26.10.2011

„Es wird Zeit, den Liberalismus zurückzuerobern“

Interview mit Brendan O’Neill und Frank Furedi

Der britische Soziologe Frank Furedi spricht mit dem Chefredakteur des Novo-Partnermagazins Spiked, Brendan O’Neill, über sein neues Buch „On Tolerance“ („Über Toleranz“). Es bietet eine eingehende Kritik der aktuellen Verzerrung eines zentralen Werts liberalen Denkens

Der Soziologe Frank Furedi ist in seiner Heimat Großbritannien dafür bekannt, mit Speeren auf heilige Kühe zu werfen. Nach zahlreichen Publikationen über gesellschaftliche Ängste und Risikowahrnehmung, Supernannies in der Erziehungsindustrie und die Verflachung des akademischen Lebens fordert er nun dazu auf, das aufklärerische Ideal der Toleranz, welches seiner Auffassung nach von einer politisch korrekten und wertaversen Eliten verzerrt worden ist, wieder auf die Füße zu stellen.

In On Tolerance: A Defence of Moral Independence (Über Toleranz: Eine Verteidigung der moralischen Unabhängigkeit) argumentiert Furedi, dass die Idee der Toleranz ihres radikalen und humanistischen Gehalts mehr oder weniger entleert worden ist. Toleranz war ein zentrales Ideal der Aufklärung. Es fußte auf der Vorstellung, dass der unbehinderte Austausch gegensätzlicher Auffassungen für eine gesunde öffentliche Sphäre und die Entdeckung von Wahrheit unerlässlich sei. Inzwischen wird der Begriff „Toleranz“ in diametral entgegengesetzter Bedeutung verwendet. Als tolerant gilt heute, wer keine Urteile fällt und nie Unhöfliches oder Kritisches über die Ansichten oder Lebensführung einer anderen Person sagt, da man kein Recht zur Kritik habe. Und das führt eben nicht zu größerer Aufgeschlossenheit oder niveauvolleren Debatten, sondern zu einer drückenden Atmosphäre des „Das darfst du nicht sagen!“ und folglich zu einem intoleranten Klima intellektueller Restriktionen.

Brendan O’Neill traf sich mit Frank Furedi und fragte ihn, warum er denkt, dass Toleranz für die nächste Generation gerettet und neu definiert werden muss.


Brendan O’Neill: Waren Sie je versucht, die Idee der Toleranz abzuhaken, da sie inzwischen so degradiert ist, dass es kaum wieder gut zu machen ist? Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Toleranz nicht mehr, wie etwa bei John Locke, kritisches Engagement, Urteil und Debatte ermöglichen soll, sondern zur Chiffre für die achselzuckende Verweigerung geworden ist, überhaupt Urteile zu fällen. Lässt sich dieses Ideal angesichts seiner Entstellung vielleicht gar nicht mehr retten?


Frank Furedi: Es ist auch mir durchaus aufgefallen, dass bestimmte wichtige Konzepte derart weitgehend entstellt worden sind, dass man sich fragt, ob man sie überhaupt noch bewahren kann. Und zu denen gehört Toleranz auf jeden Fall. Sieht man sich an, wie heute über Toleranz national und international gesprochen wird, erkennt man rasch, dass dieser Begriff eine geradezu groteske Verstümmelung erfahren hat: Er hat eben diese Bedeutung einer nicht werten wollenden Gleichgültigkeit. Toleranz ist heute mit all diesen Kategorien verbunden: Inklusivität, Sensibilität und der Annahme, dass es falsch ist zu hinterfragen, zu kritisieren und, vor allem, zu werten.

Ich bin dennoch überzeugt, dass es wichtig ist, Toleranz zu verteidigen. Das liegt daran, dass man einige der wirklich wichtigen Ideale des progressiven Liberalismus des 19. Jahrhunderts nicht einfordern kann, wenn man nicht auch die Idee der Toleranz verteidigt. Ohne Toleranz lässt sich kein Raum schaffen, in dem echte Diskussionen stattfinden können, in dem kritisches Engagement Platz hat und wo Kontroversen bis zum bitteren Ende ausgefochten werden können. Für mich wurde klar, dass Toleranz eine viel zu bedeutende Idee ist, um ihre derzeitige degradierte und restriktive Umdeutung unangefochten hinzunehmen. Sie ist außerdem eine wunderbare Idee! Es ist wichtig, dass die neue Generation, die ihren Weg in die Welt geht, versteht, dass Toleranz nicht nur eine schale, bürokratische Formel ist, nach dem Motto „Treffe bloß keine Werturteile“, sondern etwas sehr Kreatives.


