09.10.2009

Mögen Sie Äpfel mit erhöhter Radioaktivität?

Kommentar von Lutz Niemann

Was Obstbaumdünger mit deutscher Atom-Angstpolitik zu tun hat.

Als meine Frau und ich vor vielen Jahren eine Familie gründeten, wurde ein gemeinsamer Kassensturz gemacht. Es reichte zu einem Reiheneckhaus vor den Toren Münchens. Und unser Umzug mit zwei Kleinkindern aus einem der größten Hochhäuser Münchens aufs Land mit 340 m² Grund war nun wirklich der Umzug ins Paradies. Ins Paradies gehören Äpfelbäume, das weiß ja jeder. Also begannen wir mit unserer Ökolandwirtschaft: ein Apfelbaum vor, ein Apfelbaum hinter das Haus gepflanzt.

Viele Jahre war der Ertrag recht spärlich, bis mir ein Fachmann von dem notwendigen richtigen Schneiden berichtete. Also wurde ich Lehrbub beim Vorsitzenden des hiesigen Gartenbauvereins. Der Fachmann zeigte mir, wie es richtig zu machen ist. Die Ernten wurden von Jahr zu Jahr größer. Bald waren es schon so viele Äpfel von den zwei Bäumen, dass wir nicht mehr alle Früchte verzehren konnten, die kleineren wurden zu Saft verarbeitet. Nur einen Nachteil hatten die vielen Äpfel: Sie waren nicht so schön, sie hatten außen schorfigen Bereiche mit dunklen Stellen innen bis zum Kernhaus. Da wusste der Fachmann vom Gartenbauverein keinen Rat, er verwies mich an die nächst höhere Instanz, den Fachleuten von riesigen Gartencenter im Nachbarort. Die Antwort dort war recht eindeutig: Kaliummangel, evt. könnte auch Pilzbefall die Ursache sein. Ich wollte nicht spritzen, zudem erschien Kaliummangel eine logische Erklärung zu sein. Bei großen Erntemengen genügt die Remineralisierung des Bodens nicht mehr zu Versorgung der Pflanzen mit Nährstoffen, es muss gedüngt werden. Also habe ich sogleich Kali-Obstbaumdünger gekauft, eine 2,5kg-Packung.

Unsere Erde ist ein riesiger Ball voller Radioaktivität – von der Natur geschaffen. Natürlich ist diese Radioaktivität inhomogen verteilt, in manchen Gesteinen ist wenig enthalten, in machen Gesteinen ist viel enthalten. Besonders viel Radioaktivität ist in Kalium enthalten, und mit dem Kali-Obstbaumdünger hatte ich viel Radioaktivität eingekauft. Es war mir ein leichtes, aus den Angaben auf der Packung die Menge der Radioaktivität zu errechnen: Es waren 7 500 Becquerel Radioaktivität in einer einfachen Pappschachtel! Wenn man mit der Natur vergleicht, hoch angereicherte Radioaktivität. In Wasser löslich, damit es die zu unserer Ernährung dienenden Pflanzen sofort aufnehmen können – enorm! Im Wahlkampf haben wir gesehen, so viel Radioaktivität in einer Pfütze auf dem Boden in einem alten Bergwerk 500 Meter unter der Erdoberfläche – der ASSE – ist eine deutschlandweite Pressemeldung wert, und es folgt Angst, Angst, Angst… Ich habe den Obstbaumdünger nach Anleitung unter meinen Apfelbäumen verteilt.

Jetzt ist es Herbst, die Apfelernte liegt seit einigen Tagen sorgsam ausgebreitet im Keller. Und was für schöne Äpfel, makellos, kein Schorf mehr, keine dunklen Stellen mehr im Inneren. Also muss das mit dem Kaliummangel gestimmt haben, dann haben unsere Äpfel jetzt aber auch mehr Radioaktivität als in den vergangenen Jahren – erhöhte Radioaktivität. Ich kann das durch Nachmessen nicht beweisen, weil mir die Gerätschaften dazu fehlen. Aber der Erfolg spricht für sich, weiterer Beweis nicht erforderlich.

Es gibt Apfelstrudel, eine wahrhaft köstliche alpenländische Spezialität, Apfelstrudel mit erhöhter Radioaktivität. Und wir werden wieder einige Früchte zu Saft verarbeiten lassen, Apfelsaft mit erhöhter Radioaktivität – wer kann dazu schon „nein“ sagen? Und wer bei mir vorbeikommt, dem werde ich gern eine Kostprobe der erhöhten Radioaktivität anbieten.

Und im nächsten Jahr werde ich wieder eine erhebliche Portion Radioaktivität in unserem Garten verstreuen – natürlich heimlich, damit Sigmar Gabriel bzw. der kommende Umweltminister nichts davon bemerkt. Nur der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz darf es bemerken, der soll nämlich auch gelernter Gärtner sein, versteht also viel von Radioaktivität und von Gartenbau…