21.03.2022

Globalisierung: Eine Epoche geht zu Ende

Von Phil Mullan

Wie Russlands Invasion der Ukraine den Niedergang der US-geführten Wirtschaftsordnung beschleunigen könnte.

Die wirtschaftlichen Folgen des blutigen und verachtenswerten Angriffs auf die Ukraine sind zweifellos eine zweitrangige Angelegenheit gegenüber den unmittelbaren menschlichen und geopolitischen Folgen. Und da die verschiedenen nationalen Reaktionen noch ungewiss sind, ist es noch viel zu früh, um die genauen längerfristigen Folgen des Kriegs zu bestimmen. Dennoch ist es möglich, vorsichtige Prognosen darüber zu machen, was sich an der internationalen Wirtschaftsfront entwickeln könnte.

Zumindest kurzfristig werden die direkten und indirekten Störungen der Wirtschaftsbeziehungen, die sich aus der Invasion ergeben, mit ziemlicher Sicherheit die Aussichten auf Wirtschaftswachstum beeinträchtigen und die Inflation weit über die kämpfenden Länder hinaus anheizen. Insbesondere die verschärften Sanktionen werden weit über Russland hinaus wirtschaftliche Probleme hervorrufen.

Während der Krieg geopolitisch von großer Bedeutung ist, wäre es jedoch irreführend, seine wirtschaftlichen Auswirkungen angesichts all der anderen bereits bestehenden und enormen wirtschaftlichen Herausforderungen überzubewerten. So behauptet die Financial Times, der Krieg habe „die Hoffnungen auf eine starke Erholung der Weltwirtschaft vom Coronavirus zunichte gemacht“. Dies impliziert jedoch, dass eine starke Erholung bereits absehbar war. Schon lange herrscht eine Selbstgefälligkeit, die die fundamentalen wirtschaftlichen Probleme der meisten Industrieländer einfach ignoriert. Krieg hin oder her, die hohe Verschuldung und die schwachen Investitionen, die viele westliche Volkswirtschaften kennzeichnen, werden wahrscheinlich zu einer Fortsetzung des schleppenden Wachstums des vergangenen Jahrzehnts führen.

„Schon lange herrscht eine Selbstgefälligkeit, die die fundamentalen wirtschaftlichen Probleme der meisten Industrieländer einfach ignoriert.“

Die Folgen des Krieges werden die bestehenden ökonomischen Trends in Richtung Autarkie und Regionalisierung weiter verstärken. Analysten bei Goldman Sachs, zum Beispiel, meinen, der Krieg werde die Globalisierung bremsen und Antiglobalisierungs-Kräfte stärken. Aber diese Gegenüberstellung von „De-Globalisierung“ und „Globalisierung“ klärt nicht, was wirklich geschieht. Denn der Kapitalismus hat schon immer gleichzeitig national und international operiert. Daher kann die wirtschaftliche Internationalisierung ohne weiteres mit einer verstärkten Ausrichtung auf nationale wirtschaftliche Belange koexistieren.

Trotzdem werden die Wirtschaften künftig verstärkt national ausgerichtet sein. Man wird weiter eine Einschränkung der globalen Versorgungsketten und die Entwicklung eines nationalen Versorgungsmodells fordern, um die nationale Wirtschaft widerstandsfähiger zu machen.

Zunehmende Autarkie

Um die besonderen Auswirkungen des Konflikts in der Ukraine genauer zu verstehen, ist es wichtig zu beachten, dass der Trend in Richtung Autarkie schon lange vor dem Krieg und sogar vor der Pandemie begann. Eine Analyse der Welthandelsorganisation zeigt, dass zur Zeit der Finanzkrise 2008 weniger als ein Prozent der Warenimporte durch Maßnahmen der Regierungen der führenden 20 Wirtschaften der Welt begrenzt wurden. Bis 2019, am Vorabend der Pandemie, hatte sich diese Zahl mehr als verzehnfacht und lag bei mehr als zehn Prozent des gesamten Handelsvolumens.

