26.03.2012

Junk Science vs. Junk Food

Analyse von Rob Lyons

Nach dem Tabak- und dem Alkoholkonsum gerät das Fleischessen immer mehr ins Fadenkreuz der „Wir mögen’s nicht, also gehört es verboten“-Lobby. Gegen eine auf Junk-Science gestützte Freiheitsfeindlichkeit verteidigt der Autor das Recht eines Jeden, sich seinen kleinen Lastern hinzugeben

Fleischessen verursacht Krebs. Diese Aussage ist so oft wiederholt worden, dass man dumm sein müsste, sie nicht zu glauben, oder? Immer wieder bestätigen Forschungsberichte diesen scheinbaren Gemeinplatz. Erst vor vierzehn Tagen erregte eine im Fachblatt Archives of International Medicine veröffentliche Harvard-Studie auch in deutschen Medien große Aufmerksamkeit. [1] Bereits einige Wochen früher wurde im British Journal of Cancer ein Forschungsbericht veröffentlicht, der in die gleiche Richtung zielte. Die Verfasser vom schwedischen Karolinska-Institut haben elf Studien aus den Jahren 1993 bis 2011 zusammengetragen, die das Risiko bewerteten, vom Essen roten und „verarbeiteten“ Fleisches Bauchspeicheldrüsenkrebs zu bekommen. Aus dieser Meta-Analyse schlossen die Autoren, dass rotes Fleisch das Risiko für Männer (nicht jedoch für Frauen), an Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken, um jeweils 19 Prozent pro 50 Gramm verarbeiteter Fleischprodukte erhöhe.

In vielen Medien wurde nach Veröffentlichung dieser Studie – wie später auch wieder bei der Harvard-Studie – die schlichte Behauptung verbreitet, dass verarbeitetes Fleisch Krebs verursache. Doch diese Behauptungen sind mehr als fragwürdig.

Erstens stellt sich die Frage, ob der behauptete Zusammenhang tatsächlich besteht. Epidemiologische Studien wie die der schwedischen Forscher werden typischerweise ermitteln, was die Probanden im Laufe eines Tages oder einer Woche gegessen haben. Hierbei finden Fragebögen oder Essenstagebücher Verwendung. Schließlich wird einige Jahre später überprüft, welcher Teilnehmer mittlerweile an der jeweiligen Krankheit verstorben ist.

Haben sich die Befragten genau daran erinnert, was sie gegessen haben? Und haben sie sich präzise vor Augen geführt, welche Mengen sie zu sich nahmen? Normalerweise wiegt man die Nahrung auf seinem Teller nicht ab, also könnten die Mengenangaben ebenfalls ungenau gewesen sein. Was haben die Teilnehmer sonst noch gegessen? Haben sie in den Folgemonaten und -jahren ihre Ernährungsgewohnheiten geändert? Und was zum Teufel ist überhaupt „verarbeitetes“ Fleisch? Sofern man nicht seine Tiere selbst schlachtet, wird man Fleisch essen, das in irgendeinem Maße „verarbeitet“ worden ist. Und an welchem Punkt wird das Fleisch bei der Verarbeitung zu „verarbeitetem Fleisch“?

Die wenig feinen Werkzeuge der Epidemiologie können die Ergebnisse solcher Studien stark verfälschen, so dass die Aussagekraft über geringe Risikoerhöhungen (19 Prozent im vorliegenden Fall) mit Vorsicht zu genießen sind. Selbst die Autoren der Studie meinen: „Alle Studien kontrollierten Lebensalter und Rauchverhalten, allerdings berücksichtigten nur wenige andere mögliche Störfaktoren wie den Body Mass Index und eine Diabetes-Vorgeschichte“.

Zweitens: Selbst wenn sich der Zusammenhang nicht schlicht und einfach nur aus dem Studiendesign ergeben haben sollte, ist keineswegs klar, ob wir aus einer Korrelation gleich auf einen Kausalzusammenhang schließen können. Bestenfalls kann man davon ausgehen, dass die Leute, die gerne verarbeitetes Fleisch essen, ein geringfügig höheres Risiko haben, an Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken, als die Leute, die überhaupt kein Fleisch essen. Man muss kein Wissenschaftsgenie oder Professor der Epidemiologie sein, um zu wissen, dass Vegetarier im Durchschnitt einen ganz anderen Lebensstil haben als Leute, die sich mit Burgern und Kebab vollstopfen.

