26.08.2013

„Giftmais“ im US-Exil

Analyse von Georg Keckl

Der niedersächsische Landwirtschaftsminister wollte tausende Tonnen Mais mit hoher Schimmelpilzkonzentration verbrennen lassen. Jetzt werden sie als Tiernahrung in die USA exportiert.Grenzwerte sagen nichts über tatsächliche Giftwirkungen aus

Rund 35.000 Tonnen Mais, von denen einzelne Partien mehr von dem natürlichen Schimmelpilzgift Aflatoxin aufwiesen als unser Grenzwert zulässt, sind unter den Augen des aufgebrachten niedersächsischen Landwirtschaftsministers Christian Meyer (Grüne) aus ihren Lagersilos in Bremen und Brake mit dem Frachtschiff „Liberty Island“ als Futtermittel in die USA exportiert worden. [1] Eine offizielle Einfuhrgenehmigung der US-Gesundheitsbehörde lag vor.

Beim Abtransport zogen die Sicherheitsbehörden noch einmal alle Register: Eine Containerburg wurde um die Verladestation errichtet, das Technische Hilfswerk hatte kräftige Pumpen aufgestellt, um mögliche Staubverwehungen durch Wasserwände zu verhindern, Schutzkleidung für die Arbeiter und Kontrolleure war Pflicht.

Anfang des Jahres hatte Christian Meyer als frischgebackener Minister um den Aflatoxinfund unter dem Schlagwort „Giftmais“ einen veritablen Futtermittelskandal inszeniert, unbeeindruckt davon, dass der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) die gleiche Angelegenheit als reinen „Routinefall“ einstufte. [2] Dass nun der Mais in die USA verkauft wurde, nannte der Minister eine „perverse Nummer“; er bedauerte, sich an EU- und US-Gesetze halten zu müssen. [3] Meyer hätte es lieber gesehen, wenn der Mais öffentlichkeitswirksam als Sondermüll auf Kosten des Importeurs verbrannt worden wäre. Nicht einmal in Biogasanlagen sollte dieser Mais vergoren werden dürfen; das entschied ein Gericht in Oldenburg. [4]

Der Export in die USA macht nun eine letztinstanzliche Klärung überflüssig, der Mais ist mit der Verladung auf die „Liberty Island“ der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen der behördlichen Inquisition entwischt. Liberty Island, das ist die Insel im Hafen von New York, auf der die Freiheitsstatue die ankommenden Schiffe begrüßt. Man stelle sich vor, die Ware wäre in ein Entwicklungsland verkauft worden – die Aufregung hätte alle Grenzen gesprengt! Den Sachverstand der Wissenschaftler hinter der US-Gesundheitsbehörde (Food and Drug Administration) zu bezweifeln, erschien den Grünen dann doch etwas zu vermessen; beim unabhängigen Präsidenten des BfR hatten sie dessen eigenständige Analyse noch mit moralischer Inbrunst kritisiert [5]; einer Moral, die zwar gerne die Verschwendung und das Wegwerfen von Lebensmitteln verurteilt, aber 35.000 Tonnen einwandfrei verwendbare Futtermittel vernichten will!

Niedersächsischer Agrarminister schürt Vorurteile über die USA

Die USA sind der größte Maisanbauer der Welt. Sie kennen das Problem, dass Maiskörner bei den hohen Herbsttemperaturen im „Corn-Belt“ leicht schimmeln.[6] Grenzwerte für Pilzgifte gibt es auch dort; aber sie dienen nicht propagandistischen Zwecken. Manche dieser Grenzwerte sind höher als hier [7], allerdings nicht so hoch, wie es der niedersächsische Minister in einer Pressemitteilung verbreiten ließ („bis zu 500 Mikrogramm pro Kilogramm“). Diese irreführende Darstellung entspricht den verbreiteten Vorurteilen gegenüber den US-Sicherheitsstandards und wurde in den Medien bereitwillig kolportiert: „Aflatoxin-Grenzwerte für Futtermais 25 Mal höher als in der EU“. Fakt ist dagegen: In den USA liegt der Grenzwert für Mais in Milchviehfutter bei 20 Mikrogramm pro Kilogramm (µg/kg). Das ist exakt der gleiche Grenzwert, der in der EU für Mais als Einzelfutter gilt. Der maximale US-Grenzwert von 300 Mikrogramm pro Kilogramm gilt dagegen nur bei Futter für erwachsene Mastrinder. Wegen der unterschiedlichen Empfindlichkeit der Tiere gibt es differenzierte Werte je nach Tierart, Altersstufe und Nutzungszweck, nicht nur in den USA, sondern auch in der EU. Der Mais auf der „Liberty Island“ kann in den USA als Mastfutter verwendet werden. Wissenschaftliche Versuche zeigten, dass höhere Aflatoxinwerte im Futter für diese Tiergruppe unschädlich sind [8], was auch das BfR bestätigt. [9]

„Technische Grenzwerte werden von geübten Propagandisten regelmäßig so interpretiert, als ob bei ihrer Überschreitung das Getreide amtlich als ‚giftig‘ eingestuft werden müsste.“