„Um die besonderen Auswirkungen des Konflikts in der Ukraine genauer zu verstehen, ist es wichtig zu beachten, dass der Trend in Richtung Autarkie schon lange vor dem Krieg und sogar vor der Pandemie begann.“

Viele dieser protektionistischen Maßnahmen wurden vor der Pandemie von global orientierten Regierungen eingeführt – also nicht von „isolationistischen“ Politikern wie Donald Trump. Ein Grund, warum dieser Anstieg des Protektionismus bis vor kurzem unter dem Radar blieb, liegt darin, dass der moderne Protektionismus im Vergleich zu den Grenzzöllen und Kontingenten der frühen 1930er Jahre in der Regel ausgeklügelter ist und sich durch „nichttarifäre“ oder „hinter der Grenze“ liegende Handelshemmnisse auszeichnet.

Trotzdem ähnelt der verborgene Protektionismus von heute dem der 30er Jahre. Regierungen wollen heute wie damals ihre krisenbedrohten nationalen Wirtschaften schützen. Daher war es die Finanzkrise von 2007-2008, und nicht die Pandemie oder die zunehmenden globalen Spannungen, die den Protektionismus antrieben. Der Crash hat die Grenzen der Verschuldung und der Finanzialisierung als Mittel zur Aufrechterhaltung des Gefühls von anhaltendem Wohlstand aufgezeigt. Obwohl wir also nach wie vor mit Schulden und Finanzialisierung leben, hat ihre relative Erschöpfung zu zunehmender Abhängigkeit von anderen Formen staatlicher Intervention geführt.

Da in den meisten westlichen Ländern nach der Rezession kein normaler Aufschwung einsetzte, nahmen die Regierungen eine zunehmend interventionistische Rolle ein, um ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu mildern. In den letzten zehn Jahren haben sich die staatlichen Maßnahmen zur Unterstützung angeschlagener Volkswirtschaften intensiviert. Diese Maßnahmen beschränken sich nicht nur auf eine ultralockere Geldpolitik wie niedrige Zinssätze und quantitative Lockerung, sondern umfassen auch eine Vielzahl von staatlichen Unterstützungsmechanismen, darunter regulatorische Maßnahmen und Beschaffungsverträge sowie direkte Subventionen und Rettungsaktionen.

„Da in den meisten westlichen Ländern nach der Rezession kein normaler Aufschwung einsetzte, nahmen die Regierungen eine zunehmend interventionistische Rolle ein.“

Neben den nationalen Problemen wie gestiegenen Schulden, Finanzblasen und dem Fortbestand nicht überlebensfähiger Unternehmen, schaffen solche Interventionen auch Spannungen zwischen den Ländern, denn diese Maßnahmen schaden letztlich auch anderen Ländern, selbst wenn das nicht beabsichtigt ist.

Die Reaktion auf die Pandemie hat also protektionistische Maßnahmen normalisiert und erweitert. Folglich werden wir voraussichtlich nicht mehr den gleichen, eher verborgenen Protektionismus sehen, wie vor der Pandemie. So haben sich die jüngsten Rufe nach größerer nationaler Autarkie und „strategischer Autonomie“ als Reaktion auf die größeren Risiken der globalen Versorgungskette in Folge der Pandemie in protektionistische Vorschläge verwandelt. Die Analyse von Goldman Sachs stellt fest, dass die Ukraine-Krise den Ruf nach lokaler Produktion verstärken wird, selbst wenn das teurer ist, um die „Versorgungssicherheit“ zu stärken.

Erosion der internationalen und institutionellen Kooperation

Neben diesen wirtschaftlichen und politischen Trends zu mehr Autarkie ist auch die Erosion der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit festzustellen. Die alte globalistische Vision einer harmonischen Interdependenz stand schon lange vor dem Krieg in der Ukraine im Widerspruch zu den tatsächlichen globalen Gegebenheiten.

