20.08.2013

Geschlechterpolitik als Herrschaftsinstrument

Essay von Matthias Heitmann

In Zeiten, in denen es der Freiheit und der Mündigkeit von Menschen an den Kragen geht, wird staatliche Gleichstellungspolitik zu einem Problem für Frauen und Männer. Eine Kritik an der neuen Frauenbewegung von oben.

In Europa ist die Vertretung von Fraueninteressen Chefsache. Die EU-Kommission hat im November 2012 auf Betreiben der EU-Kommissarin für Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft, Viviane Reding beschlossen, den 5000 börsennotierten Wirtschaftsunternehmen Europas ab dem Jahr 2020 eine 40-prozentige Frauenquote in Führungspositionen vorzuschreiben. Reding sieht das Gesetz als Durchbruch und hofft auf eine Kettenreaktion in Wirtschaft und Gesellschaft. EU-Parlament und Ministerrat müssen dem Gesetz noch zustimmen, und elf EU-Mitgliedsstaaten wehren sich bisher gegen das Projekt. Auch die Bundesregierung zögert. Uneinigkeit herrscht bislang darüber, ob es eine starre und allgemeinverbindliche Quotenregelung geben soll, wie die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Ursula von der Leyen (CDU), fordert, oder ob der Gegenvorschlag der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Kristina Schröder (ebenfalls CDU), angenommen wird, der Unternehmen im Rahmen einer „Flexi-Quote“ mehr Entscheidungsfreiheit einräumt.

Doch obwohl sich alle Bundestagsparteien darüber einig sind, dass eine Quotenregelung in der einen oder anderen Form notwendig ist: Es gibt auch grundsätzliche Kritik an der Quotenpolitik. Das Nachrichtenmagazin Focus hob den öffentlichen Protest zahlreicher prominenter und beruflich erfolgreicher Frauen im Januar sogar auf seine Titelseite [1]. Zu Recht kritisieren dort Frauen, dass ihre einzig auf ihren professionellen Fähigkeiten beruhende berufliche Position durch die Quotenregelung untergraben werde. Ebenfalls weisen sie darauf hin, dass eine Quote in Aufsichtsräten nicht dazu führt, dass sich der weiterhin sehr niedrige Frauenanteil in naturwissenschaftlichen Studiengängen erhöht. Des Weiteren werden die anhaltend mangelhaften Bedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kritisiert, die das weitaus größere Problem für die meisten Frauen seien. Auch die fehlende Umsetzbarkeit von Frauenquoten in klassischen Männerberufen und den dazugehörigen Branchen wird thematisiert wie der Umstand, dass Quotenregelungen die Entscheidungsfreiheit von Unternehmen einschränken, die für den Erfolg in einer freien Wirtschaft unerlässlich sei. Nicht zuletzt pochen viele auf einen pragmatischen Umgang mit dem Thema und betonen, dass Qualität und Expertise im Berufsleben wichtiger sein sollten als die Geschlechterzugehörigkeit.

