01.08.2012

Der Sozialismus ist tot. Weiter geht’s!

Analyse von Brendan O’Neill

Wir sollten dem Untergang der sozialistischen Idee nicht nachtrauern. Was diese Idee einst so kraftvoll und zukunftsweisend machte, haben die heutigen Sozialisten ganz einfach vergessen

Aus der Warte von jemandem, der sich selbst als Sozialist bezeichnet, möchte ich erklären, wieso der Sozialismus heute tot ist. Ich sage das aus der Überzeugung heraus, dass es sich beim Sozialismus um eine außergewöhnlich wichtige und positive Entwicklung in der Geschichte gehandelt hat. Aber wir müssen nüchtern der Tatsache ins Auge blicken, dass er nicht mehr existiert, dass er tief unter der Erde begraben ist und niemals wieder auferstehen wird.

Der Sozialismus starb aus einer Reihe von Gründen. Vor allem waren es seine eigenen Anhänger, die seine Grundprinzipien und seinen Geist aufgaben. Der Sozialismus beging Selbstmord.

Betrachtet man die großen Errungenschaften und Erkenntnisse, die wir dem Sozialismus zu verdanken haben, stellt man schnell fest, dass keine von ihnen heute noch ernstgenommen wird. Und vor allem nicht in den politischen Parteien, die sich selbst noch als sozialistisch bezeichnen. Mehr als viele andere haben sie die grundlegenden Einsichten des Sozialismus über Bord geworfen. Ich möchte hier vor allem auf drei Entwicklungen hinweisen:

Erstens betonten frühere Sozialisten immer wieder, dass die bedeutenden Menschheitsprobleme sozialer Natur seien. Probleme wie Hunger oder Arbeitslosigkeit sind soziale Probleme, die durch die Art, wie Gesellschaft organisiert ist, verursacht werden. Deshalb können sie auch gesellschaftlich gelöst werden. Das war die grundlegende bahnbrechende Überzeugung, der Leute, die sich Sozialisten nannten.

Das war ein immenser Durchbruch, denn mit dieser Vorstellung widersprachen die Sozialisten den seinerzeit geltenden sozialen Theorien, die solche Probleme als naturgegeben oder durch menschliche Schwächen verursacht einordneten.

Vor dem Aufstieg des Sozialismus behaupteten Pfarrer, Politiker und Professoren, Hunger werde durch natürliche Grenzen der Natur verursacht, die es einfach nicht zuließen, genug Nahrung für alle Menschen zu produzieren. Es sei einfach nicht genug für alle da! Oder man führte Gier oder Faulheit ins Feld. Einige Reiche seien so sehr damit beschäftigt, sich die besten Stücke vom Braten zu schnappen, dass sie gar nicht merken, wenn andere Leute dabei leer ausgingen.

Doch dann kam der Sozialismus und sagte: „Nein. Die Probleme der Menschheit sind nicht naturgegeben, sie sind auch kein Produkt menschlicher Unmoral. Sie sind sozialer Natur. Also lasst sie uns beheben!”

Dieser Anspruch wurde inzwischen vollständig aufgegeben – und zwar vor allem von jenen, die sich heute selbst als Sozialisten bezeichnen. Mit dem Aufstieg des grünen Denkens und der Idee, dass die böse Menschheit Mutter Natur alle Ressourcen raube, erleben wir die Rückkehr naturalistischer Deutungsmuster zur Erklärung wichtiger sozialer Probleme. Und mit dem Banker-Bashing im Zuge der Finanzkrise - den Angriffen auf die Champagner-süffelnden Typen in Nadelstreifenanzügen - sehen wir die Renaissance des kleingeistigen moralistischen Vorurteils, dass menschliche Habgier an den Problemen der Menschheit schuld sei.

Die sozialistische Überzeugung, unsere Probleme seien sozial und nicht natürlich oder moralisch bedingt äußert heute keiner mehr.