Brendan O’Neill: Wenn also Toleranz nicht bedeutet, Kritik an anderen zu vermeiden, was ist sie dann? Wie würden Sie das Konzept der Toleranz beschreiben, das von aufklärerischen Denkern propagiert wurde?


Frank Furedi: Toleranz ist unentbehrlich für den Austausch gegensätzlicher Standpunkte und Lebensauffassungen in einer offenen Gesellschaft. Die Kategorie der Toleranz schafft die Bedingungen für die freie Äußerung von Meinungen und für die freie Bestimmung persönlicher Verhaltensweisen entsprechend dem Gewissen und der Überzeugung des Einzelnen. Sie ist eine Tugend, weil sie die Gewissensfreiheit und individuelle Autonomie kultiviert. Tolerant ist eine Gesellschaft, die das Recht der Menschen anerkennt, in Einklang mit ihren Überzeugungen zu handeln – solange sie dadurch andere nicht beeinträchtigen.
Eine Tugend ist Toleranz darüber hinaus, weil sie es der Gesellschaft gestattet, offen mit moralischer Unsicherheit umzugehen. Statt Diskussionen aus verzweifeltem Verlagen nach Gewissheit zu beenden, akzeptiert das Ideal der Toleranz Ungewissheit und betrachtet sie nicht als Gefahr, sondern als Möglichkeit, größere Gewissheit durch die Entwicklung von Wissen zu erlangen.


Brendan O’Neill: Wenn man sagt, dass Toleranz es Menschen ermöglicht, Kontroversen bis zum „bitteren Ende“ auszufechten, wirkt das heute für viele sicherlich schockierend, für die Toleranz bedeutet, Kontroversen zu meiden, erst recht bittere, und mit Toleranz stattdessen ein Klima der Ruhe und Sicherheit verbinden. Sind Sie sicher, dass Toleranz rauflustige öffentliche Kontroversen fördern kann und sollte?


Frank Furedi: Die Kategorie der Toleranz entstand, eben weil es zu jener Zeit eine Menge bitterer Kontroversen gab. Toleranz bot die Möglichkeit sicherzustellen, dass bittere Kontroversen nicht zu Gewalt oder physischen Strafen führen. Es gehört zum Wesen einer zivilisierten Gesellschaft, dass Menschen die Freiheit haben müssen, ihre Gedanken zu äußern und, soweit es ohne Beeinträchtigung anderer möglich ist, auch ihnen entsprechend zu handeln – auch wenn andere diese Gedanken nicht teilen. In diesem Sinne ist Toleranz immer verbunden mit starken Überzeugungen und dem Fällen von Urteilen. Gerade die Unterdrückung offener und heftiger Debatten erzeugt Verbitterung und Spannungen, da man sich Schweigen auferlegt, statt engagiert für die eigene Ansicht einzutreten.


Brendan O’Neill: Heute heißt es, man soll so gut wie allem gegenüber tolerant sein – mit Ausnahme der Intoleranz. Wir können alle Ansichten und Haltungen tolerieren, aber keine, die selber intolerant ist, also etwa Homosexuellen- oder Ausländerfeindlichkeit. Ist das nicht ein tiefer Widerspruch in sich?


Frank Furedi: Das ist eine wichtige Frage. Wenn ich zum Thema Toleranz spreche, werde ich als erstes meistens gefragt: Ja, sollen wir denn auch intolerante Leute tolerieren? Im Grunde genommen ist das nur eine andere Art, zu sagen: Dürfen wir Ansichten tolerieren, die wir völlig ablehnen? Ich denke, es ist sehr interessant, dass viele Menschen, einschließlich solche, die sich als Liberale bezeichnen, heute bedeutend mehr Zeit damit zubringen, Toleranz beschränken zu wollen, statt sie zu erweitern. Sie stecken bedeutend mehr Energie in die Begrenzung der Redefreiheit und die Formulierung von Ausnahmefällen, in denen sie nicht gelten soll, als in ihre Aufrechterhaltung. „Intoleranz“ zum Schweigen bringen zu wollen, ist nur eine andere Form, Ansichten gegenüber intolerant zu sein, die man nicht mag.


