14.09.2015

Fukushima: Gesundheitlich unbedenklich

Analyse von Will Boisvert

Der Journalist Will Boisvert fand heraus, dass es vier Jahre nach dem Reaktorunglück keine ungewöhnlichen Gesundheitsprobleme in Fukushima gibt. Es gibt sogar unterdurchschnittlich viele Fälle von Krebs. Den Fisch aus der Gegend kann man getrost essen

Fukushima schürte wie kein anderes Ereignis die Angst vor Krebsepidemien und großflächigen atomaren Sperrzonen. Es ist an der Zeit, sich den Stand der Wissenschaft zum Thema Gesundheitsbelastungen durch die Kernschmelze anzusehen. Die verstärkten Schilddrüsenuntersuchungen brachten zutage, dass die Schilddrüsenkrebsraten bei Kindern in Fukushima tatsächlich niedriger sind als in anderen Teilen Japans. Einzig die vernünftige Auseinandersetzung mit solchen Ergebnissen von Gesundheitsuntersuchungen wird es uns ermöglichen, künftige Risiken besser einzuschätzen.

Vor vier Jahren verwüsteten ein Erdbeben und ein darauf folgender Tsunami das nordöstliche Japan. Über 15.000 Menschen fanden den Tod. Eine anschließende Kernschmelze verursachte zusätzlich zur Trauer auch noch Angst. So schlimm die Kernschmelze war – die Strahlung hatte keine signifikanten Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung, schon gar nicht die katastrophalen Folgen, die viele befürchteten und die von vielen immer noch behauptet werden. Am vierten Jahrestag des Tsunamis, des Erdbebens und der Kernschmelze, lohnt ein Blick auf fünf Erkenntnisse über die Gesundheit der Bevölkerung in Fukushima, von denen Sie wahrscheinlich noch nie etwas gehört haben.

Schilddrüsenkrebs-Raten bei Kindern unbedenklich

Radioaktives Jod, das durch Reaktorunfälle freigesetzt wird, kann für Kinder ein ernsthaftes Risiko für Schilddrüsenkrebs darstellen; nach der Tschernobyl-Katastrophe gab es tausende solcher Fälle. Dank eines Verbots von kontaminierter Milch und anderer Lebensmittel nach dem Unfall von Fukushima hoffte Japan, eine vergleichbare Katastrophe vermeiden zu können. Unglücklicherweise schien ein neues Überwachungssystem für Schilddrüsenkrebs einen unmittelbaren und drastischen Effekt zu zeigen. Hunderttausende von Kindern in der Präfektur Fukushima wurden nach dem Unfall sorgfältigen Ultraschall-Untersuchungen unterzogen. Die Ergebnisse zeigten, dass 44 Prozent dieser Kinder Zysten oder Nodosen in der Schilddrüse hatten, die mögliche Warnsignale für Schilddrüsenkrebs sein können. 1 Bis heute wurden mehr als 100 bestätigte Fälle und Verdachtsfälle von bösartigen Schilddrüsenerkrankungen diagnostiziert 2 – eine Rate, die sehr viel höher ist als der normale Durchschnitt für Kinder. Atomkraftgegner interpretierten diese Ergebnisse als dunkles Vorzeichen für „Die nukleare Aufopferung unserer Kinder“, um es mit den Worten der Über-Aktivistin Helen Caldicott zu sagen. 3

„Ein weiterer Fall von Alarmismus, der mehr Schaden verursacht als das Risiko, das er zu vermeiden versucht“

Glücklicherweise ist diese Schilddrüsen-Massenvernichtung, den Caldicott vorhersagt, nur ein Trugbild – das Ergebnis einer erhöhten Untersuchungsrate, nicht eines erhöhten Vorkommens von Schilddrüsenkrebs. Wie sich zeigt, ist eine 44-prozentige Rate an Schilddrüsen-Anomalien ziemlich normal. Die japanische Regierung unterzog nämlich auch 4365 Kinder, die in weit entfernten Gegenden Japans leben, die keinerlei Atomstaub abbekamen, Schilddrüsen-Scans. Sie tat dies mit der gleichen Ausrüstung und den gleichen Geräten, Protokollen und Diagnosekriterien, die auch in Fukushima zur Anwendung kamen. Diese Basisstudie ergab, dass die Häufigkeit von Nodosen und Zysten der Schilddrüse bei dieser unbelasteten Bevölkerung bei etwa 57 Prozent liegt, also deutlich über der Rate in Fukushima. 4 Die Spitze in den Schilddrüsen-Anomalien in Fukushima wurde nicht durch Atomstaub verursacht – und zwar, weil es diese Spitze gar nicht gibt.