Drittens: Selbst wenn es den besagten Studien irgendwie gelungen sein sollte, ein Höchstmaß an Genauigkeit zu erzielen, und sie dabei ein echtes Risiko ermittelt hätten, bleibt die Frage, ob eine solche Risikosteigerung auch nur die geringste praktische Bedeutung im wahren Leben hätte. Laut der britischen Krebsgesellschaft gelten in Großbritannien folgende statistische Werte für Bauchspeicheldrüsenkrebs: Die alters-standardisierte Rate beträgt 9,3 Fälle pro 100.000 Personen und Jahr, was grob einer Person von 10.000 entspricht. Demzufolge hätten selbst Leute, die wirklich scharf auf verarbeitetes Fleisch sind, und davon 150 Gramm am Tag essen, nur ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko – was etwa fünfzehn Fällen auf 100.000 entspräche. Oder, um es in Wahrscheinlichkeiten auszudrücken: Statt einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 10.000, an Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken, bestünde für diese Döner-und-Hamburger-Freunde eben eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 6.667.

Um es also zusammenzufassen: Der Zusammenhang zwischen dem Genuss von verarbeitetem Fleisch und Bauchspeicheldrüsenkrebs ist dermaßen schwach, dass es sich genauso gut um eine Fata Morgana handeln könnte. Das erhöhte Risiko muss auch gar nicht vom verarbeiteten Fleisch selbst ausgehen. Und selbst wenn das so wäre, ist das Risiko auch dann noch dermaßen gering, dass es sich nicht lohnt, sich darüber Sorgen zu machen. Und doch rät man uns, weniger rotes und verarbeitetes Fleischs zu essen. Das Leben ist ehrlich gesagt zu kurz, um sich derart wohlschmeckende Nahrungsmittel entgehen zu lassen – nur wegen der minimalen Möglichkeit, im Alter ein paar Jährchen zu verlieren.

Trotzdem werden wir weiter mit Belehrungen überschüttet. Ein besonders unappetitliches Beispiel hierfür findet sich in der linksliberalen Sonntagszeitung Observer. Als Anwärterin für den Preis der Illiberalen der Woche erklärte Kolumnistin Barbara Ellen, dass die Verbotspolitik der Regierung gegenüber Rauchern und Trinkern nun auch auf Fleischesser ausgeweitet werden sollte. Nachdem der Präzedenzfall, Menschen mit dem Zeigefinger belehren zu dürfen, wenn sie (legale) Dinge tun, die von Besserwissern missbilligt werden, einmal in der Welt ist, kann Ellen logisch konsequent auch die unter Kuratel stellen wollen, die Würstchen, Speck und Pasteten mögen.


Hier ihre Argumentation:

  1. Menschen, die (wie Raucher und Trinker) vorsätzlich Dinge tun, die schlecht für sie sind, obwohl man sie x-mal angewiesen hat, das zu unterlassen, sind zu belehren, zu beschränken und sogar ihrer Grundrechte zu berauben.
  2. Das Essen von Fleisch, speziell von verarbeitetem Fleisch, erhöht das Krebsrisiko und ist schädlich.
  3. Deshalb sollten Menschen, die Fleisch essen, jetzt belehrt, eingeschränkt, und sogar ihrer Grundrechte beraubt werden.

Eine schockierende, aber völlig logische Argumentation, wenn man die kleinlich-autoritäre Geisteshaltung akzeptiert, die einst unter New Labour zu gedeihen begann und jetzt auch unter der Liberal-Konservativen Koalition weitergeführt wird (und darüber hinaus sogar weltweit). Angesichts des Tons von Ellens Beitrag möchte man hoffen, dass sie zum Abschluss schriebe: „Natürlich ist es Blödsinn, den Leuten vorschreiben zu wollen, kein Fleisch zu essen, genau so dumm, wie ihnen zu sagen, sie sollten keinen Alkohol trinken und nicht rauchen, oder ihnen zu sagen, sie sollten nicht dick sein. Aus so etwas sollte sich die Regierung heraushalten.“ Doch bedauerlicherweise will Ellen den Fleischessern wirklich an den Kragen.

