24.09.2015

Flüchtling statt Migrant?

Analyse von Mick Hume

In der Zuwanderungsdebatte wird auch die Wortwahl diskutiert. Hinter der Forderung, Flüchtlinge nicht Einwanderer zu nennen, steht ein problematisches Menschenbild, erläutert Mick Hume. Außerdem gefährden derartige Sprachkämpfe unsere Meinungsfreiheit

Europas Grenzen befinden sich in einer Krise. Und womit beschäftigen sich einige in der öffentlichen Debatte am meisten? Mit den Ursachen des Konflikts in Syrien? Mit den Folgen, wenn man hunderttausende weitere Menschen nach Europa kommen lässt oder den Folgen des Versuchs, sie aus der Festung Europa auszugrenzen?

Offenbar nichts von alledem. Einer Reihe von Aktivisten und ihren prominenten Wortführern zufolge liegt das Hauptproblem bei der Debatte um die Flüchtlingsmassen in deren korrekter Bezeichnung. Wie so oft heutzutage wird der Versuch, eine sprachliche Etikette durchzusetzen, dazu benutzt, der Meinungsfreiheit einen Riegel vorzuschieben – zu bestimmen, welche Meinungen gehört werden dürfen. Dieser Vorgang droht die öffentliche Debatte über die richtige Vorgehensweise im Keim zu ersticken.

Anscheinend lautet die Regel im Neusprech der Krise: „‚Flüchtling‘ gut, ‚Einwanderer‘ schlecht“. Wenn man die Grenze zur falschen Wortwahl überschreitet, wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit ­– bestenfalls – als ausländerfeindlich und – schlimmstenfalls – als eine Art Holocaustleugner beschimpft. In Deutschland gab es eine Auseinandersetzung um die Bezeichnung „Asylkritiker“. 1

„Namen sind Schall und Rauch“

Bono, Aushängeschild der prominenten Selbstgerechtigkeit, verdeutlichte dies anlässlich einer Veranstaltung über weltweite Armut auf der Expo in Mailand: „Wir sollten den Begriff ‚Einwanderer‘ nicht benutzen“, erklärte der christliche Rock-Kreuzritter. „‚Einwanderer‘ ist ein politischer Begriff, der diesen Menschen ihren wahren Status abspricht. Sie sind Flüchtlinge. Sie flüchten vor Krieg.“ 2 Sie wollen nur aus einem Grund in „Irland“ oder „Italien“ leben: ihrer Sicherheit, so Bono. Sein Versuch, den Begriff „Einwanderer“ zu verbannen, wurde frenetisch bejubelt.

Namen sind Schall und Rauch. Einerseits trivialisiert dieser Fokus auf die Sprache das Problem. Die kulturelle Besessenheit des Westens, Meinungen zu beschränken und die Sprache zu säubern, führt im „Das darfst man nicht sagen“-Zeitalter dazu, dass Wörter mehr bedeuten als die Taten, die sie benennen. Ein Bild kann schwerer wiegen als die Realität.

Diese Trivialisierung kann an einem Beispiel aus der ersten Stufe der Krise gut illustriert werden: Die für ihre große Klappe bekannte britische TV-Moderatorin Berufs-Großmaul Katie Hopkins sorgte mit ihrer unschönen Ansicht, man solle die Afrikaner, die versuchen, Europa per Boot zu erreichen, wie „Kakerlaken“ ertrinken lassen, für mehr Empörung in der englischen britischen Öffentlichkeit bzw. im Internet als das tatsächliche Ertrinken hunderter verzweifelter Menschen, das ihre Äußerungen veranlasste.

„Flüchtlinge werden als armselige Opfer ohne Kontrolle über ihr eigenes Schicksal dargestellt“

Auf einer anderen Ebene geht das Problem allerdings über diese Trivialisierung hinaus. Es verzerrt den Sachverhalt und dient dazu, eine viel wichtigere Debatte zu bestimmen. Der Versuch, unsere Wortwahl zu sanktionieren, bedeutet auch, unsere Sichtweise der Krise und unsere Reaktion auf die Krise zu sanktionieren. Besonderen Einfluss hat der Fokus auf unsere Wortwahl darauf, wie wir die Massen, die nach Europa kommen, wahrnehmen: Entweder als passive, entmenschlichte Opfer, die Mitleid verdienen oder als aktive Menschen, die wie Gleiche behandelt werden müssen.

