14.11.2012

Toleranz ist die Grundlage der Freiheit

Analyse von Frank Furedi

Keine Freiheit ohne Toleranz. Der britische Soziologe Frank Furedi, Autor des Buches On Tolerance. A Defence of Moral Independence verteidigt einen zentralen Wert der Aufklärung, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts überall in der westlichen Welt mehr und mehr unter Druck gerät

Vor ungefähr drei Jahren hielt ich in Amsterdam einen Vortrag. Darin sagt ich unter anderem, dass der Glaube an die Freiheit – hier insbesondere die Meinungsfreiheit –bedeutet, dass man sagen darf, was immer man möchte. Die Gesellschaft hat kein Recht, den Inhalt von Aussagen zu zensieren.

Um dies zu verdeutlichen, erwähnte ich, dass in vielen Teilen Europas die Leugnung des Holocaust als Verbrechen gewertet wird. Ich fuhr fort, dass – obgleich ein Großteil meiner Familie dem Holocaust zum Opfer fiel – ich es als falsch erachte, eine Meinung bürokratisch unterbinden zu wollen. Es erscheint mir viel besser, darüber zu debattieren, zu argumentieren, um solche Ideen letztlich dadurch öffentlich diskreditieren zu können. An dieser Stelle meiner Ausführungen meldete sich ein Zuhörer zu Wort. Er meinte: „Ich bin wirklich froh, dass sie das gesagt haben. Ich bin Muslim und finde auch, dass es falsch ist, den Holocaust anzuzweifeln. Das einzige, was man zensieren sollte, sind Kritik oder Zweifel am Propheten Mohammed. Das sollte man als einziges nicht erlauben.“

Eine Woche später, ich war auf der gleichen Vortragsreise auch in Berlin, stand ein Jude auf, um das genaue Gegenteil zu äußern. Seiner Meinung nach sei es in Ordnung Mohammed zu kritisieren, aber ganz und gar unmoralisch, den Holocaust in Frage zu stellen. Das war für mich das Schlüsselerlebnis, das mich bewog, ein Buch über die Problematik der Toleranz zu schreiben. Mir wurde bewusst, dass in mehreren Teilen Europas Toleranz nur Thesen oder Anschauungen entgegengebracht wird, die einen nicht direkt betreffen. Keine Toleranz wird hingegen Gedanken entgegengebracht, die im Widerspruch zur eigenen Kultur oder zum eigenem Glauben stehen. Ich fand es wichtig zu erklären, warum es europäischen Gesellschaften so schwer fällt, wirklich tolerant zu sein.

Toleranz ist eine beträchtliche Leistung, die man sich hart erarbeiten muss. Tatsächliche Freiheit bedeutet, konsequent für das Prinzip der Freiheit einzutreten, also sich nicht nur theoretisch dazu zu bekennen, sondern es im wirklichen Leben zu praktizieren. Das ist keine einfache Aufgabe. Es ist ein Kernproblem unserer Gesellschaft, konsequent tolerant zu sein. Wir finden immer gute Gründe, warum bestimmte Ansichten als völlig inakzeptabel zu gelten haben. Sie dürfen einfach nicht ausgesprochen werden, während andere dieser Vorschrift nicht unterliegen.

Kürzlich wurde auf BBC Radio 4 Today ein interessanter Meinungsaustausch ausgestrahlt. Es ging um die muslimischen Unruhen nach Erscheinen des islamfeindlichen Films aus Amerika. Der Moderator, John Humphries, unterhielt sich darüber mit einem Muslim und erklärte, dass wir im Vereinigten Königreich eigentlich an die Meinungsfreiheit glauben. Doch schreckten uns die Bilder niedergebrannter Botschaften und getöteter Menschen davon ab, den Propheten Mohammed zu kritisieren. Wir schränken also das Prinzip der Meinungsfreiheit ein, weil wir uns vor der Reaktion der Muslime fürchten. Der muslimische Sprecher, der die gegen den Film demonstrierenden Muslime verteidigte, argumentierte, auch im Vereinigten Königreich gebe es Grenzen der Redefreiheit. Als Beispiel nannte er Kritik an den Truppen in Afghanistan oder Äußerungen, die Hass auf Religionen provozieren. Dieser Muslim verteidigte also die intoleranten Demonstranten, die herumzogen und wegen des Films Menschen verprügelten und töteten. Dabei nahm er dasselbe moralische Recht für sich in Anspruch wie John Humphries. Wir können also schlussfolgern, dass sie beide gleichermaßen Standpunkte, die ihnen nicht zusagen, unterbunden sehen möchten – also gleich intolerant sind.

