18.01.2017

Gesunde Ernährung als Schulfach?

Kommentar von Thilo Spahl

Titelbild

Foto: vikvarga via Pixabay / CC0

Salzarmes Gemüsekochen gehört nicht auf den Stundenplan.

Ernährungsminister Christian Schmidt hat das Grünbuch „Ernährung, Landwirtschaft, ländliche Räume“ mit Leitlinien der künftigen Landwirtschafts- und Ernährungspolitik vorgestellt. Zu den Kernforderungen zählt, die „Ernährungsbildung völlig neu“ zu denken, und die Einführung eines Schulfachs „Ernährungsbildung“.

Wozu sollte ein solches Schulfach gut sein? Im Grünbuch lesen wir:

 „Die aktuelle Forschung zeigt, dass besonders die ersten 1000 Tage im Leben eines Kindes für seine Entwicklung und seine Gesundheit auch im Erwachsenenalter prägend sind. Es ist folglich besorgniserregend, wenn immer mehr Menschen bereits im jungen Alter unter schwerem Übergewicht leiden – oft verbunden mit körperlicher Inaktivität – und infolgedessen ein erhöhtes Risiko für verschiedene Krankheiten tragen.“

Soso, die ersten 1000 Tage. Ab Tag 1001 darf man dann aufatmen. Und spätestens vom dritten Geburtstag an – zum letzten Mal wird in einem Abschwörritual Capri Sonne gereicht -  ist alles in geordneten Bahnen und die lebenslange Präferenz für Biomöhren gefestigt.  Was die „aktuelle Forschung“ alles so herausfindet! Da kann man schon staunen.

„Bei Kindern in Deutschland ist Übergewicht insgesamt rückläufig“

Man kann aber auch mal auf die Seiten des Robert-Koch Instituts gehen und nachschauen, wie es eigentlich um die Zunahme der gefürchteten dicken Kinder steht. Hoppla, was hat die Forschung hier rausgefunden: Bei Kindern in Deutschland ist Übergewicht insgesamt rückläufig.

Egal, Mathe und Rechtschreibung werden ohnehin überschätzt. Was können die schon zur Gesundheit beitragen? Also werden ein paar Stunden jede Woche abgezwackt und gesundes Essen unterrichtet. Weil vielleicht sind es ja nicht die ersten 1000 Tage, die über Wohl und Wehe entscheiden, sondern die ersten 1000 Wochen. Dann wäre bis zum Abitur auch noch einiges zu retten.

Foodwatch gegen Ernährungsunterricht

Nanu? Deutliche Kritik bekommt der Minister von Foodwatch: „Das ist kein Bildungsproblem, sondern ein Problem des Angebots, das die Lebensmittelwirtschaft uns vorsetzt“, sagt Oliver Huizinga, ein sogenannter „Campaigner“ (deutsch „Kampagner“? – problematisch, weil zu nah an schaumweinsteuerpflichtigem Getränk aus nicht regionaler Erzeugung). Ernährungsunterricht sei nicht die Lösung. Schuld seien nämlich nicht die Verbraucher, sondern die Industrie, die ihnen ungesundes Zeugs verkauft, und damit letztlich der Gesetzgeber, der das nicht verbietet.

„Mathe und Rechtschreibung werden ohnehin überschätzt. Was können die schon zur Gesundheit beitragen?“

Jens Baas, Chef der Technikerkrankenkasse (TK), die sich mit Foodwatch im Kampf gegen die falsche Ernährung zusammengetan hat, sieht ebenfalls Industrie und Politik in der Pflicht: „Gesunde Ernährung liegt im Trend, fällt aber vielen schwer. Wenn ich für den Besuch im Supermarkt ein Biochemiestudium benötige, um Zucker in der Zutatenliste überhaupt identifizieren zu können, wenn ich Licht und Lupe brauche, um diese Liste überhaupt lesen zu können, läuft etwas falsch.“

Ich kann Herrn Baas versichern: Um ein Stück Brokkoli von einem Schokoriegel zu unterscheiden, braucht man kein Biochemiestudium. Mit solchen Behauptungen wird suggeriert, Lebensmittel seien mit einem Gift namens Zucker kontaminiert, ohne dass der Verbraucher eine Chance hätte, das zu bemerken. Was für ein Unsinn! Selbst Eltern, die im alten Unterrichtskanon noch Latein statt Selleriestickbasteln auf dem Stundenplan hatten, schaffen das.

