04.03.2013

Der Skandal ist der Skandal selbst

Kommentar von Georg Keckl

Mal wieder ein neuer Lebensmittelskandal: Diesmal geht es um Schimmelpilzgift in Tierfutter und angeblich kontaminierte Milch. Für den Agraringenieur Georg Keckl ist der Sachverhalt harmlos. Das eigentliche Problem ist die öffentliche Skandalisierung. Er fragt, wem diese nützt.

Wem nützen Lebensmittelskandale? Die Beantwortung dieser Frage erklärt oft auch ihre Entstehung, das mediale Ausmaß und die Transparenz, mit der sich um Aufklärung und Lösungen bemüht wird. Als Beispiel sei mal der aktuelle „Skandal“ um den mit Schimmelpilzgift belasteten Mais in Norddeutschland betrachtet. Wenn die rheinland-pfälzische Landwirtschaftsministerin Ulrike Höfken (Die Grünen) im Hinblick auf den Fund von Schimmelpilzgift im Futtermais laut Berichterstattung sagt: „Eine Gefahr für die Verbraucher bestehe nicht, gleichwohl seien Kontaminierungen und Täuschungen von Verbrauchern nicht hinnehmbar.“ und „Die Skandale seien Folge der Industrialisierung der Landwirtschaft und des Kostendrucks bei Milchviehbetrieben“ 1, so ist das die übliche Unkenntnis von denen, die bequemes dogmatisches Denken der Faktensuche vorziehen. Ministerin Höfken nutzt der Skandal in ihrem Kreuzzug gegen die „industrialisierte Landwirtschaft“, wobei absichtlich unbestimmt bleibt, wo diese beginnt und endet und wie groß ihr Anteil am konkreten Missstand (dem Schimmelpilzbefall) ist.

„Zu keiner Zeit in der Geschichte gab es so wenig pilzbelastetes Getreide wie heute.“

Vor der Industrialisierung der Landwirtschaft hat es demnach kein schimmeliges Getreide gegeben? Das Gegenteil ist richtig. Noch zu keiner Zeit in der Geschichte gab es so wenig pilzbelastetes Getreide wie heute. Die hohe Schlagkraft der Mähdrescher und die hohen Trocknungskapazitäten für Getreide sichern die Qualität. Ein Getreide ohne Schimmelpilzgifte gibt es nicht. Das könnte man im keimfreien Gewächshaus ziehen, aber nicht unter freiem Himmel. Der Schimmel ist überall und wartet auf günstige Bedingungen. Das ist normal. Es kommt immer auf die Befallshöhe an. Daraus jetzt ministeriell etwas „nicht „Hinnehmbares“ zu machen, ist so lächerlich, wie es ein Gesetz wäre, das den Schimmelpilzen verbietet, sich auf Nahrungsmitteln anzusiedeln.

Der Präsident des BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung), Andreas Hensel, wird überhört, wenn er zum aktuellen Geschehen um Milch und Futtermittel mehr als deutlich sagt: „Das, was wir derzeit erleben, ist kein Skandal. Noch nicht einmal ein Krisenfall, sondern ein Routinefall. Schimmelgifte auf Getreide sind normal. Das liegt an Lagerungs- oder klimatischen Bedingungen. Der Bürger sollte sich zudem klarmachen, dass die Welt voll ist von Mikroorganismen. Es gibt keine keimfreie Nahrung. Entscheidend ist, in welcher Konzentration die Gifte auftreten. Es gibt keine Futtermittel ohne Schimmelpilze und deren Gifte. Diese Pilze wachsen überall. Im Heu, auf Getreide, auf Nüssen. Auch im heimischen Kühlschrank gedeihen sie. Entscheidend ist, wie sehr die Futtermittel mit dem Gift Aflatoxin belastet sind.“ 2

Cui bono?

Wem aber nützt es, wenn für Menschen unbedenkliche Grenzwerte regelmäßig in „krankmachende” Grenzüberschreitungen verfälscht werden? Grenzwerte für Aflatoxin sind dem Charakter nach technische „Warnwerte“, die einen Fehler in der Prozesskette anzeigen können. Erst bei mehrfach erhöhten Grenzwerten beginnt eine Gesundheitsgefährdung. Hier wird bewusst skandalisiert, und zwar von denen, die sich mehr Absatz, mehr Stimmen, Karrierevorteile etc. versprechen. Wenn die „Grenzwerte“ für Aflatoxin irgendwas mit Gesundheitsgefahren jenseits dieser Werte zu tun hätten, dürften wir keine Nüsse mehr essen, denn da sind hierzulande viel höhere Werte erlaubt. Der Höchstgehalt für Aflatoxin B1 – die bei weitem giftigste Verbindung – beträgt für Mandeln, Pistazien und Aprikosenkernen 8,0 µg/kg sowie für Haselnüsse und Paranüsse 5,0 µg/kg. Der maximal zulässige Gesamtaflatoxingehalt ist für Mandeln, Pistazien, Aprikosenkerne, Haselnüsse und Paranüsse auf 10,0 µg/kg festgesetzt. Für Erdnüsse und andere Schalenfrüchte bzw. andere Ölsaaten liegen die Höchstgehalte bei 2,0 µg/kg für Aflatoxin B1 und 4,0 µg/kg für die Summe der Aflatoxine. Bei Getreide liegt der Grenzwert bei 2 µg/kg und bei Milch bei 0,05 µg/kg 3. Es ist bisher nur eine Milchprobe gefunden wurden, die über dem warnenden Grenzwert liegt (0,057 µg/kg 4) – eben die, die den ganzen Wirbel ausgelöst hat, alle anderen getesteten 800 Proben sind einwandfrei, so dass nun selbst der neue grüne Landwirtschaftsminister Christian Meyer in Niedersachsen Entwarnung geben muss, natürlich nicht ohne den Hinweis, dass Biomilch nicht betroffen ist. 5