All diese Argumente sind richtig und wichtig. Doch dennoch scheinen sie nicht auszureichen, um die öffentliche Meinung so zu positionieren, dass sich ein nennenswerter und wirksamer Widerstand gegen die Frauenquote entwickelt. Warum ist das so? Weitere Fragen stehen im Raum: Wieso findet die Auseinandersetzung eigentlich fast nur innerhalb einer einzigen Partei statt, die noch dazu im konservativen Milieu verwurzelt ist? Weshalb scharen sich mehr oder weniger alle anderen politischen Parteien um diese beiden Pole? Wie kann es sein, dass die Frauenquote, die vor 30 Jahren als links-alternative Kampfparole galt und von den Konservativen gescheut wurde wie das Weihwasser vom Teufel, heute von genau diesen durchgesetzt wird? Und warum tun sie dies gerade jetzt, obwohl es keinen nennenswerten Druck vonseiten der Bevölkerung gibt, dieses Thema anzugehen?
Um dieses komplexe Fragenknäuel zu entwirren, genügt es nicht, die Argumente für und wider die Frauenquote unabhängig von den heute in der Gesellschaft verbreiteten Wertvorstellungen zu betrachten. Die in der Quotendiskussion vertretenen Standpunkte sind zum größten Teil in kaum veränderter Form seit mehr als 30 Jahren im Umlauf und damit weder neu noch originell. Der viel wichtigere und aufschlussreichere Film läuft in einem ganz anderen Kino: Er müsste „Völlig losgelöst“ heißen, was sich darauf bezöge, dass der aktuellen Quotendebatte jeglicher Bezug sowohl zu den einst mit den konkreten Forderungen der Frauenbewegung verbundenen gesellschaftlichen Visionen als auch zur heutigen gesellschaftlichen Wirklichkeit fehlt. Auffällig ist zudem, dass der Streit um die Quote der Politik nicht „von unten“ aufgedrängt, sondern von der politischen Elite selbst angefacht wird, was ihm eine völlig neue Bedeutung verleiht. Die aktuelle Gleichstellungspolitik dreht sich im Kern nicht um den gleichberechtigten Zugang von Männern und Frauen zu den Schaltzentralen der politischen und wirtschaftlichen Macht, sondern sie reflektiert den Konflikt zwischen unterschiedlichen Wertesystemen, die den Geschlechtern zugeschrieben werden.

Frauenbewegung von oben

Wie weit entfernt die aktuelle Debatte über die Frauenquote von der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen tatsächlich ist, wird deutlich, wenn man sich die allgemeine Stimmungslage in der Bevölkerung vergegenwärtigt. Während hier eine starke Ablehnung von Machtstreben und Karrierismus in Politik und Wirtschaft grassiert, konzentriert sich die „Frauenbewegung von oben“ auf die paritätische Besetzung von Aufsichtsräten in Großunternehmen und damit auf Bereiche des Lebens, die für die überwiegende Mehrheit von Frauen und Männern keinerlei Relevanz haben. Während also in der Bevölkerung – und gerade auch bei Frauen – der Wunsch, das eigene Leben auf die berufliche Karriere auszurichten, eher an Anziehungskraft verliert, kämpfen Politiker beiderlei Geschlechts und jeglicher Couleur plötzlich dafür, mehr Frauen in Führungspositionen zu hieven.
In der gesellschaftlichen Realität sind vor allen Dingen berufstätige Mütter mit Benachteiligungen konfrontiert. Ginge es tatsächlich darum, Frauen aller gesellschaftlichen Schichten beim Karrieremachen zu unterstützen, hätten die beiden CDU-Bundesministerinnen von der Leyen und Schröder sich darauf konzentrieren müssen, die weiterhin ungenügenden Kinderbetreuungsangebote zu verbessern. Dass aber gerade hier die gesteckten Ziele nicht erreicht werden, ist bezeichnend. Lieber brüstet man sich öffentlich mit der Aufsichtsratsquote und tut alles dafür, dieses Thema möglichst getrennt von der Frage der Kinderbetreuung zu behandeln. Während man mit der Aufsichtsratsquote auf einfachem (und kostengünstigem) Wege positive Schlagzeilen zu machen glaubt, ist die tatsächliche Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituationen eines großen Teils der berufstätigen Frauen ein Projekt, das nicht so einfach und billig zu haben ist. Dies entlarvt den medienwirksamen Einsatz für die Aufsichtsratsquote als offensichtliche Augenwischerei.
Es sind nicht zuletzt solche Erfahrungen, die dazu führen, dass ein Großteil der Menschen nur sehr wenig Hoffnung in die Politik und in ihr Potenzial setzt, die Situation im Lande wirklich zum Positiven zu verändern. Auch wenn der Einsatz von Politikern für die Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen grundsätzlich auf breite Zustimmung trifft, überwiegt doch das Misstrauen gegenüber „denen da oben“. Dieses Misstrauen richtet sich aber ebenso gegen „die hier unten“, also gegen den Mitmenschen. Die Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation ist greifbar. Aber anders als vor ein paar Jahrzehnten mündet diese Unzufriedenheit nicht in Konflikte, die in einer politischen Arena zwischen verschiedenen politischen Akteuren und Organisationen auf der Basis von klar umrissenen politischen Konzepten ausgetragen werden. Stattdessen befördert das verbreitete Empfinden, man könne die Zustände ohnehin nicht verändern, den Rückzug der Menschen aus der „politischen“ Öffentlichkeit und einen grundsätzlichen Zynismus gegenüber dem gesamten politischen Prozess. Dieser wendet sich nicht minder stark gegen den Bereich der Wirtschaft: Auch von diesem wird wenig erwartet, er gilt – zumindest, was die Führungsetagen betrifft – also ebenso korrupt wie der politische.