Zweitens stand der Sozialismus historisch betrachtet immer für die Vorstellung, der Mensch sei Subjekt seiner eigenen Geschichte. Die Menschen könnten ihr eigenes Schicksal bestimmen und zwar ohne Anleitung durch einen König, Gott oder Staat. Der Sozialismus glaubte an die menschliche Fähigkeit, Verhältnisse zu schaffen, in denen unser Potential aufblühen kann.

Aber in den letzten Jahrzehnten hat sich unter Sozialisten eine blinde Anbetung des Staats ausgebreitet. Sozialisten, und daneben so ziemlich jeder andere auch, haben den Glauben an das Potential der Menschen, ihr eigenes Schicksal zu gestalten, verloren und meinen, der Staat habe die Menschen vor allen erdenklichen Gefahren zu schützen, sie vor Armut zu bewahren und die Gesellschaft fairer und aufgeklärter zu machen.

Aktuelle Debatten über den Wohlfahrtsstaat zeigen das eindringlich. Moderne Sozialisten scheinen ernsthaft zu glauben, dass normale Menschen ohne staatliche Unterstützung überhaupt nicht lebensfähig seien. Hier in Großbritannien scheint man sich nicht einmal vorstellen zu können, dass junge Erwachsene unter 25 Jahren in der Lage sind, aus eigener Kraft ihre Miete zu zahlen – also ohne Wohngeld zu überleben – ganz zu schweigen davon, sie könnten selbst in ihrem eigen Leben klarkommen und möglicherweise sogar die Gesellschaft, in der sie leben, zum besseren verwandeln.

Heute wird der Staat als einzige Akteur von Veränderungen betrachtet. So wird das in jedem einzelnen Gesellschaftsmitglied angelegte menschliche Potential in eine Zwangsjacke gesteckt, statt sich frei entfalten zu können

Und drittens glaubte der klassische Sozialist, durch die Entwicklung einer Welt des Überflusses – also die Produktion von mehr Dingen und mehr Komfort - die Menschheit von Not und Verzweiflung befreien zu können. Die große britische Sozialistin Sylvia Pankhurst sagte: „Sozialismus bedeutet, dass mehr als genug für alle da ist. Wir predigen kein Evangelium der Not und Knappheit, sondern eines des Überflusses.”

Auch dieser Glaube ist tot. Man würde nie einen modernen Linken hören, der mehr Wachstum, mehr Produktion und mehr Konsumgüter fordert. Tatsächlich steht die Linke jetzt mehr als jede andere politische Strömung – mit Ausnahme der Grünen – der Idee des Überflusses feindlich gegenüber. Linke Aktivsten stöhnen über böse Supermärkte, den Wunsch normaler Menschen, reich sein zu wollen, und die aus technologischem Fortschritt angeblich unumkehrbar verursachte Umweltverschmutzung, und so weiter.

Was sich heute als Sozialismus ausgibt, fordert keinen Reichtum mehr für alle. Da sich die heutigen „Sozialisten“ vom Ideal des Überflusses verabschiedet haben, verurteilen sie implizit die Menschen dazu, weiter unter Mangel leiden zu müssen.

Der Sozialismus war großartig. Er war kühn, radikal und erstrebenswert. Aber er ist es nicht mehr. Heute sind unsere Gesellschaften, und vor allem die Leute, die sich selbst Sozialisten nennen, gegenüber den Idealen der Freiheit und des wirtschaftlichen Überflusses feindlich eingestellt.

Die schlechteste Lehre, die wir aus diesem historischen Scheitern des Sozialismus ziehen können, wäre nostalgisch zu werden und uns die Kleidung längst gestorbener Sozialisten überzustülpen. Sie sind tot und ihre Ideologie ist tot. Was wir tun können, ist aber ihrer rigoros fragenden Haltung gegenüber dem gesellschaftlichen Status quo nachzueifern - zu schauen, was heute den Fortschritt der Menschheit behindert und dann überlegen, wie wir diese Herausforderung annehmen und überwinden können.