03.02.2016

Da hört der Spaß auf

Kommentar von Christoph Lövenich

Die anstehenden Brauchtumsfeiern werden von aktuellen Ängsten, etwa hinsichtlich der Flüchtlinge, überschattet. Außerdem nehmen Einschränkungen beim Feiern zu. Gegen Verkrampfungen und Gängelei bei Karneval, Fastnacht und Fasching.

Morgen geht das närrische Treiben wieder in die heiße Phase, ob nun Karneval, Fasching, Fastnacht, Fastelovend oder wie auch immer genannt. Ausgelassen feiern und dabei den Alltag mal hinter sich lassen, wird in dieser Session zur Herausforderung. Denn aktuelle Themen überschatten die „tollen Tage“. Die Kölner Polizei, zuletzt im Ansehen nicht gerade gestiegen, empfahl kürzlich den Jecken, keine Kostüme mit Bewaffnung zu wählen. So könnten der Colt des Cowboys, der Säbel des Piraten oder Darth Vaders Laserschwert „Menschen sehr verunsichern”. 1 Offenbar denkt man in diesem Zusammenhang an Flüchtlinge, unter denen man lauter zartbesaitete Seelchen vermutet.

In Rheinberg am Niederrhein wurde ein Karnevalsumzug sogar ganz abgesagt. Die Asylbewerberunterkunft in der Nähe des Zugwegs soll dabei zwar nur in Sachen möglicher Zuschauerzahl eine Rolle gespielt haben, aber dennoch ließ sich ein leitender städtischer Mitarbeiter mit dem Hinweis zitieren, die Flüchtlinge könnten sich „möglicherweise ‚falsch‘ verhalten“. 2 In diesem Denken sind Flüchtlinge auf einmal pauschal unfähig, Bräuche angemessen zu beobachten und an Feiern teilzunehmen. Da enthält man sie ihnen lieber vor, wie schon 2014 in einer Bonner Flüchtlingsunterkunft, die aus irriger Rücksichtnahme keinen Weihnachtsbaum aufstellen ließ – dabei zeigen die Erfahrungen aus dem letzten Dezember, dass gerade Flüchtlingskinder sich gerne am Baumschmücken und ähnlichen Aktivitäten beteiligen.

„Bedenkenträger, die mit diffusen Ängsten anderen den Spaß verderben, sollten sich nicht durchsetzen können“

Flüchtlinge sollten nicht einfach in eine Schublade gesteckt werden, ob nun als arme Opfer oder gefährliche Täter. Und schon gar nicht sollten Bedenkenträger sich durchsetzen können, die mit diffusen Ängsten anderen den Spaß verderben. Vielleicht sollte man auch berücksichtigen, dass der erste in der Menschheitsgeschichte dokumentierte karnevalsähnliche Brauch in Mesopotamien gepflegt wurde, einem Gebiet, zu dem auch Teile des heutigen Syrien gehören.

Zu den weiteren apokalyptischen Reitern der diesjährigen Session gehören für die Kölner Polizei islamistische Terroristen, kleinkriminelle Nordafrikaner (in diesen Kreisen mit dem Spitznamen „Nafris“ versehen) sowie Rocker, die Frauen vor Übergriffen schützen wollen. Es sei also zumindest empfohlen, sich nicht wie ein Angehöriger dieser drei Gruppen zu verkleiden.

Andere versuchen, den Karneval für ihre eigene Agenda zu missbrauchen. So forderte kürzlich eine regionale Pferdeschutz-Initiative aus dem Raum Bonn ein Pferdeverbot für den Rosenmontagszug. Angeblich sei es Tierquälerei, wenn die Rosse dem Stress von Menschenmengen ausgesetzt seien. Dabei bestehen ohnehin schon hohe Auflagen, und Probleme sind in diesem Zusammenhang bisher nie aufgetreten. 3 Vom Stress, den die menschlichen Organisatoren solcher Großereignisse erleben, war natürlich keine Rede.

„Das Feiern wird immer mehr nach obrigkeitlichen Wunschvorstellungen kanalisiert“

Apropos Auflagen: In der Jeckenmetropole Köln existieren seit Jahren an den tollen Tagen sogenannte „Verbotszonen“ 4. Dort gilt das Prinzip „Mehr Spaß ohne Glas“: Gläser und Glasflaschen sind innerhalb bestimmter Straßenzüge verboten, aus Plastik und Pappe müssen die Behälter stattdessen sein, Kontrollen finden statt. „Scherben bringen Glück“, weiß zwar der Volksmund, doch bei der Stadtverwaltung und den Abfallwirtschaftsbetrieben reduziert man lieber die Müllmenge und aufgeschlitzte Reifen von Einsatzfahrzeugen. An den allermeisten anderen Orten scheint dies nicht notwendig zu sein oder man nimmt die Spuren des Feierns – die sich dank eifriger Pfandflaschensammler ohnehin in Grenzen halten – einfach hin.

Einschränkungen für Karnevalisten ergeben sich ohnehin genug, so nicht zuletzt das totale Rauchverbot in der nordrhein-westfälischen Gastronomie (seit 2013), wo zuvor ein partielles Verbot bestand, das außerdem nicht für Brauchtumsfeiern galt. Mit besonderem Eifer wird vielerorts auch der „Jugendschutz“ betrieben, der darin besteht, bei jungen Leuten Tabakwaren und Schnaps zu konfiszieren. So wird das Feiern immer mehr nach obrigkeitlichen Wunschvorstellungen kanalisiert und die Tradition verlassen, dass sich die Herrschenden an Karneval einmal zurücknehmen. Im Mittelalter war zu diesem speziellen Anlass sogar oftmals die Gotteslästerung ausnahmsweise erlaubt; ob sich das in diesem Jahr auf den närrischen Mottowagen widerspiegeln wird – womöglich gar in Sachen Islam –, wird man sehen müssen.

Zumindest findet in Braunschweig dieses Jahr ein Karnevalszug statt, der 2015 wegen einer Terrordrohung abgesagt worden war. 5 Offizielles Motto: „Jetzt erst recht!“. Genau so sollte man den versammelten Spaßbremsen unterschiedlichen Kalibers entgegentreten.