Der scheinbare Anstieg der Schilddrüsenkrebs-Diagnosen ist ferner ein Artefakt der Massenuntersuchungen, die auch kleine, nicht aggressive asymptomatische Tumore entdecken, die normalerweise nicht vor dem Erwachsenenalter entdeckt würden – wenn überhaupt. (Die meisten Schilddrüsentumore – mehr als 90 Prozent – sind heilbar, weil sich Schilddrüsenkrebs langsam entwickelt.) Tatsächlich hat die Entwicklung der supersensitiven Ultraschall-Scanner in den letzten Jahrzehnten weltweit einen starken Anstieg von Schilddrüsenkrebs-Diagnosen verursacht, wie Gina Kolata in der New York Times berichtet. Die Todesraten durch Schilddrüsenkrebs sind gleich geblieben, was bedeutet, dass die neue Technologie auch unschädliche Tumore entdeckt, die keine Krankheit verursacht hätten. 5 Diese Dynamik ist wahrscheinlich auch in Fukushima im Gange.

Möglicherweise wird es in den kommenden Jahren einen leichten Anstieg an Schilddrüsenkrebs-Fällen durch radioaktives Jod geben; allerdings lediglich im unmessbar kleinen Maßstab, den das sogenannte LNT-Modell (Linear No Threshold = lineares Modell ohne Schwellenwert, welches auch minimalste Strahlenbelastungen als schädlich einstuft) vorhersagt. Der augenscheinliche Anstieg bei Schilddrüsenkrebs wird allerdings enorm sein, wenn man den Eifer berücksichtigt, mit dem das Monitoringprogramm die Kohorte der Kinder in Fukushima alle paar Jahre bis an das Ende ihres Lebens durchleuchten wird. 6 Autopsiestudien zeigen, dass bis zu 27 Prozent von uns unter normalen Umständen asymptomatische Schilddrüsentumore entwickeln 7, von denen keiner etwas mitbekommt. Auf Fukushima kommt deshalb ein Tsunami an Überdiagnosen und Überbehandlung von größtenteils harmlosen Tumoren zu – mit ernsten Nebenwirkungen: Ein weiterer Fall von Alarmismus, der mehr Schaden verursacht als das Risiko, das er zu vermeiden versucht.

Fisch und Meeresfrüchte aus Fukushima unbedenklich

Meldungen über kalifornischen Thunfisch, der durch radioaktives Cäsium aus dem Fukushima-Unglück verstrahlt sei, gehören zum Inventar von Anti-Atomkraft-Webseiten. Die meisten Presseagenturen stufen die Kontamination als harmlos ein. In Japan jedoch ist radioaktiver Fisch ein großes Thema. Fischern in der Nähe der Anlage wurde der Fang zahlreicher Arten verboten, die dazu neigen, radioaktives Cäsium einzulagern; Südkorea hat den Import von Seefisch und Meeresfrüchten aus der Region gestoppt. 8 Die Sorge um die Fischereiindustrie ist das Haupthindernis dagegen, die sich ansammelnden Mengen dekontaminierten Wassers zu verklappen, die derzeit in der Anlage von Fukushima Daiichi gelagert werden. Die ruinierte Küstenfischerei ist zum Symbol geworden für die in großem Maßstab umweltzerstörerischen Auswirkungen der Kernindustrie. Doch wie so oft bei den Märchen um Fukushima zeigt sich auch hier, dass die Behauptungen über die ungeheuren Gefahren übertrieben sind.

