04.03.2019

Gegen die kulturelle Wende

Von Kenan Malik

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Foto: Pug50 via Flickr / CC BY 2.0

Die Frage „Wer sind wir?“ hat „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ verdrängt. Aber Auseinandersetzungen über kulturelle Identität können den Streit um politische Alternativen nicht ersetzen.

In diesem Beitrag werden das multikulturelle und das eng mit ihm verwandte interkulturelle Denken kritisiert. Der ihnen zugrundeliegende Kulturalismus unterfüttert die spalterische Identitätspolitik von heute. Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist das Scheitern des Multikulturalismus. Ihn zu kritisieren ist mittlerweile gang und gebe. Allerdings sind viele der aufgeworfenen Kritikpunkte ihrerseits so fragwürdig und problematisch wie jener Multikulturalismus selbst. Und das sagt jemand, der diesen seit über 20 Jahren kritisiert – schon lange bevor es Mode wurde.

Multikulturelles und interkulturelles Denken spaltet

Um zu verstehen, wieso sowohl der Multikulturalismus als auch einen Großteil der gegen ihn gerichteten Kritik fragwürdig ist, muss man sich erst einmal über dessen Grundproblem klarwerden. Zwei Aspekte werden dabei allzu oft zusammen in einen Topf geworfen. So beschreibt der Begriff „multikulturell“ sowohl eine Gesellschaft, die – in der Regel als Folge von Einwanderung – besonders vielfältig ist, als auch die Politik, die für das Management einer solchen Gesellschaft erforderlich ist. Der Begriff bezeichnet also sowohl die gelebte Erfahrung der Vielfalt als auch die Politik zu deren Bewältigung. Anders ausgedrückt: Die Idee des Multikulturalismus liefert sowohl eine Beschreibung der Gesellschaft wie auch eine Anleitung, die Gesellschaft zu gestalten. Eine unglückliche Verquickung.

In einer eher offenen, lebendigen und kosmopolitisch orientierten Gesellschaft leben zu können, ist begrüßenswert. Es geht um Offenheit, ob von Grenzen oder in den Köpfen. Multikulturalismus als politischer Prozess steht jedoch für etwas ganz anderes. Er steht für eine Politik, die Vielfalt bewältigen will, indem Menschen in ethnische und kulturelle Schubladen gesteckt, ihre individuellen Bedürfnisse und Rechte anhand ihrer Schublade definiert werden und die staatliche Politik anhand dieses Schubladendenkens gestaltet wird. Dabei geht es nicht um Offenheit, sondern um die Forcierung von Grenzen, ob physischer, kultureller oder geistiger Art.

„Die aus dem Multikulturalismus hervorgehende Politik untergräbt vieles von dem, was an der gelebten Vielfalt so wertvoll ist.“

Diese Vermengung von Vielfalt als gelebte Erfahrung einerseits und von Multikulturalismus als politischem Prozess andererseits hat sich als sehr tückisch erwiesen. Zum einen wurde es so erst möglich, die Masseneinwanderung für das Versagen der Sozialpolitik verantwortlich zu machen und Minderheiten zum Problem zu erklären. Zum anderen hat es gerade viele Linke dazu verleitet, klassische freiheitliche Prinzipien, wie z.B. das Bekenntnis zur Meinungsfreiheit, im Namen der Verteidigung von Vielfalt aufzugeben.

Heutzutage ist ein Großteil der Kritik am Multikulturalismus gleichzeitig eine Kritik an Einwanderung und Vielfalt, oft in Form einer tiefen Feindseligkeit gegenüber muslimischen Immigranten und deren Präsenz in westlichen Gesellschaften. Deshalb ist es wichtig, Einwanderung und Vielfalt als gelebte Erfahrung zu verteidigen. Aber es ist ebenso wichtig, den Multikulturalismus als politischen Prozess zu bekämpfen.