Karrierestreben ist „männlich“ und „out“

Viele Menschen haben sich auch aufgrund dieser Erfahrungen dafür entschieden, sich von diesen Feldern möglichst fernzuhalten und ihr Glück im Privatleben zu suchen. Begriffe wie „Worklife-Balance“, die rasant wachsende Sorge vor „Burnout“ und stressbedingten Depressionen, der Wunsch nach mehr Zeit für familiäre Geborgenheit, nach mentaler und körperlicher „Wellness“ sowie der Hang, den Sinn des Lebens außerhalb gesellschaftlicher Zusammenhänge zu finden, sind Belege für diese Abkehr von der öffentlichen Teilnahme und Teilhabe.

Die Ablehnung des politischen und wirtschaftlichen Karrierismus führt so weit, dass vielfach davon ausgegangen wird, ein solches Streben könne schnell in Fanatismus und Einseitigkeit umschlagen und sei häufig sogar die Folge persönlicher Defizite und psychischer Deformationen. So gesehen entspricht der radikale Extremist in der politischen Arena dem gewissenlosen Gierhals im Wirtschaftsleben. Beiden gemein, so heißt es, sei der ausgeprägte politische wie ökonomische Machthunger, der zwangsläufig korrumpierende Auswirkungen habe. Macht- und Geldgier verderben den Charakter oder sind Ausdruck eines bereits verdorbenen Charakters – daran besteht bei einem Großteil der Menschen kein Zweifel. Dies gilt nicht nur auf der persönlichen Ebene, sondern auch gesellschaftlich: Die Mehrheit der Bevölkerung hierzulande ist davon überzeugt, dass die Menschen in ihrem egoistischen und rücksichtslosen Streben nach mehr Macht, Kontrolle und Wachstum zu weit gegangen seien und so nicht nur die Wirtschaftskrise, sondern auch zahlreiche Katastrophen und nicht zuletzt die Umweltzerstörung und den Klimawandel verursacht hätten.

Viele dieser heute so unpopulären Zielvorstellungen und Handlungsweisen werden als „klassisch männlich“ umschrieben. Zu diesen „männlichen“ Attributen gehören neben dem Streben nach Wachstum, Macht und Geld der Hang zu Brutalität und rücksichtsloser Gewalt, zu kühler Rationalität und Technikbesessenheit, zu übersteigertem Ehrgeiz und Fanatismus. Gleichzeitig zeichnet sich in der weit verbreiteten Vorstellung „das Männliche“ durch das Fehlen von Sinnlichkeit, Emotionalität, sozialem Gewissen und menschlicher Empathie sowie durch den Mangel an persönlicher Tiefe und familienorientierter Ausgeglichenheit aus. Diese dem „Männlichen“ abgehenden Werte und Eigenschaften werden als „weiblich“ beschrieben. Sie gelten als Gegenmodell zur althergebrachten Maskulinität und sind bei vielen sich als modern empfindenden Menschen entsprechend hoch im Kurs. Femininen Werten zum Durchbruch zu verhelfen, gilt als erstrebenswertes Ziel. Menschen mit solchen Eigenschaften werden darüber hinaus als stabiler, verlässlicher, kreativer – kurz gesagt: als „menschlicher“ angesehen. Vertreter der alten Männlichkeit sind „out“, Protagonisten der Weiblichkeit sind „in“ – unabhängig davon, ob sie nun Männer oder Frauen sind.
Auch in der Diskussion um die Frauenquote wird auf dieser Werteebene operiert. Die Quotenbefürworter argumentieren, sie wollten weiblichen Werten in Wirtschaft und Politik zum Durchbruch verhelfen, die Dominanz des männlichen Denkens in den Chefetagen brechen und über die gezielte Förderung von Karrierefrauen positive weibliche Vorbilder schaffen. Diese Zielsetzungen erfreuen sich großer Zustimmung, scheinen sie doch altbekannte Forderungen der Frauenbewegung aufzugreifen. Dennoch dürfte es nicht so sehr der Mangel an weiblichen Vorbildern sein, der Frauen davon abhält, sich ihrem beruflichen Aufstieg zu widmen. In der bereits zitierten Focus-Ausgabe weisen einige erfolgreiche Frauen explizit darauf hin, dass gerade die Frauenquote droht, Frauen mit Vorbildpotenzial zu „Quotenfrauen“ zu stempeln. Viel hemmender als der Vorbildermangel ist zudem die – interessanterweise gerade auch bei jungen Erwachsenen – verbreitete Vorstellung, dass sich Frauen aufgrund ihrer spezifisch weiblichen Charaktereigenschaften einfach besser für die Erziehung ihrer Kinder eignen als Männer. Hieran wird deutlich, dass geschlechtsspezifischen Wertezuschreibungen gerade auch karrierebewussten Frauen im Wege stehen.