„Flüchtling“ ist, um Bonos Worte aufzugreifen, ebenfalls ein „politischer Begriff“, der dazu benutzt wird, eine bestimmte Definition des „Status dieser Menschen“ durchzusetzen. Laut Wörterbuchdefinition ist ein Flüchtling, „eine Person, welche gezwungen war, ihr Heimatland zu verlassen, um Krieg, Verfolgung oder Naturkatastrophen zu entgehen.“ Die UN-Flüchtlingskonvention von 1951 besagt, dass ein Flüchtling sein Land „aufgrund einer wohlbegründeten Furcht, […] verfolgt zu werden“, verlassen hat. 3

Mit anderen Worten: Flüchtlinge werden als armselige Opfer ohne Kontrolle über ihr eigenes Schicksal dargestellt, die zu fliehen „gezwungen“ sind. Das Völkerrecht und die Moral sagen uns, dass wir die Pflicht haben, Flüchtlingen kurzzeitig Asyl zu gewähren, bis sie wieder sicher in ihre Länder zurückkehren können.

„Warum wollen so viele Flüchtlinge Asyl in Deutschland beantragen?“

Ein Einwanderer ist wiederum etwas anderes. Im Wörterbuch wird er als Person definiert, „die von einem Ort zum anderen zieht, um bessere Lebensbedingungen oder eine Arbeit zu finden.“ Ein Einwanderer flieht nicht nur aus seinem eigenen Land, sondern er tut dies, weil er sich ein besseres Leben in einem anderen Land erhofft. Ein Einwanderer gilt als ein aktiv Handelnder, der versucht, sein Schicksal trotz oftmals miserabler Bedingungen selbst zu gestalten.

Der etymologische Ursprung des Wortes „Migrant“ liegt weit vor dem Lateinischen „migrare“, nämlich im Altgriechischen, wo es so viel bedeutet wie: „verändern, gehen, bewegen“. Ein Migrant zu sein, weist stark darauf hin, dass man sein Leben durch die Suche nach einer Arbeit und einem Zuhause in einem neuen Land verändern möchte. Doch so wollen die Aktivisten und ihre medialen Unterstützer die Flüchtlingsmassen nicht dargestellt wissen. Sie befürchten, dass sie dieses Bild an keine europäische Öffentlichkeit verkaufen können, die sie als wenig mehr als einen fremdenfeindlichen Mob ansehen. Je erbarmungswürdiger sie die so etikettierten Flüchtlinge darstellen können, desto besser.

Hierbei werden einige unbequeme Fakten heruntergespielt. Die Kameras fokussieren sich auf die relativ wenigen Frauen und Kinder, altgediente Symbole für hilflose Flüchtlinge, und erwähnen dabei nicht, dass die überwältigende Mehrheit an den Grenzen aus jungen Männern besteht, die ihre Familien verlassen haben, um nach einem besseren Leben zu streben – üblicherweise bekannt als Einwanderer. Warum wollen so viele Flüchtlinge, die Asyl vor einem Krieg suchen, dies nicht in der Türkei, in Griechenland oder Ungarn beantragen, sondern in Deutschland, dem Herzen der europäischen Wirtschaft?

„Die Besessenheit, korrekte Sprache zu gebrauchen, liefert ein Rezept für Selbstzensur“

Der Versuch, die Sprache der Einwanderer-, beziehungsweise Flüchtlingsdebatte zu kontrollieren, ist das aktuellste Beispiel für dasjenige, was ich in meinem Buch Trigger Warning als „Krieg der Worte“ bezeichne. Dieser Krieg birgt das Risiko, negativ auf die Meinungsfreiheit insgesamt zu wirken. Menschen sorgen sich dann zu sehr darum, die richtige Ausdrucksweise zu wählen, als das zu sagen, was sie wollen. Sie fürchten sich davor, jemanden auf dem Schlips zu treten, wenn sie klar und deutlich ihre Position vertreten. Die Gefahr besteht darin, dass Worte ihre Bedeutung verlieren.

Statt bedeutender Debatten zwischen ehrlichen, entgegengesetzten Standpunkten werden wir uns mit dem Leisetreten um von der Realität losgelöste Wörter begnügen müssen. Die Besessenheit, die korrekte Sprache und die richtigen Schlüsselbegriffe zu gebrauchen, liefert ein Rezept für Selbstzensur und leere Entschuldigungen statt für klare, argumentativ unterfütterte Bekenntnisse zu dem, wovon wir überzeugt sind.

Die Maxime „‚Flüchtling‘ gut, ‚Einwanderer‘ schlecht“ tut niemandem einen Gefallen. Diejenigen, die die Debatte um mehr Zuwanderung für sich entscheiden wollen, müssen dies frei von sprachlich korrekten Zensurversuchen erreichen. Wenn unsere angeblich freie und demokratische Gesellschaft ihrem Namen gerecht werden will, kann es weder Grenzen der Meinungsfreiheit geben noch eine Flucht vor der Meinungsfreiheit.