12.05.2015

Hochschulen: Zurück ins 19. Jahrhundert

Essay von Kolja Zydatiss

Niedrige Gehälter, Kettenverträge und lange Phasen der Arbeitslosigkeit bedeuten eine Prekarisierung der Wissenschaft, die Jungakademiker aus privilegierten Schichten bevorzugt. Der Gesellschaft schadet diese Entdemokratisierung der Universitäten, meint Kolja Zydatiss

Die Zeit schrieb vor zwei Jahren über Benjamin Lahusen. Der studierte Jurist habilitiert an der Universität Rostock. Sein Thema ist die Rechtsgeschichte. Lahusen erforscht, wie sich das Rechtsbewusstsein der Europäer im Laufe der Zeit gewandelt hat. Nebenbei berät er Studenten und führt Vorlesungen und Klausuren durch. Von den 50 Stunden, die er wöchentlich arbeitet, werden nur 20 vergütet. Seine ehemaligen Kommilitonen, die heute in Kanzleien arbeiten, verdienen das Vierfache von ihm. Trotz der langen Ausbildung und des überdurchschnittlichen Arbeitspensums hat der 33-Jährige Familienvater keine verlässliche Zukunftsperspektive. Wie es weitergeht, wenn die Drittmittel für seine auf zwei Jahre befristete Stelle auslaufen, weiß er noch nicht. 1

Lahusen ist in vieler Hinsicht typisch für den deutschen Wissenschaftsbetrieb. Laut einer 2010 durchgeführten Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) hatten 88% der Nachwuchswissenschaftler an deutschen Universitäten einen befristeten Vertrag. An den außeruniversitären Forschungseinrichtungen waren es sogar 94 Prozent. 2 Eine weitere HIS Befragung ergab, dass im Jahr 2009 die Hälfte der deutschen Postdoktoranden Vertragslaufzeiten von weniger als einem Jahr hatte. 3 42 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter an deutschen Hochschulen haben nur eine Teilzeitstelle, obwohl sie meist mit voller Arbeitskraft forschen. 4

Nehmen die betroffenen ‚Prekarier‘ diese Arbeitsbedingungen als Problem wahr? Eher nicht. Zwar stellt die Ungewissheit laut dem Jenaer Soziologen Matthias Neis eine „unmittelbare und allgegenwärtige Erfahrung“ dar. Jedoch lasse sich unter den hochqualifizierten Berufsgruppen kaum eine andere finden, „die in ähnlicher Weise dauerhaft von Unsicherheit begleitet wird und die gleichzeitig so wenig darüber reflektiert“. 5

„Die einzigen sicheren Stellen sind heute Professuren und die werden immer später erreicht“

Neis macht die Duldsamkeit der Jungwissenschaftler an mehreren Faktoren fest: Forscher genießen ein hohes Maß an Autonomie und nehmen ihre Arbeit, die von vielen kurzfristigen Erfolgen gekennzeichnet ist, als sehr sinnstiftend wahr. Die langen Arbeitsjahre unterhalb der Professur (oder einer vergleichbar sicheren Stelle) werden laut Neis von vielen Nachwuchswissenschaftlern als Qualifikationsphase wahrgenommen. Eine unsichere Beschäftigung innerhalb dieser Phase sei zwar belastend, könne jedoch stets als „Schritt zur nächsten Qualifikationsphase“ gerechtfertigt werden. 6

Ich halte die Überlegungen von Neis für schlüssig. Jedoch denke ich, dass sie zu kurz greifen. Neis ignoriert den Aspekt der sozialen Herkunft, ohne den das mangelnde Problembewusstsein vieler Nachwuchswissenschaftler nicht verstanden werden kann. Die Unterstützung eines wohlhabenden Elternhauses macht einen Karriereweg, der immer wieder von langen Phasen der Erwerbslosigkeit unterbrochen wird, sehr viel erträglicher. Der Unsicherheit wird die Spitze genommen. Sie ist keine existentielle Bedrohung mehr, eher eine kleinere Unannehmlichkeit.

Vor ein paar Jahrzehnten sah es mal kurz so aus, als würde solcher Rückhalt weniger bedeutsam werden. Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchgesetzte Öffnung der deutschen Universitäten für breite Bevölkerungsschichten ging mit der Schaffung zahlreicher Dauerstellen unterhalb der Professur einher. Es entstand ein stabiler akademischer Mittelbau. 7 Auch Lehrstühle waren für die Jungakademiker in greifbarer Nähe. In den 1970er-Jahren vergingen in der Politikwissenschaft zwischen dem Abschluss der Promotion und der Berufung auf eine Professur im Durchschnitt 7,8 Jahre. 8

„Wissenschaftliche Karrieren verkommen zunehmend zum ‚Funemployment‘ für privilegierte Schichten“

Doch die Blütezeit währte nicht lange. Mit dem Verweis auf vermeintliche Sachzwänge werden feste Stellen im Mittelbau seit rund 20 Jahren massiv abgebaut.7 Die einzigen sicheren Stellen sind heute (bis auf wenige Ausnahmen) Professuren, und diese werden immer später erreicht. Schon in den 1990er-Jahren mussten promovierte Politikwissenschaftler ganze 12,9 Jahre auf einen Ruf warten.8 Das Durchschnittsalter für die Erstberufung fällt heute ins fünfte Lebensjahrzehnt. 9

