06.07.2015

Politische Korrektheit: Sprachpolizei ersetzt traditionelle Werte

Von Brendan O’Neill

Sie begleitet jede öffentliche Debatte. Politische Korrektheit verdankt ihren Erfolg allerdings nicht nur „linken“ Sprachpolizisten. Vielmehr möchte sie die Leere füllen, die durch den Zerfall traditioneller Werte entstanden ist, meint Brendan O’Neill

In meinem Lieblingsbeispiel für politische Korrektheit spielt die amerikanische Marine die Hauptrolle. Im Oktober 2001, kurz nachdem die USA in Afghanistan einmarschiert waren, bereitete Marine-Personal einige Raketen zum Abschuss auf Al-Qaida und die Taliban vor. Einer der Marinesoldaten verlieh seiner Wut über die Anschläge am 11.September Ausdruck, indem er einige Worte auf die Rakete schrieb. In Anspielung auf die Flugzeugentführung notierte er also folgende Botschaft auf seiner Rakete: „Entführt das, ihr Schwuchteln“.

Er hatte wohl kaum erwartet, dass er beim Militär, das gerade recht viel zu tun hatte, eine gewaltige Kontroverse auslösen würde. Als die höheren Ränge der Marine von der Sache Wind bekamen, reagierten sie empört. Sie betonten ihre „offizielle Missbilligung“ der homophoben Botschaft. Mitglieder der Marine wurden angehalten, ihre „spontanen Darbietungen der Schreibkunst sorgfältiger zu überdenken“. Es wurden inoffizielle Richtlinien zur Regulierung der Beschriftung von Geschossen nach dem 11. September herausgegeben. Botschaften wie „Ich liebe New York“ waren erlaubt, Wörter wie „Schwuchtel“ jedoch nicht.

Das ist aus zwei Gründen mein Lieblingsbeispiel. Erstens, weil es die wahnwitzige Sprachbesessenheit politisch korrekter Menschen auf den Punkt bringt. Die Marine sagt damit praktisch aus, dass es in Ordnung geht, Menschen zu töten, aber nicht, sie zu beleidigen. Es geht in Ordnung, Städte zu bombardieren, aber nur, solange nichts „Unangemessenes“ auf den Bomben steht. Gott bewahre, dass das letzte Wort, was ein Talibankämpfer in seinem Leben sieht, bevor ihm der Kopf weggeblasen wird,  ihn an die Existenz von Homosexualität erinnert.

„Die Marine hat kein Problem damit, Menschen zu töten. Nur beleidigen will sie sie nicht“

Dieses Beispiel zeigt, wie politische Korrektheit die Moral verzerrt: Die kurzsichtige Fokussierung auf Sprachverordnungen und die sprachliche Darstellung einer Sache ordnet alle anderen Angelegenheiten, selbst wenn es um Leben oder Tod geht, der Sprache unter.

Zweitens verdeutlicht das angeführte Beispiel eine häufig übersehene Wahrheit über politische Korrektheit. Sie stammt nicht von kleinen Gruppen von Kulturmarxisten oder unzufriedener Linksliberaler. Sie lässt sich nicht einfach nur auf den Aktivismus und die Agitation von Teilen jener einflussreichen, aber nicht durch demokratische Wahlen legitimierten plappernden Klassen in Medien und Zivilgesellschaft zurückführen, die vulgäre Sprache genauso verabscheut wie in ihren Augen intolerante Ideen. Falls dem so wäre, wie sollte man dann die Vorgehensweise der US-Marine erklären? Warum sollte eine der mächtigsten und am besten bewaffneten Institutionen der Welt dem Druck postmoderner Feministen oder von taz-Lesern nachgeben?