Ironischerweise untergräbt die aus dem Multikulturalismus hervorgehende Politik vieles von dem, was an der gelebten Vielfalt so wertvoll ist. Wenn wir von Vielfalt sprechen, haben wir das Bild einer chaotischen Welt vor Augen, mit einem Abgrund an Konflikten und Kämpfen. Aber aus eben diesen Konflikten entsteht politisches und kulturelles Engagement. Vielfalt ist wichtig, nicht notwendigerweise als Wert an sich, sondern vielmehr, weil sie es uns erst ermöglicht, unseren Horizont zu erweitern und verschiedene Wertvorstellungen, Überzeugungen und Lebensstile zu vergleichen und bewerten zu können, um zu entscheiden, welche die besseren sind. Sie ist mit anderen Worten wichtig, weil wir so politische Dialoge und Debatten führen können, die das Entstehen eines bürgerlichen Bewusstseins begünstigen können.

Und ausgerechnet das Wertvolle an der Vielfalt – die kulturellen und ideologischen Auseinandersetzungen, die sie hervorbringt – wird von vielen gefürchtet. Diese Angst drückt sich auf zwei Weisen aus. Einerseits in Form einer nativistischen Haltung: Der Überzeugung, dass Einwanderung den sozialen Zusammenhalt und unser nationales Identitätsgefühl untergräbt sowie unsere Städte in kleine Lahores oder Mini-Istanbuls verwandelt. Andererseits in Form eines Denkens, das Respekt für „Andere“ einfordert. Das bedeutet einmal, andere Lebensweise zu akzeptieren und deren Werte oder Riten weder zu kritisieren noch infrage zu stellen. Zum anderen läuft es auf eine klare Abgrenzung zwischen kulturellen Gemeinschaften hinaus, um so die aus der Vielfalt entstehenden Konflikte zu minimieren. Mit den Worten des britischen Soziologen Tariq Modood: „Wenn Menschen den gleichen politischen Raum ohne Konflikte besetzen sollen, müssen sie das Ausmaß ihrer Kritik an den fundamentalen Überzeugungen des jeweils anderen begrenzen.“

„Die kulturelle Wende ist der wahre Quell der gesamten Problematik.“

Die erste Perspektive fördert Angst, die andere Gleichgültigkeit. Der eine Ansatz betrachtet Migranten als Fremde, deren Eigenart eine Bedrohung für die europäischen Gesellschaften darstellt. Der andere betrachtet diese Eigenart von Migranten hingegen als einen Umstand, den die Gesellschaft zu respektieren hat und mit dem sie einfach leben muss.

Und was gilt für „Interkulturalität“? Diese scheint groß in Mode zu kommen, während der Multikulturalismus an Glanz verliert. „Ein interkultureller Ansatz“, so einer seiner Anhänger, „soll den Dialog, den Austausch und das gegenseitige Verständnis zwischen Menschen unterschiedlicher Hintergründen fördern“. Ein anderer Anhänger formuliert es wie folgt: „Während der Multikulturalismus Unterschiede zelebriert, bedeutet Interkulturalität, die Kultur des jeweils anderen zu verstehen, sie zu teilen und eine gemeinsame Basis zu finden, auf der Menschen sich besser integrieren können“. Hört man dies, könnte man meinen, dass ich zum interkulturellen Ansatz tendieren würde. Das ist nicht der Fall. Das Problem liegt darin, dass Interkulturalität als Begriff noch vager und schwerer zu fassen als Multikulturalismus. Oft ist kaum mehr als Multikulturalismus gemeint, nur mit etwas mehr gemeinsam reden.

Kultur ersetzt Politik

Multikulturalismus und Interkulturalität sind beide gleichermaßen Produkte von etwas, das ich die „kulturelle Wende“ (engl. cultural turn) nenne. Diese hat innerhalb der letzten Jahrzehnte dazu geführt, dass wir soziale Unterschiede hauptsächlich durch die kulturelle Brille betrachten. Diese kulturelle Wende ist der wahre Quell der gesamten Problematik.

Die Wurzeln der „kulturellen Wende“ reichen lange in die Geschichte zurück, liegen teilweise in der romantischen Reaktion auf den Aufklärungsuniversalismus und im einflussreichen Kulturbegriff des deutschen Philosophen Johann Gottfried Herder (1744–1803). Für Herder drücken die Besonderheiten in Sprache, Geschichte und Lebensart jedem Volk einen einzigartigen Stempel auf. Die Einzigartigkeit jedes Volkes kommt im „Volksgeist“ zum Vorschein – dem unveränderlichen Wesen eines Volkes, das sich durch seine Geschichte herausgebildet hat.

