13.06.2012

Ist Schweden mit der Gleichstellung zu weit gegangen?

Kommentar von Nathalie Rothschild

An schwedischen Schulen wird zunehmend eine geschlechtsneutrale Politik vorangetrieben. Unter anderem gehört hierzu auch die Verwendung eines neuen Pronomens: „hen“ (es) statt „han“ und „hon“ (er und sie). Über die hitzige Genderdebatte im Land

Das Thema der geschlechtssensiblen Pädagogik – oder auch Genderpädagogik – hat in Schweden eine Kontroverse ausgelöst. Dabei geht es um ein Konzept, das in den frühen 2000er Jahren auftauchte und typischerweise die Auflösung von geschlechtsspezifischen Stereotypen in Lehrmaterialien beinhaltet. Außerdem soll vermieden werden, männliche und weibliche Schüler in stereotypisierender Weise zu behandeln. Nach Auffassung der Befürworter soll die geschlechtssensible Pädagogik die gesamte alltägliche Arbeit an den Schulen beeinflussen und nicht etwa nur als ein separates Fach gelehrt werden. Noch verschärft wurde die Debatte durch die weitergehende Forderung, dass die Schulen selbst auch geschlechtsneutral sein sollen, um den Kindern die Möglichkeit zu bieten, sich selbst weder als männlich noch als weiblich zu definieren, falls diese es wollen.

Das schwedische Bildungsministerium bestellte 2008 eine Kommission zur Gleichheit in Schulen ein, die die Gleichstellung der Geschlechter zu einem zentralen Thema der Bildungspolitik machte. Die Regierung gab 110 Millionen Schwedische Kronen (etwa 12,4 Millionen Euro) aus, um das Thema an den Schulen voranzutreiben. Das geschah mit Hilfe von Schulgesetzen, die von Lehrern verlangen, Geschlechterstereotypen aktiv entgegenzuwirken und die Geschlechtergleichstellung voranzutreiben.

Doch als die Grünen kürzlich vorschlugen, man solle an jeder Vorschule in Stockholm Genderpädagogen einstellen, warf man ihnen vor, eine extremistisch-feministische Agenda zu betreiben und dabei nicht die Interessen der Eltern zu berücksichtigen. Als sich herausstellte, dass einige Vorschulen geschlechtsspezifische Bezeichnungen aus ihrem Vokabular verbannt hatten, kam es zu einer Art nationalem Aufruhr. Es wurde ersichtlich, dass die meisten Schweden zwar die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter befürworten, aber nicht alle mit der Idee der geschlechtsneutralen Kindererziehung einverstanden sind.

Sind Gender-Studies ein elitäres Konzept?

Kristina Henkel, eine Gender-Expertin, die sich auf Gleichstellung an Schulen spezialisiert hat, bestreitet die Behauptung, dass Gender-Pädagogik und Geschlechterneutralität den Schweden aufgezwungen würden. „Schweden hat eine lange egalitäre Tradition, die stets starke Unterstützung unter Politikern fand“, sagt sie und fügt hinzu, dass „die Frage der Geschlechtsneutralität oder der gleichen Rechte auch von Graswurzel-Aktivisten befördert“ worden seien.

Elise Claeson, Kolumnistin und ehemalige Gleichstellungs-Expertin des schwedischen Berufsverbandes, widerspricht. „Ich habe lange an Debatten mit Gender-Pädagogen teilgenommen und sie benehmen sich wie eine Elite“, sagt sie. „Sie sind für gewöhnlich gut ausgebildet, leben in großen Städten, verfügen über Kontakte zu den Medien und verachten eindeutig traditionell lebende Menschen, sprich: Heterosexuelle, die in Kleinfamilien leben“.

Cleason war stets eine lautstarke Kritikerin des Wortes „hen“ (es), des neuen, geschlechtsneutralen Pronomens, das vor Kurzem in die Online-Version der National-Enzyklopädie aufgenommen wurde. Zur gleichen Zeit wurde Schwedens erstes geschlechtsneutrales Buch veröffentlicht. Der Autor, Jesper Lundqvist, benutzt das Wort „hen“ sein ganzes Buch hindurch und meidet die Worte „han“ und „hon“, schwedisch für „er“ und „sie“, gänzlich.

Für Cleason ist das Wort „hen“ schädlich für Kinder, da es verwirrend für sie sein könne, wenn man ihnen gegenläufige Botschaften hinsichtlich ihres Geschlechts in der Schule, zu Hause und in der Gesellschaft als Ganzer vermittle. „Für Kinder ist es wichtig, dass sie in ihrem Geschlecht bestätigt werden. Das schränkt Kinder nicht ein. Es macht sie mit ihrer Identität vertraut ... Es sollte Kindern erlaubt sein, langsam und natürlich aufzuwachsen. Als Erwachsene können wir uns dann entscheiden, unsere geschlechtlichen Identitäten zu erweitern oder zu ändern“.