Nein, die Ursachen der politischen Korrektheit greifen tiefer, als deren Kritiker gerne zugeben. Ihr Erfolg beruht auf dem Niedergang und Verfall traditioneller Formen von Autorität und Moral. Die Idee der politischen Korrektheit ernährt sich parasitär von dem, was wir vielleicht als die Krise konservativen Denkens bezeichnen können. Ich würde sogar argumentieren, dass sich die Macht der politischen Korrektheit direkt proportional zur Schwäche alter, einst als selbstverständlich geltender Formen der Moral verhält.

Es ist verlockend und zu einfach, politische Korrektheit als Unterdrückung durch eine kleine Gruppe illiberaler Linksliberaler darzustellen, als bewusstes Projekt einer Mittelschichtselite, die von der Gesellschaft abgesondert und mit dem Kopf in den Wolken lebt und die die Welt nach ihrem Ebenbild umformen möchte.

Tatsächlich scheinen zwei auffallende Aspekte der politischen Korrektheit für eine Verschwörung übellauniger, misanthropischer Feministen und Grüner zu sprechen. Erstens erlebte die politische Korrektheit ihren Aufstieg, als konservative Regierungen eine relativ große Wählerschaft hatten. In Amerika und England zum Beispiel kam PC in den 1980er-Jahren richtig in Fahrt, als Reagan und Thatcher an der Macht waren. Also gaben viele Wähler ihre Stimme konservativen Regierungen, während gleichzeitig politische Korrektheit an Popularität gewann – das bestärkt die Vorstellung, eine linksorientierte kulturelle Elite weit entfernt vom Treiben der Masse hätte sich eines Tages hingesetzt und sich neue Regeln für die Regulierung des alltäglichen Lebens und des Sprachgebrauchs ausgedacht.

Zweitens wird die politische Korrektheit vor allem von den Medien und von Teilen der akademischen Welt vorangetrieben, also von recht exklusiven, volksfernen Institutionen, die mehr als genügend übliche Verdächtige beherbergen.

„Politische Korrektheit füllt ein Vakuum, das der Verlust traditioneller Werte hinterlassen hat“

Betrachtet man die politische Korrektheit jedoch nur auf diese Art – als eine neue Form der Zehn Gebote, die von winzigen Eliten durchgesetzt wurden –, so übersieht man den Grundstein, auf dem die politische Korrektheit errichtet wurde. Diesen bildet nämlich die Unfähigkeit traditioneller Moralisten, sich selbst, ihre Lebensweise und ihre Moral zu rechtfertigen. Es ist diese Unfähigkeit, die Ende des 20. Jahrhunderts ein moralisches Vakuum schuf, das durch instinktive und reflexartige neue Formen der moralischen Kontrolle und Zensur gefüllt wurde.

Wenn ein traditionelles Wertesystem, das so lange die Gesellschaft beherrscht hat, in einer tiefen Krise steckt, werden bis dahin normale und nicht hinterfragte Verhaltensweisen in Frage gestellt. Von der Sprache, über zwischenmenschliche Beziehungen, sogar bis hin zu Kinderliedern – nichts kann mehr als selbstverständlich gelten, wenn der alte Blickwinkel verloren geht. Alle Selbstverständlichkeiten der letzten 200 Jahre sind im Zerfall begriffen. Politische Korrektheit ist in Wirklichkeit das Gerüst, das hastig errichtet wurde, um die Ruine der alten Moral zu ersetzen. Sie bedeutet die allmähliche Übernahme durch eine neue Art von modernen Moralisten. Das Endergebnis ist ohne Frage von Unterdrückung und Zensur geprägt. Es steht der individuellen Unabhängigkeit sowie der Meinungsfreiheit feindlich gegenüber.

Um zu verstehen, wie politische Korrektheit mit dem Untergang alter Traditionen zusammenhängt, hilft ein Blick auf das Beispiel der britischen Pfadfinderinnen. 100 Jahre lang waren die Pfadfinderinnen im Vereinigten Königreich und in Australien eine sehr unkomplizierte Vereinigung: Sie war darauf ausgerichtet, Mädchen mit Stolz für das Empire zu erfüllen. Die Pfadfinderinnen hatten einen sehr einfachen Kodex: Man legte einen Schwur über seine Loyalität gegenüber Gott, Königin und Vaterland ab.

