09.12.2011

Größeres „Glück“ durch Öko-Landbau?

Analyse von Joachim Volz

Der scheinbare Gegensatz zwischen „gutem“ Öko- und „bösem“ konventionellen Landbau beruht vor allem auf Ideologie. Entgegen populärer Vorurteile können die meisten hehren Ziele der Ökobauern weitaus besser mit Hilfe industrieller Methoden erreicht werden

Der Gegensatz von konventioneller und ökologischer Landwirtschaft, scheint hierzulande ein unüberbrückbarer zu sein. Schon in der Wortwahl wird die Abgrenzung perfektioniert. Der „Organische Landbau“ ist auf diese Weise, ohne auf anderes eingehen zu müssen, ökologisch, natürlich, ungefährlich und damit gut. Die so genannte konventionelle Landwirtschaft mutiert zum unnatürlichen, chemischen, eben zur schlechten Agrar-Fabrik. In Ergänzung zu einem vorherigen Beitrag und in Anlehnung an eine neue Studie [1] sollen hier Anspruch und Wirklichkeit in der Landwirtschaft miteinander verglichen werden.

Bezug genommen wird dabei auf die so genannten „Faustzahlen“ und das in Deutschland existierende Testbetriebsnetz [2] (TBN) landwirtschaftlicher Betriebe, auf das sich das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und das Statistische Bundesamt (destatis) bei ihren Veröffentlichungen stützen. Die erste Auflage der „Faustzahlen für die Landwirtschaft“ erschien im Kriegsjahr 1941 und war als Praxis-Ratgeber für die Bauersfrauen gedacht, die nun ohne Mann, aber oft mit Kriegsgefangenen, die Felder bestellen sollten. Die Nachfrage war größer als gedacht, 1948 erschien die 2. Auflage, 1951 die 3. ... Die Faustzahlen haben sich zu einem umfangreichen Nachschlagewerk entwickelt, in dem alles Wesentliche zur Landwirtschaft in umfangreichen Datentabellen, einschließlich des Maschineneinsatzes, aber ebenso Überblicksdarstellungen zur Gesetzeslage bis hin zu den Vorschriften für den Direktverkauf der Bio-Lebensmittel enthalten sind. Die 14. Auflage von 2009 enthält auch ein umfangreiches Kapitel zum Anbau von Energie-Pflanzen und zu Biogas.

Die folgende Tabelle zeigt, gestützt auf Daten des TBN, die Durchschnittserträge des konventionellen (KL) und des ökologischen Landbaus (ÖL) in Dezitonnen pro Hektar beziehungsweise bei der Milch in Kilogramm pro Jahr.
 

Tabelle 1 [3]

1995

1998

1999

2002

2003

2005

2007

2008

2009

Anteil ÖL in %

1,8

2,4

1,6

4,1

4,3

4,7

5,1

5,4

5,6

Weizen

KL

68,9

-

75,4

-

65,0

-

69,6

-

71,8

 

ÖL

-

38,0

-

41,1

-

35,3

-

33,8

34,3

Roggen

KL

52,2

-

57,9

-

42,9

-

40,2

-

57,0

 

ÖL

-

33,5

-

28,3

-

26,9

-

  k.A.

25,4

Kartoffeln

KL

314,1

-

375,0

-

345,2

-

423,5

-

443,0

 

ÖL

-

155,1

-

178,8

-

205,9

-

141,4

217,3

Milch

KL

5.427

-

5.909

-

6.537

-

6.944

-

7.632

 

ÖL

-

4.917

-

5.274

-

5.667

-

5.576

5.774



Das Ergebnis ist eindeutig, bei Brotgetreide und Kartoffeln sinken die Erträge auf die Hälfte, zum Teil scheint sich der Abstand noch zu vergrößern, und zwar ungeachtet äußerer Faktoren, wie zum Beispiel der Witterung. Die Faustzahlen geben auch Mittelwerte [4] zu den Ertragseinbußen des Ökolandbaus:
 

Leguminosen und Zuckerrüben (Zuckerertrag)
Feldgemüse (Schwachzehrer)
Feldgemüse (Starkzehrer)
Silomais
Grünland
etwa 20 %
etwa 20 %
etwa 50 % (!)
20 – 50 %
20 – 40 %.



Die Mastzeiten in der Tierhaltung verlängern sich um 20-30 Prozent, die Eierleistung der Legehennen sinkt usw. Gerade der Unterschied der Schwach- und Starkzehrer beim Feldgemüse macht den Unterscheid im Nährstoffangebot der beiden Bewirtschaftungssysteme überdeutlich. Die Durchschnittszahlen der jeweiligen Ernten sind natürlich genauer als einzelne Zahlen von Versuchsfeldern. Die Erträge von Versuchsstreifen 2010 in der Schweiz [5] unterstreichen dies. Hier wurden ältere und neuere für den Ökolandbau gezüchtete Sorten verglichen. Nur die Sorte Siala liegt über der 40 Dezitonnen-Marke, die anderen dürften im „normalen“ Anbau deutlich darunter bleiben. Nebenbei wird auch gleich noch die Legende ausgeräumt, dass „Organischer Landbau“ besser mit Extrem-Situationen, insbesondere Trockenheit, zurechtkommt. Die oben genannte Studie kommt zum gleichen Ergebnis [6]: Im Schnitt sinken die Erträge um 48 Prozent! Daran anknüpfend wird ein Szenario modelliert, dass die Wohlfahrtseffekte des Pflanzenschutzes herausstellt [7]. Diese belaufen sich auf eine bis vier Millarden Euro pro Jahr. Bei der Annahme einer völligen Umstellung der deutschen Landwirtschaft auf den Ökolandbau würden sich jedoch nur geringe Preissteigerungen von zwei bis fünf Prozent ergeben und der Wohlstand hierzulande könnte, gestützt auf den Weltmarkt, weitgehend erhalten werden [8].
Doch man kann es auch anders sehen, es anders darstellen. Die deutsche Landwirtschaft produzierte im Durchschnitt der letzten Jahre über 190 Millionen Tonnen Pflanzenmaterial (Körner, Knollen, Stengel – ohne Obst und Gemüse) pro Jahr. Das sind 2.340 Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung! Tabelle 2 macht die Anteile der verschiedenen Fruchtarten deutlich.
 