Die in Japan geltende Grenze für die Belastung von Fisch mit radioaktivem Cäsium ist 100 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg), ungefähr so viel wie die natürliche Radioaktivität von Kalium und Kohlenstoffisotopen, die sich in allen Lebensmitteln findet. Die Fischfänge von Fukushima halten diesen Standard locker ein. Von 95 Fischen, die im Januar 2015 in einem Umkreis von 20 Kilometern um die Anlage gefangen wurden, fand sich insgesamt nur einer, der das Cäsium-Limit mit 113 Bq/kg überschritt. Die meisten Fische waren unterhalb der Grenze; 43 von ihnen zeigten gar überhaupt keine radioaktive Belastung. 9 Dazu kommt, dass der 100 Bq/kg-Standard ausgesprochen streng ist. Die US-amerikanische Umweltschutzbehörde EPA schätzt, dass der Verzehr von einem Becquerel radioaktivem Cäsium das Risiko, Krebs zu bekommen, um den Faktor 1:1.000.000.000 erhöht. 10 Wenn man also einen Kilogramm Fisch verzehrt, der mit 100 Becquerel belastet ist, und zwar jeden Tag für 80 Jahre, erhöht das das Risiko für eine Krebserkrankung um 0,3 Prozent; bei einem vergleichbaren allgemeinen Risiko des Durchschnittsamerikaners von 40 Prozent. (Und das berücksichtigt keine möglichen Krebs verhindernden Einflüsse durch den Verzehr von Fisch anstelle von Cheeseburgern.)

Es besteht kaum Zweifel daran, dass die Fischerei vor Fukushima wieder aufgenommen werden kann. Andererseits bedeutet das andauernde Fangverbot eine Erholung für stark befischte Bestände, was den Nuklearunfall unter dem Strich zu einem Gewinn für die Meeresbewohner der Gegend machen könnte.

Evakuierungszone um Fukushima größtenteils bewohnbar

Die chaotischen Evakuierungen aus der Gegend um die Anlage von Fukushima Daiichi und die daraus folgenden verstörten Flüchtlinge, verlassenen Städte und ruinierten Häuser sind prominente Versatzstücke, die die Aura um den Unfall schmücken. Albtraumhafte Evakuierungsszenarien kamen während der Krise zutage: Der Vorsitzende der US-amerikanischen Atomaufsichtsbehörde Gregory Jaczko wies Amerikaner an, sich aus einem Gebiet im Umkreis von 50 Kilometern um die havarierten Reaktoren zurückzuziehen 11, während der japanische Premierminister Naoto Kann darüber nachdachte, sogar Tokio selbst zu evakuieren. 12 Kühlere Köpfe – und Computermodelle 13 – behielten die Oberhand. Trotzdem blieb der Eindruck bestehen, dass die Evakuierungen aus der 20-Kilometer-Zone um die Anlage (mit einer Erweiterung im Nordwesten) einen massiven Verlust von Menschenleben verhinderte; in einer tödlich verstrahlten Region, die für Jahrzehnte unbewohnbar bleiben wird. Und dass, obwohl den Daten des UNSCEAR-Berichtes (Wissenschaftlicher Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung) über Fukushima – der kaum Beachtung in den Medien fand – zu entnehmen ist, dass die Evakuierungszone gar nicht die lebensfeindliche Wüste ist – und auch nie war – als die sie dargestellt wird. Schauen wir uns die Zahlen an.

„Wie ungesund ist also diese zusätzliche Strahlung? Nicht sehr“

UNSCEAR schätzte die durchschnittlichen Strahlungsdosen, die innerhalb der 20-Kilometer-Zone im ersten Jahr nach der Havarie aufgetreten wären, wenn es keine Evakuierungen gegeben hätte: Die höchste Dosis wäre demnach im Dorf Tomoika aufgetreten; 51 Millisievert (mSv). 14 Man ging weiterhin davon aus, dass die kumulierte Lebensdosis in den kontaminierten Gegenden etwa der zwei- bis dreifachen Dosis des ersten Jahres entspreche. (Die Strahlungsintensität geht durch radioaktiven Zerfall und Wettereinflüsse schnell zurück. 15) Mit diesen Grunddaten können wir also die Dosis berechnen, die Menschen durch den Atomstaub aufgenommen hätten, wenn sie ihr gesamtes Leben in der Evakuierungszone verbracht hätten: Zwischen 100 und 150 mSv in den am meisten kontaminierten Dörfern; deutlich weniger in den anderen Bereichen der Zone. Die natürliche Hintergrundstrahlung in den USA beträgt 2,4 mSv pro Jahr. Demnach entsprechen 150 mSv etwa der Lebensdosis eines typischen Amerikaners durch Hintergrundstrahlung.