Dennoch glauben viele, die sich für Geschlechtsneutralität einsetzen, dass gerade die Befreiung der Kinder von Geschlechterrollen und daran geknüpften Erwartungen ihnen mehr Wahlmöglichkeiten geben. „Kinder sollten Kinder sein dürfen, aber wir sollten sie nicht in Rollen einzementieren, die wir aus der Vergangenheit mit uns tragen“, sagt Lotta Rajalin, Direktorin von Egalia, einer 2010 eröffneten Stockholmer Vorschule.

Aufmerksamkeit erregte Egalia durch die Verbannung geschlechtsbezogener Bezeichnungen und ihre Bewerbung um eine LGBT-Zertifizierung durch den Schwedischen Verband für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen. Bei Egalia wurde alles – von den Büchern bis zum Spielzeug – sorgfältig ausgewählt, um stereotype Darstellungen zu vermeiden. Wenn Egalias Schüler, die zwischen einem und sechs Jahre alt sind, Vater-Mutter-Kind spielen, dann spielen sie die Rollen „Mama, Papa, Kind“ ebenso wie „Papa, Papa, adoptiertes Kind“. Eine wichtige Regel an der Schule ist das Meiden von Wörtern wie „Junge“ und „Mädchen“. Stattdessen sprechen die Lehrer die Kinder mit ihren Vornamen oder als Freunde an.

Egalia wurde einerseits als Meilenstein im Kampf für die Gleichheit der Geschlechter bejubelt, andererseits wurde es als kultähnliche Institution angegriffen, die Gehirnwäsche an Kindern verübe und eine radikalfeministische Agenda verbreite.

Die Gesellschaft holt den Staat ein

Auch wenn er sich ausgefallen anhören mag, ist Egalias Ansatz keine Randerscheinung. Frau Rajalin, die auch Direktorin sechs weiterer Vorschulen ist, erklärt, dass sie lediglich Anweisungen folge, die von der Regierung vorgegeben seien. Das 1998 veröffentlichte schwedische Curriculum für Vorschulen besagt: „Vorschulen sollten traditionellen, geschlechtsspezifischen Mustern und Rollen entgegenwirken. In Vorschulen sollten Mädchen und Jungen dieselben Möglichkeiten erhalten, ihre Fähigkeiten und Interessen zu erproben und zu entwickeln, und zwar ohne durch stereotype Geschlechterrollen eingeschränkt zu werden.“

Ingrid Lindskog von der nationalen Bildungsbehörde sagt, dass das Bemühen um Gleichstellung integraler Bestandteil der Schulausbildung sein müsse: „Themen zur Gleichstellung sollten in die Unterrichtsstunden einfließen. Wir brauchen Informationen darüber, wie Lehrer ihre Klassen planen, Gruppen zusammenstellen und wie sie auf Schüler reagieren, die einander schlecht behandeln – wenn ein Junge ein Mädchen drangsaliert oder umgekehrt, zum Beispiel.“ Und es sind nicht nur die Vorschulen, die verpflichtet sind, Geschlechtersensibilität in ihre Pädagogik zu integrieren. „Alle schwedischen Schulen haben die Verantwortung, traditionellen geschlechtsspezifischen Mustern entgegenzuwirken“, so Frau Lindskog.

Im vergangenen Herbst versammelten sich rund 200 Lehrer in Stockholm, um darüber zu diskutieren, wie „traditionelle geschlechtsspezifische Muster“ in Schulen verhindert werden könnten. Die Konferenz war Teil eines Forschungsprojekts, das von der nationalen Bildungsbehörde geleitet und von der Kommission für Gleichstellung in Schulen unterstützt wurde. Dieser Ansatz wird nun auch im Ausland übernommen.

„Ich arbeite mit diesen Themen in Finnland und Norwegen und für mich ist klar, dass sie von den schwedischen Vorschulen – und Schul-Curricula – inspiriert wurden“, sagt Frau Henkel, die Gender-Expertin. „In den Vereinigten Staaten wird seit 1980 etwas praktiziert, was sich anti-repressive Pädagogik nennt. Sie zielt darauf ab, dass niemand ausgeschlossen wird. Diese Ideen gibt es in vielen Ländern, aber hierzulande hat der Staat hart dafür gearbeitet, Schweden in diesen Fragen zu einer Vorbildnation zu machen.“

Henkel meint allerdings auch, die Gleichberechtigung der Geschlechter sei ein Anliegen, das nicht einfach dem Staat überlassen werden könne. Stattdessen, so sagt sie, müssten die Bürger aktiv einbezogen werden. „Rechte sind nicht etwas, das wir erhalten, ohne dafür kämpfen zu müssen. Hier geht es um eine Umverteilung von Macht, und dafür sind Initiative und Handeln der Bürger erforderlich, und nicht nur eine wohlmeinende Gesetzgebung.“