Vor etwa 15 Jahren gaben sich die Pfadfinderinnen plötzlich eine neue Verfassung. Aus einer Seite wurden etwa 20. Es gab keine altmodische „Verpflichtung gegenüber Gott“ mehr – stattdessen versprachen die Mädchen jeweils, „meinen Gott zu lieben“. Damit wurde die Tatsache anerkannt, dass es in unseren relativistischen Zeiten, in denen sowohl Wahrheit als auch Christentum nicht mehr als makellose Werte gelten, viele Götter gibt. Die beschworene Loyalität gegenüber der Königin wurde durch einen Ausdruck von Sympathie für die Königin ersetzt – „weil es bestimmt nicht einfach ist, überall wo man hingeht, fotografiert zu werden!“

„Motor der politischen Korrektheit ist der moralische Verfall traditioneller Bereiche der Gesellschaft“

Man beachte, dass niemand das Pfadfinderinnen-Hauptquartier gestürmt und deren Topfrauen mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen hat, ihre Werte neu zu definieren. Die Pfadfinderinnen machten das aus eigener Initiative. Sie erkannten instinktiv die Tatsache an, dass die drei Institutionen, auf denen sie basieren – Gott, Königin und Nation – keine vollkommene Autorität mehr besitzen. Jedes dieser drei riesigen politischen Gebilde des modernen britischen Bürgertums – Kirche, Monarchie und Nationalismus – leidet seit drei Jahrzehnten an einer schweren Legitimitätskrise. Die Umstellung der Pfadfinderinnen auf eine „modernere“ Präsentation ihrer Organisation und die Überarbeitung ihrer Mission verdeutlicht sehr schön, was der Motor der politischen Korrektheit ist: Kein Angriff von außen durch die „PC-Lobby“, sondern der interne moralische Verfall traditioneller Bereiche der Gesellschaft.

Die politische Korrektheit ist somit kein einfacher Fall einer Bastille-Erstürmung durch „Kulturmarxisten“; vielmehr ist die Bastille von selbst eingestürzt, und jetzt haben wir einige recht opportunistische, instinktiv autoritäre Elemente in der Gesellschaft, die versuchen, in den Ruinen ein neues moralisches System zu errichten.

Darum ist politische Korrektheit so hysterisch und intolerant, so eifrig, alles zu regulieren; von der Art und Weise, wie ein Professor mit seinen Studenten kommuniziert, über die Frage, ob Lehrer ihre Schüler anfassen dürfen, bis hin zu der Frage, ob man Negerkuss oder Mohrenkopf sagen darf – nicht weil die Ideologie der politischen Korrektheit so stark ist, sondern weil sie so schwach und isoliert ist. Sie hat im Gegensatz zu den traditionelleren Formen der Moral keine echten Wurzeln in der Gesellschaft oder in der Geschichte. Sie erhält weder öffentliche Unterstützung noch gesellschaftliche Legitimation. Der Ausdruck „Aus dem Ruder gelaufene politische Korrektheit“ belegt die Abneigung eines großen Teils der Gesellschaft für die neuen Redens- und Verhaltensregeln. Es sind die leere Oberflächlichkeit und die parasitäre Natur der politischen Korrektheit, die sie zum unersättlichen Einmischen treibt.