Wie ungesund ist also diese zusätzliche Strahlung? Nicht sehr. Noch einmal: Strahlung ist ein schwaches Karzinogen: Wenn man die LNT-Theorie und die Standard-Risikofaktoren der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften zugrunde legt, dann bedeutet eine Dosis von 150 mSv ein Krebsrisiko von 0,9 Prozent. 16 Das ist das gleiche Risiko wie für einen Amerikaner, durch einen Autounfall zu sterben. 17 Dies sind durchschnittliche Risiken; es existieren Hotspots mit höheren Strahlungswerten, in denen Kinder leicht erhöhten Risiken ausgesetzt gewesen wären, vor allem durch Schilddrüsenbelastungen in den ersten drei Monaten nach der Havarie. Trotzdem stellen diese Zahlen eine gutes Mittel dar, um die Gesundheitsrisiken durch Atomstaub in der Evakuierungszone von Fukushima abschätzen zu können: Sie entsprechen dem Risiko, einen Führerschein zu besitzen.

Die angeordneten Umsiedlungen aus der Evakuierungszone um Fukushima, die für den Großteil der Kosten und für den gesamten Aufruhr verantwortlich sind, fußen mehr auf apokalyptischen Ängsten, die in Regulierungsstandards eingebaut sind, als auf objektiven Gesundheitsgefährdungen durch Atomstaub. Diese Gefährdungen liegen vollkommen innerhalb der Risikobereiche, denen wir im täglichen Leben begegnen. Es könnte an der Zeit sein, Vorschriften zu überdenken, die übereilte oder langfristige Umsiedlungen vorsehen, die ihre eigenen Risiken mit sich bringen. Hunderte Menschen starben durch den Stress der Evakuierung aus Fukushima und tausende mehr wurden aus ihrer Heimat entwurzelt; und das wegen Strahlungsdosen, die ihre Gesundheit so gut wie niemals beeinträchtigt hätten. Anstatt Menschen dazu zu zwingen, ihre Heimat zu verlassen, wäre es viel sinnvoller, sie mit den notwendigen Informationen über Strahlenexposition und mögliche Gesundheitsrisiken zu versorgen und sie ihre eigenen Entscheidungen treffen zu lassen.

Krebsraten der USS-Reagan-Besatzung niedriger als Kontrollgruppe

Es klingt fast wie in einem Hollywood-Thriller. Am 12. März 2011 wurde der Flugzeugträger USS Ronald Reagan auf eine humanitäre Mission zur Unterstützung der Opfer des Tohoku-Tsunamis geschickt und kreuzte direkt in die Atomstaub-Wolke der Reaktoren von Fukushima Daiichi. Während der Wochen, in denen das Schiff vor der japanischen Küste lag, tauchten dunkle Zeichen auf: unruhige Strahlungsmessgeräte, ein seltsam metallischer Geschmack in der Luft, kryptische Warnungen militärischer Vorgesetzter bezüglich des Trinkwassers, massive Dekontaminationsmaßnahmen. In den Jahren nach dem Ende der Mission brach unter der zuvor jungen und gesunden Besatzung eine Epidemie von Krebsfällen und anderen mysteriösen Krankheiten aus. 18 Die Folge hiervon ist ein Gerichtsverfahren vor dem US-Bezirksgericht San Diego, in dem 239 betroffene Kläger (es werden noch immer mehr) Entschädigungen in Höhe von einer Milliarde US-Dollar vom Kraftwerksbetreiber Tepco für Arztrechnungen und andere Kosten fordern. 19

Bis heute dreht sich das Ganze hauptsächlich um Zuständigkeiten, Deliktsrecht und juristische Schauspielerei. (Die Anwälte von Tepco argumentieren, das Verfahren gehöre vor ein japanisches Gericht; die Anwälte der Kläger behaupten, dass die Entsendung ihrer Klienten nach Tokio wegen der andauernden Strahlung dort ein „Todesurteil“ bedeute.) Dem Ganzen liegt jedoch eine wissenschaftliche Frage zugrunde, die für unser Verständnis des Reaktorunglücks von Fukushima von entscheidender Bedeutung ist: Sind die Geschehnisse um die USS Ronald Reagan ein Beleg für die unterschätzte Gefahr nuklearer Strahlung – oder für die menschliche Neigung, in zufälligen Unglücksfällen bedeutsame Muster zu entdecken?