„Soziale Solidarität definiert sich zunehmend nicht mehr politisch, sondern ethnisch, kulturell oder religiös.“

Herder war keineswegs reaktionär. Als Anhänger der Idee der Gleichheit bekämpfte er sowohl die Sklaverei als auch den europäischen Kolonialismus. Sein Kulturverständnis haben sich jedoch reaktionäre Geister zu Eigen gemacht. Die Vorstellung grundlegender Unterschiede zwischen Gruppen wurde zum zentralen Thema des Rassendenkens und der Begriff des Volksgeistes ist im Konzept der „rassischen Veranlagung“ aufgegangen. Radikale Anti-Kolonialisten oder Anti-Rassisten lehnten den romantischen Kulturbegriff noch ab und eigneten sich stattdessen eine universalistische Perspektive an. Bei ihren Kämpfen ging es nicht um den Schutz kultureller Eigenarten, sondern um die Bildung einer universelleren Kultur, in die sich jeder gleichberechtigt einbringen kann.

In den letzten Jahrzehnten ist der universalistische Standpunkt jedoch brüchig geworden, insbesondere, da viele der auf ihm fußenden sozialen Bewegungen zerfallen sind. Der durch diesen Zerfall frei gewordene soziale Raum wurde mit Identitätspolitik gefüllt. Da die großen Kämpfe für gesellschaftliche Veränderungen verblasst sind, neigt man dazu, sich in eigene Glaubensvorstellungen oder Kulturen zurückzuziehen und provinzielle Formen der Identität anzunehmen. Im Laufe dessen sind die alten romantischen Kulturvorstellungen zurückgekehrt, jetzt aber im „progressiven“ Mantel.

Identität ersetzt Ideologie

Vor dem Hintergrund des Verschwimmens jener großen ideologischen Trennlinien, die die Politik in den vergangenen 200 Jahren bestimmt haben, aber auch der Erosion von Mechanismen für politischem Wandel und der Verengung der politischen Sphäre hat man begonnen, sich selbst und die eigene soziale Zugehörigkeit mit anderen Augen zu sehen. Soziale Solidarität definiert sich zunehmend nicht mehr politisch, sondern ethnisch, kulturell oder religiös. Die Menschen stellen sich nun weniger die Frage „In welcher Gesellschaft will ich leben?“, sondern „Wer sind wir?“. Die beiden Fragen sind natürlich eng miteinander verbunden und jedes Verständnis von sozialer Identität muss eine Antwort auf beide enthalten. Die Beziehung zwischen den beiden ist jedoch komplex und die Übergänge fließend.

„Ideologische Politik ist Identitätspolitik gewichen.“

In den letzten Jahren wurde die Antwort auf die Frage „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ weniger durch die angestrebten Werte oder Institutionen geprägt als durch die Gruppen oder Sippen, denen man glaubt, anzugehören. Die Antwort auf die Frage „Wer sind wir?“ wird immer weniger durch die Gesellschaft bestimmt, die man mit anderen schaffen will, sondern durch die Geschichte und das Erbe, das zu einem gehören soll. Während größere politische, kulturelle und nationale Identitäten erodiert sind sowie traditionelle soziale Netzwerke, Autoritäten und moralische Kodizes an Bindekraft eingebüßt haben, ist das Zugehörigkeitsgefühl der Menschen begrenzter und parochialer geworden – nicht von einer möglichen Gestaltung der Zukunft, sondern von Mythen der Vergangenheit bestimmt.

Ideologische Politik ist Identitätspolitik gewichen. Dies schlägt sich sowohl im Verhältnis von Minderheiten zur Gesamtgesellschaft nieder als auch in der Sichtweise auf Migranten. Einerseits haben sowohl gesellschaftlichen Minderheiten als auch Mehrheiten eine engere Sicht auf sich selbst entwickelt, die in erster Linie durch Kultur, ethnische Zugehörigkeit oder Glaubensrichtung bestimmt wird, und so zu einer Verschärfung und Überbetonung von Unterschieden zwischen einzelnen Gruppen führt. So versuchen viele Minderheitsangehörige, sich selbst und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, indem sie sich von anderen abgrenzen. Viele in den Mehrheitsgemeinschaften betrachten diese Minderheiten aber ebenso ausschließlich durch die Brille ihrer „Unterschiede“ (Differenz). Zugleich sehen viele in der Einwanderung eine Verwässerung oder Erosion der nationalen Kultur sowie des historischen Erbes und somit als eine Bedrohung, der man sich entgegenstellen muss.