Und zu den vermeintlichen Risiken des Fleischessens erklärt sie: „Diese Informationen sind in den letzten Jahren regelmäßig immer wieder in allen möglichen populären Medien präsentiert worden. Tatsächlich hätte man in unserer Ära der Informationsüberflutung schon im Koma liegen müssen, um nicht mitzubekommen, dass ‚Hamburger und Döner ungesund sind’. Wenn man sich dies vor Augen hält, fragt man sich doch mit der Zeit, wie strohdumm und schwererziehbar diese Fleischesser wohl sind und warum man sie nicht endlich zur Rechenschaft zieht wie alle anderen auch.“

Sie fährt fort: „Mitleid ist heutzutage ein knappes Gut geworden. Man kann nicht mehr für Menschen plädieren, die selbst schuld an ihrer eigenen Misere sind: Raucher, die das Gesundheitssystem ‚belasten’; Alkoholiker, die keine Lebertransplantation ‚verdienen’; Übergewichtige, die mehr für ihre Flüge zahlen ‚sollten’“. Sogar diese armen, verängstigten Frauen mit den fehlerhaften Brustimplantaten sollen „selbst schuld“ sein. Nach dieser Logik sollten Menschen, die regelmäßig über die Gefahren des Fleischverzehrs (insbesondere der billigen, verarbeiteten Art) informiert worden sind, die aber dennoch nicht aufhören, das Zeug in sich hineinzuschlingen, ebenso zur Rechenschaft gezogen werden.“

Nachdem die Regierung erst einmal einen Präzedenzfall hat, der es ihr erlaubt, auf diejenigen einzuprügeln, die unerwünschten Gewohnheiten nachgehen, ist die Jagdsaison auf jede Gewohnheit eröffnet, die von irgendeinem Aktivisten oder Kolumnisten missbilligt wird. Verbietet es! Besteuert es! Macht die Sache rezeptpflichtig! Verweigert ihnen die medizinische Versorgung! Ellens Artikel ist anstößig, aber er folgt nur der gnadenlosen Logik zahlreicher anderer Besserwisser.

Aus dieser Fleisch-und-Krebs-Geschichte lässt sich allerdings noch eine andere Lektion lernen: In einer Zeit, in der, basierend auf Junk-Science und windigen Statistiken, alle möglichen fragwürdigen Behauptungen aufgestellt werden, erlangen doch nur bestimmte Paniken größere Publizität, derweil andere kurz auftauchen und innerhalb weniger Stunden wieder von der Bildfläche verschwinden. Der Unterschied liegt darin, dass einige sich in existierende Agenden von Politik oder Medien einfügen, und andere nicht. Die Vorstellung, dass Fleischessen Krebs erzeugt, gefällt Gesundheits-Wichtigtuern, Politikern, die auf der Suche nach Sinn und Zweck herumirren, Vegetariern, die eine Moraldiskussion über Tierrechte nicht gewinnen können, und Umweltschützern, denen es nicht gelungen ist, uns davon zu überzeugen, dass das Wachsen des „menschlichen Fußabdrucks“ (z.B. durch den Wunsch nach mehr Fleischverzehr) den Planeten vernichtet.

Diese Diskurse entwickeln nicht die gleiche Kraft wie frühere religiös motivierte Moralpredigten. Sie versprechen uns Sündern keine ewigen Höllenqualen, sondern nur einen frühen und schmerzhaften Tod.

Die einzig angemessene Reaktion auf diese auf Junk-Science gestützte Freiheitsfeindlichkeit ist extrem wache Skepsis gegenüber vermeintlich wissenschaftlich begründeten Eingriffen in unsere Lebensgewohnheiten. Es gilt, das Recht eines Jeden zu verteidigen, sich seinen kleinen Lastern hinzugeben.