Brendan O’Neill: Viele, die sich heute als Hüter der Aufklärung verstehen, glauben, dass die Werte der Aufklärung von bestimmten Kräften bedroht werden, etwa von radikalen Islamisten. Man argumentiert also im Endeffekt, dass man weniger tolerant gegenüber unaufgeklärten Außenseitern sein muss, um die Aufklärung zu schützen. Das ist ein seltsamer Widerspruch.


Frank Furedi: In der Tat. Die Tradition der Aufklärung wird heute oft in einer abwehrenden Weise reklamiert, um nahezulegen, dass bestimmte Ideen oder Gruppen, die als die Aufklärung bedrohend wahrgenommen werden, nicht toleriert werden sollen. Dass Toleranz so missverstanden wird, ist bedauerlich. Manche Menschen sagen, wir können zu viele Immigranten nicht tolerieren. Dabei lässt Toleranz als Konzept sich in keinem Fall auf Gruppen anwenden! Toleranz bezieht sich auf den Glauben, die Ansichten und die Überzeugungen von Menschen. Eine Gruppe zu tolerieren oder nicht zu tolerieren ist irrational. Toleranz üben wir gegenüber den Ansichten von Menschen, nicht gegenüber dem, was sie sind. Wie kann ich mich mit Franzosen oder Libanesen in Widerspruch befinden? Das beschreibt doch nur, wer sie sind.


Brendan O’Neill: Aber haben diese Verteidiger der heutigen intoleranten Toleranz, wenn man das einmal so nennen mag, nicht recht, wenn sie argumentieren, dass die Nachsicht der Gesellschaft gegenüber den Einstellungen bestimmter Einwanderergruppen problematisch ist? Wenn sie sagen, dass es eine Sache ist, andere Auffassungen beispielsweise über die Rolle der Frau zu tolerieren, aber eine ziemlich andere, ihnen zu schmeicheln oder sie zu hofieren?


Frank Furedi: Leute, die so argumentieren, haben in einer wichtigen Hinsicht recht. Es gibt heutzutage ein Unvermögen, Werte zu beurteilen und zwischen ihnen zu unterscheiden. Es gibt auch einen Widerwillen, moralische Aussagen darüber zu treffen, was richtig ist und was falsch. Der Punkt ist aber: Wenn man nichts bewertet, toleriert man aber auch nicht wirklich – man akzeptiert die Dinge einfach so, wie sie sind – passiv. Das Problem, das wir heute haben, ist nicht die Zahl der Menschen, die aus verschiedenen Kulturen kommen, um hier in Großbritannien oder Europa zu leben – das Problem ist, dass wir nicht in der Lage sind, Werturteile darüber zu fällen, welche Art zu leben wir für unsere Gesellschaft als erstrebenswert betrachten.


Brendan O’Neill: Sie wollen die Werte des klassischen Liberalismus verteidigen und klarstellen. Angesichts Ihres Hintergrunds in eher revolutionärer linker Politik könnte das manche Leser überraschen. Ist das kein Widerspruch?


Frank Furedi: Radikale Ideen haben ihre Wurzeln in der Tradition der Rationalität und Aufklärung. Diese Tradition wurde oft am deutlichsten von bedeutenden liberalen Denkern zum Ausdruck gebracht, von John Locke bis John Stuart Mill. Natürlich waren diese Denker in mancher Hinsicht begrenzt, und ich stimme nicht mit allem überein, was sie zum Ausdruck brachten. Wenn aber sehr grundlegende Ideale der Aufklärung marginalisiert werden, landet man bei einem Radikalismus, der bloß noch rhetorisch und entleert ist und der nur unkritische Kritik an allem liefert, was so vor sich geht. Wirklicher Radikalismus entwickelte sich aus der liberalen Tradition. Deshalb denke ich, dass es heute entscheidend ist, dem Liberalismus wieder Bedeutung zu verleihen, seine positiven Dimensionen zurückzuerobern.