In einer Zeit, in der Richtig und Falsch, Gut und Böse nicht klar definiert sind, herrscht eine Art moralisches Chaos vor. Es steht nicht mehr fest, wer respektabel ist und wer nicht. Das weckt einen Hunger, ein Verlangen in den neuen Eliten, ihre Macht auf vormals normale Verhaltensweisen, die, wenn überhaupt, nur wenig Intervention bedurften, auszuweiten. Selbst Kinderlieder werden neu geschrieben. In England änderte ein Kinderbuch den alten Klassiker „What shall we do with the drunken sailor?“. Der „betrunkene Seemann“ wurde zum „mürrischen Piraten“. Im alten Lied hieß es: „Steckt ihn in den Sack und prügelt ihn besinnungslos“. Im neuen: „Kitzelt ihn, bis er lachen muss.“

„Was für eine verrückte Gesellschaft muss Kinderlieder umschreiben?“

Wir mögen uns über solche Sachen lustig machen. Aber was für eine verrückte Gesellschaft muss alberne Lieder umschreiben, die seit Generationen existieren und wahrscheinlich nie dazu geführt haben, dass ein betrunkener Seemann in einen Sack gesteckt und besinnungslos geprügelt wurde? Das erinnert an das Wahrheitsministerium in Orwells 1984, nur dass das Ministerium nicht einmal politische Dokumente oder historische Thesen an die herrschende Ideologie anpasst, sondern ein Kinderlied, das in Sandkästen und auf Spielplätzen gesungen wird. So etwas macht nur eine Gesellschaft, die ihre moralische Haftung vollkommen verloren hat und ohne Anker, von Gewissheiten, akzeptiertem und natürlichem Verhalten entfremdet vor sich hin treibt. Jeden Aspekt des menschlichen Zusammenlebens muss sie kontrollieren.

Ein selbstbewusstes moralisches System könnte Abweichler besser tolerieren. Ein unsicheres, willkürliches System wie die politische Korrektheit kann keine Verstöße tolerieren, weil es ständig ums eigene Überleben fürchten muss.

Allzu oft stellen sich die Kritiker der politischen Korrektheit heutzutage als Opfer dar. Viele rechts-orientierte Denker behaupten, eine Verschwörung von PC-Verrückten würde unser Leben ruinieren. Das bewahrt solche Denker praktischerweise davor, den Verlust der eigenen Traditionen und Moral erklären zu müssen. Wo sind die hin? Es ist viel einfacher zu behaupten, die Gesellschaft sei eine Geisel gemüsefressender, sprachbesessener Irrer, als dem Niedergang einer Lebensweise, die für einen Großteil der Moderne existierte, ins Gesicht zu blicken und zu versuchen, ihn zu erklären. Tatsächlich hat der Begriff „politische Korrektheit“ nur eine geringe reale Grundlage – er ist die Erfindung von Konservativen, die in ihrer Erklärungsnot gegenüber jüngsten historischen Entwicklungen lieber über eine „linke“ Verschwörung fantasieren, die rücksichtslos ihre überlegene Lebensweise zerstört.

Natürlich hätte der Zerfall traditioneller Moral nichts Schlechtes sein müssen. Sie reagierte auf jene, die mit ihrer Lebensweise oder sexueller Orientierung experimentieren wollten, mit Zensur und Unterdrückung. Das Problem ist, dass die alte, oft spießige Moral nicht erfolgreich durch eine fortschrittlichere, humanistische moralische Perspektive ersetzt wurde. Stattdessen verdorrte und zerbrach die alte Moral unter der Last von Krisen und hinterließ ein moralisches Vakuum, das durch jene Menschen gefüllt wurde, die in der post-traditionellen Welt Einfluss besitzen: Die immer lauter werdende plappernde Klasse. .

Aber es bringt nichts, sich als Opfer einer scheinbar allmächtigen „PC-Polizei“ zu stilisieren. Nein, wenn Sie das Gefühl haben, als Häretiker behandelt zu werden, weil Sie in unserer politisch korrekten Welt die „falschen Sachen“ sagen, dann sollten sie anfangen, sich wie ein anständiger Häretiker zu benehmen: Vertrauen Sie auf Ihre Überzeugungen. Sagen Sie, was sie denken, ungeachtet der Konsequenzen.