„Die alte globalistische Vision einer harmonischen Interdependenz stand schon lange vor dem Krieg in der Ukraine im Widerspruch zu den tatsächlichen globalen Gegebenheiten.“

In den 2000er- und 2010er-Jahren hatten nationalstaatliche Maßnahmen bereits begonnen, den Geist und den Rahmen der internationalen Zusammenarbeit, der die 1980er- und 1990er-Jahre geprägt hatte, zu verdrängen. Die Erosion der wirtschaftlichen Zusammenarbeit war nicht unbedingt geplant. Vielmehr geht der Protektionismus gegen ausländische Konkurrenz meist mit staatlicher Intervention auf nationaler Ebene einher und untergräbt unweigerlich eine zielgerichtete Zusammenarbeit.

Die alten Normen der internationalen Kooperation sind schwächer geworden, weniger aus kalkulierter Feindseligkeit als aufgrund zunehmend drängender nationaler Probleme. Das Ergebnis ist, dass nationale Differenzen zunehmen. Die Erosion der internationalen Kooperation hat die diplomatische Maschinerie des Westens geschwächt, wie man vor dem Beginn der russischen Invasion deutlich erkennen konnte.

Vor dem Krieg in der Ukraine und vor der Pandemie waren nationale Rivalitäten und Uneinigkeit erheblich deutlicher zu erkennen, als viele Kommentatoren annahmen. Zwar galt die internationale Kooperation immer noch als eine „gute“ Sache, aber insbesondere seit der Finanzkrise sind positive Ergebnisse immer schwerer zu erkennen. Seit 2008 wurden politische Entscheidungen mit internationalen Konsequenzen fast immer aus nationaler Perspektive getroffen – ob diese nun aus Washington, Peking oder sonstwoher kamen. Echte globale Initiativen gab es kaum, oder gab es sie, so hatten sie wenig praktische Bedeutung.

„Seit 2008 wurden politische Entscheidungen mit internationalen Konsequenzen fast immer aus nationaler Perspektive getroffen.“

So befand eine der ersten systematischen Bewertungen der internationalen Reaktionen auf die Pandemie, dass die globalen Maßnahmen, die gegen sie getroffen wurden, überwiegend wirkungslos waren. Das Global Preparedness Monitoring Board (GPMB), unter der Leitung der Weltgesundheitsorganisation und der Weltbank, stellte eine mangelnde Reaktion auf höchster Ebene fest. Es wies darauf hin, dass, obwohl sich die Generalversammlung der Vereinten Nationen, der Sicherheitsrat, die Weltgesundheitsorganisation, die Führer der G7 und die der G20 alle getroffen hätten, um die Pandemie zu besprechen, sie „wenig anzubieten hatten, außer Absichtserklärungen, und es gab wenig Hinweise darauf, dass diese Treffen einen relevanten Einfluss auf die Verbreitung der Pandemie hatten.“ Das GPMB beklagte die Dysfunktionalität der globalen Institutionen, die aus „geopolitischen Spaltungen“ und der starken Zunahme nationaler Alleingänge resultiere, vor allem von Seiten reicherer westlicher Länder.

Schon seit geraumer Zeit sind viele der internationalen Organisationen nicht viel mehr als Quasselbuden. Aber mit der Pandemie wurde der Schwund ihrer Wirksamkeit und Autorität offenkundig. So hat zum Beispiel die Weltgesundheitsorganisation während der Pandemie nicht nur keine klare globale Antwort auf Covid-19 angestoßen, sondern sie wurde sogar zum Schauplatz einer Auseinandersetzung zwischen ihren Mitgliedern. Ihr wurde wahlweise vorgeworfen, nichts zu tun, pro-Chinesisch zu sein oder, folgt man der Kommunistischen Partei Chinas, sich in die internen Angelegenheiten ihres Landes einzumischen. Daher waren die Normen der internationalen Beziehungen schon weit vor Beginn des Krieges in der Ukraine erodiert. Die Auswirkungen dieses Konflikts werden daher voraussichtlich die Instabilitäten der Nachkriegsordnung weiter verstärken.

Kurzfristig mag der Krieg dem Westen ein gemeinsames Ziel geben und frühere Spaltungen überdecken. Es ist zu früh, um zu sagen, wie dauerhaft diese neue westliche Einheit ist und wie sie sich entwickeln könnte. Klar ist aber: Was auch immer mit Russland geschieht, die Spannungen zwischen den beiden Großmächten USA und China werden den bedeutendsten Einfluss auf die sich wandelnde internationale Ordnung haben.