Brendan O’Neill: Würden Sie sich also selbst als liberal beschreiben? Und wenn ja, wie würden sie sich von unliberalen Liberalen abgrenzen?


Frank Furedi: Das Problem heute ist, dass Liberalismus in ein fades Mainstream-Linkssein umgedeutet worden ist, das während der letzten 20 oder 30 Jahre mit Identitätspolitik, Lebensstilsteuerung, politisch korrekten Regularien angereichert wurde. Die Verwirrung über diese Kategorien ist enorm. Den Liberalismus reklamieren, bedeutet heute zu sagen, man ist Anti-Traditionalist und Anti-Konservativer, doch ohne die zukunftsorientierten Elemente des klassischen Liberalismus. Sowohl jene, die sich als Liberale bezeichnen, als auch die, die den Liberalismus angreifen, diskutieren folglich über etwas, was mit dem klassischen Liberalismus kaum zu tun hat.

Was ich bin – ich bin nicht wirklich sicher. Aber ich würde sagen, dass ein Liberaler zu sein ein recht wichtiger Teil von dem ist, was ich bin. Es ist ein wesentlicher Teil der radikalen humanistischen Politik, für die ich stehe.


Brendan O’Neill: Wenn überhaupt, unter welchen Umständen würden Sie die Beschränkung von Glaubensäußerungen von Menschen akzeptieren? Zum Beispiel hat man in Frankreich muslimische Straßengebete untersagt. Wenn die Öffentlichkeit eine solche Maßnahme unterstützt, ist sie dann gerechtfertigt?


Frank Furedi: Wie ich in meinem Buch argumentiere, ist es nicht legitim, religiöse Ansichten oder Praktiken aus religiösen Gründen zu verbieten. Das heißt, man sollte nie das öffentliche Absingen von Gebeten aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen verbieten. Es gibt aber ein Argument, das verwendet werden kann, wenn zum Beispiel eine bestimmte Stadt eine Verordnung gegen Lärmbelästigung hat, dann kann sie im Prinzip den Bau eines Minaretts in einer bestimmten Nachbarschaft untersagen oder Sprechchöre verhindern. Oder wenn es auf einer Straße gewisse Verkehrseinschränkungen gibt, kann es legitim sein, religiöse Prozessionen zu verbieten, die den Verkehrsfluss beeinträchtigen. Der Punkt ist, dass die Einschränkung möglicherweise legitim sein kann, wenn sie sich nicht auf die Ansichten und Ideen bezieht und genauso für Nichtmuslime greifen würde, die auf der Straße singen.


Brendan O’Neill: Was sind die Gefahren der heutigen Kultur der Vermeidung von Werturteilen? Es scheint mir so, dass sie eine neue Generation prägen könnte, die nicht nur individualisiert ist, sondern auch ziemlich arrogant und immer schockiert, wenn jemand sie kritisiert oder es ablehnt, sie mit Lob und Anerkennung zu überschütten.


Frank Furedi: Das stimmt. Die Kultur der Nichtbewertung fördert die regressiven Tendenzen und den Infantilismus, die wir bei vielen jungen Leuten heute sehen. Sie ermutigt antisoziale Haltungen. Viele der heutigen Irritationen und Spannungen entspringen der Weigerung zur Bewertung. Was aber noch wichtiger ist: Die Kultur der Nichtbewertung zerstört die Möglichkeit eines konstruktiven öffentlichen Lebens. Weil die Kultur der Nichtbewertung, die uns als „Toleranz“ präsentiert wird, im Prinzip bedeutet, dass Gedanken nicht ernst genommen werden. Hier kleidet sich oberflächliche Gleichgültigkeit in die Sprache der Aufklärung. Was die Leute wirklich sagen, ist nicht nur: „Ich bin so sensibel, dass ich nicht über dich urteilen werde“, sondern auch „Ich will mir nicht die Mühe machen, dich zu bewerten“. Die zwei Dinge verschmelzen ineinander. Ich denke, die Kultur der Nichtbewertung ist in Wirklichkeit eine Form der moralischen Feigheit – wahrscheinlich die aktuell einflussreichste Form in der westlichen Gesellschaft. Und sie ist verantwortlich für die regressiven Tendenzen, die ich in meinem Buch diskutiere.

