13.01.2016

Gegen Mensch und Umwelt

Analyse von Kolja Zydatiss

Ein Aktionsbündnis möchte in Berlin gegen die moderne Landwirtschaft demonstrieren. Die Angst-Propaganda der Organisatoren schadet den Verbrauchern. Die Bio-Landwirtschaft ist ein Rückschritt. Die „Agrarindustrie“ hat tatsächlich Großes geleistet.

„Wir haben Agrarindustrie satt!“ Mit diesem Slogan ruft ein Aktionsbündnis zum Protest gegen die Agrarindustrie auf. Ein Déjà-vu-Erlebnis, schließlich haben solche Demos inzwischen wie der 1. Mai, Christopher-Street-Day oder (regional bedingt) Fasching einen festen Platz im Ritualkalender der deutschen Großstadt. Veranstalter der für Samstag, den 16. Januar 2016, in Berlin geplanten Demonstration sind mit BUND, Attac und Campact die üblichen Verdächtigen. Diverse Vertreter von Partikularinteressen, vom Bundesverband Ökologischer Weinbau bis zum Demeter e.V. aus dem esoterisch-okkulten Waldorfmilieu, sind ebenfalls auf den Zug aufgesprungen. Auch die Feindbilder sind altbekannt. Es werden die üblichen Vorurteile gegen Großinvestoren, Pestizide, Antibiotika, Massentierhaltung und natürlich die „Agrogentechnik“ ausgepackt. [1]

Die Vorstellungen der Organisatoren, die ich fortan unter dem Begriff „Agrarkritik“ zusammenfassen werde, halte ich in vielfacher Hinsicht für problematisch:

1. Agrarkritik ist reaktionär

Die Veranstalter pflegen ein romantisierendes Landwirtschaftsbild, das Antworten in den Praktiken der Vergangenheit sucht. Deutlich wird dies schon an ihrer Eingangsfrage: „Wird unser Essen zukünftig noch von Bäuerinnen und Bauern erzeugt oder von Agrarkonzernen […]?“ [2] Im Gegensatz zum modernen und zutreffenderen Begriff „Landwirte“ soll die überkomme Bezeichnung „Bauern“ eine heile Welt suggerieren, die durch die moderne Landwirtschaft bedroht wird. Hier der rechtschaffene, heimatverbundene Bauer, der mit bewährten Methoden wie seine Vorväter die deutsche Scholle bewirtschaftet. Dort der raffende, effizienzoptimierende Großkonzern, der multinational – oder noch schlimmer: amerikanisch –, und damit schon per Definition böse ist. Das sind Denkschemata, wie sie schon die Propagandisten des Dritten Reiches pflegten. „Antikapitalismus“ der reaktionärsten Art, der ausblendet, dass auch die von den Veranstaltern gehypte Bio-Landwirtschaft ein profitorientiertes Geschäft mit einem Jahresumsatz von fast acht Milliarden Euro ist. [3]

„Die Vorstellung, Bio-Landwirtschaft sei besonders umweltfreundlich, ist eine Illusion“

Modernen landwirtschaftlichen Methoden ist nicht nur zu verdanken, dass Hungersnöte im Westen und inzwischen auch in den allermeisten Entwicklungsländern der Vergangenheit angehören. Ihre Effizienz hat auch Milliarden Menschen von harter körperlicher Arbeit befreit (zum Vergleich: um 1900 ernährte ein deutscher Landwirt etwa vier Personen, im Jahr 2010 waren es über 130 [4]). Durch Fortschritte im Pflanzenschutz und in der Lebensmittelhygiene sind unsere Nahrungsmittel heute sicherer als je zuvor. Viele der Gruppen, die sich am Aktionsbündnis gegen die Agrarindustrie beteiligen, würden sich zweifellos als „links“ bezeichnen. Mit dem ursprünglichen Anspruch der politischen Linken, durch wissenschaftlich-technologischen Fortschritt eine komfortablere, humanere Welt zu schaffen, haben ihre Forderungen jedoch nichts gemeinsam.