Elitäres „Society-Building“

Das Streiten für die Aufsichtsratsquote sollte aber nicht einfach nur als Ablenkungsmanöver abgetan werden. Es macht vielmehr die in Politikerkreisen vorherrschende Sichtweise deutlich, der zufolge gesellschaftliche Veränderungen nicht durch eine Verbesserung der Alltagswirklichkeit der Menschen, also durch eine Vergrößerung ihrer individuellen Gestaltungs- und Entfaltungsräume, sondern besser durch eine möglichst umfassende Regulierung ihrer Lebens- und Arbeitsverhältnisse bewerkstelligt werden können. Anstatt also Freiheiten zu vergrößern, die Fortschritte im Sinne einer wirklichen „Emanzipation“ (verstanden als Akt gesellschaftlicher und politischer Selbstbefreiung) ermöglichen, gibt die Politik einmal mehr ihrem Hang nach, per Gesetz und Kontrolle die Veränderungen von oben zu erzwingen, deren tatsächliche Entwicklung von unten sie aber weder unterstützen kann noch unterstützen will. Angela Merkels Aussage auf dem CDU-Parteitag Anfang Dezember 2012 zur Quotendebatte, ihre Geduld gehe zur Neige und sie wolle „jetzt endlich Resultate sehen“, galt zwar vordergründig dem innerparteilichen Streit über die effektivste Variante der Frauenquote. Sie ist aber durchaus symptomatisch für den elitären Politikansatz des „Society-Buildings“: Wenn Menschen und Organisationen sich nicht so entwickeln, wie von der ungeduldigen „aufgeklärten“ Entscheidungselite gewünscht, so wird – ohne nach den Ursachen für das Ausbleiben der gewünschten Entwicklung zu fragen – diese Veränderung kurzerhand „beschlossen“.

Diese Art, Gesellschaft zu „gestalten“, ist heute in sehr vielen Bereichen anzutreffen. In der Energiepolitik genauso wie in der Integrationspolitik, in der Wirtschafts-, Finanz- und Arbeitsmarktpolitik, in der Familienpolitik und in der Umweltpolitik: Überall schwingt man sich dazu auf, als „alternativlos“ geltende Ziele ungeachtet ihrer eventuell fehlenden Unterstützung in der Bevölkerung durchzusetzen. Sehr häufig versucht man, diesen autoritären Deklarationsstil dadurch zu legitimieren, dass man die Ursachen der zu überwindenden Zustände im Verhalten der Menschen verortet und sich somit als wohlmeinender Wegbereiter und Außenbordmotor eigentlich zivilgesellschaftlicher Entwicklungsprozesse positioniert. Dieser Drang, die Gesellschaft bis in privatwirtschaftliche Unternehmen und private Lebensverhältnisse hinein staatlich zu organisieren und zu „optimieren“, trifft auf prinzipielle, wenngleich in konkreten Fällen auch skeptische Zustimmung. In der Regel ist aber die Sichtweise, dass „den lieben Mitmenschen“, ob in den Vorstandsetagen oder auch nur im Nachbarhaus, eben nicht zu trauen und auch nicht zuzutrauen sei, von selbst und ohne Zwang von oben Missstände zu beheben, stärker als die Skepsis gegenüber Vater Staat. Daher wird die Politik des elitären „Society-Building“ oft als das kleinere Übel akzeptiert.