Tabelle 2 [9]

  Fläche

  Ackerfläche

Erntemenge

benötigte ÖL-Fläche

Acker, gesamt

11,9 Mio. ha

100 %

-

-

 

 

 

 

 

Brotgetreide

3,68 Mio. ha

31 %

23,57 Mio t

7,5 Mio. ha

Kartoffeln

0,275 Mio. ha

2,3 %

11,65 Mio. t

0,55 Mio. ha

Zuckerrüben

0,405 Mio. ha

3,4 %

25,14 Mio. t

0,55 Mio. ha

Olfrüchte

1,58 Mio. ha

13,3 %

5,32 Mio. t

2,1 Mio. ha

Futtergetreide

2,55 Mio. ha

21,5 %

17,06 Mio. t

?

Futterpflanzen

2,10 Mio. ha

17,6 %

74,18 Mio. t (!)

?

andere

0,115 Mio. ha

1 %

0,605 Mio. t

?

 

 

 

 

 

gesamt, Acker

10,70 Mio. ha

90,1 %

157,52 Mio. t

10,70 Mio. ha

Wiesen [10]

4,09 Mio. ha

-

34,05 Mio. t

 

 

 

 

 

 

Gesamt [11]

14,8 Mio. ha

-

191,57 Mio. t

 



Für die Ernährung der Bevölkerung werden weniger als 10 Millionen Tonnen Brotgetreide und 6 Millionen Tonnen Kartoffeln benötigt. Ein größerer Teil der Nahrungsmittel wird in der Stärke-, Braumalz- und Alkoholproduktion als Rohstoff genutzt. Der nicht unbedeutende „Rest“ wird als Viehfutter verwendet. Auch bei den Zuckerrüben und den Ölfrüchten verbleibt ein großer Teil für die Futtermittelproduktion. Das heißt, mehr als 160 Millionen Tonnen der genannten 190 Millionen Tonnen wird als Futter in der Tierhaltung verwendet! Anders formuliert, etwa 130 Millionen Tonnen des benötigten Futters werden heute auf rund 50 Prozent der Ackerfläche, nicht auf dem Grünland (!), erzeugt. Die Faustzahlen [12] nennen einen Flächenbedarf von 7,5 Millionen Hektar für das Viehfutter, einschließlich Wiesen und Weiden.

Wenn man das oben genannte Szenario zugrunde legt, verschwindet beim Vorrang der menschlichen Ernährung (s. Tabelle 2, letzte Spalte) der Futteranbau vollständig. Selbst wenn man 20 Prozent für diesen belässt, ändert sich die Gesamtsituation nur wenig. Die Erträge der Restfläche, auch die des Grünlandes, sinken um ein Drittel. Das heißt, die bisherige Futterproduktion von fast 160 Millionen Tonnen schrumpft auf weniger als 60 Millionen Tonnen. Ein wesentlicher Pfeiler des Wohlstandes hierzulande bricht damit ein. Nun mag mancher meinen, dann gibt es eben weniger Fleisch – wir essen ja sowieso zuviel davon. Doch die Viehzucht ist die Grundlage der Landwirtschaft, ohne Viehhaltung kein Dünger! Selbst wenn sich Flüssig- oder Fest-Mist aus anderen Ländern einführen ließe, könnte er nicht verwendet werden, schließlich ist er nicht rein organisch, ökologisch oder wie auch immer, entstanden.

Angetreten ist der Öko-Landbau, um Boden- und Landschaftsschutz, Tier- und Umweltschutz und natürlich den Klimaschutz zu vereinen. Eine neue britische Studie [13] stellt ihm aber gerade hier schlechte Noten aus. In den Rubriken Energieverbrauch und Klimaschutz, selbst beim Eintrag von Schwermetallen steht der Ökolandbau kaum besser da als die konventionelle Landwirtschaft. Aber auf seinem ureigensten Gebiet, dem Schutz des Bodens (s. Eutrophierung und Versauerung), versagt er weitgehend. Schuld ist der eineinhalb bis drei Mal höhere Flächenbedarf. Selbst bei der Artenvielfalt schneidet der konventionelle Anbau besser ab. Eben weil dieser weniger Fläche verbraucht, bleibt ein größerer Teil der Gesamt-Landschaft für Tiere und Pflanzen aller Art verfügbar.

Die Ansprüche an den Ökolandbau sind hoch, die von ihm ausgehenden Wirkungen in der Realität, in der Landschaft, eher gering. Dafür scheinen die Auswirkungen in der Gesellschaft, bisher nur in der Ideologie, umso größer. Dabei macht die Direktsaat, die auf der anderen Seite des „Großen Teichs“ entwickelt wurde, das eigentliche Potential [14] der so genannten konventionellen Landwirtschaft deutlich. Hier sind Boden-, Landschafts- und Umweltschutz eng mit hohen Erträgen und geringem Flächenbedarf verknüpft. Es ist besser die Gemeinsamkeiten zu betonen, als den scheinbaren Gegensatz von Öko- und konventionellem Landbau immer weiter zu zementieren.