2. Agrarkritik schadet der Umwelt

Die Vorstellung, Bio-Landwirtschaft sei besonders umweltfreundlich, ist eine Illusion. Des Deutschen reine Seele mag sich an Äckern mit blühenden Unkräutern erfreuen. Wenn der Öko-Landbau jedoch die doppelte Fläche benötigt, um gleich viel wie der konventionelle zu ernten, so ist dies alles andere als umweltschonend. [5] Eine Komplettumstellung auf Bio-Produkte hätte die Rodung immenser Waldflächen zur Folge. Moderner Umweltschutz sollte vernünftigerweise darauf setzen, die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse so weit wie möglich vom Naturverbrauch zu entkoppeln. Hierzu muss der bestehende Trend zur Intensivierung der Landwirtschaft weiter vorangetrieben werden. Eine wichtige Rolle wird dabei die von den Veranstaltern der Agrardemo verteufelte grüne Gentechnik spielen. Durch die Verringerung des Pestizid- und Düngemittelverbrauchs bei gleichzeitig höheren Erträgen ist diese Technologie bereits heute in den Ländern, wo sie eingesetzt wird, ein Segen für die Umwelt – und steigert dabei den Lebensstandard der Landwirte.

3. Agrarkritik wendet sich gegen die Armen

Die Agrarkritiker scheinen von der Vorstellung geleitet, dass Lebensmittel „zu billig“ seien. Die Webseite der Berliner Demonstration prangert „Dumpingpreise“ an. Wir lesen, dass hierzulande 70 Prozent des Fleisches als Sonderangebot in Discountern vertrieben wird. [6] Dabei sind preiswerte Lebensmittel eine soziale Errungenschaft, war doch eine vielfältige, hochwertige Ernährung noch bis weit ins 20. Jahrhundert für den Durchschnittsbürger unerschwinglich. Die Kritik an Sonderangeboten und Discountern (und damit auch an den vermeintlich minderen Schichten, die diese nutzen) offenbart die elitäre, misanthropische Haltung der Agrarkritiker.

Durch den Verzicht auf moderne landwirtschaftliche Methoden würde gute Ernährung wieder zu einer Frage des Geldbeutels werden. Laut dem agrarpolitischen Bericht der Bundesregierung kostet Bio-Weizen das Doppelte von Weizen aus konventioneller Erzeugung. Bio-Kartoffeln kosten gar das Dreieinhalbfache von „normalen“. [7] Hinzu kommt die Subventionsproblematik. 90 Prozent des Gewinns von Öko-Landwirten stammen von staatlichen Transferleistungen. Bei den konventionellen Landwirten machen Subventionen nur die Hälfte des Gewinns aus. [8] Schon jetzt zahlen also alle für die Konsumgewohnheiten einer kleinen, privilegierten Minderheit (der Marktanteil von Bio-Produkten beträgt derzeit nur vier Prozent [9]).

„Durch den Verzicht auf moderne landwirtschaftliche Methoden würde gute Ernährung wieder zu einer Frage des Geldbeutels werden“

Auf einer grundsätzlichen Ebene drückt sich in den Anliegen der Agrarkritiker die Abkehr tonangebender westlicher Schichten von den humanistischen Idealen der Aufklärung aus. Vergangenheitsverklärung und die neurotische Beschäftigung mit dem eigenen körperlichen und geistigen Wohlbefinden scheinen ambitionierte Pläne für eine fortschrittlichere, wohlhabendere und freiere Welt für alle ersetzt zu haben. Das Leben in der industriellen Moderne erscheint bestenfalls als entfremdend, eher jedoch als Spießrutenlauf, bei dem permanent lebensbedrohlichen Gefahren im Supermarktregal, Leitungswasser oder der eigenen Unterwäsche ausgewichen werden muss. Exemplarisch für dieses Denken ist die Ansicht der Promiköchin Sarah Wiener, wonach der Mensch ein „Endlager von Pestiziden, Zusatzstoffen und Medikamentenrückständen“ ist. [10]

Doch wir haben gerade hier in Deutschland unabhängige, nicht-profitorientierte Instanzen, die seit Jahrzehnten ein extrem sicheres Ernährungssystem gewährleisten und so dazu beitragen, dass die Bevölkerung immer älter und gesünder wird. Die Forderungen der Agrarkritiker sind weder vernünftig noch zielführend. Sie könnten einen wichtigeren Beitrag leisten, indem sie ihre beträchtliche Energie in etwas Wichtigeres als den Schutz ihrer kostbaren Körpersäfte vor größtenteils fiktiven Gefahren stecken.