„Es gibt keine klaren Beweise für einen Anstieg von Krankheiten unter den Besatzungsmitgliedern der Reagan“

Da Krebs die hauptsächliche Langzeiterkrankung ist, die mit niedrigen Strahlungsdosen assoziiert wird, heben die Medien die überdurchschnittliche Anzahl von Krebserkrankungen unter der Mannschaft der Reagan hervor. Vielleicht gibt es aber viel weniger Anomalitäten, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Zunächst einmal haben viele der Kläger der Reagan gar keinen Krebs. Von den 22 Aussagen der Kläger, die auf der Webseite des Verfahrens gelistet werden, sagen die Hälfte nichts über Krebs. Deren Beschwerden umfassen die gesamte Skala: Magengeschwüre, Migräne und Nebenhöhlenbeschwerden, unregelmäßige Menstruationszyklen, nachlassender Geschlechtstrieb, Angstzustände oder auch: „Mein Rücken, Nacken und meine gesamte rechte Körperseite waren verkrampft und schmerzten, weil ich zu lange auf einem Stuhl sitzen musste.“ Keine dieser Beschwerden sind anerkannte chronische Folgen radioaktiver Strahlung. 20

Paul Garner, ein Anwalt der Reagan-Kläger, berichtete mir, dass etwa drei Viertel seiner Kläger Krebs hätten – eine Behauptung, die ich nicht von unabhängiger Seite zu überprüfen versuchte. Das entspricht etwa 180 Krebsfällen, was unter der 4843 Mann starken Besatzung der Reagan durchaus eine unnormal hohe Anzahl sein könnte. Es gibt aber ein weiteres Problem: Nicht alle der Reagan-Kläger dienten auf der Reagan. Das Verfahren beinhaltet Besatzungsmitglieder von mindestens sechs weiteren Kriegsschiffen, darunter der Flugzeugträger USS George Washington mit ihrer 5.000 Mann starken Besatzung. Es beinhaltet weiterhin Personal, das in Marineeinheiten an der Küste diente und zwei Kinder im Alter von etwa neun und zwölf Jahren. 21 Demzufolge wäre die Grundgesamtheit für die Reagan-Krebsfälle nicht die zu erwartende Anzahl der Fälle unter der Besatzung der Reagan, sondern die unter Zehntausenden von Angehörigen der Streitkräfte und ihrer Angehörigen, die zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls auf See oder an Land waren. Die Verknüpfung des Reaktorunglücks von Fukushima mit Krankheiten in dieser großen, inhomogenen Personengruppe erfordert anspruchsvolle Epidemiologie, die sich in den herzerweichenden Aussagen des Verfahrens nicht findet.

Das Pentagon führte jedoch genau solch eine Studie durch. Diese verglich die Krankheitsraten unter der Besatzung der Reagan, die sich während der Operation Tomodachi (die zweimonatige humanitäre Mission während der Fukushima-Havarie) an Bord befand, mit einer Kontrollgruppe von 65.000 weiteren Marineangehörigen. In einem Bericht an den Kongress im Jahr 2014 war von leicht erhöhten Raten bei Störungen der Verdauung, der Atemwege, des Urogenitaltrakts, der weiblichen Reproduktionsorgane und der männlichen Zeugungsfähigkeit unter den Besatzungsmitgliedern der Reagan die Rede, begleitet von vagen „Symptomen, Anzeichen und schlecht definierten Zuständen“. Der Bericht stellte ebenfalls normale oder verringerte Raten bei 24 anderen Krankheitskategorien fest. Insbesondere die Krebsraten (also die eine Krankheit, die plausibel mit niedrigen Strahlungsraten in Verbindung gebracht werden kann) waren unter den Besatzungsmitgliedern der Reagan im Vergleich zur Kontrollgruppe um 45 Prozent niedriger. Diese willkürliche Mischung von erhöhten und verringerten Krankheitsraten hat höchstwahrscheinlich mit der Strahlung des Fukushima-Unglücks nichts zu tun, wie der Bericht konstatierte, da die kumulative Strahlungsdosis an Bord des Schiffes während der Operation Tomodachi im Durchschnitt nur 0,08 mSv betrug – viel zu wenig, um irgendeine wahrnehmbare Krankheit hervorzurufen. 22 Tatsächlich war die Reagan eines der weniger betroffenen Schiffe der Operation. Die George Washington erhielt eine vierfach höhere Dosis nur dadurch, dass sie in einem japanischen Hafen lag.