„Schon seit geraumer Zeit sind viele der internationalen Organisationen nicht viel mehr als Quasselbuden. Aber mit der Pandemie wurde der Schwund ihrer Wirksamkeit und Autorität offenkundig.“

Zunehmende Regionalisierung

Voraussichtlich wird das Ergebnis des Krieges die Regionalisierung der Welt in amerikanische und chinesische Einflusszonen sein. Wo Europa da hinein passt, ob als unabhängige Region oder als Juniorpartner der USA, wird sich noch zeigen. Die Europäische Union kämpft zur Zeit noch mit dem Dilemma, ob und wieviel „strategische Autonomie“ sie entwickeln kann und in welchem Umfang sie weiter von der noch immer beeindruckenden technologischen und militärischen Macht der USA abhängig sein wird. Diese Ungewissheit bezüglich der Rolle Europas in der sich wandelnden Weltordnung ist selbst symptomatisch für ein potenziell fließendes und sich veränderndes globales Gefüge internationaler Beziehungen.

Aufgrund der militärischen Überlegenheit der USA scheint die aktuelle militärische Auseinandersetzung die amerikanische Führung des alten Westens wieder zu beleben. Doch längerfristig wird sie voraussichtlich den Übergang zu einer post-amerikanischen Welt beschleunigen, wobei China seine eigene Macht und Autorität ausbauen wird. Es sieht in der Tat danach aus, als werde Peking einer der wenigen Gewinner der Ukraine-Krise sein. Einerseits bekundet China seine Unterstützung der ukrainischen Souveränität, anderseits weigert es sich, der provokativen Dämonisierung von Putin und Russland zu folgen. Dadurch hat China seine eigene Interpretation der Krise gefunden. Diese Vorgehensweise wird aller Voraussicht nach geeigneter sein, Verbündete und Einfluss zu gewinnen als die Amerikas, das vor dem Krieg gegen Putin schwadronierte, aber gleichzeitig deutlich machte, dass es keine Absicht hatte, zu kämpfen.

Auch ökonomisch und finanziell könnte der Krieg die Neugewichtung der Weltwirtschaft in Richtung China und Ostasien weiter beschleunigen. Die Bemühungen der USA, China ökonomisch vom Westen abzukoppeln, gehen ohnehin nach hinten los, denn sie verstärken die Ausrichtung Chinas auf den Ausbau seiner technologischen, finanziellen und produktiven Kapazitäten. Es könnte sehr gut sein, dass die westlichen Bemühungen, Russland wirtschaftlich zurückzudrängen, Chinas Position auf der Welt stärken werden.

„Voraussichtlich wird das Ergebnis des Krieges die Regionalisierung der Welt in amerikanische und chinesische Einflusszonen sein.“

Jahrelange westliche Machtspiele und Posen gegenüber Moskau und Peking haben China und Russland trotz ihres Mangels an ideologischer Affinität einander nähergebracht. Die zunächst bescheidenen Sanktionen gegen Russland nach der Annexion der Krim im Jahre 2014 und die aktuellen, viel schwereren Sanktionen haben Russland gezwungen, sich zunehmend an China als alternativen Markt, Finanzier und Handelspartner zu richten. Kurzfristig mag das für Russland eine finanzielle Rettungsleine sein, aber längerfristig wird es voraussichtlich den chinesischen Einfluss auf Kosten des Westens stärken. Jede mittelfristige Verlagerung der russischen Öl- und Gasströme von Europa nach China wäre für Peking ein weiterer Pluspunkt.

Außerdem könnte die heutige Krise das Ende des Dollar als Weltwährung nach sich ziehen. Ray Dalio, Leiter des größten Hedgefonds der Welt, hat in seinem jüngsten, viel gepriesenen Buch „Principles for Dealing with the Changing World Order“ herausgearbeitet, dass die Funktion als Hort der globalen Reservewährung eine der größten Vormachtstellungen ist, die ein führendes Land haben kann. Denn sie gibt dem Land enorme Macht, zu leihen und zu kaufen, und ist letztlich der Garant seiner weltpolitischen Macht.

