18.04.2018

Vielfalt in Schubladen

Von Matthias Kraus

Titelbild

Foto: Pexels via Pixabay / CC0

Durch verschiedenfarbige Racemojis erfährt der klassische gelbe Smiley eine ethnische Aufladung. Dadurch wird Hautfarbe zur Identität, wo sie eigentlich irrelevant ist.

2015 wurde auch bei Emojis endlich die Vielfalt eingeführt. Bislang sollten Smileys ethnisch so neutral wie möglich dargestellt werden. Nun stehen uns neben den gelben Old-School-Smileys jeweils weitere fünf zur Verfügung. Die „Racemojis“ gibt es von ganz hell bis ganz dunkel. Wie so oft, wenn es gerechter zugehen soll, ist es auch hier hinterher komplizierter, als es vorher war.

Ich mache es mir leicht und versende weiterhin ausschließlich die quittefarbenen Originale. Schicke ich ein lachendes Gesicht mit Herzchen in den Augen an Die Beste Lehrerin aller Zeiten™, sage ich ihr damit: „Wenn ich dich sehe, bin ich ganz verliebt.“ Würde ich das Smiley in der mir entsprechenden Hautfarbe versenden, hieße das: „Wenn ich dich sehe, bin ich ganz verliebt. Ich bin übrigens Mitteleuropäer oder so.“ Wozu? Und überhaupt – in welchem Zusammenhang spielt die Information über meine ethnische Herkunft irgendeine Rolle, außer in einem Gespräch über ethnische Herkünfte? Gut, jemand, der/die nicht ich ist, könnte mit Recht sagen: „Du bist weiß, hetero, männlich. Mehr Privilegien geht ja gar nicht. Deshalb kannst du keine Vorstellung davon haben, wie unterdrückerisch sich das Thema Hautfarbe für Minderheiten jeglicher Art darstellt. Dass du überhaupt so blöde nachfragst, zeigt, dass du dir über deine eingebauten strukturellen Vorteile noch nicht mal im Klaren bist. Also halt’ die Fresse und check’ erstmal Deine Privilegien.“ Sehe ich ein.

„Mit dieser identitären Spielart von Vielfalt verschanzt man sich in Schützengräben.“

Mein Musikerkollege Andrew ist Afroamerikaner aus New York, wir schicken uns ständig Nachrichten, um die Bandproben zu koordinieren. Sollte ich vielleicht passende Emojis einsetzen, um den bestehenden ethnischen Unterschied respektvoll zu würdigen? Würde ich dann für mich Farbtyp zwei und für ihn Farbtyp vier auswählen? Was ist, wenn ich den Farbton falsch einschätze? Vielleicht sieht Andrew sich oder mich ganz anders und wäre irgendwie angepiekt, ohne es mir aber zu sagen, weil er kein Erbsenzähler sein will und außerdem meinen guten Willen erkennt? Oder ist hier der bewusste Einsatz von Hautfarbe sowieso heikel, weil er über die dargestellte Menge der Pigmentierung einen Unterschied erst herstellt, der uns beide bislang nie interessiert hat?

Ich glaube, das ist das Problem mit Diversity: Herkunft, Religion, Geschlecht sind da immer mitzudenkende Attribute, weil angeblich nur aus ihnen heraus die jeweilige Person gedacht werden kann. Mit dieser identitären Spielart von Vielfalt verschanzen sich die sozialen Gerechtigkeitskrieger genau in jenen Schützengräben, die sie zu Recht beklagen. Andrew ist Afroamerikaner – muss ich jetzt irgendwas beachten, wenn ich als weißer Europäer mit ihm plaudere? Vorauseilend demütig sein, um zu zeigen, dass ich meine im Vergleich zu ihm historisch bedingt privilegierte Existenz sehr wohl sehe und wettmachen möchte? Darf ich mit ihm über Black Lives Matter diskutieren? Soll ich, muss ich? Oder sollte ich „schwarze“ Themen besser unterlassen, weil das kulturell aneignend oder belehrend oder servil sein könnte?

Wenn wir alle wirklich nur aus unserer jeweiligen Identitätsschublade mit ihrer spezifischen Macht- oder Ohnmachtsposition heraus zu verstehen sind – und das ist die postmoderne Basisannahme von „Diversity“ – dann sind wir zurück beim guten alten Stereotyp. Schwarze sind so, Weiße sind so, Asiaten sind so. Frauen sind so, Männer sind so. Juden sind so, Moslems sind so. Das soll Vielfalt sein? Lieber würde ich mit Andrew quatschen, wie mir der Schnabel gewachsen ist, denn für mich ist er Andrew und nicht ein schwarzer Mann aus New York. Mein Emoji-Vorschlag: Schlumpfblaue Smileys für alle.

Dieser Text erscheint als Teil der Reihe „Losing my religion” von Matthias Kraus.