hebt sich die Wirkung von Tätowierungen auf. Dann schockieren Menschen, die keine Tattoos haben. Sie werden bewundert, weil sie dem sozialen Druck standhielten, sich mit Tinte brandmarken zu lassen. Und so weiter und so weiter – je mehr Menschen sich wissentlich kontrovers verhalten, desto weniger Schockfaktoren gibt es noch.

Aber wenn das Kontroverse ein Nebenprodukt von dem ist, was man denkt und sagt und wirklich glaubt, wenn es aus Überzeugung und Leidenschaft heraus entsteht, dann gut, mehr davon! Der Schlüssel zur Belebung und Aufklärung der öffentlichen Debatte ist es, alles zu hinterfragen – auch, und ganz besonders, die neue Rechtgläubigkeit des Kontroversseins und die gleichzeitige Stigmatisierung von jedem, der es wagt, kritische Fragen an die Öko- und Nachhaltigkeitsideologie, den Gesundheitswahn, den antireligiösem Illiberalismus unserer Zeit oder an halbnackte Frauen, die Kindern Lieder über Sex vorsingen, zu richten. Man sollte nichts für selbstverständlich nehmen und alles kritisch hinterfragen. Nur so können wir die öffentliche Debatte vielleicht aus ihrer Erstarrung zwischen pseudo-rebellischem Gehabe auf der einen und konservativer Panik auf der anderen Seite befreien. Das zu tun, ist kontrovers. Ernstzunehmende Fragen an alle Orthodoxien zu richten, sowohl an die alten als auch an die neuen, wäre kontrovers. Sogar richtig kontrovers. Nicht kontrovers im Sinne von Lady Gaga, sondern im Sinne von Stacey Solomon.