Politik als feministische Gesellschaftstherapie

Das Frauenthema eignet sich hervorragend für diese Form der Gesellschaftsgestaltung von oben. Groteskerweise gelten gerade die seit den 1960er-Jahren erreichten Fortschritte in Bezug auf die Gleichberechtigung von Frauen heute als Indizien dafür, dass es noch viel weitergehender staatlicher Intervention in das Leben der Menschen bedarf, um Frauen nach vorne zu bringen. Feministinnen, Frauenrechtlerinnen und Wissenschaftlerinnen der so genannten „Gender Studies“ beklagen die reale Benachteiligung von Frauen, die trotz der rechtlichen Gleichstellung weiter existiere und sich in den verschiedenen Berufsbiografien und eben in der Unterrepräsentanz von Frauen in Aufsichtsräten zeige. Die Schlussfolgerung, die daraus gezogen wird, lautet: Gleichheit und Gleichberechtigung reichen nicht aus. Es bedarf einer Politik, die sich nicht auf der formalen Gleichbehandlung ausruht, sondern durch gezielte Förderung von Frauen, auch im Sinne einer so genannten „Positivdiskriminierung“, also einer gezielten Ungleichbehandlung von Männern und Frauen, die Möglichkeiten der letzteren durch die Beschneidung der Möglichkeiten der ersteren verbessert. Dies ist der Grundgedanke des Gender-Mainstreaming, das seit 1999 offizielles Ziel der Gleichstellungspolitik der Europäischen Union ist und mittlerweile in alle Politikfelder hineinwirkt.

Das Thema ist aber auch deswegen gut für das Popularisieren einer autoritären Regulationspolitik geeignet, da sich unter Hinweis auf vermeintlich tiefsitzende geschlechtsspezifische Verhaltensmerkmale der eigentliche demokratische Souverän – die Wahlbevölkerung – leicht vom Handelnden in den Behandlungsbedürftigen umdefinieren lässt. Die Politik der Gleichberechtigung – und klassische Politik verstand sich eben in erster Linie als Bereitstellerin rechtlicher Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich eine Gesellschaft möglichst frei und dynamisch entwickeln soll – wird aufgrund fortbestehender Unterschiede in den Geschlechterrollen als ungenügend kritisiert. In klassisch-feministischer Tradition werden die Hauptursachen für die fortbestehenden Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht allein in der mangelhaften Ausgestaltung gesellschaftlicher Strukturen gesucht, sondern deren Existenz als Ausdruck männlicher Dominanz interpretiert. Die Akzentverschiebung wird deutlich: Das Problem sind nicht mangelhafte Strukturen an sich (die man ja gemeinschaftlich verändern könnte), das Problem sind die Männer, die in ihrer maskulinen Identität und in ihrem maskulinen Wertegebäude gefangen sind und gar kein eigenes Interesse an einer Stärkung der Position der Frauen entwickeln können. Dieser eigentliche Missstand, so die logische Konsequenz, ist nicht mit den Mitteln herkömmlicher Politik zu lösen. Er muss „behandelt“ werden, auf allen Ebenen des öffentlichen wie privaten Lebens.