Re-Politisierung der Debatte

Im Kern drückt sich sowohl im multikulturellen als auch im interkulturellen Denken eine veränderte Perspektive auf sozialen Beziehungen aus – weg von politischen Konzepten hin zu einer ausschließlich kulturellen Sichtweise. Politische Auseinandersetzungen teilen die Gesellschaft anhand ideologischer Linien, aber sie vereinen sie über ethnische oder kulturelle Grenzen hinweg – kulturelle Kämpfe hingegen führen zwangsläufig zu Spaltungen. In politischen Auseinandersetzungen zählt nicht, wer du bist, sondern was du glaubst – in kulturellen oder ethnischen Auseinandersetzungen gilt das Gegenteil. Politischer Widerstreit ist oft nützlich, weil er den gesellschaftlichen Problemen mit der Frage „Wie können wir die Gesellschaft verändern, um das Problem zu überwinden?“ begegnet. Zur politischen Sicht auf Rassismus beispielsweise gehört die Frage: „Was sind seine politischen Ursachen und welcher strukturellen Veränderungen bedarf es, um ihn zu bekämpfen?“ Auch wenn man sich über die Antwort uneinig ist, kann die Debatte selbst bereits nützlich sein. Politische Auseinandersetzungen sind jene Art von Konflikten, die für gesellschaftlichen Wandel notwendig sind.

„Einfach mehr miteinander reden ist nicht die Lösung.“

Die „kulturelle Wende“ hingegen drängt uns, politische Herausforderungen als Probleme der Kultur, der ethnischen Zugehörigkeit oder des Glaubens anzugehen, und so politischen Auseinandersetzungen einen Charakter zu verleihen, der sie weder nützlich noch lösbar macht. Anstatt zu fragen, was die Wurzeln von Rassismus sind und welche Maßnahmen zu seiner Bekämpfung ergriffen werden müssen, setzt der multikulturelle Ansatz auf die Betonung der eigenen Identität, die öffentliche Bekräftigung kultureller Unterschiede sowie die Forderung nach Respekt und Toleranz gegenüber kulturellen und religiösen Überzeugungen.

Aus der Betonung des Werts von Konflikten für die Gesellschaft folgt nicht, dass jeder Konflikt gut ist. Konflikte und Kämpfe um Ideen, Werte und Überzeugungen sind aber, wie gesagt, oft wertvoll und notwendig für soziale Veränderungen. Durch das Bemühen, solche Auseinandersetzungen im Namen von „Toleranz“ oder „Respekt“ herunterzuspielen, gelingt es multi- und interkulturellen Herangehensweisen in der Praxis nicht, Konflikte zu lösen. Stattdessen verwandeln sie den politischen und ideologischen Streit in Kultur- und Gemeinschaftskonflikte. So erschweren beide Ansätze politisch möglicherweise fruchtbare Meinungsverschiedenheiten und befeuern eine sozialschädliche Art von Konflikten. Indem sie Individuen an ihre Kulturen und Identitäten fesseln, verwandeln sie politische Debatten in kulturelle Zusammenstöße („Clashes“), die so als unvermeidbar und unüberwindbar erscheinen.

Interkulturalität fördert vielleicht den Dialog und die Debatte zwischen – und innerhalb von –Kulturen. Sie stellt aber keineswegs die Grundlage des Dialogs oder der Debatte in Frage. Sie stellt die Annahme nicht in Frage, dass ein solcher Dialog auf der kulturellen Ebene stattfinden sollte. Einfach mehr miteinander reden ist nicht die Lösung. Wir können so viel reden wie wir wollen, aber solange das Gespräch auf dem Gebiet der Kultur statt auf der Ebene der Politik geführt wird, haben wir kaum eine Chance, die Gesellschaft zu verändern und gesellschaftliche Spaltung oder Fragmentierung zu überwinden. Die Herausforderung besteht nicht darin, mehr miteinander zu sprechen, sondern die Grundlage des Dialogs zu transformieren und ihn wieder mit politischen Visionen zu füllen.