Wir meinen zwar, unsere Gesellschaft sei liberal und tolerant. Kratzen wir allerdings an der Oberfläche, sehen wir, dass immer gute Gründe gefunden werden, Auffassungen, die uns nicht passen, kein Gehör schenken zu wollen. Ein Einwurf, der mir oft begegnet, lautet: „Warum sollen wir Intoleranz tolerieren?“ Oft wird Toleranz gegenüber Auffassungen, die von unserer Anschauung abweichen, als Großzügigkeit aufgefasst, als täten wir anderen einen Gefallen, wenn wir ihre Meinungen tolerieren. Toleranz ist meines Erachtens hingegen unbedingt erforderlich, denn sie ist die Voraussetzung für all unsere Freiheiten. Fehlt uns die Erkenntnis, dass wir frei nach unserem Belieben sprechen, handeln und agieren dürfen, können wir nicht ernsthaft und uneingeschränkt frei sein. Dann haben alle Freiheiten, die uns auf dem Papier zugesprochen sind, keine wirkliche Bedeutung mehr.

Historisch galt Toleranz lange überhaupt nicht als Tugend. Bis zum 17. Jahrhundert galt sogar die Intoleranz als größte aller Tugenden. Die meisten Philosophen – darunter katholische und andere religiöse Denker – befanden die Intoleranz der Gesellschaft gegenüber mangelndem Respekt vor der Kirche als selbstverständlich. Toleranz dagegen sah man als Zeichen moralischer Schwäche. Nur wirklich schwache Individuen konnten tolerant sein. Denn warum sollte man eine Meinung tolerieren, die man aus tiefster Überzeugung ablehnt?

Der erste Philosoph, der sich für Toleranz aussprach, war John Locke. Wann immer ich bei Freunden und Stundenten eine intolerante Haltung bemerke, reiche ich seinen brillanten Brief über die Toleranz an sie weiter. Allerdings kannte sogar Locke Grenzen, was die Ausübung der Toleranz betrifft. Er verwies auf zwei Fälle, in denen wir keine Toleranz zeigen dürften. Ersten, dürfe sich Duldsamkeit nicht auf die Katholiken in England erstrecken, weil sie dem König gegenüber nicht loyal seien, sondern einer ausländischen Macht –dem Papst – gehorchten. Zweitens dürfe man Atheisten keine Toleranz entgegenbringen, weil sie niemandem gegenüber loyal seien.

Erst im 19. Jahrhundert wurde unsere Konzeption der Toleranz weiterentwickelt. Es war John Stuart Mill, der den Gedanken aussprach, dass Menschen nicht nur Gewissensfreiheit oder Religionsfreiheit, sondern auch Redefreiheit besäßen. Gewissensfreiheit bedeute nichts, so Mill, wenn man nicht auch die Freiheit besäße, seine Gewissensüberzeugung auch frei zu verkünden. Mill zufolge besitzt man erst moralische Autonomie, wenn man die Befugnis hat, sich frei über seine Ansichten zu äußern und für das Gesagte Verantwortung zu tragen. Außerdem, so führte er aus, sei es weitaus besser, den Menschen zu erlauben, ihre irrtümlichen Ansichten – und selbst Lügen – frei zu äußern, als sie zu unterdrücken. Rückhaltlose Klarheit über ‚Richtig‘ und ‚Falsch‘ lässt sich nur erarbeiten, wenn man sich vorher auch mit fehlerhaften Meinungen auseinandergesetzt und Lügen als solche entlarvt hat. Nichts kann schlechter sein, als die passive Akzeptanz, Übernahme und Weiterverkündung einer gesellschaftlichen Meinung. Wenn du lediglich nachsprichst, was dir die Gesellschaft sagt, wirst du extern gesteuert und vertrittst nicht mehr dich selbst.

All das gilt auch noch heute. Wenn wir wirklich freie moralische Wesen sein sollen, müssen wir Toleranz für alle fordern – sogar für jene, die Ansichten vertreten, denen wir ganz und gar nicht zustimmen.