Die Geschichte des Dollar als Reservewährung zeigt, wie zuvor auch die des britischen Pfund, dass dies eines der Assets ist, die ein niedergehender Hegemon am langsamsten verliert. Das kommt daher, dass so viele Länder und Unternehmen den Dollar für grenzüberschreitende Aktivitäten verwenden. Er ist in den internationalen wirtschaftlichen Kreisläufen fest verwurzelt und es ist nicht einfach, sich von ihm zu lösen. Trotz aller Probleme der USA, nicht zuletzt, dass sie zum größten Schuldnerland der Welt geworden sind, machte der Dollar 2019 noch immer etwas mehr als die Hälfte der globalen Zentralbankreserven aus, gefolgt an zweiter Stelle vom Euro mit 20 Prozent und dem chinesischen Renminbi mit gerade einmal 2 Prozent.

„Die heutige Krise könnte das Ende des Dollar als Weltwährung nach sich ziehen.“

Doch dieses hegemoniale Gut kann auch zu einer Quelle der Instabilität werden. Gerade weil der Dollar als Weltwährung im Verhältnis zur Größe der US-Wirtschaft eine disproportionale Rolle spielt, ist davon auszugehen, dass andere Länder so hohe Dollarbestände als bedenklich ansehen und in andere Währungen und Gold diversifizieren.

Maßnahmen der US-Regierung, den Dollar zur Stärkung ihrer Autorität als Waffe zu verwenden, könnten ironischerweise auch nach hinten losgehen. Sanktionen, die andere Länder, darunter erst den Iran und jetzt Russland, davon abhalten sollen, den Dollar für internationale Zahlungen zu verwenden, sind auch ein Warnzeichen an andere Länder. Wer ist der nächste, und wessen Dollarvermögen könnten von Washington eingefroren werden?

Die Gefahr besteht darin: Je mehr Amerika den Dollar als Waffe verwendet und anderen Ländern finanzielle Sanktionen auferlegt, desto weniger werden Länder (darunter nicht nur Gegner) geneigt sein, den Dollar zu halten. Das kombinierte Risiko des Einfrierens von Vermögenswerten und Abwertungen könnte Länder davon abhalten, Dollar zu halten, und damit den Niedergang des Dollar als globale Reservewährung beschleunigen.

Außerdem haben Länder, die direkt das Ziel von US-Sanktionen sind, darunter Russland und China, bereits begonnen, alternative nationale und regionale Zahlungssysteme zu entwickeln. Das beschleunigt den Trend zur Regionalisierung. Man beachte auch die Bemühungen der chinesischen Regierung, schneller als andere eine glaubwürdige digitale Währung zu entwickeln. Dadurch würde China weniger von amerikanischen Finanzsanktionen bedroht und könnte gleichzeitig eine Alternative für andere Länder bieten, die sich aus ihrer Abhängigkeit vom US-Dollar befreien möchten. Die jüngsten Maßnahmen des Westens, den Zugriff Russlands auf seine Zentralbankreserven einzudämmen, können für Moskau sehr störend sein. Aber sie werden andere Länder motivieren, ernsthafter über den Weg zu einer nicht vom Dollar beherrschten Finanzwelt nachzudenken. Wenn das geschieht, wäre es ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer postamerikanischen Weltordnung.

Fazit

Es ist davon auszugehen, dass der aktuelle blutige Krieg die längerfristigen Verschiebungen der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, die schon seit mehr als einem Jahrzehnt im Gange sind, beschleunigt. Schon gegen Ende der Pandemie waren die alten Krücken der amerikanischen Führungsrolle und der globalistischen Institutionen zusehends schwächer geworden. Wie auch immer die russische Invasion ausgeht, diese Erosion der amerikanisch geprägten Weltordnung wird voraussichtlich weiter voranschreiten. Daher steht uns jetzt eine gefährliche Zeit des geopolitischen Übergangs bevor. Das wäre eine längere Phase, in der die Welt weder voll im Krieg noch voll im Frieden ist, und in der, statt echter Kooperation, Konflikt und Konfrontation zur Norm werden.