Mais wird eher schimmlig als andere Getreidearten, weil er sehr spät reif wird und manchmal lange unreif im nassen Herbst rumsteht, rumstehen muss, schließlich kann man nicht bei jedem Wetter aufs Feld. Darum ist dem Mais sogar ein etwas höherer Grenzwert gegönnt. Aus diesem Grund vermutet man in Cornflakes (werden aus Mais – Körnermais – hergestellt) eher höhere Schimmelpilzgiftkonzentrationen als in anderen Müslis 6. Da der Mais für die Cornflakes aber fast immer Importmais ist, der aus heißeren Regionen stammt, ist er kaum höher als anderes Getreidemüslis belastet – egal ob bio oder konventionell, übrigens. Der Importeur des Maises wird sich nun mit dem Verkäufer streiten müssen, wer für die Teilkontamination der Ladung verantwortlich ist. Es ist ja nicht die ganze Ladung kontaminiert, andere Proben der Ladung sind unauffällig. Der Verkäufer wird den Spediteur ins Spiel bringen, der eventuell eine Luke bei Regen nicht schnell genug geschlossen hat. Vermutlich wird die gesamte Ladung in einer Biogasanlage landen und zu Biostrom werden.

Grenzwertüberschreitung bei Schimmelpilzgiften sind nichts Ungewöhnliches. Es hat sie in den letzten Jahren immer wieder gegeben – sogar bei Lebensmitteln, z.B. bei Bio-Buchweizen, Obst- und Gemüsesäften sowie Bio-Nudeln. Diese Fälle wurden aber medial kaum beachtet 7. Der aktuelle Fall in Niedersachsen lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit vom vorletzten Lebensmittelskandal in Niedersachsen ab, dem um angeblich überfüllte Legehennenställe aus biologischer und konventioneller Haltung. Hier wurde hinsichtlich der Information der Presse von Seiten der Landesbehörden und -ministerien bisher auffallend wenig Eifer gezeigt. Es wurden keine Zahlen genannt, wie viele konventionelle und Biobetriebe betroffen sind, ob die Biobetriebe einem Verband angehörten, wie hoch die Überbelegungen im Schnitt und im Verhältnis zur Gesamtzahl der Hennen waren etc. Dafür steigt die Zahl der Meldungen, dass die Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt wurden 8. Der „größte Kriminalfall in der deutschen Agrarwirtschaft seit langer Zeit“, der „systematische Verbraucherbetrug“ (Niedersachsens Landwirtschaftsminister Meyer) 9 schmilzt dahin wie der Schnee in der Märzsonne, wird zur Erbsenzählerei einer anscheinend unterbeschäftigten Staatsanwaltschaft in Oldenburg. Nur, etwas bleibt immer zurück – die wachsende Verunsicherung der Verbraucher – und das nutzt zufällig genau denen, die vorher so sehr übertrieben haben.

Der eigentliche Skandal ist der Skandal selbst

Bei dem aktuellen Skandal um „vergiftete Milch“ wird wieder so getan, als ob staatliche Institutionen etwas besonders Skandalöses aufgedeckt hätten. So können sich dann verschiedene Staatsdiener als Retter der Verbraucher inszenieren. Tatsächlich „aufgedeckt“ wurde aber nur die Grenzwertüberschreitung bei einer einzigen Milchprobe – eine Lappalie also, die bei Routinekontrollen immer ans Licht kommen kann. So etwas nennt man in der Praxis Verbraucherschutz und nicht einen Lebensmittelskandal. Ohne rationale Grundlage wird eine Panik bei den Verbrauchern heraufbeschworen, weil diese mit den veröffentlichten Werten überhaupt nichts anfangen können, wenn niemand sie über deren eigentliche Bedeutung aufklärt. Das ist Verbrauchertäuschung! Und zwar durch dieselben öffentlichen Akteure, die sonst „Verbraucheraufklärung“ immer ganz groß auf ihre Fahnen schreiben. Der eigentliche Skandal ist also der Skandal selbst. Dieser wird von interessierten Kreisen schamlos instrumentalisiert. Dabei ist die Inkompetenz der verantwortlichen Akteure ebenso beklemmend, wie die fehlende Kritik durch die Medien, die jeden Unsinn zu glauben scheinen.