13.07.2017

Kleines Denken im Minimal-TV

Analyse von Christoph Lövenich

Titelbild

Foto: Markus Spiske / raumrot.com via Pexels / CC0

Fernsehsendungen predigen Konsumverzicht und Beschränkung auf das Lebensnotwendigste. Aber „Zurück in die Vergangenheit“ ist keine Zukunftsvision.

„Weniger ist mehr“ lautet die Botschaft vieler TV-Sendungen und Dokumentationen. „Nacktes Überleben – Wie wenig ist genug?“ fragt Sat.1 im Titel einer aktuellen Sendung, bei der Haushalte ihre ganze Habe für einen Zeitraum abgeben müssen und nur nach und nach Gegenstände aus einem Container holen dürfen. Inspiration war ein filmischer finnischer Selbstversuch namens „My Stuff.“

Bei den ARD-Anstalten werden Sendungen wie „Mein Leben als Selbstversorger“, „Unser Traum vom einfachen Leben“, „Gutes Leben – ohne Konsum?“ oder „Mit wie wenig kann ich leben“ ausgestrahlt. Vom „Maßlosen“ zum „Wesentlichen“. Katharina und Kolja aus Berlin hausen mitsamt Kind in einem „tiny house“ auf 25 Quadratmetern Wohnfläche. Schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch, um wenig arbeiten zu müssen, und wollen gärtnerisch Lebensmittel für den Eigenbedarf anbauen, sind davon aber leicht überfordert. Flo und Alina leben mit ihren zwei Töchtern gleich in einer Jurte (Erklärung für westlich-zivilisierte Menschen: einem Mongolenzelt) und leiden im Garten unter Krautfäule, weil sie natürlich keine Pestizide einsetzen. „Beide Familien haben sich auf das Nötigste beschränkt“, bilanziert der Off-Kommentar, „auf Dinge verzichtet und Lebenszeit gewonnen.“

Letzteres ist eher fraglich. Verzicht und Selbstversorgung erweisen sich nämlich als zeitintensiv. So muss Britta Matthes aus Bad Berleburg im Wittgensteiner Land die Erwerbsarbeit ganz ihrem Gatten überlassen, weil es auf ihrem abgelegenen Hof mangels Stromanschluss und fließendem Wasser so viel zu tun gibt. Das Leben der Familie erlaubt einen Blick in die Illusion der „autarken“ Energieversorgung: Mit ihrem Windrad und Solarzellen kommen sie nicht weit, durch den Griff zum wenig umweltfreundlichen Generator können sie wenigstens ab und zu mal waschen und den Laptop aufladen.

„Flüchtlinge erfahren, dass hierzulande Menschen mit einem Komfort wie in Krisenregionen leben.“

Aber geht es nicht noch minimalistischer? „Die Tiere waschen sich auch nicht“, lautet das Credo eines großteils im Wald lebenden Zausels namens Öff-Öff, bürgerlich Jürgen Wagner, katholischer Theologe mit Vorliebe für rohe Disteln und einer sparsamen Website. Die Alimente für eines seiner Kinder wollte er mal in Form von Insekten und Fallobst bezahlen. Da ist die oben erwähnte Familie Junker-Matthes pragmatischer, isst konventioneller. Ein Schaf wird sogar für den höheren Zweck geschlachtet: „Du stirbst jetzt für das interkulturelle Fest“, flüsterte ihm der Herr des Hauses vor dem einschneidenden Erlebnis zu. Ein Fest mit syrischen Flüchtlingen, die auf diesem Wege erfahren dürfen, dass hierzulande Menschen mit einem Komfort wie in Krisenregionen leben.

Mitgewirkt hat die Familie auch in der Sendung „Steinzeit – Das Experiment – Leben wie vor 5000 Jahren“ der ARD. Sat.1 mit seinem geflopptem „Newtopia“ war da nicht viel zukunftsfreudiger: Ein isoliertes Gelände mit ein paar Nutztieren und Anbauflächen lässt nicht gerade auf eine nach vorne gerichtet Utopie hoffen. Nun preisen gewiss nicht alle genannten Sendungen Minimalismus oder Rückschritt an. Viele Zuschauer wissen danach wahrscheinlich die Segnungen der modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft besser zu schätzen. Aber es fällt auf, dass der Blick sich eher in die Vergangenheit als nach vorne richtet.

Eine Frage des Zeitgeistes, in dem Konsum zunehmend verpönt ist. Die neueste Ausgabe der 3sat-Sendung „scobel“ kündigte einen „Ausweg aus dem ständigen Mehr“ und den „Ausstieg aus dem Konsumkarussell“ an: „Nachhaltigkeit ist der einzige Weg aus den Konsumfallen des Alltags, nachdenken statt nachkaufen“. Die der Talkrunde vorausgegangene Doku, „Müll-Meister Deutschland“, hielt sich in genereller Konsumkritik noch einigermaßen zurück, zog dafür aber gegen Plastiktüten zu Felde. Ein Vertreter der Deutschen Umwelthilfe durfte eine entsprechende Strafsteuer nach dem Vorbild mehrerer EU-Staaten fordern, und in aller Ausführlichkeit wurde das Beispiel Ruanda beleuchtet. Das ostafrikanische Land verbietet seit Jahren Plastikfolien und -tüten unter Androhung hoher Strafen, so dass sich sogar ein Schwarzmarkt gebildet hat.