In der EU sind die Grenzwerte so festgesetzt, dass es unter normalen Umständen und mit der heutigen Technik möglich ist, sie einzuhalten. [10] Sie sagen nichts über die Giftwirkung eines Stoffes aus. Aber diese technischen Werte werden von geübten Propagandisten regelmäßig so interpretiert, als ob bei ihrer Überschreitung das Getreide amtlich als „giftig“ eingestuft werden müsste. Nun ist in der Natur nicht zu verhindern, dass Schimmelpilze im Getreide wachsen. In sommerheißen Regionen wie Serbien, woher der „Giftmais“ stammte, ist das Aflatoxin das Problem, das Gift der Schimmelpilze Aspergillus flavus und Aspergillus parasiticus. Hierzulande ist es diesen Pilzen zu kalt, hier sind es die Gifte der Fusarien-Schimmelpilze, vor allem das Deoxynivalenol (DON) und Zearalenon. [11] Aflatoxin lässt sich besser skandalisieren, da es hauptsächlich in Importwaren vorkommt. Aber auch deutsche Schimmelpilzgifte dürfen in ihrer schädlichen Wirkung nicht unterschätzt werden. Wobei anzumerken ist, dass auch die Biobranche von ihnen nicht verschont bleibt. [12]

Die deutsche Getreideernte ist nie frei von Pilzgiften

Die DON-Gehalte der deutschen Ernten schwanken im Schnitt zwischen 80 µg/kg (Ernte 2005) und 394 µg/kg (Ernte 2007). [13] Bei mehr als 1250 µg/kg ist das Getreide nach EU-Grenzwerten nicht mehr für den menschlichen Verzehr geeignet, als Viehfutter kann es aber noch eingesetzt werden. Schon Gehalte von mehr als 300 µg/kg werden von einigen Wissenschaftlern als bedenklich für die Ernährung von Kleinkindern angesehen. [14] Tatsächlich war unser Getreide aber nie zuvor so wenig mit Schimmelpilzen behaftet wie heute. Fusarienpilze werden mit Fungiziden bekämpft, schon deshalb, weil sie den Ertrag mindern. Auch weil die heutige Technik die Felder nach der Ernte schnell räumt und Feuchtgetreide schnell getrocknet werden kann, werden die Schimmelpilze zurückgedrängt.

„Es wäre jedem Politiker unbenommen, für eine weltanschaulich begründete Biolandwirtschaft schärfere Grenzwerte zu erlassen; es wäre dies allerdings auch ein wirkungsvolles Instrument, die Biobranche zu ruinieren.“

Selbstverständlich sollte für die menschliche Ernährung immer die geringstmögliche Belastung angestrebt werden, man sollte aber auch die Kirche im Dorfe lassen. Eine völlig schimmelpilzfreie Getreideernte wird es nie geben. Würde man die Bedenken der erwähnten Wissenschaftler zum Maßstab machen, hätte 2012 weit mehr als die Hälfte der süddeutschen Weizenernte vernichtet werden müssen; im Schnitt wurden weit über 300 µg/kg DON festgestellt. Es wäre jedem Politiker unbenommen und jeder wissenschaftlichen Kritik entzogen, für eine weltanschaulich begründete Biolandwirtschaft schärfere Grenzwerte zu erlassen; es wäre dies allerdings auch ein wirkungsvolles Instrument, die Biobranche zu ruinieren.

Wenn es um die Belastung mit Giften geht, ist der Laie auf die Wissenschaft, genauer, auf die Mehrheitsmeinung in der Wissenschaft, angewiesen. Es finden sich immer Stimmen, die extreme Positionen vertreten. Aber es nützt nicht zuletzt der Biolandwirtschaft, dass die EU wohlweislich keine Grenzwerte für einheimische Schimmelpilzgifte im Viehfutter erlassen, sondern „Empfehlungen“ verabschiedet hat. [15] Bedenkliche Partien werden an das Vieh verfüttert oder, wenn die Belastung auch dafür zu hoch ist, in Biogasanlagen vergoren. Es liegt in der Verantwortung der Futtermittelhersteller, die Getreidepartien so zu vermischen, dass die Tiere keinen Durchfall oder andere Infekte bekommen. Kein Kraftfutterwerk kann es sich erlauben, seinen Kunden minderwertige Ware zu liefern.

Es sind auch ethische Aspekte zu berücksichtigen. Von der süddeutschen Weizenernte 2012 lagen größere Mengen über dem in der EU gültigen DON-Grenzwert (1250 µg/kg), in Bayern sogar rund 10 Prozent. [16] Eine „Giftweizen“-Kampagne ist trotzdem nicht gefahren worden. Vermutlich wären zu viele nachdenklich geworden, wenn Millionen Tonnen Getreide als Sondermüll verbrannt worden wären, die man verfüttern oder zu Biosprit und Biogas hätte verarbeiten können. Es war zu allen Zeiten eine Funktion der Nutztiere, minderwertiges Getreide, Getreiderückstände der Brauereien und weniger wohlschmeckende Bestandteile des Getreidekorns zu verwerten. In der Natur fressen die Tiere weit schimmligere Körner – und bekommen Durchfall davon. Schimmelpilzgifte haben eine Wirkung auf die Darmbakterien. Mit dem Gift verteidigt der Pilz sich und seine Nahrung, z.B. Getreide, vor gefräßigen Bakterien. Die ersten Antibiotika, für deren Entdeckung Alexander Flemming 1945 den Nobelpreis erhielt, waren Schimmelpilzgifte. [17] Leider ist dieser Sachverhalt kaum jemandem bekannt, der Antibiotika gegen Infekte schluckt. Der Mais wird in diesen Tagen in den USA entladen und einer ökologisch und ethisch sinnvolleren Verwertung zugeführt als Minister Meyer in Niedersachsen das erzwingen wollte.