Teuflische Werbung

Einigkeit besteht bei Minister und Foodwatch dagegen, wenn es um die medialen Verführungen des Alltags geht. Mit der Werbung kann es so nicht weitergehen! Im Grünbuch steht daher:

 „Wir wollen uns mit den Wirtschaftspartnern auf selbstverpflichtende, verifizierbare Regelungen zur Werbung von und mit Kindern unter zwölf Jahren verständigen, damit irreführende Werbeaussagen in dieser sensiblen Zielgruppe keine falschen Kaufanreize setzen.“

„Um ein Stück Brokkoli von einem Schokoriegel zu unterscheiden, braucht man kein Biochemiestudium“

Was soll das heißen? Sind neuerdings Kinder im Grundschulalter für ihre Ernährung selber zuständig? Haben sie keine Eltern, die bestimmen, was gegessen wird?

Moment. Habe ich gesagt, Minister und Foodwatch seien sich einig? Stimmt nicht ganz. Der Minister will es zunächst freiwillig versuchen. Erst wenn das nicht klappt, „sind regulative Eingriffe angezeigt“.

Ganz anders bei Foodwatch. Hier ist man weniger zimperlich, wenn es um falsche Kaufanreize geht. Huizinga fordert auf der Pressekonferenz zur TK-Studie von der Bundesregierung, „Maßnahmen zu ergreifen, die uns allen eine gesunde Wahl erleichtern.“ Darunter versteht er unter anderem, „dass die Werbung, die sich an Kinder richtet, nur für gesunde Produkte erlaubt ist.“ Und da auch Foodwatch das mit den 1000 Tagen nicht überzeugt, sollen wir bis „mindestens 16 Jahre“ als Kinder gelten.

Als nächster Schritt wird dann wahrscheinlich Werbung verboten, die sich an junge Eltern richtet, die noch nicht das gesundheitslehrenangereicherte Schulsystem durchlaufen haben. Und natürlich Großeltern. Das sind ja bekanntlich die Schlimmsten, wenn es darum geht, den sensiblen Kleinen Teufelszeug zuzustecken. Nicht zu vergessen Fußballspieler. Die dürfen in der Öffentlichkeit keine jugendgefährdenden Schokoriegel mehr essen.

„Wann sollte die Kindergärtnerin beim Blick in die Brotbox zufrieden nicken?“

In Hinblick auf die Positivliste gesunder Lebensmittel kommen knifflige Fragen auf. Was ist gesünder, eine Nektarine oder ein Glas Cola? Beide haben einen Zuckergehalt von 12 Prozent. Wann sollte die Kindergärtnerin beim Blick in die Brotbox zufrieden nicken? Wenn sie dort eine Nektarine findet oder eine Kindermilchschnitte?

Die Milchschnitte hat 8,3 Gramm Zucker, die Nektarine (durchschnittlicher Größe) mit 18 Gramm mehr als doppelt so viel. Egal. Für die Positivliste von Lebensmitteln mit U-16-Werbeerlaubnis wenden Sie sich einfach vertrauensvoll an ihren Wächter in Sachen Volksgesundheit und Schutz der Deutschen vor sich selbst.

Männer als schlechtes Vorbild

Ermittelt hat die TK/Foodwatch-Studie auch den negativen Einfluss des männlichen Geschlechts. „Männer wollen Genuss, Frauen ist die Gesundheit wichtig - auf diese vereinfachte Formel lassen sich die Befragungsergebnisse bringen“, teilt uns die Krankenkasse mit.

Da im Mittelpunkt der Kampagne um die gesunde Ernährung das Übergewicht steht, wundert man sich, dass trotz der „falschen“ Einstellung zur gesunden Ernährung weltweit nur einer von zehn Männern stark übergewichtig ist, während bei den Frauen jede siebte betroffen ist.

In Deutschland ist der Unterschied nicht so groß. Aber auch hier liegen die Frauen mit 23,9 Prozent gegenüber den Männern mit 23,3 Prozent in Sachen Adipositas leicht vorne.