Besonders bemerkenswert ist, dass mit der Kultur der Wertaversion auch eine Verbotskultur einhergeht. Sie basiert nicht auf begründeten Urteilen, sondern auf der Vorstellung, dass bestimmte Dinge nicht gesagt und nicht getan werden können. Die Leute sollten also nicht eine Minute lang denken, dass die Nichtbewertung zu einer aufgeschlossenen, offenen Gesellschaft führt. Sie hat den gegenteiligen Effekt. Sie ermutigt versteinerte Geister, die nie wirklich über Dinge nachgedacht oder Dinge bewertet haben.


Brendan O’Neill: Dazu wollte ich Sie befragen. Es scheint mir so, dass überhaupt kein Widerspruch besteht zwischen dieser kraftlosen Kultur der Nichtbewertung und einem beengenden Klima, in dem bestimmte Dinge nicht gesagt oder getan werden dürfen. Denn wenn sich zu engagieren und Dinge zu bewerten als unangebracht gilt, wird man subtil zum Schweigen gebracht.


Frank Furedi: Genau. Im Buch erzähle ich davon, dass die Idee der Null-Toleranz tatsächlich Null-Bewertung bedeutet. Null-Toleranz-Maßnahmen, ob sie nun gegen bestimmte Meinungsäußerungen, das Rauchen oder sonst etwas gerichtet sind, sind in der Tat eine sehr faule Art, das Vornehmen von Bewertungen zu vermeiden. Es ist immer einfacher, Ja oder Nein zu sagen – oder in diesem Fall nur Nein – als auszuarbeiten, was in einer bestimmten Lage richtig sein könnte. Man kann alle zum Schweigen bringen oder das Verhalten von allen einschränken, um über die Dinge nicht ein wenig detaillierter nachdenken zu müssen. Deshalb gibt es neben der wertaversen Toleranz diese heimtückische bürokratische Kultur der Null-Toleranz. Es gibt interessanterweise einen sehr mächtigen Impuls in Richtung Verbotssucht, der von Leuten zum Ausdruck gebracht wird, die völlig der Kultur der Nichtbewertung verhaftet sind.

Man kann das an der Art sehen, in der Medikalisierung und Szientismus heutzutage funktionieren. Man kann auf Grundlage medizinischer oder ökologischer Kategorien das Verhalten der Menschen steuern – in Bezug auf alles, vom Klimawandel bis zur Kindererziehung und Abtreibung –, während man gleichzeitig vermeidet, für diese Reglementierung in normativer, moralischer Hinsicht verantwortlich sein zu müssen. Man handelt so, weil „die Wissenschaft es sagt“.


Brendan O’Neill: Das bedeutet also, dass Ihr Plan, das Ideal der Toleranz zu retten, sogar eine größere Aufgabe ist als ich dachte! Denn es sieht so aus, als sei Toleranz vollständig auf den Kopf gestellt worden. Die Toleranz selbst, also die Kultur der Nichtbewertung, fördert eine Kultur, die restriktiv und regulierend ist – in Hinblick auf unsere Köpfe und unser Verhalten.


Frank Furedi: Allerdings. Eines der auffälligsten Phänomene der letzten Jahre ist die Art, in der Regierungen sich von der Repräsentation der Ambitionen der Menschen weg und darauf verlagert haben, den Menschen zu sagen, was ihre Ambitionen sein sollten. Besonders am Gedanken des „Schubsens“ (nudge), wo die Bürokratie versucht, uns in Richtung des richtigen Lebensstils und richtigen Denkens zu schubsen, können wir eine komplette Umkehrung des Ideals der bürgerlichen Demokratie sehen – die Regierungen formen sich nicht mehr nach unseren Wünschen, sondern versuchen stattdessen, uns nach ihrem Geschmack neu zu formen. Und sie sagen immer, dass sie uns nicht beurteilen, sondern uns nur helfen.