„Durch den Morgenthau-Plan des 21. Jahrhunderts würde es in Deutschland wieder rückständig zugehen.“

Das „Sinnbild der Wegwerfgesellschaft“ soll nicht nur nach dem Willen der Doku-Macher auch in Europa verschwinden. Denn: „Plastiktüten stehen für die Leichtigkeit, mit der Menschen Güter konsumieren und mit nach Hause nehmen können“, schreibt Tom Bailey bei Novo. „Durch die Befreiung der Welt von diesen ‚sündigen‘ Taschen soll sich der Konsum, so wie wir ihn kennen und genießen, für immer verändern. Bevor wir das Haus verlassen, sollen wir künftig in uns gehen und fragen, ob es tatsächlich noch nötig ist, etwas einzukaufen oder besser nicht. […] Der eigentliche Luxus des heutigen Konsums – nämlich ihn einfach und spontan auch aus einer Laune heraus tätigen zu können – soll erschwert werden. In den Augen einer Handvoll elitärer grünen Aktivisten wäre dies vielleicht eine gute Sache – aber für den Rest von uns eher nicht.“

Zu dieser Handvoll gehört auf jeden Fall Gert Scobel, der davor warnt, „Ressourcen in einer unverantwortlichen Weise zu verbrauchen“. Welcher Konsum ist für ihn unverantwortlich? „Alkoholwerbung ist bescheuert. Rauchen ist im Grunde genommen auch dumm. Zuviel Fleisch zu essen hat massive Schäden [sic!]. Dauernd herumzufliegen auch.“ Nur Autofahren darf noch erlaubt sein, schließlich will der graumelierte Fernsehprediger von seinem Landsitz zur Arbeit nach Mainz fahren. In Einspielern kommen u.a. der Architekt Van Bo Le-Mentzel („Konstruieren statt konsumieren“) und Schrumpfökonom Niko Paech zu Wort. Paech möchte mittels einer „Wachstumsgrenze“ die Industriegesellschaft überwinden und die Menschen zwingen, die Hälfte ihrer Arbeitszeit für subsistenzwirtschaftliche Tätigkeiten zu verwenden. Durch diesen Morgenthau-Plan des 21. Jahrhunderts würde es in Deutschland wieder so rückständig zugehen wie vor vielen Generationen oder in Entwicklungsländern (s.o. Ruanda).

Scobels Talkgäste werden meist danach ausgesucht, dass sie auf der Linie Scobels (der Person bzw. der Redaktion) liegen. In allem gehen sie aber nicht immer mit. Philosophieprofessor Ludger Heibrink etwa wies das Narrativ des von Industrie und Handel verführten und manipulierten Verbrauchers als völlig überzogen zurück und musste sich daraufhin vom Berufsgutmenschen Scobel zurechtweisen lassen, dass sie in dessen Gedankenwelt sehr wohl „Opfer von massivem Lobbyismus“ seien und nicht etwa aus eigenem Antrieb konsumieren. Dass Menschen einfach noch nicht „aufgeklärt“ genug seien, um im Verzicht das wahre Glück zu erkennen, nahm Heidbrink wiederum nicht unwidersprochen hin. „So dumm sind die Menschen nicht. […] Der Verzicht ist für die meisten einfach unangenehm.“ Aber Heidbrink wäre nicht Gast in dieser Scobel-Sendung, wenn ihm als Programm für die Zukunft etwas Besseres einfiele als „den Gürtel enger schnallen“. Denn bei mangelnder „Bereitschaft, eigene Lebensmuster mithilfe [staatlicher Maßnahmen, etwa Nudging] zu ändern“, gelte: „In 80 Jahren ist die Erde tot, gewissermaßen.“

„Unter den Selbstversorgern und Minimalisten findet man überwiegend Verwöhnte, Saturierte und sogenannte ‚höher Gebildete‘.“

Das Weltuntergangsdenken und die bisher nicht eingelösten Ankündigung zu Ende gehender Ressourcen prägen den Diskurs über menschliches Verhalten aus Öko-Sicht. Apostel der Askese versuchen, Wohlstand, Wachstum, Konsum und die Überwindung des Mangels in ein moralisch schlechtes Licht zu rücken. Meinungsbildende gesellschaftliche Milieus haben diese Dogmen inzwischen übernommen. Unter den Selbstversorgern und Minimalisten findet man nicht umsonst überwiegend Verwöhnte, Saturierte und sogenannte „höher Gebildete“. Aufstiegsorientierte und finanziell Schwache haben zumeist ganz andere materielle Ambitionen. „Ich war mein ganzes Erwachsenenleben Minimalist“, lautete ein You-Tube-Kommentar zu einem einschlägigen Dokumentarfilm, „eigentlich bin ich arm, aber Minimalist klingt besser.“ Bei der Frage, von welchen Gegenständen sie sich trennen wollen, warfen einige der SAT.1-Probanden ein: „Wir haben uns das alles hart erarbeitet und zusammengespart.“ Vermutlich durch anstrengendere Arbeit als sich in ein Fernsehstudio zu setzen und wie von der Kanzel alle möglichen paternalistischen Verbote zu verlangen.

Es geht nicht darum, den Minimalismus zu verteufeln. Minimalismus kann z.B. bedeuten, sich von Staubfänger-Gegenständen zu trennen und sich auf die eigentlich bevorzugten Genüsse zu konzentrieren. Auch experimentelle Lebensentwürfe, die – wie in einer der Dokus – auf eine Art mehrjährigen Campingurlaub hinauslaufen, können für Interessierte durchaus einen Reiz entwickeln. Wo aber gegen selbstbestimmten Konsum agitiert wird, wo statt einer Verbesserung der Lebensumstände der Rückwärtsgang einlegt werden soll, am liebsten noch mittels gesetzlicher Einschränkungen, sollte die Gesellschaft wachsamer sein. „Wollen wir“, fragt Gert Scobel, „wirklich Optionen und Potenz immer weiter vermehren?“ Jawohl, mein Herr. Aber wir möchten auch verzichten. Nämlich auf gewisse Predigersendungen.