Die Folge dieser Entwicklungen ist ein Trend zur sozialen Schließung. Während 13 Prozent der Professoren, die zwischen 1981 und 1990 berufen wurden, Eltern hatten, die Arbeiter, Angestellte in ausführender Tätigkeit oder Beamte im einfachen und mittleren Dienst ohne Hochschulabschluss waren, betrug dieser Anteil bei den Berufungen zwischen 2001 und 2010 nur noch zehn Prozent. Der Anteil an Professoren aus der ‚hohen‘ Herkunftsgruppe (akademisch gebildete Angestellte in gehobener Position, Beamte des höheren Dienstes, erfolgreiche Selbstständige und Freiberufler) stieg im selben Zeitraum von 30 auf 38 Prozent. Individuen mit einer ungeraden Bildungs- und Berufsbiographie haben heute kaum noch eine Chance auf eine Professur. Während in den 1980er-Jahren sieben Prozent der Neuberufenen einen zweiten Bildungsweg hatten, waren es in den 2000er-Jahren nur noch vier Prozent. 10

Wissenschaftliche Karrieren verkommen zunehmend zum „Funemployment“ für privilegierte Schichten – und vielleicht auch für Menschen die bereit sind, die eigenen materiellen Ansprüche, ökologisch-korrekt, auf ein Minimum zu reduzieren? Dies bedroht eine zentrale Errungenschaft des 20. Jahrhunderts: Die Demokratisierung von Hochschulbildung und Forschung durch ihre Öffnung für breite Bevölkerungsschichten. Eine Teufelsspirale könnte so entstehen: Der stetige Nachschub an sozial Privilegierten, die in der Lage sind, prekäre Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, entlässt die Politik aus der Verantwortung, diese zu verbessern. Infolgedessen entscheiden sich nur noch Angehörige wohlhabender Schichten für eine wissenschaftliche Karriere. Dadurch sinkt der Druck auf die Politik, das System zu verändern, weiter. Am Ende droht eine Rückkehr zu den Verhältnissen des 18. und 19. Jahrhunderts, als ‚Gentleman Scientists‘ wie Alexander von Humboldt oder Charles Darwin Wissenschaft eher als Hobby denn als Lebensunterhalt betrieben.

„Die Unis treiben vor allem die Vorurteile der Mittelschicht voran, von Multikulti-Verehrung bis Wachstumskritik“

Das hätte fatale Folgen. Zwar war die Akademie nie die treibende Kraft sozialen und politischen Fortschritts, für die sie oft gehalten wird. 11 Dennoch hat sie einen beträchtlichen gesellschaftlichen Einfluss. Neben einer formalen (Aus-)Bildungsstätte sind die Universitäten für Studenten (die heute fast 60 Prozent der Schulabgänger ausmachen 12) eine wichtige Sozialisationsinstanz. Forscher wirken an den Lehrplänen für sämtliche Schulfächer mit. Politik, Wirtschaft und Medien stehen sie mit Forschungsergebnissen und Expertisen zur Seite. Die Zusammensetzung des wissenschaftlichen Personals sollte daher idealerweise die Pluralität der Gesamtgesellschaft angemessen widerspiegeln. Forschung und Lehre einer gut-situierten Schicht, die nie richtig Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen muss, zu überlassen, kann nur zu Lebensferne führen. Bereits heute herrscht an unseren Universitäten eine stark ausgeprägte politisch-korrekte Etikette, die von Multikulti-Verehrung bis Wachstumskritik vor allem die Vorurteile der Mittelschicht vorantreibt. Durch die zunehmende soziale Homogenisierung werden der akademischen Welt in Zukunft bestimmte Perspektiven fehlen. Die oft weltfremden Dogmen gesellschaftlicher Eliten werden noch unanfechtbarer werden.

Natürlich ist die soziale Schließung der Akademie auch eine enorme Verschwendung menschlicher Potentiale. Aus Amerika mahnt der Fall Douglas Prasher. Der promovierte Molekularbiologe arbeitete 2008 für einen Stundenlohn von 8,50 US-Dollar als Shuttlebus-Fahrer, als er erfuhr, dass seine Vorarbeiten zur Erforschung des grün fluoreszierenden Proteins seinen ehemaligen Kollegen Martin Chalfie und Roger Tsien einen Nobelpreis in Chemie beschert hatten. Eine Phase der Arbeitslosigkeit hatte den Arbeitersohn gezwungen, der Wissenschaft den Rücken zu kehren. 13 Die Normalisierung prekärer Arbeitsbedingungen wird auch in Deutschland dazu führen, dass immer mehr hochtalentierte Jungwissenschaftler der Forschung auf diese Weise verloren gehen.

Das Bildungsbürgertum bekennt sich heute gerne zur Vielfalt. Bei bestimmten Themen (die meist etwas mit den Aktivitäten kapitalistischer Großkonzerne zu tun haben) ist eine „sozialkritische“ Haltung selbstverständlich. Vielleicht könnte diese ach so besorgte, empörungsfreudige Schicht, die hinter Chlorhühnchen und McDonalds-Filialen zuverlässig Unterdrückung wittert, ihre Aufmerksamkeit auf eine ihr sehr vertraute Welt, die akademische, richten. Sie würde merken, dass dort soziale Ungerechtigkeit in einem Ausmaß reproduziert wird, das in unserer Gesellschaft kaum seinesgleichen findet. Und vielleicht könnte der wissenschaftliche Nachwuchs erkennen, dass ein politischer Kampf für bessere Arbeitsbedingungen (selbst, wenn man diese persönlich, aufgrund der eigenen privilegierten Stellung, nicht „braucht“) nicht nur in der ‚bösen‘ kapitalistischen Arbeitswelt stattfinden kann.