Anwalt Paul Garner ist der Meinung, dass die Schätzungen des Militärs bezüglich der Dosen auf der Reagan zu niedrig sind, weigert sich aber, eigene vorzulegen. (Die Reagan ist nebenbei bemerkt ein nuklear angetriebener Flugzeugträger, dessen Besatzung eine Menge Erfahrung mit Dosimetrie hat.) Er sagte mir weiterhin, dass keine der Beschwerden seiner Klienten in der Liste von Krankheiten auftaucht, die das Pentagon für die Marineangehörigen der Operation Tomodachi zusammenstellte. Als ich ihn fragte, wie das sein könne, wo doch das Pentagon eine umfassende Suche in medizinischen Datenbanken durchführte, behauptete er, dass die Ärzte der Kriegsveteranenministeriums die Krankheiten seiner Klienten vertuscht hätten und dass ich vom Verteidigungsministerium bezahlt würde. (Das US-Militär kann durch die Kläger der Reagan nicht belangt werden und spielt offensichtlich in deren Klage gegen Tepco keine Rolle.)

Es gibt also keine klaren Beweise für einen Anstieg von Krankheiten unter den Besatzungsmitgliedern der Reagan, ganz zu schweigen von einem durch den Reaktorunfall von Fukushima verursachten. Vielleicht liegt das an einer Verschwörung zur Vertuschung der Beweise. Vielleicht liegt es aber auch an der Lücke zwischen wissenschaftlicher und populärer Epidemiologie. Wir sind darauf ausgerichtet, nach Ursachen für unsere Krankheiten zu suchen und sie in den gruseligsten Dingen zu finden, die wir uns vorstellen können – wie zum Beispiel einem nuklearen Unfall. Der Einfluss, den ein enges soziales Netzwerk wie die Besatzung eines Schiffes auf die Verstärkung von Gerüchten und Theorien haben kann, verbunden mit einer Reihe zufälliger Erkrankungen kann plötzlich ein ominöses Muster hervorbringen. Diese Dynamik erklärt den größten Teil der Aufregung über den Unfall von Fukushima.

Todesfälle durch Fukushima zu wenige, um sie messen zu können

Berichte warnten vor enormen Verlusten an Menschenleben durch den Unfall von Fukushima. (Der Umweltaktivist Arnie Gundersen sagte bis zu eine Million Krebsfälle in den nächsten 30 Jahren voraus.) Wissenschaftler, die sich die Daten der radioaktiven Kontamination anschauten, kamen zu einem anderen Schluss. Ihnen stellt sich die Frage, ob durch den Fukushima-Atomstaub überhaupt ein Mensch sterben wird.

Niemand in Fukushima, weder die Arbeiter im Kraftwerk, noch die Bevölkerung erlitten unmittelbare Schäden durch die Strahlung; vielmehr gilt Langzeitfolgen, vor allem Krebs, das Hauptaugenmerk. Strahlung ist aber ein so schwaches Karzinogen, dass es oftmals schwer ist, überhaupt ein Risiko zu definieren. Dieses Problem hat zu erbitterten Diskussionen über die LNT-Theorie über Strahlung und Krebs geführt – das Modell, das annimmt, es gebe „keine sichere Dosis“ und das postuliert, dass jede Strahlenexposition, egal wie niedrig sie auch sein mag, einen entsprechenden Anstieg des Krebsrisikos verursacht. Der Mainstream der Radiologie hat die LNT-Theorie weitestgehend akzeptiert, einige Wissenschaftler vertreten jedoch die Auffassung, dass Strahlungsdosen unter 100 mSv kein Krebsrisiko darstellen.