Das Zusammentreffen dieser Problemdeutung mit dem bereits beschriebenen gesellschaftlichen Klima, das von gegenseitigem Misstrauen, dem Fehlen positiver Zukunftsaussichten, dem Rückzug ins Private, dem Mangel an gesellschaftlichem Zusammenhalt und dem Zurückschrauben persönlicher Erwartungen geprägt ist, macht Frauenpolitik zu einem idealen Herrschaftsinstrument. Wenn Probleme auf gesellschaftlicher Ebene nicht mehr als solche diskutiert, sondern als Manifestationen individueller psychischer und geschlechtstypischer Verformungen interpretiert werden, die einer flächendeckenden Behandlung bedürfen, entsteht eine Politikform, die man getrost als „therapeutischen Autoritarismus“ bezeichnen kann. Sie ist autoritär, weil der einstige „Souverän“ als Gestalter ausfällt und mit allen Mitteln und „alternativlos“ auf den rechten Weg zu führen ist, und sie ist therapeutisch, da der einzige Ausweg, der sich anzubieten scheint, in einer die vermeintlich grundlegenden geschlechtsspezifischen Charaktereigenschaften ausmerzenden Intensivbehandlung liegt – bei Männern wie bei Frauen.

„Weiblichkeit“ als Feigenblatt der Stagnation

Die Popularität „weiblicher Werte“ ist nicht verwunderlich: Sie passen einfach sehr viel besser in die heutige Welt als der als „männlich“ geltende Anspruch, in Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft etwas zu bewegen, sich für große Ziele einzusetzen und der Welt seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Wenn der Glaube daran, dass es Sinn machen kann, einen solchen Anspruch gegenüber sich selbst und anderen zu formulieren, so zynisch betrachtet wird wie heute, dann erscheint die Abkehr von solchen „männlichen“ Ambitionen als nahezu logisch. Wir leben nicht in Zeiten, in denen Menschen dadurch populär werden, dass sie selbstbewusst und ehrgeizig ihre Vorstellungen durchsetzen, nach Höherem streben oder gar die Welt verändern wollen. Beliebt und akzeptiert sind eher diejenigen, die sich solchen Ambitionen und Anforderungen entziehen, die nach Alternativen jenseits der viel beschworenen „Leistungsgesellschaft“ suchen und die nach dem Motto „Weniger ist mehr“ das Gute in Bescheidenheit, Anpassung an niedrigere Standards und im Verzicht finden. Dies sind allesamt Vorstellungen, die gemeinhin als Abkehr vom traditionell männlichen Rollenverständnis gelten. Und sie werden nicht nur von vielen Männern geteilt. Umgekehrt werden auch Frauen, die sich dieser Definition von Weiblichkeit widersetzen und stattdessen einen „männlichen“ Ehrgeiz an den Tag legen, mindestens genauso argwöhnisch betrachtet wie ähnlich denkende und handelnde Männer.

Die Bedeutung dieser Wertedimension wird im Eifer des aktuellen Gefechts um die Frauenquote weitgehend außer Acht gelassen. Man arbeitet sich an den geäußerten Argumenten und Gegenargumenten ab, ohne die dahinterstehenden geschlechtsspezifischen Wertezuschreibungen zu hinterfragen – auch die meisten Quotenkritiker tun dies nicht. Denn selbst in deren Reihen wird die Einschätzung vielfach geteilt, dass Menschen in ihrem Verhalten und ihrem Denken entscheidend von ihren geschlechtsspezifischen Charakteristika geprägt sind und sie allein kaum die Möglichkeit haben, sich von diesen Fesseln zu befreien, geschweige denn geschlechtsneutrale Interessen vertreten zu können. Dies führt zu einer Situation, in der den Menschen zunehmend die Fähigkeit abgesprochen wird – und sie diese dann in der Folge auch verlieren –, einander unvoreingenommen und auf Augenhöhe zu begegnen, gemeinsam Missstände anzugehen und über ihre Schatten zu springen. Gerade dies wäre aber notwendig: Mehr denn je braucht unsere Gesellschaft Menschen, die sich nicht mit dem zufriedengeben was ist, die bestehende Grenzen und Dogmen sowie scheinbar in Stein gemeißelte Identitäten infrage stellen und sich für Neues und Besseres einsetzen. Die postulierten Werte der „Weiblichkeit“ sind das Gegenteil davon, sie zementieren den Status quo und verhindern progressive Veränderungen. Wir brauchen mehr Männer und Frauen mit „Eiern“.