Die Debatte geht weiter und weiter, weil es fast unmöglich ist, sie mit empirischen Daten zu beenden. Die Dosen, die die japanische Bevölkerung durch den Fallout von Fukushima aufnehmen werden, sind sehr niedrig – durchschnittlich 18 mSv über eine Lebensspanne gerechnet für die am meisten exponierten Kinder, weniger für andere, wie es im Bericht der UNSCEAR zu lesen ist. 23 Bei so geringen Dosen werden die zusätzlichen Krebsfälle, die die LNT-Theorie vorhersagt, so wenige sein, dass sie keinen wahrnehmbaren Anstieg der Krebsrate verursachen werden. Demzufolge hängen die Vorhersagen der Todesfälle in Fukushima von dem epistemologischen Rätsel ab, ob Effekte, die zu klein sind, um sie messen zu können, überhaupt existieren.

Wegen dieser Unsicherheit haben auch nur wenige Epidemiologen sich die Mühe gemacht, die zu erwartenden Todesfälle überhaupt zu quantifizieren. Trotzdem kann man mit LNT eine grobe Obergrenze benennen. Einige wenige Forscher – die meisten von Ihnen Kritiker der Kernenergie – haben auf diese Weise zwischen 1000 24 und 3000 25 mögliche Todesfälle durch den Atomstaub vorhergesagt, verteilt über mehrere Jahrzehnte, während derer Millionen Japaner an anderen Krebsformen sterben werden. Um diese Zahlen in ein Verhältnis zu stellen, sei angemerkt, dass die Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke jedes Jahr hunderttausende Menschenleben kostet. Fukushima taucht auf der Skala der üblichen Strahlungsgefährdungen überhaupt nicht auf. Die US-Umweltbehörde EPA schätzt, dass die natürliche Strahlung in Haushalten, die durch Radon verursacht wird, jährlich 21.000 Krebstote in den USA fordert – das Äquivalent von sieben Fukushimas pro Jahr. 26

„Die tiefsitzenden Ängste, die durch Fukushima angeheizt wurden, vernebeln weiterhin die Wahrnehmung und beeinflussen die Politik“

Selbst wenn man also glaubt, dass Risiken, die zu klein sind, um sie messen zu können, trotzdem ein Grund zur Sorge sind, dann ist eine wichtige Erkenntnis aus dem Fukushima-Unfall die, dass nukleare Katastrophen gar nicht so katastrophal sind.

Was sind also die tatsächlichen „Lektionen aus Fukushima“? Die Havarie von Fukushima hat die Bedeutung einiger Sicherheitsfragen hervorgehoben, inklusive der Notwendigkeit, Aufzeichnungen über Tsunamis mehr Aufmerksamkeit zu schenken, ausfallsichere Generatoren oberhalb von Flutlinien zu installieren und bessere Entlüftungen zu nutzen. Doch ihre überschaubaren Folgen sollten uns darin bestärken, dass die apokalyptischen Ängste, die die Kernkraft umgeben, in fundamentaler Weise unangebracht sind. Die zweite Lektion ist, dass die erste nicht zu den Menschen durchdringt. Die tiefsitzenden Ängste, die durch Fukushima angeheizt wurden, vernebeln weiterhin die Wahrnehmung und beeinflussen die Politik.

Was die Menschen brauchen, aber selten bekommen, sind Informationen, die ihnen helfen, das Kontinuum der Risiken zu verstehen, die durch unterschiedliche Strahlungsintensitäten entstehen und ihnen die Möglichkeit geben, selbst abzuschätzen, wie akzeptabel solche Risiken sind. Wenn wir das erst einmal tun, dann können wir nukleare Unfälle in uns bekannte Spektren von Risiken einordnen. Radioaktivität wirkt wie andere schwache Toxine – Alkohol, Autoabgase, Transfette – mit denen wir tagtäglich leben: Hohe Dosen können uns umbringen, mäßige Dosen bedeuten mäßige Risiken, kleinste Dosen sind unschädlich.